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Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirtem Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

«M 66. Samstag, den 19. August 1893.

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drei Fuß - Artillerie - Regimentsstäbe und fünf Fuß-

Nachtkämpfe.

Damil die höheren Truppenführer und General- stabsofsiziere für die Anlage, Leitung und Durchführung großer Nacyttämpfe, wie sie im nächsten Krieg vor­aussichtlich in Erscheinung treten werden, ein erhöhtes Verständniß gewinnen, werden, wie aus militärischen Kreisen verlautet, während der diesjährigen Herbst- Übungen nächtliche Unternehmungen größeren Stils slattfinden, wie sie bisher in Deutschland noch nicht dagewesen sind.

Diese grüßen Nachlkämpse, welche sich sowohl für den Militäir, als auch für den Zuschauer höchst inte­ressant gestalten werden, werden bet den Kaisermanövern in Lothringen, bet der großen Belagerungsübung bei Thorn und bet der großen Pionierübung bei Straßburg in großartigster Weise zur Durchführung gelangen. Während das russische Heer in nächtlichen Unter­nehmungen am vollkommensten ausgebildet ist und auch in Frankreich neuerdings nächtlichen Uebungen, deren Anlage und Leitung bedeutende Schwierigkeiten ergiebt und Bequemlichkensrücksichtcn außer Acht läßt, große Aufmerksamkeit zugewcndet wird, gehen bei uns die Manövernüchte im allgemeinen ruhig vorüber und zu Angriffen und Ueberfällen kommt es selten. Das soll aber jetzt anders werden, denn in der That b etet das Nachtgefecht große Vortheile, denn bei nächtlichen An­griffen hat die betreffende Truppe im Feldkrieg Ar­tilleriefeuer überhaupt nicht und Jnfanteriefeuer erst dann zu erwarten, wenn die Infanterie schon dicht heran ist, und bei der herrschenden Dunkelheit sind die Verluste bei den Angrissstruppen meist gering. Wenn wir die Kriegsgeschichte, die ja die beste Lehrmeisterin der Kriegskunst ist, durchforschen, so finden wir dort entscheidende und bedeutende Waffenthaten verzeichn:, die sich im Dunkel der Nacht abgespielt haben. Die Namen Hochkirch, Tarutino, Podol, Noisseville, Viller- sexel, Belfort, Schipkapaß, Kars und Erzerum fordern geradezu auf, das Nachtgefecht im großem Maßstab zu pflegen. Wie wir weiter erfahren, wird sich sogar die Kavallerie bei diesen nächtlichen Unternehmungen bethätigen, was um so bemerkenswerter ist, als die bisherige Manöverpraxis diese Waffe im Nachtgefecht fast gänzlich unberücksichtigt gelassen hat, und doch wird der nächste Krieg auch nachts an diese Waffe große Anforde­rungen stellen. Zwar ist die Möglichkeit, die Reiterei bei nächtlichen Unternehmungen zu verwenden, beschränkt, weil sie in hohem Maß von der Bodenbeschaffenheit und von dem Grad der Dunkelheit abhängig ist. Doch die Beispiele von Hochkirch, wo trotz starker Dunkelheit große Attacken geritten wurden, von Laon, wo die Aork'schen Reiter in Carriöre attackierten, und von Begli Achmed (1877) zeigen uns, daß die Reiterei trotz Dunkelheit und Nebel bei entsprechender Führung erfolgreich verwendet werden kann. Namentlich wird das Nachtgefecht auf solchen Kriegsfeldern, die, wie das französische, mit zahlreichen Festungen und Sperrforts bedeckt sind, eine große Rolle fielen. Es muß daher in großen Verbänden durchgeführt werden, um so auch dem höheren Truppenführer Gelegenheit zu geben, die taktische Seite desselben leichter zu erfassen, es mit sicherer Hand durchzuführen und zu richtigen Ent- schlössen zu gelangen. Wie sehr sich der Kaiser für den Nachtkampf interessiert, geht aus der Thatsache hervor, daß derselbe die grlße Nachtübung bei Metz selbst zu leiten gedenkt.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. August. Die Herbstparade ist glänzend verlaufen. Zahlreiche Fürstlichkeiten und fremdländische Offiziere waren anwesend. Ihre Maj. die Kaiserin wohnte der Parade zu Pferde bei. Sc. Maj. der Kaiser führte der Kaiserin das erste Garderegiment vor. Nach dem zweimaligen Vorbeimarsch der Truppen kehrte der Kaiser an der Spitze oer Fahnensektion ins Schloß zurück. Das Kaiserpaar wurde vom Publikum enthu­siastisch begrüßt.

Eine kaiserliche Labinetsordre bestimmt u.

daß bei jedem der 133 Infanterie--iRegimenter ein Halb- Bataillon mit der BemunungViertes Bataillon", bei der Feld-ArÄlerie lll Abtheilungsstäbe der fahrenden Feld-Artillerie und 48 fahrende Batterien, ferner ein Abtheilungsstab und Drei Batterien als zweite Lehr- abtheilung der Feld-A'tillerie-Schießschule, bei der Fuß- Artillerie Stäbe für zwei Fuß-ArtiUerie-Jnspeklionen,

Artilleriestäbe, ferner bei der Fnß-Artillcrieschießschule eine dritte Lehrkompagnie errichtet werden.

14. August. Eine Probc-Unisormirung hat das 35. Infanterie-Regiment in Brandenburg a. H. jetzt durchzumachen. Es sind nämlich dort für Unteroffiziere und Mannschaften blaue Blousen eingeführt, die der leichten österreichischen Militärkleidung sehr ähnlich sind. Die Abzeichen befinden sich beim preußischen Militär durch Litzen und Tressen auf den Aermeln, während sie bei den österreichischen Truppenth eilen durch Sterne am Kragen angezeigt werden.

14. August. Ueber einen Unfall, welcher sich heute Vormittag bei dem Einzüge des 4. Garde-Rcgi- ments zu Fuß ereignet hat, meldet ein Berichterstatter Folgendes: Die gewaltige Menschenmenge hielt den großen Platz zwischen Jnvalidenstraße, Alt-Moabit und das Criminalgericht dicht besetzt. Eine größere Anzahl Personen hatte theilweise, um dem Gedränge auszu- weichen, oder auch um besser sehen zu können, sowohl die Bäume der Anlage, als auch das Gitter, welches den Ausstellungspark einschließt, erstiegen. Der Last, welche an dem Gitter hing, konnte dasselbe nicht Stand halten; in der vollen Länge von der Jnvalidenstraße bis zur Straße Alt-Moabit, etwa 50 Meter, brach das in steinerne Pfeiler eingelassene Gitter zusammen. Eine Frau, welche auf dem Arm ein kleines Kind trug, wurde von den fallenden Steinmassen getroffen und soll innere Verletzungen erlitten haben. Andere kamen mit Kopfwunden" davon. Einem Manne wurde durch eine Spitze des Gitters die linke Wade aufgeriffen.

15. Augnst. DerReichsanzeiger" meldet: Unter der polnischen Arbeiterschaft im Osten Berlins sind in den letzten Tagen Erkrankungen an Brech­durchfall vorgekommen, von denen sich bei der backkrio- logischen Untersuchung drei als Cholera herausgestellt haben. Die Vermuthung spricht für eine Einschleppung aus Russisch-Polen. Seitens der Behörden sind sofort die umfassendsten Maßregeln ergriffen worden, so daß die Erwartung berechtigt erscheint, daß die Gefahr einer weiteren Ausbreitung der Krankheit vorgebengt ist."

Oesterreichische Bercinsthaler. Es ist vielfach die Meinung, daß die Vereinsthaler österreichischen Gepräges in Deutschland nicht mehr zum vollen Nenn- werthe umlaufsfähig wären. Das ist ein Irrthum, wir theilen daher mit, daß die Frist zur Einlösung dieser Thaler bis zum 1. April 1894 erstreckt worden ist, bis dahin werden sie noch von allen öffentlichen Kassen angenommen.

DerNationalzeitung" wird aus Bayern geschrieben, daß die Gerüchte über die Regierungsmüdigkeit und Abdankungsabsichten des Prinzregenten Luitpold trotz der Dementis nicht verstummen wollen. Das dem Prinzregcnten zugeschriebene Wort, daß er von den Excellenzen nicht die Wahrheit zu hören bekomme, sei wohl erfunden, male aber die Situation psychologisch wenigstens annähernd richtig. Am Bewußtsein des Prinzregenten nage das Gefühl, daß er trotz aller Be­mühungen eine volle Beruhigung der Gemüther nach der Katastrophe von 1886 nicht habe erzielen können. Es gehe etwas vor, man wisse aber nicht was.

Dresden, 14. August. Aus dem vierten Stock­werk einer Wohnung stürzte hier heute, als eine Militär-Arbtheilung vorüberzog, ein 13 Jahre alter Knabe, der Sohn eines Kellners, auf die Straße, wo er, obschon er auf harten Boden fiel, vollständig un­versehrt anlangte und sich bei voller Besinnung und ohne Schmerzen fühlte. Nur im Gesicht hatte er einige Schrammen erhalten. Das Landgericht in Dresden Hat einen Restaurateur, der wiederholt Nei- genbier mit frischem Bier vermengt und dann verschünkt, sowie auch Cognak durch Zusatz von Nordhäuser verfälscht hat, wegen Betrugs und Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz zu sechs Wochen Gefängniß verurtheilt. (Recht so! Diese schändliche Gepflogenheit des Panschens wird, wie man oft sehen kann, leider sehr gern von gewissen­losen Wirthen geübt. Gewöhnlich wird es nicht angezeigt, ausRücksichten", wie man sagt. Wenn der Wirth gegen seine Gäste so rücksichtslos ist, ihnen für ihr gutes Geld verdorbenes Zeug vorzusetzen, so sei man ebenfalls rücksichtslos und bringe den Müsse durch eine Anzeige an zuständiger Stelle ins Loch!)

In Apolda ist einarmer Reisender" verhaftet

worden, der nicht weniger als 50 verschiedene falsche Legitimationspapiere bei sich führte. Der Verhaftete, der bereits einen Fluchtversuch wagte, weigert sich, seinen Namen anzugeben.

Ein Vatermord wurde in Etkartsleben bei Gotha verübt. In Zwistigkeiten, die im Eheleben eines hiesigen Einwohners schon lange bestanden haben, suchte der Vater des Mannes zu vermitteln, wobei die Beiden in Wortwechsel geriethen. Dieser ging in Thätlichkeiten über, und in seiner Aufregung ergriff der Sohn die Axt und erschlug feinen Vater. Der Mörder wurde in das Gerichtsgefängniß von Gotha gebracht.

Coburg, 15. August. Daß auch bei so niedrigem Bierpreis, wie er in Coburg besteht (der Zapfwirth zahlt 16 Mark für den Hektoliter), am Bier noch viel zu verdienen ist, das hat sich beim verflossenen Schützenfest hier wieder gezeigt. Einer der Bierbuden- besitzer auf dem Festplatz hat in sechs Tagen 260 Hektoliter Bier ausgeschenkt und daran, nach Abzug aller Unkosten, etwa 1200 Mk. verdient. Das Bier wurde auf dem Schützenplatz für 12 Pfg. pro Halbliter verkauft, sonst kostet es nur 10 Pfg.

Gießen, 15. August. Der am 5. d. M. in dem in der Nähe der Stadt ausgefallenen Säbel-Zweikampf schwer verwundete Student Keller aus Bonn ist heute in der hiesigen Klinik gestorben.

Welzgrund im Jtzgrund, 14. August. Eine Nieder­trächtigkeit ohne Gleichen ist dieser Tage hier verübt worden. Wahrscheinlich aus Rache wurdem dem Guts­besitzer H. Pfeusfer zwei große, volltragende Aepfel- bäume mit den noch unreifen Früchten einfach mit der Axt umgehauen. An das Abbrechen junger Obstbäume ist man ja gewöhnt, Fälle solchen Frevels gehören aber gewiß zu den Seltenheiten. Mochte der Thäter der verdienten Strafe nicht entgehen.

Das Städtchen Creußen, der älteste Ort Ober­frankens, ist in der Nacht zum Sonntag von einer furchtbaren Feuersbrunst heimgesucht worden. Ehe die Feuerwehren der Umgebung erschienen, stand der ganze obere Stadttheil in Flammen. Bis Mitternacht waren 56 Wohnhäuser, darunter die Stadtpost, sowie eine Anzahl Ställe und Scheunen ein Raub der Flammen. Leider hat der Brand auch zwei Menschenleben ge­fordert: Ein Feuerwehrhauptmann wurde von einer einstürzenden Mauer auf der Stelle erschlagen, ein anderer erlitt solche Verletzungen, daß er am Sonntag Morgen verschieden ist. Das Rathhaus, die Apotheke, sowie die historisch bedeutsame Kirche wurden gerettet; wäre die Rettung der Apotheke nicht gelungen, so würde kein Gebäude der ganzen Stadt verschont ge­blieben sein. Die meisten der Abgebrannten sind arme Tagelöhner und nicht versichert,

Cöln, 11. August. Bei den Ausschachtungen für die Schmuckanlagen vor dem neuen Hauptpostgebäude, das auf dem Terrain des ehemaligen Dominikanerklosters (Artilleriekaserne) erbaut ist, machte man einen großen Fund an alten Goldmünzen, die einen reinen Gold- werth von über 4000 Mk. darstellen. Etwa 150 Münzen haben die Größe eines Thalers, nur sind sie dünner, und sind ungefähr je 21 Mark werth. Die Münzen sind englischen, französischen und vlämischen Ursprungs. Die Münzen lagen lose in der Erde und sind meist gut erhalten.

Gumbinnen, 12. August. Grenzberichte melden eine Zunahme der Cholera in den russischen Grenzbezirken. Man befürchtet eine Einschleppung durch Schmuggler,

Ausland.

Lemberg, 15. August. Infolge Ausbreitens der Cholera an der ungarischen Grenze haben die galizischen Behörden leider die Wahrnehmung gemacht, daß in den ungarischen Grenzkomitaten, wo die Cholera schon seit einiger Zeit grassirt, nahezu gar keine Vorsichts-Maß- regeln getroffen worden sind.

Schweiz. Bei einem gemüthlichen Zusammensein der Züricher Sozialisten mit den deutschen Delegierten bekannte sich, wie demBerliner Tagebl." mitgetheilt wird, Staatsanwalt Fürholz-Solothurn als Parteigenosse. Der roth-weiße Schild der Schweiz zeige leider schwarze Flecken der Reaktion. Aufgabe der Sozialdemokratie sei, den Schild wieder blank zu machen. Er trete nach lüjähriger Thätigkeit als Staatsanwalt in den Ruhe­stand. Aber fein Nachfolger stehe ebenfalls auf dem Boden des Programms. Nette Aussichten!