WüchtemerMtung
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84. Samstag, den 21. Oktober 1893.
Unsere Kaiserin
feiert am 22. Oktober ihren 35. Geburtstag. Mit der Feier im vorigen Jahre war die Taufe der am 13. September 1891 geborenen Prinzessin Viktoria Luise, des jüngsten Kindes des Kaiserpaares, zusammengefallen. Die Segenswünsche, die damals zu dem Thron der Kaiserin für ihr und der ganzen kaiserlichen Familie Wohl emporstiegen, haben sich in dem abge- laufenen Jahr erfüllt. Es war ein Jahr ungetrübten Familienglückes und segensvoller Arbeit an der Seite ihres Gemahls, in Mitten der sechs Prinzen und der kleinen Prinzessin, zum Vorbild und Heile für ihr Volk, das voll Liebe und Dankbarkeit dem Wesen und Wirken der hohen Frau zugethan ist.
Im Frühjahr begleitete die Kaiserin den Kaiser nach Italien zur Feier der silbernen Hochzeit des italienischen Königspaares. Das war wohl das wichtigste äußere Ereigniß während des verflossenen Lebensjahres für die hohe Frau, welche neben den Eindrücken bei den großen Empfängen und Festen die mancherlei künstlerischen Anregungen, die der dortige Aufenthalt bot, mit verständnißvollem Eifer in sich anfnahm. Wie sie hier an der Seite des hohen Gemahls durch ihre hinreißende Liebenswürdigkeit und Güte dazu beigetragen hatte, das deutsche Ansehen zu befestigen, so stand sie ihm auch sonst mannigfach bei der Ausübung seiner Herrscherpflichten treulich zur Seite. Während der Manöver stattete sie dem Rhein- lande einen Besuch ab und war später mit dem Kaiser vereint am Hofe in Stuttgart.
In der Rheinprovinz hatte sie den Werken der Menschenliebe und Barmherzigkeit ihre besondere Aufmerksamkeit zugewandt, und was die hohe Frau auf diesem weiten Felde edlen Frauenberufs für den ganzen Staat gewirkt hat, anregend, fördernd, helfend, wo sie konnte, das ist nur zum Theil allgemein bekannt. Unter ihrer Protection ist der kirchlichen Noth gesteuert worden, neue Kirchen wurden eingeweiht, andere sind im Bau begriffen. In den großen grauen vereinen war sie der Mittelpunkt werkthättger Hülfe. Wo es ging, hat sie nicht nur selbst die Wohlthätigkeit geübt, sondern auch die Herzen Anderer geöffnet, damit der Geist christlicher Liebe in immer weitere Kreise bringe und den Kranken, den Mühseligen und Beladcnen Trost, Linderung und Versöhnung werde.
Es ist ein hohes Glück für ein Volk, eine Fürstin zu besitzen, die mit solcher Anmuth und solchem Edelsinn ihren Herrscher- und Frauenberuf erfüllt. Möge das deutsche Volk seine Kaiserin noch viele Jahre so glücklich und segensvoll walten sehen!
Ein Gedenktag.
Am 16. Oktober waren 100 Jahren verflossen, seitdem die Königin Marie Antoincite von Frankreich das Blutgerüst bestieg. Die Königin hatte mancherlei an dem Hasse, mit dem sie der Pöbel verfolgte, verschuldet. Nachdem ihr Gemahl zur Herrschaft gelangt war, hatte sie sich ausschweifenden Neigungen hingegeben; nicht daß sie für ihre Person sittenlos gewesen wäre, keineswegs, aber sie lebte leichtsinnig und verschwenderisch und vertändelte mit großen und kostspieligen Schäferspielen die Zeit. Ihrem Bruder, dem nachmaligen Kaiser Josef von Oesterreich, war es bei einem Besuche in Paris gelungen, ihr die Gefahren, in die sie mit unbesorgtem Lebenswandel hineintrieb, vor Augen zu stellen und sie für eine ernstere Lebensführung zu gewinnen. Bei dem Volke aber blieb sie ungeliebt. Je schlimmer sich die Dinge für das Königthum wendeten, um so mehr gewann die Königin ihre Würde und Hoheit zurück und entfaltete in den schweren Unglückstagen die edelsten Seiten ihres Characters. Mit der größten Standhaftigkeit ertrug sie die Leiden des Gefängnisses, den Tod des Königs und schließlich ihre eigene Hinrichtung. Esj steht seit, daß sie nicht für das, was sie früher gefehlt haben mochte, den Tod erlitt, sondern daß das böse Gewissen der Schreckensmänner die hoheitsvolle Vertreterin des Königsthums aus der Welt schaffen wollte. Fiel doch auch bald nachher das Haupt der frommen Schwester des Königs, der Prinzessin Elisabeth, unter dem Richtbeil; auch sie bewahrte bis zum letzten Athemzuge ihre Standhaftigkeit, obgleich die Henker so grausam waren, sie als letzte von 2ö Begleiterinnen hinzurichten.
In Frankreich hat man es unterlassen, den 16. October wie die anderen Erinnerungstage der „großen Revolution" zu feiern. Eine solche Feier halte auch sehr schlecht zu dem Empfange der Vertreter des Zaren, die just an diesem 16. October in Paris eingetroffen sind, gepaßt. Das Organ der deutschen Socialdemokratie „Vorwärts" ist darüber sehr ergrimmt. Es schreibt u. A.: „Nicht an die Völkerbcfreiuug denkt Frankreich, es sinnt blos zu gefallen dem russischen Zaren. Gänzlich seiner Würde vergessend, berauscht es sich an dem Anblicke der Bilder russischer Großfürsten und russischer Uniformen. Es gibt kein widrigeres Bild als die Erben der französischen Revolution sich herabwürdigen zu sehen zu knechtscligcn Bewunderen des russischen Despotismus. Das französische Proletariat erstarkt glücklicherweise, ihm ist es vorbehalten, die Ehre seines Vaterlandes zu retten.“
Nach sozialdemokratischer Auffassung können die Schreckenslhaten dcrPöbclhcrrschaft vor hundert Jahren gar nicht genug gefeiert werden, als alle politischen Gegner der Robespielre, St. Just u. s. w., hingerichtet, die „Verdächtigen" in den Kerker geworfen wurden und Massenmorde der Nicherfüllung der Gefängnisse Vorbeugen mußten, als Zustände herrschten, die kürzlich ein liberales Blatt vollkommen richtig wie folgt schilderte: „Der fortschreitenden Entwerthung des Papiergeldes stellte man „bei Todesstrafe" den Zwangcourö der Assignaten, der stetigen Preissteigerung des Brodes und des Fleisches auf allen Märkten, in der Hauptstadt wie in den Provinzen, „bei Todesstrafe" das.Maximum, die gesetzliche Taxe gegenüber. Aber die Assignaten fielen trotz der Guillotine; war die Zufuhr vom Lande nach den Städten schon früher eine überaus spärliche gewesen, so vertrieb das Maximum sie vollends. Wie in einer belagerten Stadt oder bei einer Hungersnoth wurde wiederholt 1793 und 1794 das Brod rationen- weise in Paris verkauft. Die Ansammlung und der Streit der Frauen vor den Bäcker- und Schlächterläden ist eins der charakteristischen Bilder der Revolution: täglich wiederholten sie sich, bald in fratzenhaften, bald in demitleidenswerthen Zügen. Noch im Jahre 1795 sind die Berichte der Polizcibcamteu voll von der Noth, dem Jammer und der Entbehrung des armen „souveränen" Volkes, das weder Brod noch Fleisch, weder Licht noch Holz hat."
Alle Massenmorde, alle Ausplünderung der Schlösser und Kirchen, alle Confiscationen der Güter der Emigranten konnten die Hungersnoth nicht bannen und dem armen Volke nicht gewähren, was eS vor Allem brauchte: Arbeit. Und einen solchen Zustand äußerster Barbarei wagen unsere Sozialdemokraten als völker- befrcienb zu feiern.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. Oktober. Der Kriegsminister von Kalteuborn-Stachau hat dem Kaiser vorgestern in Hubertusstock abermals sein Entlassungsgesuch unterbreitet. Der Kaiser hat dasselbe nach Auffassung gut informirter Kreise genehmigt. Als muthmaßlichen Kriegsminister nennt man den cömmandirenden General des fünfzehnten Armeecorps von Blume.
— Das Reichsversicherungsamt hat entschieden, daß, wenn die Invalidenrente geringer ausfällt als die Altersrente der Rentenberechtigte den Anspruch auf Auszahlung der Altersrente erheben kann. Es sei zwar eine Lücke im Gesetz; aber diese müsse im Geiste des Gesetzgebers ausgefüllt werden, der denjenigen, der bereits die Altersrente beziehe, durch die Zubilligung der Invalidenrente nicht schlechter gestellt wissen wollte.
* — Ueber die geplante Neuorganisation der preußischen Staatsbahnverwaltung erfährt die „Börsen- zeitung", daß die eigentliche Direktion aus 6 Mitgliedern bestehen soll, wovon 5 Juristen (eventuell 5 Juristen und 1 Techniker) sein müssen. Man erhoffe durch die Neuorganisation neben einer erheblichen Vereinfachung des Geschäftsganges recht nennenswerthe Ersparnisse im Etat der allgemeinen Verwaltung. Die Direktionsbezirke würden wesentlich verkleinert und deshalb in vielen Orten neue Direktionssitze errichtet. Es dürfte sein Direktionsbczirk mehr als 1000 bis 1400 Kilometer umfassen. Die Erfurter Direktion würde um die Strecke Bebra-Kassel und um die meisten der der östlich der Route Leipzig-Berlin liegenden Linien verkleinert,"
— Der Bund der Landwirthe hat in seiner Aus- schußsitzung am Montag folgende Resolution angenommen: Die deutsche Landwirthschaft kann eine Verschärfung ihres schweren Existenzkampfes durch eine Herabsetzung der Eingangszölle auf russisches Getreide nicht ertragen. Rußland hat durch seine billigen Arbeitskräfte, seine Ranbwirthschaft in Folge seiner Gemeiudeverfassung und seinen niedrigen Geldwerth- stand Deutschland gegenüber einen bedeutenden wirth- schaftlichen Vorsprung. Die Herabsetzung der Zölle auf russischen Weizen und Roggen unter 5 Mark für den Doppelzentner und die Herabsetzung anderer Zollsätze aus landwirthschaftliche Erzeugnisse Rußlands hatten zur Folge, daß unsere.Landwirthschaft in eine unhaltbare Lage der russischen gegenüber versetzt wurde. Wir bitten daher die verbündeten Regierungen und den hohen Reichstag, es bei den bisherigen Zollsätzen aus Erzeugnisse russischer Landwirthschaft zu belassen und insofern der Werthstand des russischen Geldstandes noch weiter sinkt, dieser Werthvermindcrung sich anpassende Zollerhöhungen festzustellen.
Aus Buden. Der Großherzog von Baden hat am Sonntag bei einem in Neckarau statt gehabten großen Kriegerfest eine längere Rede gehalten, in der er die Pflicht betonte, den Heranwachsenden Geschlechtern die Dankbarkeit gegen die Helden des Jahres 1870 einzu- pflanzen. Die erlangte Macht und Größe werde nicht mehr nach ihrem genügenden Werthe geschätzt, die Kraft der Nation müsse ungeschwächt erhalten werden. Die Befähigung dazu verleihe die Schule des Heeres. Im Laufe dieses Jahres habe er Veranlassung genommen, den Militärvereinen zu empfehlen, mit Wort und That für die Ehre und Macht des Reiches einzu- treten. Diese Mahnung habe man erfreulicherweise befolgt; er ermähne auch heute zu gleicher Thatkraft, denn es gelte die vaterländische Gesinnung für Reich und Heimath zu bekunden.
Würzburg. Gegen den bayerischen Lieutenant Hoff- meifter endete die erst Dienstag Nacht ll3/« Uhr geschlossene Verhandlung vor dem Militärbezirksgericht in Würzburg mit der Freisprechung Hoffmeiftcrs. Da die Verhandlungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt wurden, bleibt es unaufgeklärt, was die Zeugenaussagen im Einzelnen ergeben haben. Nach dem, was bisher angegeben war, sollte das Verbrechen des Herrn Hoff- meister darin bestanden haben, daß er sich gelegentlich mit Soldaten, die zufällig seine Untergebenen waren, nicht blos über militärische Dinge, sondern auch über allgemeine soziale Dinge unterhielt, ohne übrigens das bestehende politische System zu trüifiren, und hierbei auch zuweilen die ursprüngliche Gleichartigkeit der Menschen zu erörtern.
Posen, 16. Oktober. Der Arbeiter Kokocinsky, welcher wegen Tödtung seiner ersten Frau mit 4 Jahren Zuchthaus vorbestraft ist, erwürgte heute seine zweite Ehefrau.
Nuskand.
Paris, 17. Oktober. Marschall Mac Mahon ist heute Vormittag 10 Uhr auf Schloß La Foret gestorben. Mac Mahon, der Sieger von Magenta und der Besiegte von Sedan, wurde am 28. November 1808 zu Sully bei Autun geboren, er hat somit ein Alter von nahezu 85 Jahren erreicht. Er war ein tapferer Soldat und ein rechtschaffener Charakter. Nach dem Sturze Thiers wurde er auf Betreiben der Monarchisten zum Präsidenten der Republik erwählt. Während der ersten Jahre wurde er auch trotz der Begünstigung des Ultramontanismus von den Republikanern nicht ernsthaft befehdet. Er blieb noch bis Ende 1879 im Amte, dankte aber dann ab und lebte seither als Privatmann. — Der berühmte französische Komponist Charles Gonvad ist am Dienstag in Paris gestorben. Er war am 17. Juni 1818 zu Paris geboren, seine erste Oper „Sappho" ist dort im Jahr 1851 aufgeführt worden. L>cin berühmtestes Werk ist „Faust -und Margarethe", auch die „Königin von Saba" wird viel gegeben.
Schweden. In dem großen Erdrutsch, der vor kurzem in Vürdal stattgefunden hat, hat sich ein Riesen- kessel Don 2400 m Umkreis und 30 m Tiefe gebildet, von dessen Scitcnwändcn häufig Abstürze mit donner- ähnlichem Getöse stattfinden; 1300 m von einer neuen Weganlage sind dadurch zerstört worden.