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Samstag, den 22. Juli

Ein ernstes Wort.

Wer sich einmal die Mühe giebt hinzuhorchen, welche Stimmung in den Kreisen des mäßig bemittelten Bürger- thumS herrscht, der wird sofort gewahr werden, wie unendlich viel Groll aufgespeichert ist, wie, ein Mißtrauen einzuziehen beginnt, so nachhaltig und so tiefgehend, daß es nur sehr schwer wird gebannt werden können. In langen Jahren fleißiger Arbeit haben sich die Leute ein paar tausend Thaler gespart, und wer nun ein mäßiges Vermögen sein eigen nennt, bei dem wird der Wunsch rege, es durch höhere Zinseneinnahmen rentabler zu machen. Die Leute haben aber in den wenigsten Fällen an direkte Geldspekulationen gedacht; wer dabei sein Geld verlöre, wäre schließlich nicht zu beklagen, denn Jeder, der spielt, muß wissen, daß neben dem Gewinn auch ein recht großer Verlust steht. Die Sache liegt hier wesentlich anders. Die Leute haben gesehen, daß von großen deutschen Finanzinstituten fremde Staatspapiere ansgc- geben wurden, welche höhere Zinsen barboten, als die heimischen Papiere. Es ist in den betr. Prospekten nie gesagt worden, daß diese fremden Papiere nun unbedingt sicher seien, es ist aber auch nicht die Möglichkeit angedeutet worden, daß dabei viel Geld verloren werden und außer­dem noch ein Verlust der Zinsen eintreten könne. Hätten die großen Finanzinstitute nur eine Silbe darüber verloren, daß Niemandem gerathen werden könne, sein Geld in solchen Papieren unterzubringen, wer nur über mäßige Mittel verfüge, so wären gewiß nicht Tausende auf den unglücklichen Gedanken gekommen, ihr ganzes kleines Vermögen in fremden Werthen anzulegen. In dieser letzteren Beziehung ist aber nicht das Mindeste gesagt worden, und so haben sich die in fremden Staats­sachen wenig erfahrenen Leute einfach darauf verlassen, daß sie gar nicht fehl gehen können, und nicht das Mindeste bei der ganzen Geldanlage riskiren. Und so ist denn im Lause weniger Jahre ein Hundert Million Mark nach der anderen verschwunden. Es ist, als wenn förmlich das Unglück über die kleinen deutschen Rentenunleiher mit aller Gewalt hereinbrechen sollte. Wir haben den argentinischen Staatsbankcrott, den portugiesischen, den griechischen, und der mexikanische rückt näher und näher. Ueber sechshundert Millionen deutschen Geldes sind in diesen Papieren einfach futsch, auf Nimmerwiedersehen dahin, denn wer da glaubt, auch nur ein einziger dieser bankerotten Staaten könne sich in absehbarer Zeit seiner Verpflichtungen erinnern, der ist gewaltig im Irrthum. Man denke einmal nach, welches Geschrei entstehen würde, wenn mit einem Mate eine halbe Milliarde Mark aufgebracht werden sollte? Viele Leute würden vor Entsetzen geradezu Kopfstchen, und hier ist die halbe Milliarde, noch mehr, fort, und wir haben das Geld nicht einmal plumpsen hören. Es ist eine unverzeihliche Unterlassungssünde bei der Aus­gabe dieser Papiere begangen, daß dem Publikum bei der Ausgabe dieser Papiere kein reiner Wein eingeschenkt ist. Die jetzt bankerotten Staaten sind nicht erst seit ein paar Monaten in Geldverfall gewesen, sie waren schon lange oberfaul, und eine sehr ernste, unbedingt immer wieder aufzuwerfende Forderung ist deshalb der Erlaß einer gesetzlichen Bestimmung, nach welcher Finanzinstitute verpflichtet werden, bei der Ausgabe neuer Anleihen klar und deutlich die Finanzlage des betr. Staates ohne jeden verhüllenden Zusatz anzugeben. Unterlassen sie das, ist die Fassung des Zeichnungs- prvspcctcs eine derartige, daß ein Privatmann dadurch in Sicherheit gewiegt wird, so müssen die Banken auch die Garantie übernehmen, daß alle Verpflichtungen be­züglich der betreffenden Papiere innegehalten werden. Lieber gar keine fremde Anleihe, als solche Geschäfte, bei denen einzelne wenige Finanzinstitute gewinnen, das Nationalvermögen aber enorm geschwächt wird. Vielleicht wird man im Reichstage, wo man diesen Geschichten zweifellos näher treten wird, einen Gesetzes-Paragraphen ausfindig machen, auf Grund dessen gegen die Finanz­institute, welche hier in Betracht kommen, vorgegangen werden kann. Ehrensache dieser Institute müßte es jedenfalls sein, auf den sehr netten Gewinn, den sie f' Z. bei der Ausgabe der Papiere der heute bankerotten Staaten gemacht, freiwillig zu verzichten, und das Geld wit zur Zinsenischädigung der betrogenen Papierbesitzer herzugeben. Alle können damit frei! ch nicht befriedigt werden, wohl aber Viele.

In der durch diese Schläge betroffenen Bevölkerung herrscht eine unbeschreibliche Stimmung. Man hat sich

abgequält und abgearbeitet, und nun ist der Lohn der Arbeit zum größten Theil futsch. Und was haben die Leute denn Schlimmes gethan? Gar nichts, sie haben den großen Finnuzinstituken ihr Vertrauen geschenkt, nichts weiter. Gewiß würden die Institute die be­treffenden Papiere nicht auf den Markt gebracht haben, wenn sie die Möglichkeit eines Staatsbaukerotts auch nur geahnt hätten. Fest steht aber, daß in den Prospekten nichts über die nach unseren Begriffen sehr fragwürdigen Finanzlagen jener Staaten gesagt war, und von dieser Unterlassung kommt das ganze Unheil. In Geldsachen ist Schweigen nicht Gold. Es liegt auf der Hand, daß alles gethan werden muß, um die Wiederkehr derartiger Vorkommnisse unbedingt zu ver­hindern; Deutschland hat nicht so viel Geld, um alle zehn Jahre eine halbe Milliarde und darüber ins Wasser zu werfen. Die neueste Misere mit den mexikanischen Anleihen ist dadurch verstärkt, daß eine Silberkrisis ausgebrochen ist. Aber auch ohne diese Krisis sah es mit den mexikanischen Verhältnissen wenig erfreulich aus, und was jetzt gekommen ist, wäre am Ende doch gekommen. Und gcrathe von diesen Papieren verliert eine Unmasse von kleinen Leuten blutsauer verdientes Geld. Die sechs Prozent Zinsen haben zahlreiche Personen veranlaßt, ihr bischen Geld in diesen Papieren anzulegen, und nun sitzen sie auf dem Trocknen. Man hätte sich freilich von vornherein sagen können, daß 6prozentige Staatspapiere nie und nimmer als absolut sicher zu betrachten sind. Es wird viel geklagt und gejammert werden, ohne daß daraus praktischer Nutzen erwachsen wird; mag man sich nur für die Zukunft die jetzt empfangenen Lehren merken.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Juli. Der Kaiser hat unter dem 15, d. Mts. folgende Cabinetsordre erlissen:

Mein lieber Reichskanzler Graf von Caprivi!

Mit freudiger Genugthuung blicke ich auf den erfolgreichen Abschluß der Verhandlungen über die Armee-Reform, welche durch die nothwendige Ver­stärkung unserer Wehrkraft eine Bürgschaft für die Sicherheit des Reiches und damit für eine gedeihliche Entwickelung unser vaterländischen Verhältnisse barbietet. Neben der patriotischen Unterstützung, welche das von mir und meinen hohen Verbündeten verfolgte Ziel in weiten Kreisen des deutschen Volkes sowie bei der Mehrheit des Reichstages gefunden hat, ist das Zu­standekommen dieses großen Werkes vor allem Ihr Verdienst, indem Sie mit fachmännischem Verständniß, staatsmännischem Blick und hingebender Thätigkeit in allen Stadien der stattgehabten Erörterungen es sich haben angelegen sein lassen, die Reform einem befrie­digenden Ende entgegenzuführen. In der Werth­schätzung dieser Ihrer Verdienste weiß ich mich mit meinen hohen Verbündeten eins, und es ist mir eine angenehme Pflicht, Ihnen meine volle Anerkennung und meinen unauslöschlichen Dank mit dem Wunsche auszusprechen, daß Ihre unschätzbaren Dienste mir und dem Vaterlande noch lange mögen erhalten bleiben.

Neues Palais, den 15. Juli 1893.

Ihr wohlgeneigter Wilhelm, 1. R.

Bezüglich des Aufenthalts des Kaisers in und bei Metz bei den diesjährigen großen Manövern sind nun nähere Verfügungen getroffen. Der Kaiser trifft am 3. September in Metz ein, nimmt mit kleinem Ge­folge in dem wenig geräumigen Schlosse Urville Woh­nung und bleibt bis zum 9., an welchem Tage die Abfahrt nach Straßburg erfolgt. Der Kronprinz von Italien nimmt im Bezirkspräsidium Wohnung. Die Kaisermanöver beginnen am 5. September und werden ganz nach dem Plane abgehalten, der im vorigen Herbst sestgcstellt worden war. Die nöthige Fonrage wird schon jetzt an geliefert und zwar meistens aus den Rheingegeuden.

Privatbriefen aus Deutschsüdwestafrika ist zu entnehmen, daß Hauptmann von Frau^ois am 18. Mai einen zweiten Angriff auf Hendrik Witbois Festung Hornkranz gemacht hat. Warum der Platz nach der Erstürmung am 12. April nicht besetzt gehalten worden ist, bleibt unklar. Als nun am 18. Mai der zweite Sturm unternommen ward, zeigte sich, daß Witboi in der Bergfestung nur eine Wache von 18 Mann znrück- gelassen hatte, die sofort Reißaus nahmen. Der Feind hatte sich unterdessen in seiner ganzen Stärke auf dem

Berge Huugas verschanzt. Auf dem Marsch dorthin kam es zu Palrouillcngefechteu, bei welchen drei Soldaten verwundet wurden. Abends beim Sammeln fehlte der Reiter Müller, der jedenfalls von den Leuten Witbois gefangen und umgebracht war. Hauptmann von Fraugois überzeugte sich, daß Hungas ohne bedeutende Verluste nicht zu nehmen sei; er kehrte deshalb, nachdem er Hornkranz mit 2 Unteroffizieren und 25 Mann besetzt hatte, nach Windhock zurück. Hungas, der einzige Punkt, auf dem sich Witboi noch halten kann, soll angegriffen werden, sobald zwei in Walfischbai lagernde Kanonen, zu deren Abholung Sergeant Zachalowski mit 27 Mann bereits abgefanbt war, an Ort und Stelle geschafft worden sind.

19. Juli. Am 6. August soll in Frankfurt a. M. eine Konferenz der Finanzminister der deutschen Bundes- ftaaten stattfinden. Wie dieVossische Ztg." weiter mitthcilt, werde es die Aufgabe dieser Konferenz sein, sich über eine systematische Finanzreform zu einigen; ein von dem preußischen Finanzminister Dr. Miguel aus- gearbeiteter Plan solle zur Grundlage der Reform dienen.

Aus her Provinz Posen, 15. Juli. Ein merk­würdiger Reisender ist am letzten Freitag auf der Eisen­bahnstation Amsee festgehalten worden. DemKuj. Boten" wird hierüber berichtet: Es war ein Knabe von etwa acht Jahren aus einem Dorfe bei Memel, der aus Furcht vor Schlägen seiner Mutter entlaufen war. Er hatte die weite Reise zurückgelegt, indem er sich unter der Locomotive festhielt. Wenn der Hunger ihn quälte, verließ er fein fahrendes Versteck und erbettelte sich in den an der Eisenbahn gelegenen Ortschaften Brod, von den er bei seiner Ergreifung noch einen Vorrath in seinen Taschen hatte. An jenem Freitag war er von Graudenz ab mitgefahren. In Amsee wurde er von einen Stations- beamten bemerkt, als er eben seinen Platz unter der Locomonoe wieder einnehmen wollte. Auf die Frage nach dem Ziele seiner Reise antwortete er, er hätte soweit mitfahren wollen, wie die Eisenbahn überhaupt fahre. Von dem Rauch und Ruß der Locomotive war der Knabe schwarz wie ein Mohr und hatte nur um die Augen helle Ringe. Seiner Gesundheit schien die Reise nichts geschadet zu haben.

Znsterburg, 15. Juli. Die hiesige Strafkammer vcrurihcilte heute den 62 Jahre alten Volksschullehrer Karl Hein aus Stobricken, Kreis Gumbinnen, wegen Sittlichkeitsverbrechens zu 4 Jahren Zuchthaus. Eine frühere Schülerin des Angeklagten, die als Belastungs­zeugin geladen war, ihre Aussage aber zu Gunsten des Angeklagten abgegeben hat, wurde wegen Verdachts des Meineids sofort in Haft genommen.

Aus Thüringen, 16. Juli. Die Regierungen der thüringischen Staaten bemühen sich nach besten Kräften um die Linderung der Futternoth. Auch die Sparkasse in Eisenach hat 100,000 Mark bewilligt, davon 25,000 Mark als Geschenk, 75,000 Mark als zinsfreies Dar­lehen auf zwei Jahre. Solche Hilfe ist an vielen Stellen erwünscht, denn der kleine Besitzer kann die hohen Futterpreise aus eigenem Vermögen nicht mehr bezahlen. Die Preise sind enorm gestiegen. Für den Heuwuchs der Parkwiese in Kösen wurden 225 gegen 50 Mark, für das anstehende Futter auf den herrschaft­lichen Wiesen in Greiz 5570 gegen 1000 Mark in früheren Jahren gelöst.

Leipzig, 17. Juli. Wie dasLeipziger Tagebl." erfährt, ist Dr. jur. Prinz Max von Sachsen, Neffe des Königs, als Mönch in ein Kloster gegangen.

Wenn manPech" hat. Aus Ludwigshafen, 11. Juli, meldet derMannh. Generalanzeiger": Von ' seiner angeblichen Taubheit wurde heute ein Gestellungs­pflichtiger rasch geheilt. Der Militärarzt scheint seine Drückeberger" wohl zu kennen, denn unter Zuhilfenahme eines Spiegels wurde in der Ohreuhöhle eine Dosis Pech entdeckt und bald mit der Sonde an's Tageslicht befördert. Die Taubheit war sofortgeheilt", indessen zur Befreiung von der Militärpflicht hat das Pech nicht im Mindesten beigetragen. Das nennt man doppelt Pech.

Papenburg, 14. Juli. Ein furchtbares Unwetter, das seit 20 Jahren seines Gleichen nicht hatte, ging gestern Nachmittag über Ostfrieslaud nieder. Der Hagel hatte die Dicke starker Taubencier und ver­wandelte weite Strecken in eine Winterlandschaft. Die Gartenfrüchte sind gänzlich vernichtet; auch das am Halm stehende Getreide hat schwer gelitten. Der Schaden ist ein enormer. Wiederholt schlug der Blitz ein und