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Erscheint MittwoH u. Samstag Preis mitKreisblatt" uJllustrirtcn Familicnfrcund" Vierteljahr!. 1 Mk.Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg

32 81. Mittwoch, bcn 11. Oktober 1893.

i^SMhitmm °uf dieSchlüchterner Zeitung" yUltU UlilU werden noch fortwährend von allen -^^ Postanstatien und Landbriefutigern ivwic von der Expedition entgegen genommen.

Die fetitMid)rn Brüder.

Die Wahlbewegung hat uns bereits das bemerkcns- werthe Schauspiel eines Kampfes der feindlichen Brüder, Freisinnige Bereinigung" undFreisinnige Bolkspartei", geliefert. In Berlin haben Vertreter der ersteren Rickert, Barth, Hinze und Goldschmidtbeschlossen, bei den Landtagswahlen nicht derFreisinnigen Volks- partei" Gefolgschaft zu leisten, sondern unabhängig und im Gegensatz zu dieser sclbstständigc Candidaten aufznstcllen. Als äußere Veranlassung wird angegeben, daß die Volkspartei in Liegnitz den zur Freisinnigen Vereinigung übcrgetrctcncn Goldschmidt nicht wieder als Candidaten ausgestellt habe und daß in volkspartei- lichen Bezirksvereinen Berlin's kränkende Aeußerungen über das Verhalten derVereinigung" bei der Miliiär- vorlage gefallen seien. Hierzu kommt, daß eine Reihe der bisherigen freisinnigen Vertreter Berlin's nicht mehr als der Hauptstadt würdige Größen betrachtet werden: man will sich zwar gern noch die Herren Virchow, Träger, Munkel, Langerhaus gefallen lassen, aber die Herren Knörckc, Parisius und die beiden Hermes hält man nicht mehr für geeignet, Berlin im Abgcordneten- Hause zu vertreten.

DieFreisinnige Zeitung" des Abg. Richter ist über dieses Verhalten der von der freisinnigen Partei nbgcsaslcr.cnVereinigung" um so mehr empört, als man dergleichen Zeichen von Sctbstständigkeit bei den Landtagswahlen nicht erwartet hatte. Sie hat offenbar geglaubt, daß zwischen den beiden Gruppen keine so tiefcKluft vorhanden sei, daß sie nicht bei den Landtags­wahlen wieder zu Nutz und Frommen seiner Allein­herrschaft überbrückt werden könnte. Jetzt stellt das Blatt den nunmehr in seiner ganzen Schärfe wieder zu Tage getretenen Gegensatz als eine Art Hinterlist der Vereinigung" hin und glaubt ihr einen Gesinnungs­wechsel undichten zu sollen, weil diese in letzter Zeit oft genug eineinträchtiges Vorgehen aller entschieden Freisinnigen" für wüuschcnSwerth erklärt habe. Daraus hat nun freilich Herr Barth in derNation" geant­wortet, daß nach wie vor bei der Vereinigung Neigung zum einträchtigen Zusammengehen bestehe, daß^abcr hierzu eine entsprechende Neigung auf beiden Seiten gehöre, und daß dieVolksparlei" nicht gerade dar­gethan habe, daß sie von der Nothwendigkeit eines friedlichen Zusammengehens beider Gruppen überzeugt sei: die Erlaubniß, für Candidaten der Volkspartei zu stimmen, sei man allerdings auf jener Seite bereit, den Mitgliedern der Vereinigung einzuräumen, aber der Wahlparole der Volkspartei blindlings zu folgen, habe die Vereinigung keine Veranlassung. Aber für solche Sclbststündigkeitsgelüste hat das Richtersche Organ kein Verständniß.

So ist denn der Kampf zwischen beiden Richtungen entbrannt. Die äußeren Veranlassungen, wie wir sie soeben hervorgehoben haben, erklären aber den Zwiespalt durchaus nicht; das Wesentliche ist, daß die im Sommer bei dem Militärgesetz eingetretene Spaltung einen tieferen Grund hatte; die Loslösung der Freisinnigen Vereinigung von der Freisinnigen Volkspartei war ein Protest nicht nur gegen die Tyrannei, welche der Abg. Richter in der Partei auSübt, sondern vor Allem gegen die mehr und mehr radikale und demokratische Richtung der von ihm für gut befundenen Politik, die in einem ewigen unfruchtbaren Neinsagen ihre Hauptstärke sucht. Meinte es dieVereinigung" mit dieser ihrer Abkehr von der Richtcr'schcn Politik ernst, so mußte der Gegensatz selbstverständlich auch bei den Landtags­wahlen zum Vorschein kommen. Und dies ist nun­mehr geschehen. , .

Schwerlich wird sich nach bieten Vorgängen der Kampf auf Berlin allein beschränken; auch in der Provinz werden vermuthlich die Gegensätze schärfer hervortreten, weil sie innerlich begründet sind. Denn die Jahre lang geübte rein negative Opposition, in ber der Abg. Richter und seine Gefolgschaft aller politischen Weisheit letzten Schluß sehen, muß naturgemäß zu einer Auflehnung solcher Kräfte führen, die es für eine jammervolle Rolle hatten, wenn eine Partei sich nur immer zu einem unbedingten Neinsagen entschließt,

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser ist, Sonntag Morgen von Nominten kommend, Montag Vormittag um 10 Uhr öö Minuten in Eberswalde eingetroffen und wurde am Bahnhose von der Kaiserin, welche sich von Potsdam über Berlin dorthin begeben hatte und eine Viertelstunde vor dem Eintreffen Sr. Majestät in Eberswalde anlangte, begrüßt. Beide Majestäten fuhren alsbald von Eberswalde nach Jagd­schloß Hubcrtusstock.

Unser jetziges weittragendes Gewehr und das ranchschwache Pulver bedingen es, den Anzug des Soldaten im Felde möglichst unauffällig zu machen, so daß er dem Feinde einen schlechten Zielpunkt gewährt. AuS diesem Grunde ist schon vor einiger Zeit das weiße Lcdcrzcug der Infanterie fast gänzlich abgcjchnffi und durch schwarzes ersetzt worden. Jetzt haben mir noch die Garderegimenter und die zwölf Grcuadicr- regimenter weißes Lcdcrzcug. Und auch dieses wird wohl bald verschwinden, denn es werden bei diesen Rcgimcntcrn Versuche angcftellt, auf welche Art und Weise das weiße Lcdcrzcug am besten und in kürzester Frist in schwarzes umgewandelt werden kann, ohne daß seine Haltbarkeit beeinträchtigt wird. Im Falle einer Mobilmachung werden alle blanken Messingtheile, wie Knöpfe, Helmadler und Hclmspitzcn rc. geschwärzt, damit sie ihren Träger nicht schon auf weite Entfernungen verrathen.

7. Oktober. In Folge einer vor einiger Zeit vomBerliner Tageblatt" gebrachten Notiz, daß die Tochter eines höheren Offiziers in Brandenburg ber Schwunde« und ein Offiziersbursche in die Compagnie zurückversetzt sei, erschien^ am Freitag her in der Notiz genannte General Kirchhofs in der Wohnung des ' Redacteurs Harich und forderte diesen zu der schriftlichen Erklärung auf, daß er (Harich) ein gemeiner Schuft sei. Als dieser sich weigerte, schoß General Kirchhofs aus Harich. Die Kugel traf die linke Brust und prallte dann ab.

Bad Kissiageu, ß. Oktober. Fürst BiSmarck ist heute Nachmittag trotz des Regens im offenem Wagen mit seiner Gemahlin ausgefallen. Der Fürst sah vortrefflich aus; nichts war von Gebrechlichkeit oder Magerkeit zu merken. Er trug einen Wintermantel, Schlapphut, ein weißes Halstuch, wohl wegen des Insektenstiches, und eine Brille zum Schutz gegen Wind. In einem zweiten Wagen befanden sich Professor Schweninger und eine Verwandte der Fürstin. Alle Reisevorbercituugcn sind getroffen. Die Abreise wird morgen bestimmt erfolgen. Wie derHamb. Karresp." aus zuverlässiger Quelle meldet, trifft Fürst Bismarck morgen Abend 11 Uhr mittelst Sonderzuges in Fried- richSruh ein.

München, 3. Okt. Vor Kurzem ging durch die Zeitungen die Mittheilung, daß die blaue Farbe in den bayerischen MHtärnniformcn durch die preußische Uniformfarbe ersetzt werden solle. ES werden wohl hierüber fachmännische Erörterungen stattgefundcu haben, wobei für die Gleichmäßigkeit der Uniform geltend ge­macht sein dürfte, daß starke Farbenunterschiede bei den einzelnen Kontingenten im Kriegsfall dem Feinde Dispositiousändcrungcn in der gegnerischen Linie durch- sichtigcr machen können. Ob unsere militärischen Autoritäten dieses Moment für mehr oder weniger ausschlaggebend erachten, bleibe dahingestellt, sicher ist, daß der Prinzregent seine Zustimmung zu einer Bc- scitigung der blauen Waffenröcke nicht geben wurde. Damit ist die Frage für jetzt entschieden.

München. Ein ehrsamer Münchener Bürger, ber in den Zeitungen von den vielen in München vor gekommenen Taschcndiebstählen in den letzten Tagen las, wollte sich von ber Wahrheit dieser Zeitungsnotizen persönlich überzeugen. Er steckte eine ziemlich umfang­reiche Brieftasche in die Scitentaschc seines Rockes und begab sich auf den Centralbahnhof. In die leere Brieftasche hatte er einen Zettel gelegt, auf dem die Worte standen:Bei mir findst nix!" Nachdem er sich längere Zeit im Centralbahnhof aufgehalten, dort

während die Mitglieder zu einem unbedingten Jasagen gegenüber einem allgewaltigen Führer verpflichtet sein sollen. Eine derartige Auflehnung ist ein Erfolg ver­sprechendes Zeichen der Gesundung unserer politischen Verhältnisse,

auch mit einigen Bekannten gesprochen hatte, begab er sich nach Hause. Dort angekommen, zog er seine Brieftasche heraus mit bcn Worten:Es giebt doch auch noch brave Leute und nicht lauter Taschendiebe!" Sprach's und öffnete die Brieftasche, und siehe da: aus dem erwähnten Zettel stand, wie die Münchener N. N. zu melden wissen, unter den oben angegebenen Worten die Kunde:Bei mir findst erst recht nix!" Offenbar harte ihm ein gewandter Taschendieb die Brieftasche ent- wendct und dieselbe, als er sieinhaltslos" fand, wieder zugesteckt. Gewiß ein echtes, frechesGaunerstück!

Nürnberg. Der nunmehr den Gläubigern vorgelegte Status der insolventen Hopsenfirma Wilhelm Heiden- heimer in Nürnberg ergiebt eine Passiva von fast 6 Mill. Mark. Mit Hilfe von Anverwandten stellt der Gemein- schuldner 10 Prozent in Aussicht!

Die katholische Gemeinde Oberelsbach in Unter» franken, von der die Absicht eines Massenübertritts zur protestantischen Kirche gemeldet worden war, erklärt die Meldung für falsch. Thatsache sei nur, daß einige Einwohner zu Protokoll gegeben hätten, sie wollten protestantisch werden, wenn die Seelsorge in Oberelsbach in bisheriger Weise fortgeführt würde. Inzwischen ist ber katholische Pfarrer Langer von dort versetzt und dieGcmcinde mit einem audcrenSeelsorgcr versehen worden.

Heidelberg, 30. Scpt. Festgenagelt gehört ein Ausspruch des socialistischen Abgeordneten Dr. Rüdt, welcher in einem unbedachten Augenblick verrieth, was für Gefühle und Gesinnungen die Sozialdemokraten dem kleinen Handwerker gegenüber in ihrem Innern hegen. In einer hier stallgchabtcn Versammlung der sozialdemokratischen Partei wünscht nämlich einGenosse", wie man derStr. Post" schreibt, daß in das Pro­gramm der Sozialdemokraten für den badischen Landtag die Forderung der Abschaffung der Gcfaugenenarbcit und in besseren Ausstattung der Gefängnißbibliotheken ausgenommen werden möge. Dr. Rüdt erwiderte darauf, daß die sozialdcmvkratischc Partei keinen Grund habe, die Kleinmeistcr durch Abwehr der Konkurrenz der Strafanstalten zu schützen; denn die Kleinmeister seien die schärfsten Gegner der Sozialdemokraten, und je eher dieselben verschwänden, desto besser sei es. Diese Aeuße­rung des Herrn Rüdt ist bezeichnend und beleuchtet grell die von den Sozialdemokraten stets geheuchelte Sympathie für die kleinen Leute.

Aus dem Elsaß. Ein schönes Mauöver-Geschichtchen wird von einem Offizier des in Colmar i. E. liegenden Jägerbataillons mitgcthcilt. Als die Quartiermacher des Bataillons in dem elsässischen Dorf Bricdheim ein- trafen und das baldige Nahen der Truppen meldeten, wurde es den Müttern um ihre Töchter angst und bange, und sie beschlossen, um jeglichem Unglück vorzu- beugen, alle heirathsfähigen Mädchen einfach einzu- sperren. Und so ward's auch gemacht. Vier Tage lang, so lange das Bataillon in Briedheim lag, waren alle Mädchen b.'S Dorfes im Schulhaus interniert. Dank dieser energischen Maßregel der Nkütter sei denn auch alles gut abgelaufen!

Trier, 4. Okt. Mit Recht ist dieTrier. Landcs- zeitung" darüber erstaunt, daß die hier zur Ucbung eingczogcnen mehr als 200 Volksschullchrer im Kartoffelschälen geübt werden.

Eodlcnz, 4. Oktober. In dem Prozeß gegen den katholischen Pfarrer Stock in Trier wegen Entführung eines Kindes, sowie gegen die Wittwe Ludwig, die Mutter des Kindes, welcher zur nochmaligen Ver­handlung an die hiesige Strafkammer verwiesen worden war, wurde heute das Urtheil verkündet. Durch dasselbe wird Pfarrer Stock zu drei Monaten, die Wittwe Ludwig zu einem Monat Gefängniß verurtheilt.

ÄouigSWtiitcr, 4. Okt. Der Maurermeister welcher den Bau des eingcstürzten HotelsZum goldenen Drachen" leitete, ist verhaftet worden. Daß bei dem Bau nicht mit der nöthigen Sorgfalt verfahren ist, steht, wie derVoss. Ztg." geschrieben wird, außer Zweifel. Der Bürgermeister und der Stadtbaumeister von Königs­winter halten Einspruch gegen bcn Bauplan erhoben. Das Gericht, gestützt auf das Sachverständigcnzeugniß des RegiccungSbaumeisters, hatte den Bau gestattet. Die städtischen Behörden Köuigswiuter hatten Berufung gegen die gerichtliche Entscheidung eingelegt, der Bürger­meister hatte sogar den Weiterbau untersagt und " die Arbeiter, die auf Anweisung des Unternehmers weiter- gearbeitet hatten, mit Geldstrafen belegt. Das Gericht