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SchlüchternerMmg

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk.Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

. V 60. Samstag, den 29. Jali 1893.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Juli. Wie aus Kiel gemeldet wird hat der Kaiser heute früh um 10/a Uhr den hiesigen Hafen am Bord derHohenzollern" verlassen, um sich nach England zu begeben.

Mit einem Schlag sind nun die deutsch-russischen Handelsbeziehungen in ein neues Stadium getreten. Die Thatsache, daß Rußland seinen Maximaltans vom 1. August d. J. ab (20. Juli a. St.) anwendet, der einen Zuschlag von 30 pCt. auf Fabrikate, von 20 pCt. auf halbverarbeitete Materialien und von 15 pCt. auf die Waaren außereuropäischer Herkunft im Transit- und Kommissionshandel europäischer Staaten nach Rußland Vorsicht, kommt zwar nicht überraschend, denn man hat schon seit längerer Zeit mit dieser Möglichkeit gerechnet, muß unser Erwerbsleben trotzdem aber unangenehm berühren. Gleichzeitig mit dem russischen Maximaltarif tritt auch der russische Minimaltarif in Kraft, der zuerst Frankreich und sodann sämmtlichen, in Rußland meist­begünstigten Staaten gewährt worden ist. Dieser Tarif enthält für eine ganze Reihe von Positionen Ermäßigungen von 10, 15, 20 und 25 pCt., svdnß die deutsche Einfuhr der Einfuhr aus konkurrierenden Ländern gegenüber b's zu 55 pCt. schlechter gestellt wird.

Die armen Börsenspekulanten! Es ist wirklich herzzerreißend, wie schlecht es den armen Besuchern der Berliner Börse geht wenn man nämlich den Schilderungen des im Besitz des ungarischen Juden Spitz befindlichenKleinen Journals" glaubt. In seiner letzten Montagsnummer dasKleine Journal" erscheint nämlich auch Montags Morgens, jedenfalls um seine Arbeiter nicht geistig und körperlich zu rumircu nimmt es das Mitleid der gesummten MenMeitr für die armen Spekulanten in Anspruch. Es handelt sich um die Einführung der B örseu stc uer; mit der kann sich dasKleine Journal" nicht befreunden. Während der Wahllnw.gung las man in den frei­sinnigen Zeitungen allgemein von dem Entgegenkommen, welches die Börsensteuerim Volke" finden würde. Nach den Wahlen schwächte sich die Empfänglichkeit für die Börsensteuer ab; jetzt schwenkt die Kohorte ab und dasKl. Journal" leitet die Rückwärtsbewegung, die Reaktion" mit einer Schilderung des namenlosen Elends ein, in welchem sich zur Zeit der Börsenspekulant befindet. Da heißt es:Der gewöhnliche Mann arbeitet in Kittel und Holzpantoffeln, umjmt der Hände Fleiß das nothwendige für sich und die reinigen zu verdienen; der Börsenbesucher muß anständige Kleidung tragen; seine höhere Bildungsstufe legt ihm größere Verpflichtungen für Erhaltung und Erziehung der Familie auf, und darum spricht aus feinen Augen der Kummer, die Sorge und das Elend." Nach Chicago auf die Weltausstellung sollte man einen Börsenjobber schicken, welcher also beschaffen wäre! Das Blatt fährt fort:Nicht genug des Jammers, taucht das SchreckengesPcnst der neuen Börsen­steuer am Horizonte auf."Wir halten eine neue Börsensteuer für vollständig unausführbar!" Da sitzt's! Nachdem die Wahlen vorüber, wird die Maske ab­genommen! Und es soll uns nicht wunder nehmen, wenn bis zur Wiedereinberufung des Reichstages die gesummte freisinnige Großstadtpresse eine geschlossene Phalanx gegen die Einführung der Börsensteuer bilden wird. Es wird gut fein aufzupassen. Aber der Scherz fehlt neben der Tragik des kummervollen Börsenopfers Nicht; denn neben dem gedachten Artikel, dicht daneben, steht eine Vermuthung überdie bevorstehende Ultimo- liquidation." Da ist denn beweglich auseinandergesetzt, daß in Berlin eine Abwärtsbewegung Platz gegriffen hat, während Wienin besserer Position" dieHausse" halten konnte. Es lasse sich noch nicht vorhersehen, wie die Woche verlaufen werde;es bleibt der Zukunft Vorbehalten, ob sich schließlich der BerlinerBaissier" oder der WienerHaussier" in's Fäustchen lachen wird.» Also doch! ins Fünstchen wird sich Einer lachen! Gewiß! Dem Eingeweihten ist es ja anch vollkommen klar, daß, wer an derBerlinerBörse verliert, doch gleichzeitig in Wien seinenRebbach" (Profit) machen kann. Paßt auf, Ihr draußen auf dem Lande! Die Börse muß heran, es hilft alles nichts. Sie kann Und muß bluten.

* DemReichSanzeiger" zufolge sind die er- mäßigten Ausnahmetarife für Futter- und Strcuunttcl

nunmehr auf die Eisenbahnen des ganzen Reichsgebiets ausgedehnt worden.

Die letzten Veteranen aus den Befreiungskriegen 1813/15 hat der Vorstand des Bezirks 9 des deutschen Kriegcrbuudes in einer Liste zusammengestM. Hiernach beträgt die Zahl der Veteranen noch 43, deren Geburts­jahre in die Zeit von 1786 bis 1797 fallen. Die ältesten Veteranen sind Uhrmacher Göhring in Ottensen (Holstein), 1786 geboren, und Wygold in Velbert (Rheinland), 1789 geboren. Die meisten Veteranen weisen noch aus Pommern 10, Hannover 8, Schlesien 6 und Rhein­land 4. Nur zwei Offiziere aus den Befreiungskriegen leben noch Geuerallieutenant a. D. Müller-Hannover und Oberst a. D. v. Holtzendorf in Sachsen.

Nach einer Mittheilung von zuständiger Seite werden diejenigen Mannschaften, die im Herbst 1892 eingestellt worden sind, unbedingt im Herbst 1894, also nach zweijähriger Dienstzeit, entlassen werden. Dagegen können Diejenigen, die bereits im Herbst 1891 ein« getreten sind, nicht bestimmt vor Herbst 1894 aus ihre Entlassung rechnen, da ein Theil davon erforderlichen­falls noch das dritte Jahr unter der Fahne bleiben wird. Doch sollen für diesen Jahrgang die Beur­laubungen zur Disposition thunlichst ausgedehnt werden.

Hamburg. Von Frankreich aus ist an mehrere Hamburger Geschäftsleute das Ersuchen gerichtet worden, für jeden Preis Futterstoffe aufzukaufen und dieselben an näher bezeichnete Adressen in Frankreich zu senden. Dem Ansuchen ist von keinem der Betreffenden Folge gegeben worden.

Hannover, 25. Juli. Ueber einen Thurmeinsturz auf dem Neubau der Garnisonkirche liegen folgende interessante Einzelheiten vor: Heute Morgen kurz vor 5 Uhr wurden die Umwohner des Neubaues der Garnisonkirche durch ein gewaltiges Getöse, das einem furchtbaren Donnerschlage glich, aus ihrer Ruhe ge­schreckt. Als sie dann an die Fenster eilten, um nach der Ursache zu forschen, sahen sie den Kirchenbau in eine mächtige Staubwolke gehüllt. Nachdem sich der Staub gesetzt, bot sich ihnen ein trauriger Anblick, der südliche der beiden bis zu einer Höhe von etwa 100 Fuß aufgemauerten Thürme, sowie dessen Verbindung mit dem nördlichen Thurm, war zusammengestürzt und bildete einen mächtigen bis aus die Mitte der Humboldt­straße reichenden Schutthaufen; au dem andern Thurm hing noch das Fahrstuhlgerüst, welches in der Dachhöhe der Kirche eingeknickt war und so den Eindruck machte, als ob es jeden Augenblick zusammenbrechen werde. Glücklicherweise erfolgte der Einsturz vor Beginn der Arbeitszeit, so daß Menschenleben nicht zu beklagen sind.

Apolda, 22. Juli. Wenn Niemand Geld hat, dem Bruder Siudio fehlt es nimmer! Daß er dasselbe auch stets zu den Zwecken, zu dem er es von dem Herrn Papa erhält, entsprechend auszugeben pflegt, erhellt u. a. aus folgendem von dem hiesigenTageblatt" wieder- gegebenen Fall: Am Freitag Morgen gegen 6 Uhr, als viele Arbeiter ihre Arbeitsstätten aufsuchten, hatten drei Jenaer Studenten quer über die Straße bei der Plötz'schen Konditorei ein Seil gespannt und hielten jeden Passanten mit lautemHalt!" auf. Der also Angerufene und unfreiwillig haltmachende wurde dann für den gehabten Zeitverlust mit einem frischen Biertrunk entschädigt. Es sollen auf diese Weise nicht weniger als 70 solcher Stehschoppen vertilgt worden sein, bis endlich ein Schutzmann dieHemmung des Straßenverkehrs" aufhob und die drei Attentäter nach dem Rathhans brächte, wo sie vom Gemeindevorstand wegen Ueber« tretung der Straßenpolizerordnung in eine Geldstrafe verurtheilt wurden, die ebenso prompt entrichtet wurde, wie vorher die Bezahlung der gespendetenFrühschoppen". - Ein kecker Betrüger ist in Apolda verhaftet worden. So manche Besitzer von Handfeuerwaffen, besonders solche auf dem Lande, haben die Frist verabsäumt, innerhalb der die Besitzer solcher Waffen verpflichtet waren, dieselben mit dem gesetzlichen Aufschlag des Borrathszeichens versehen zu lassen. Auf diesen Umstand speculirte der 22 Jahre alte Paul Schaub. Er sprach bei einer ganzen Anzahl von Jagdpächtern in Nachbar­ortschaften unter der Maske eines gerichtlichen Revisors zur Prüfung der Läufe und Verschlüsse der Hand­feuerwaffen vor und fand an zahlreichen Stellen die Sachenicht in Ordnung". DerHerr Revisor" ließ aber Gnade vor Recht ergehen und stempelte alle noch rückständigen Feuerwaffen für 3 Mark, um, wie er

wohlwollend bemerkte, die Besitzer der Waffen vor einem Strafantrage des Herrn Staatsanwalts zu bewahren. Er machte gute Geschäfte, aber schließlich erfuhr die Behörde von seinen Manipulationen und setzte ihn hinter Schloß und Riegel.

Aus Thüringen. Trotz der außergewöhnlich großen Hitze dieses Sommers und der starken kürzlich erfolgten Gewitterregen ist in den hohen Partien des Thüringer Waldes noch immer Schnee zu finden. So finden sich auf dem am oberen Ende des Lauchngrundes nach dem Heuberg zu gelegenen Tenneberg einige große Haufen Schnee, mit einer dicken Lage Buchenlaub bedeckt. Die Stelle, wo der Schnee liegt, befindet sich in einer Höhe von etwa 700 Meter über dem Meer. Anch auf dem Jnselsberg, der noch über 200 Meter höher ist als der Tenneberg, soll es noch Schnee geben.

In der Amtshauptmannschaft Oelsnitz im Vogtlande sind in den letzten vier Jahren für nicht weniger als 10,511 Kreuzottern Fangprämien bezahlt. Man kann annehmen, daß die Zahl der getöteten Giftschlangen noch größer ist, da wohl kaum sämmtliche gelödtele Reptilien den Behörden zur Zahlung der ausgesetzten Prämie ein geliefert sind.

Würzburg, 23. Juli. Eine Frau, die es versäumt hatte, aus dem Postzug 141 in Beitshöchheim aus- zusteigen, zog zwischen Beitshöchheim und Thüngersheim resolut die Nothleine, stieg aus und lief so schnell davon, daß sie das Zugpersonal nicht mehr ein­fangen konnte.

Ausland

Frankreich. Ein Krieg zwischen Frankreich und Siam ist unvermeidlich! Die Antwort der siamesischen Regierung auf das Ultimatum Frankreichs ist in Paris nicht angenommen worden. Die öffentliche Meinung in Frankreich charaktcrisirl folgende Meldung derVoss. Ztg.» aus Paris von Montag: Die ganze Presse drängt einmüthig die Regierung stramm zu bleiben. Der Wortlaut der siamesischen Antwort erweckt hier die Ueberzeugung, daß er unter dem Einfluß der englischen Rathschläge fcstgestcllt wurde. Das Zugestündniß Siams, Frankreichs Ansprüche auf das linke Mekonufer bis zum 18. Breiten­grade anzuerkennen, deckt sich mit dem Vorschlägen, die in der Londoner Presse zur Regelung der Gebictsstrcitigkeit gemacht wurden. Die Lage ist überaus ernst, da die hiesige öffentliche Meinung auch vor einem Zusammen­stoß mit England nicht zurückweichen würde, wenn dieses sich in die siamesische Angelegenheit offen einmischen sollte.

Rom, 26. Juli. DieKreuz-Zeitung" meldet aus Rom: Die Regierung erfuhr, Frankreich kündige am 1. Januar 1894 die lateinische Münzunion.

Aus Rumänien wird gemeldet, daß dort französische Spekulanten ungeheuere Massen von Futter ankaufen und nach Marseille senden. Ebenso wird aus Rußland, wie folgt, gemeldet: Rigacr und Libauer Exportfirmen haben im inneren Rußland, und zwar bis ins Moskausche Gouvernement hinein, große Massen Heu aufkaufen lassen. Es wird berechnet, daß nach den üblichen Heupreisen im Innern des Reiches (der Regel nach nicht über 15 Kopeken pro Pud d. h. 90 Kopeken, gleich zwei Mark pro 100 Kilogramm) das zum Export bestimmte Heu, nach den jetzigen Auslandspreisen, einen Bahntransport innerhalb der Grenzen Rußlands von mehr als 1000 Kilometer mit Leichtigkeit zu tragen vermöge.

Lokales und Provinzielles.

* Schlächtern, 28. Juli.

* Die diesjährige Aufnahme-Prüfung in dem Königlichen Schullehrer-Seminar in Schlächtern ist auf den 21. September d. Js., angesetzt. Die diesjährige Aufnahme-Prüfung in dem Königlichen Schullehrer- Seminar in Fulda ist auf den 21. September d. Js. angesetzt.

* Ernannt: der außerordentliche Pfarrer L a m b e r t auf erfolgte Präsentation zum Pfarrer in Wolferborn.

* Die Besitzer der an die neue städtische Wasser­leitung angeschlossenen Häuser haben den ihnen auf­erlegten Kostenbeitrag, welcher allgemein als für hoch erachtet wird, am Zahltag, Mittwoch, nicht bezahlt. Nur Einer hat fünf grade sein lassen und bezahlt.

* In der Sitzung des Bürgerausschusses am Montag wurde der Vorschlag des Magistrats, ein eigenes Schulhaus für die Stadtschule zu erbauen und