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M 67. Mittwoch, den 23. August 1893.
Deutsches Reich.
Berlin. Am Freitag fand beim Kaiser ein Galadiner zu Ehren des Geburtstages des Kaisers Franz Joseph statt. Bei der Tafel brächte der Kaiser ein Hoch auf „Seine Majestät den Kaiser Franz Joseph, meinen nächsten Vetter und treuen Alliierten", aus, worauf die Musikkapelle, die die Tafelmusik lieferte, die österreichische Volkshymne intonierte. — Es wird auch von unterrichteter Seite bestätigt, daß der Kaiser in Fredensborg eine Zusammenkunft mit dem Zaren haben wird, der bereits Ende dieser Woche in Dänemark eintrifft.
— 18. August. Soweit bisher feststeht, werden an dem am 5. September bei Metz beginnenden Kaiser- manöver folgende Fürstlichkeiten als Gäste des Kaisers lheilnehmen: Der König von Sachsen, die Großherzöge von Baden und Hessen, der Kronprinz von Italien, Prinz Ludwig von Bayern sowie einige Prinzen aus deutschen Fürstenhäusern.
— Betreffend die Organisation des Handwerks hat der preußische Handelsminister den Oberpräsidenten einen Entwurf zur Begutachtung zugehen lassen, nach dem zur Vertretung der Interessen des Kleingewerbes Fachgenossenschaften und Handwerkerkammern in Aussicht genommen sind. Zum Kleingewerbe sind diejenigen Handwerker zu rechnen, die nicht mehr als 20 Arbeiter beschäftigen. Die Zugehörigkeit zur Fachgenossenschaft soll verbindlich sein und die letztere soll in Sonderheit das Lehrlingswesen beaufsichtigen. Die Führung des Meistertitels soll von vorhergcgangener Prüfung abhängig sein.
— Lieferfristen. Aus Kreisen der Kleinindustrie ist darüber Klage geführt worden, daß bei dem Abschluß von Lieferungsverträgen von Seiten der Staatsverwaltungen häufig die Lieferfristen zu knapp bemessen würden. Meist sei dies die Folge einer verspäteten Bestellung der Lieferung, welche dann in gedrängter Zeit bewerkstelligt werden solle, während der die Arbeits-. fräste unter Zuhilfenahme von Ueberschichten und Sonntagsarbeit übermäßig angestrengt werden müßten. Nach Fertigstellung des Auftrages pflege später häufig in dem betreffenden Betriebe ein Mangel an Beschäftigung einzutreten, der den Betriebsinhaber zwinge, einen Theil seiner Leute zu entlassen. Um diesen Uebelständen abzuhelfen, hat, wie der Reichsanzeiger mittheilt, der preußische Minister des Innern die Regierungspräsidenten ersucht, auf die zur Verwaltung des Innern gehörigen Behörden in dem Sinne einzu- wirken, daß die Lieferungen, die von den Behörden zu vergeben sind, soweit dies angcht, gleichmäßig über das ganze Jahr vertheilt werden. Dies wird sich besonders bei der Vergebung der Herstellung von Bekleidungsstücken durchführen lassen, damit dadurch in dem betr. Betriebe eine gewisse Stetigkeit erzielt wird, die nicht nur dem Betriebsinhaber allein, sondern auch seinen Arbeitern zu Gute kommt. Vor Allem soll darauf gehalten werden, das alle Vergebungen von Lieserungs- arbeiten möglichst frühzeitig erfolgen, und daß aus- 1 reichende Lieferungsfristen gewährt werden, die ein ruhiges und gleichmäßiges Fertigstellen der Arbeiten gestatten.
— Die Rekruteneinstellungen erfolgen in diesem Jahre nicht erst im November, sondern schon in den «Tagen vom 14. bis 17. Oktober.
— Eine Skandalafsaire, die in allen Theilen Deutschlands viel Staub aufzuwirbeln geeignet _ ist, wird demnächst die Gerichte beschäftigen. Gestern wurde hierselbst die frühere Hebamme V., sowie deren „wilder Ehemann", ein Schlächtergesellc verhaftet. Frau B. hat sich durch zahlreiche Zeitungs-Annoncen Frauen und „Jungfrauen" zur Ertheilung von Rath- Ichlägen in „diskreten Angelegenheiten" empfohlen. Ihre „Gefchäftsempfehlungen" hatten einen großartigen Erfolg, denn aus allen Theilen des Reichs strömten i!ü Aufträge zu. Die hiesige Kriminalpolizei war !ch°n seit längerer Zeit auf ihr Treiben aufmerksam geworden und stellte ihr, um sie endlich fassen zu können, eine Falle. Frau B. ging in dieselbe "bnunglos hinein und überlieferte sich so selbst der Behörde, die nunmehr eine Haussuchung in ihrer von dem Schlächtergesellen unter falschem Namen gemietheten Wohnung abhielt. Dort fand man die ordnungsmäßig geführten Geschäftsbücher der weisen Frau, die ein geradezu verblüffendes Resultat ergaben. Die ehemalige ^’WHme hatte die Namen und Wohnungen aller der- stuigen Damen genau ausgezeichnet, die von ihrer
„Hilfe" Gebrauch gemacht hatten und sogar die Beträge ausgezeichnet, die ihr für ihre Bemühungen gezahlt worden waren. Es ergab sich, daß sie, wie gesagt, ihre „Kundschaft" in allen Theilen Deutschlands hatte Für die Personen, die mit ihr im verbrecherischem Verkehr gestanden haben, wird derselbe ein mehr als unangenehmes Nachspiel haben. Die gerichtlichen Untersuchungen sind in vollem Gange. Den eigentlich geschäftlichen Theil des Unternehmens hatte der ebenfalls verhaftete Fleischergeselle in der Hand. Er versandte die Annoncen an die Zeitungen, miethete die Wohnungen und war überhaupt der Vertreter seiner angeblichen Frau, gegen welche das Verfahren wegen Vergehens gegen § 219 des Strafgesetzbuches (Tödtung keimenden Lebens bezw. Beihilfe) eingeleitet wird.
Gotha, 19. Aug. Nach dem letzten Bülletin und der Aussage der Aerzte ist das Ende des Herzogs jeden Augenblick zn erwarten. Eine eingehende Konferenz des Staatsministeriums mit dem Herzog von Edinburg hat gestern Abend in Oberhof stattgefunden.
München, 14. Aug. Wie dem „Bayerischen Kurier" aus München geschrieben wird, sind beim Jnfanterie-Leibregi- ment nnnmehr bereits 81 Mann der Typhus-Epidemie zum Opfer gefallen. Eine große Anzahl Ertränkter liegt zur Zeit noch im Garnisonlazarett, während die Rekonvaleszenten an verschiedenen Ortschaften in der Umgebung von München untergebracht worden sind. — Wie der „Frankfurter Zeitung" aus Ulm berichtet wird, sind am Freitag aus dem Rückmarsch des gegenwärtig dort einquartierten zweiten Infanterie-Regiments vom Exerzierplatz auf dem Lerchenfeld gegen 40 Mann vom Hitzschlag betroffen worden und umgefallen. Ein Mann, Postpraktikant Höfel aus Stuttgart, war sofort todt. Die Regimentsübung dauerte sechs Stunden, die Ankunft in Ulm erfolgte erst um 1 Uhr Mittags. — Die Durchschlagskraft der Infanterie - Geschosse ist . geradezu erstaunlich, wie ein Vorfall in der vergangenen Woche zeigt. Bei einer Uebung im Scharfschießen am Kugelfang bei Fröttmaning zog ein Soldat des Jnfanterie-Leibregimcnts falsch auf und brächte die Mündung seines Gewehres gegen den Lauf des Gewehres seines Nebenmannes. Die Kugel schlug an des letzteren Lauf, durchbohrte den Umhüllungslauf, drückte, den M. N. N. zufolge, den inneren gezogenen Lauf an einer Stelle ein und schlitzte den äußeren Lauf wie eine Baumrinde der Länge nach auf. — Cirkusdirektor Eduard Wulfs hat seinen ganzen Cirkus um eine Million Mark an eine englische Aktiengesellschaft verkauft, sich aber verpflichtet, noch 5 Jahre beim Cirkus als Direktor zu verbleiben.
Eine neue Erfindung in der Fahrradbranche ist vor Kurzem in Nürnberg erprobt worden. Es ist eine pneumatische Sattelstütze. Dieselbe ist von so überraschender Wirkung, daß sich das schlechteste Pflaster, im schärfsten Tempo genommen, für den Fahrer nicht mehr fühlbar macht.
Von dem anläßlich der Bäckerei-Ausstellung in Mainz stattgehabten 10. Verbandstag des Bäcker- verbandes „Germania" wurde betreffs der Sonntagsruhe folgende Resolution gefaßt, welche an den Bundesrath, Reichstag und die Bundesregierungen gerichtet werden soll: „Der Centralverband erklärt es für eine unbedingt nothwendige Forderung: 1. daß die Feststellung der Verkaufsstunden den örtlichen Verhältnissen angepaßt und daß die unteren Verwaltungsbehörden ermächtigt werden, die Bäckereien mit den Schankwirthen gleich zu stellen, also den ganzen Sonntag für den Verkauf von Back- und Konditorei-Waaren freigegeben; 2. daß die definitive festzusetzende Sonntagsruhe für Gehilfen und Lehrlinge- auf vierzehn Stunden beschränkt werde."
Rudolstadt, 20. August. Gestern Abend brannten hier 22 Scheunen und 4 Wohnhäuser ab. Bereits am vergangenen Sonntag waren 30 Scheunen in der Stadt niedergebrannt.
Gern. Welch' schlimme Folgen die Liebkosungen eines Hundes nach sich ziehen können, beweist folgender Fall. Eine junge Dame in Gera hatte die Gewohnheit [ sich mit ihrem Schooßhündchen zu necken, wobei es der Hund an Liebkosungen nicht fehlen ließ, welche die junge ’ Dame ahnungslos hinnahm. Plötzlich stellten sich aller-: lei Schmerzen in der Nierengegend ein und ein hin-, zugezogener Arzt konstatirte, daß die Dame am sogenannten -
Hundewurm leide. Eine in Jena ausgeführte Operation konnte das Uebel leider nicht beseitigen; vor einigen Tagen ist die bedauernswenhe junge Dame unter den entsctzliä ften Schmerzen in Gera gestorben.
Nordyausen, 17. Aug. Der „Nordh. C." meldet, ein hiesiges Ehepaar sei unter dem Verdacht der Ermordung ihrer vier Kinder und ihres Vaters verhaftet worden.
Dortmund, 19. August. Auf der Zeche „Kaiserstuhl" ereignete sich eine Wetter-Explosion. Die Zahl der Todten ist noch nicht ermittelt; es dürften aber 50 sein. Eine spätere Depesche meldet: Die Zahl der Todten wird etwa 55 betragen, 30 davon sind verschüttet.
Essen, 19. Aug. Auf der Zeche „König Ludwig" bei Herne wurden gestern Nachmittag durch Entzündung schlagender Wetter im Flötz Karl 7 Bergleute getödtet und 6 verletzt. Der Betrieb ist nicht gestört.
Olpe, 14. Aug. Die von dem Rendantem Wilms begangenen Unterschlagungen in der städtischen Sparkasse betrogen, wie die „Dortmunder Zeitung" mittheilt, nach den jetzt abgeschlossenen Ermittelungen annähernd eine Million, für eine Stadt wie Olpe ein ganz ungeheurer Betrag. Die Bürger haben bereits die Folgen des riesigen Verlustes zu spüren. Statt früher 150 pCt. Communalsteuerzuschlag müssen jetzt 220 pCt. bezahlt werden, während auf die Gewerbe-, Grund- und Gebäudesteuer, diefrüher gänzlich frei waren, jetzt 111pCt. erhoben werden. Gegenwärtig wird die Frage erörtert, ob die Stadtverordneten nicht mit ihrem Vermögen haftbar gemacht werden können. Zu diesem Zweck ist ein Rechtsgutachten von Justizrath Schulz in Hagen eingeholt worden.
Der größte Soldat des deutschen Heeres weilt, nach dem „Echo d. G." gegenwärtig, zu einer 14tägigen Uebung einberufen, in Aachen. Es ist dies ein als Vicefeldwebel eingezogener Referendar aus Gelsenkirchen, der bei übrigens wohlproportionirtem Körperbau die stattliche Größe von zwei Meter sechs Centimeter hat. Seiner aktiven Dienstpflicht genügte der Riese vor einigen Jahren als Einjährig-Freiwilliger beim ersten Garde-Regiment in Potsdam. Eine Photographie dieses großen Vaterlandsvertheidigers befindet sich im Besitze des Kaisers. In Aachen, wie überall, wo derselbe sich zeigt, erregt er begreifliches Aufsehen. Eine passende Uniform fand sich für ihn hier nicht vor, er mußte sich vielmehr seine eigene Uniform aus der Heimath hierher nachschicken lassen.
Verven, 15. Aug. Zwei wegen Raubmordes hier sitzende Gefangene, Schlosser Pyritz aus Lebien und der Handlungsdiener Gustav Seidel aus Limbach, verlangten zu Protokoll vernommen zu werden und legten daraus ein gleichlautendes Geständniß ab, gemeinschaftlich vor wenigen Monaten einen wandernden Handwerksburschen bei Rothenburg und kurz darauf ebenfalls einen armen Reisenden unfern Stade in räuberischer Absicht überfallen und ermordet zu haben.
Ausland.
Wien, 19. August. Aus dem ungarischgalizischen Seuchengebiete in Wien eingetroffene Arbeiter, die einer strengen fünftägigen Beobachtung unterzogen wurden, erzählen, daß schon 6000 Bahnarbeiter aus Ungarn durchbrannten. Die Flucht der Arbeiter sei so rasch vor sich gegangen, daß die Partieführer Lohngeld nahmen und erst in Wien mit den Arbeitern abrechneten.
Aus Agram ist dem Neuen Wiener Tageblatt Folgendes telegraphirt worden: Einer unmenschlichen Bande, welche die Kinderverstümmelung gewerbsmäßig betreibt, um die unglücklichen Geschöpfe für das Bettlerhandwerk auszunützen, sind die Behörden auf dem Kirchenfeste in Biskupec bei Warasdin auf die Spur gekommen. Bisher wurden drei Männer und vier Kinder zu Stande gebracht. Die Kinder, welche im Alter von 8 bis 12 Jahren stehen, bieten einen entsetzlichen Anblick. Zwei Mädchen wurden die Arme und Beine gebrochen, einem Mädchen ein Auge ausgestochen; der Knabe ist bucklig. Die Verstümmlungen wurden den Kindern gewaltsam mit Werkzeugen, welche vorgefunden wurden, beigebracht. Ein Mädchen zeigt noch frische Wunden. Der Knabe wurde so lange zwischen Schrauben und Brettern gepreßt, bis er bucklig wurde. Die Untersuchung wird vom Gerichtshof in Warasdin geführt.
Rußland. Das Finanzministerium ergreift alle, zur