ZllMternnMung
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62.Samstag, den 5. August 1893.
Znr Wohrstoner Frage.
Fortschrittliche Blätter bekämpfen den schon mehrfach angeregten und in den „Grenzboten" neuerdings besprochenen Gedanken einer Wehrsteuer, indem sie einen hochmoralischen Standpunkt herauskehren, von dem aus die Ableistung der Wehrpflicht nur von der Vortheilhaften Seile, der Dienstuntaugliche aber nur als bedauerns- werth dargestellt wird.
Eine sachliche Betrachtung führt natürlich zu anderen Ergebnissen und es mehren sich bereits die Stimmen in der Presse, die die triftigsten Gründe für die Einführung einer Wehrsteuer hervorheben. Die Ungleichheit, die zwischen zwei Deutschen besteht, von denen der eine seiner Wehrpflicht genügt, während .bet andere aus irgend einem Grunde von der Erfüllung dieser Pflicht dispensiert wird, ist, wie die „Hamburger Nachrichten" treffend betonen, wesentlich wirthschaftlicher Natur und ihre Ausgleichung durch eine Steuer möglich und berechtigt. Vor allem ist festzuhalten, daß militärdienst- untauglich keineswegs gleichbedeutend mit erwerbsunfähig ist. Davon hat Jeder Gelegenheit sich in seiner eigenen Umgebung zu überzeugen; in den kaufmännischen und staatlichen, sowie städtischen Bureaux allein sitzen viele Tausende von Leuten, die nicht diensttauglich befunden worden sind, aber ein erhebliches Einkommen haben und, wie der Artikel der „Grenzboten" nachweist, in Folge ihrer Dienstuntüchtigkeit noch ein besseres Fortkommen haben als die gedienten Leute. Der Einwand, daß der Staat mit der Wchrsteuer diejenigen in Strafe nehme, die vermöge ihrer ungeeigneten Körperbeschaffenheit, also unverschuldet, außer Stande seien, einer Ehrenpflicht zu genügen, die sie sonst gern erfüllt haben wurden, büßt dieser Thatsache gegenüber sehr viel von seinem Nimbus ein; andererseits ist selbstverständlich, daß die Wehrstcner nicht auf diejenigen auszudehnen wäre, die wegen körperlicher oder geistiger Fehler nicht nur militürdienstunfähig, sondern auch erwerbsunfähig sind. Ein weiterer Einwand gegen die Wehrsteuer ist idealer Natur. Er geht davon aus, daß der Dienst in der Armee eine Leistung schwierigster Art sei, die Leben und Gesundheit in Anspruch nehme; durch ihre Erfüllung werde ein so großes Opfer gebracht, daß es aus moralischen Gründen gar nicht „(avisiert" werden dürfe. Das klingt recht schön, ist aber bedeutungslos, weil es sich bei der Wehrsteuer nicht darum handelt, die Leistung eines braven Soldaten für das Vaterland „einzutaxieren", sondern, wie gesagt, lediglich darum, eine Ungleichheit wirthschaftlicher Natur aus der Welt zu schaffen. Ueberdies stellt sich die Erfüllung der Wehrpflicht zunächst auch nicht als ideale That für das Vaterland dar, weil sie auf einem Zwang, auf einem Befehl des Staates beruht. Was das finanzielle Er- trägniß der Steuer anbetrifft, so kann man darüber allerdings verschiedener Meinung sein.
Deutsches Reich.
Berlin. Aus Cowes meldet ein Telegramm: Der Kaiser verbrachte den gestrigen Tag an Bord des „Meteor". Bei der Wettfahrt um den von Sr. Majestät gestifteten Ehrenschild siegte die Macht des Prinzen von Wales „Britania". Am Nachmittag inspicirte die Königin Victoria die Kadetten des Ka- detten-Schulschiffes „Stosch". Abends fand zu Ehren Sr. Majestät in Osborne ein Diner statt, welchem auch die Königin beiwohnte. Zur Rechten der Königin saß der Kaiser, znr Linken der Prinz von Wales.
7- Ueber Sinekuren an der Börse schreibt die Berliner „Bank- und Handelszeitung": „Wir wollen heute nur eine dieser Kategorien anführen: das sind gewisse Maklerstellen. So haben z. B. die Makler, die deutsche und preußische Fonds sowie Eisenbahnprioritäten handeln, selbst in den schlechtesten Zeiten Reineinnahmen von Mk. 300 000—500 000 dafür Melt, daß sie während zweier Börsenstunden in ihrem Buch auf der linken Seite die anzukaufenden Summen, auf der rechten Seite die zu verkaufenden Summen eines Anlagepapiers notken und die Addition dieser eingetragenen Posten um 2 Uhr vornehmen. Daß diese Arbeit, die eben so gut ein Börsenbeamter machen könnte, dem man vielleicht ein Gehalt von Mk. 1800 Zahlte, und die vollständig ohne eigenes Risiko gethan Mrd, ~ einen derartigen mühelosen, enormen Gewinn abwirft, ist gewiß unstatthaft; noch schlimmer aber steht ks mit den Courtage-Einnahmen vieler Makler, denen
große S'pckulatiouSeffckten zugetheilt sind. Zum „ersten Cours" werden an manchen Tag Millionen umgesetzt und der betreffende Makler hat die nach Tausenden von Mark zählenden Tageseinnahme dafür, daß er die zum ersten Cours umzusetzenden Posten in seinem Buche notirt und bei Feststellnug des ersten Courses die beiden Summenreihen einmal addirt. Auch diese mechanische Arbeit könnte mit Leichtigkeit ein Sekretär aus der Börsenregistratur verrichten, zumal ein irgendwie geartetes Risiko hiermit gleichfalls nicht verbunden ist.
— Gewiniianthcile der Lehrerkassen. Der Kultusminister hat unterm 13. Juli er. folgenden Erlaß an die Königlichen Regierungen gesandt: „Trotz wiederholten Verbots kommen immer wieder Fülle zu meiner Kenntniß, daß Lehrervereine, Wittwenkassen u. s. w. aus dem Verkauf von Schulbüchern, Heften und sonstigen Lehr- und Lernmitteln Gewinnanthcile beziehen. So sehr ich auch geneigt bin, anzuerkennen, daß die Zwecke der hierdurch geförderten Stiftungen u. s. w. im allgemeinen eine Beisteuer wünschenswert!; erscheinen lassen, so muß ich doch den hierfür gewählten Weg als unzulässig bezeichnen, da es in keinem Falle zu rechtfertigen ist, daß den Kindern oder deren Eltern für dergleichen Zwecke indirekte Steuern auferlegt werden. Die Königliche Regierung veranlasse ich daher, für die Abstellung des erwähnten Verfahrens, wo es im dortigen Regierungsbezirk noch bestehen sollte, Sorge zu tragen. Selbstverständlich ist es auch unstatthaft, daß Rektoren, Lehrer und Lehrerinnen aus dem Verkaufe von Büchern, Heften u. s. w. irgend welchen Gewinn- antheil erhalten."
— Königl. Preuß. Klassenlotteric. Aus Anlaß der jüngsten Vermehrung der Loose haben viele unserer Leser sich zum erstenmal an der Lotterie betheiligen können. Für diese machen wir besonders auf die Wichtigkeit der rechtzeitigen Erneuerung aufmerksam. Jeder, welcher den Einsatz erster Klasse bezahlt, macht damit eine Kapitaleinlage, für welche die Gegenleistung erst in der Ziehung der vierten Klasse erfüllt wird. Denn wenn, z. B. für ’U Loos, alle 4 Klassen 42 Mark werth sind, dann ist die erste Klasse Mk. 1,40, die zweite Mk. 2,50, die dritte Mk. 4, die vierte Mk. 34,10 werth. Wer also zur ersten Klasse schon Mk. 10,50 eingelegt hat, dem allein steht das Recht zu, auch die übrigen Klassen zu Mk. 10,50 zu erwerben. Dieses Bezugsrecht kann auSgeübt werden in dem Zeitraum von 3 bis 4 Wochen, welcher zwischen zwei Ziehungen liegt. Es erlischt stets am vierten Tage vor der neuen Ziehung Abends 6 Uhr. Wer bis dahin sein Loos nicht erneuert hat, verliert seine gezahlten Einsätze zu Gunsten der Staatskasse. Verspätete Ab- forderung darf kein Lotterieeinnehmer bei harter Strafe mehr anerkennen. Man warte deshalb nicht bis zum letzten Tage, sondern besorge die Erneuerung schon 14 Tage vor der nächsten Ziehung.
— Bei den diesjährigen Herbstmanövern wird eine umfangreiche Verwendung von Kriegshunden bei den Jäger- und Schützen-Bataillonen erfolgen, nachdem die Behandlung und Dressur solcher Hunde besonders günstige Ergebnisse gehabt haben. Zunächst soll, nach der Slraßbnrgcr Post, der Kriegshund im Aufklärungsund Sicherheitsdienst, zum Ueberbringen von Meldungen vorgesandter Patrouillen, zur Unterstützung der Posten und zur Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen Posten und Feldwachen, sowie zwischen anderen Theilen der Vorposten gebraucht werden. Die Verwendung zum Aufsuchen Vermißter wird nur int ganz beschränktem Maße beabsichtigt, zumal sich nicht alle Hunde zu dieser Ablichtung eignen. Bei unseren Jäger-Bataillonen werden für militärische Zwecke vornehmlich Hühnerhunde, Pudel- und Schäferhunde abgerichtet; aber es kommt bet der Auswahl solcher Hunde weniger auf die Race an, der der Hund angehört, als darauf, daß das Thier reinen Blutes ist und die für den Kriegshund erforderlichen Eigenschaften besitzt. Durch die Inspektion der Jäger und Schützen ist eine Vorschrift für die Behandlung, Dressur und Verwendung der Kriegshunde herausgegeben worden, nach welcher bei den Jagerbataillonen nicht allein die Ablichtung sondern auch die Aufzucht von Kriegshunden zu erfolgen hat, so daß nunmehr außer dem Pferde auch die Taube und der Hund in den Militärdienst übernommen
werden, womit das Thierreich wohl sein ganzes Kontingent für Militärzwecke gestellt haben dürfte.
Kiel, 3. August. Gestern Nachmittag explodierte bei Schießversuchen auf dem Panzerschiff „Baden" im Kieler Hafen eine Kartusche, wodurch 7 Mann und 2 Offiziere getödtet worden sind. 18 Matrosen sind leicht verwundet. — Prinz Heinrich befand sich mit dem Admiral Schröder und dem Kommandanten an Bord der Korvette „Baden", während die Explosion stattfand. Der Prinz betheiligte sich eifrigst an den Hülfeleistungen bei den Verwundeten.
Münster, 31. Juli. Bei Herbern ist ein schweres Hagelwetter uicdergegangcn. Die Schlossen liegen stellenweise zwei Fuß hoch. Sommerfrucht und Weizen sind total vernichtet.
Bom Kyffhäusergebirge, 30. Juli, schreibt man Die Barbarossahöhle auf dem Kyffhäusergebirge, die zu den großartigsten und vielbesuchtesten Höhlengebilden Deutschlands zählt, aber infolge der Eigenthums- streitigkeiten, die sich zwischen der Bergwerksgesellschaft, bei deren Muthungen sie vor etlichen zwanzig Jahren entdeckt war, und dem Eigenthümer der über rhr liegenden Forstgeläude, Kammerherrn Baron v. Rüxleben, seit mehreren Jahren dem öffentliche Besuche verschlossen war, ist heule wieder geöffnet worden. Die zum 16. Bezirke des Harzklubs gehörigen Zweigvereine Nordhausen, Roßla und Kelbra haben sich um unsere Gegend nicht nur, sondern um das gesammte reisende Deutschland das Verdienst erworben, dies erzielt zu haben. Die Höhle wird alljährlich von Tausenden von Fremden besucht, so daß die Schädigung, die ihre Schließung für unsere ganze Gegend im Gefolge hatte, eine ganz beträchtliche war.
In dem Dorfe Krckollen bei Bartenstein ist dieser Tage eine Bäuerin von einem Rehbock angefallen und tödtlich verletzt worden. Die Frau ging in dem zum Dorfe gehörigen Zinswald, um Heidelbeeren zu pflücken. Als sie in die Nähe eines dichten Gebüsches kam, sprang plötzlich aus diesem ein Rehbock auf sie los und bearbeitete sie mit mit seinem Geweih. Auf ihr jammervolles Geschrei eilten Leute herbei, bei deren Anblick das wüthende Thier die Flucht ergriff. Der Arzt stellte schwere innere und äußere Verletzungen fest und zweifelt an dem Aufkommen der unglücklichen Frau. Jagdkundige Leute sind der Ansicht, daß die Frau in unmittelbarer Nähe des Lagers der Rehe gewesen, in dem sich zur Zeit die Jungen befanden. Der Bock, Gefahr für die Jungen befürchtend, wäre dadurch in Wuth gerathen und habe so die Frau angegriffen, um seine Jungen zu vertheidigen.
Aus Sachsen, 25. Juli. In Riesa hat ein zehnjähriger Knabe einen zwölfjährigen Spielkameraden durch einen derben Schlag in das Genick getödtet, wie man annimmt, aus Rache. Der jugendliche Todtschläger ist verhaftet.
Bei Würzburg hat am Freitag ein Streckenarbeiter auf gräßliche Weise sein Leben verloren. Beim Herannahen des Nürnberger Personenzuges war derselbe mit mehreren anderen Streckenarbeitern neben das Geleise getreten, der Wind erfaßte aber die Schürze des Mannes und wehte sie gegen die Maschine, die wieder die Schürze erfaßte und den Arbeiter unter sich zog. Der Aermste war im Nu von den Rädern zermalmt.
M>tz, 30. Juli. Die sämmtlichen Kriegergräber und Denkmäler werden auch in diesem Jahr in hergebrachter Weise am 15. August geschmückt und daran anschließend eine Gedenkfeier für die Gefallenen in der denkwürdigen Schlacht bei Gravelotte veranstaltet werden. Die seit eine Reihe von Jahren in Metz bestehende „Vereinigung zur Schmückung der Kriegergräber" erbietet sich, alle bezüglichen Aufträge auszuführen.
Ausland.
Frankreich, Die Cholera hat in Nantes in letzter Zeit weitere Fortschritte gemacht. Vom 13. bis 27. v. M. wurden daselbst 44 Cholerafälle amtlich constatirt, von denen 30 tödtlich verliefen. Auch aus derDn.bLn werden neuerdings wieder eine Anzahl von Cholera- crkiankungcu gemeldet. In Marseille sind in derzeit vom 18. bis 24. v. M. 33 ckwleraverdächtigc Todesfälle vorgckommcn. Auch in Neapel grassirt die Cholera. Auf dem Panzerschiffe „Umberto I" sind einige 30 Erkrankungen unter den Matrosen vorgekommen. Die Krankheit tritt übrigens mild auf.