SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u „Jllustrirten Familienfreund" vicrteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf. »M 89. Mittwoch, den 8. November 1893.
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Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser wird wie bekannt den Reichstag ' am 16. d. M. persönlich eröffnen. Die Wichtigkeit der bevorstehenden Session wird dadurch dokumeutirt. In der Regel erfolgt nur die Eröffnung der ersten Session der Legislaturperiode durch den Kaiser selbst; innerhalb der Legislaturperiode vollzieht sich die Eröffnung der Sessionen nur in einfacher Form und ohne besonderen höfischen Glanz. Der Schwerpunkt der bevorstehenden Reichstagssession liegt in der Lösung großer finanzieller Aufgaben. Es handelt sich einmal darum, die Mittel zu beschaffen, welche zur Deckung des durch die Heeresverstärkung entstandenen Mehraufwandes erforderlich sind, und zum Andern um eine Konsolidirung der Reichssinauzen und eine Regelung des finanziellen Verhältnisses zwischen dem Reich und den Einzelstaaten. Zu dem Zwecke sind die eigenen Einnahmen des Reiches zu vermehren, was durch Einsetzung der jetzigen Tabaksteuer, Erhöhung einer Weinsteuer und weitere Entwickelung der Stempelsteuern (Erhöhung der Börsensteuer, Einführung eines Quittungsstempels und eines Frachtscheinstempels) erfolgen soll.
— 2. November. Ein verstorbener Berliner Bürger Namens Schmidt hatte der Stadt Berlin 1 ’/a Millionen zur Errichtung eines Findelhauses vermacht. Die Erben hatten diese Schenkung angesochten, sind aber Dom Reichsgericht mit ihren Ansprüchen zurückgewiesen worden. Der Kaiser hat nunmehr dr.r Stadt die Annahme dieses Legats gestattet, dabei aber den Wunsch ausgesprochen, daß die neu zu errichtende Anstalt nicht Findelhaus, sondern Kinderasyl heißen möge.
— Bei allen Truppentheilen ist im Winterhalbjahr für die Unteroffiziere und Kapitulanten ein regelmäßiger
. Unterricht eingeführt worden, der sich auf die Fächer: Deutsch, Rechnen, Geschichte, Geographie, Briefsticl rc. erstreckt; es werden dazu Lehrer der am Ort befindlichen Schulen gewonnen. Durch diesen Unterricht sollen in erster Linie die Lücken des Wissens wieder auSgefüllt werden; sodann kommt es aber darauf an, die Avan- eirten im Voraus für ihren künftigen bürgerlichen Beruf vorzubereiten. Dadurch sind schon viele Militäranwärter später zu angesehenen Civilstellungen gelangt. Bei verschiedenen Regimentern wird auch in Stenographie und im Französischen Unterricht ertheilt. Wie für die Weiterbildung der Unteroffiziere gesorgt wird, so erhalten auch die Mannschaften, welche mangelhaften Elementarunterricht genossen haben, Unterweisung im Schreiben, Rechnen und Deutsch. Bataillone unterhalten Bibliotheken zum Gebrauch der Mannschaften. Jedes Regiment . wendet für diesen nachträglichen Schulunterricht der Avancirten und Mannschaften über 1000 Mark jährlich auf.
— Das preußische Justizministerium hat nach der „Köln. Ztg." einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der sich gegen die Güterzertrümmerung richtet und dem Landtage vermuthlich in der kommenden Tagung vorgelegt wird. Ueber den Inhalt desselben verlautet noch nichts Näheres, doch scheint soviel kestzusteheu, daß man sich dabei dem württembergischen Gesetze von 1851 anschließt, welches die Genehmigung der Verwaltungsbehörde für die Par- zellirung von Grundstücken vorschreibt.
—• Ueber den Abzug von Gebäudesteuern für die Abnutzung der Gebäude hat der Finanzminister Miguel an die Vorsitzenden der Einkommensteuer-Berufungs- kommissionen eine Verfügung erlassen, in der empfohlen wird, daß sich die Vcranlagnngskommissionen vor dem Beginn der Veranlagungsgeschäfte darüber schlüssig machen, welcher Prozentsatz des Bauwerthes der Gebäude ortsüblich als ein angemessener, die jährliche Ausnützung ausgleichender zu gelten habe, und alsdann diejenigen von dem Zensiten in Anspruch genommenen Absetzungen, welche sich innerhalb dieses Prozentsatzes bewegen, unbeanstandet zu lassen. Bei der Abstufung der für die einzelnen Gebündcklassen maßgebenden Prozentsätze ist auf die durchschnittliche Nutzungsdauer, Bauart und Benutzungsweise der einzelnen Baulichkeiten die erforderliche Rücksicht zu nehmen. In ähnlicher Weise werden Normen darüber aufgestellt werden können, bis zu welcher Höhe die von den Steuerpflichtigen für die Unterhaltung der ihnen gehörigen Wohngebäude und für gewisse, dem Hauseigenthümer obliegende Nebenleistungen, wie Lieferung des Gases, Wassers u. s. w. in Abzug gebrachte Beträge unbeanstandet zugelassen werden dürfen. Hier
bei wird indessen nicht eine bestimmte Quote des Bauwerthes des Gebäudes der Berechnung zu Grunde zu legen sein. Aufgabe des Vorsitzenden der Bcrufungs- kommission ist es, über die Höhe der von den Vcran- lagungskommissionen für angemessen erachteten einzelnen Prozentsätze sich zu unterrichten und auf die Herabsetzung der etwa zu hoch angenommenen Quoten in geeigneter Weise hinzuwirken, event, durch Anweisung den Vorsitzenden zur Einlegung der Berufung aufzufordcru.
Nordhause». Ein wahres Unikum aus der Gerichtspraxis theilt man aus den letzten Tagen der diesjährigen Ferienstrafkammer in Nordhausen mit. Dort war eine ganze Anzahl von Zeugen in einer Strafsache auf Morgens 9*/s Uhr geladen, deren Abhandlung sich bis auf 7 ’/j Uhr Abends verzögerte, so daß die Geladenen volle 10 Stunden im Korridor herumstchen mußten. Dazu eine dreistündige Verhandlungsdauer, macht 13 i/a Stunden. Der Vorsitzende der Strafkammer nahm denn auch Gelegenheit, am Schlüsse der Sitzung hierüber sein Bedauern auszusprechen. Die große Verzögerung sei lediglich auf die Gerichtsferien zurückzuführen, die stets eine außerordentliche Ueber- lastung der Gerichtsorgane zur Folge hätten.
Ein sonderbares Verbrechen fand heute vor dem Schwurgericht in Braunschweig seine Sühne. Der 24 Jahre alte Tischlergeselle Louis Hcyder in Blankenburg hatte ein Liebesverhältniß mit der 16jährigen Jda H. Die Mutter war aber mit dem Verhältniß ihrer Tochter nicht einverstanden, so daß das Mädchen in Gegenwart von Fremden sich kühler gegen ihren Bräutigam zeigte. Heyder nahm sich dieses sehr zu Herzen und stieß mehrmals Drohungen aus. Als ihm einmal das Mädchen eine Geschichte erzählt hatte, nach der ein Ehemann auf dem Sterbebette seiner Frau die Nase abgebissen habe, damit kein anderer Gefallen au ihr finde, sagte er auch zu dem Mädchen: „Wenn Du mir untreu wirst, beiße ich Dir die Nase ab." Am 9. Juni ging Heyder mit der Jda H. nach dem Schützenfest in Hüttenrode. Auf dem Rückwege ergriff er plötzlich das Mädchen beim Kopfe und biß ihr die Nase ab. Das Mädchen fiel ohnmächtig zu Boden. Heyder lief fort und stürzte sich ins Wasser. Hinzukommende Leute holten ihn wieder heraus und brachten ihn und das Mädchen nach Blankenburg. Dem Mädchen wurde später an Stelle des ab- gebisseuen Rasenstückes mit Hülfe einer sogen, plastischen Operation ein neues gesetzt; doch ist eine dauernde Entstellung die Folge geblieben. Heyder, der über die Veranlassung zu seiner That und die Absicht, die er damit verfolgte, keine Auskunft zu geben vermag, wurde zu einer Zuchthausstrafe von 2 Jahren und 6 Monaten verurtheilt.
Straßbnrg, 2. Nov. Der deutsche Förster Reiß von Plaine bei Schirmeck traf gestern fünf französische Wilderer auf deutschem Gebiete, 200 Meter von der Grenze entfernt. Die Wilderer schössen zuerst. Der Förster blieb unverletzt und tödtete darauf zwei Wilderer. Der Staatsanwalt und das Gericht haben sich sofort nach dem Thatort begebeu und festgestellt, daß der Förster Reiß im Falle der Nothwehr gehandelt habe.
Kaiserslautern, 1. November. Der bayerische Landtagsabgeordnete und Kommerzienrath G. M. Pfaff ist am 30. Oktober plötzlich infolge eines Schlagflusses im Alter von 71 Jahren gestorben. Der Verstorbene war Besitzer der weltbekannt gewordenen Nähmaschinen- fabrik von G. M. Pfaff in Kaiserslautern, die der amerikanischen Maschinen - Industrie gar gewaltige Konkurrenz machte. Dabei ist das Pfaff'sche Fabrik- Etablissement noch ziemlich jungen Datums, denn der Verstorbene hat selbst die Fabrik gegründet, und zwar Anfangs der 60er Jahren.
— Schnlpiüfung betr. Am „Neuen Gymnasium" zu Regcnsdurg fielen in diesem Jahre zwei Schüler, welche sich dem „Absolutorium" unterzogen hatten, mit allen Stimmen der Lehrer durch. Der eine beruhigte sich dabei nicht und legte bei dem Ministerium Berufung ein. Diese hatte den Erfolg, daß die Prüfungskommission angewiesen wurde, dem Beschwerdeführer unter Aufbesserung seiner ursprünglichen Note 11, 78 ohne irgendwelche Nachprüfung das Reifezeugnis; nachträglich aus- zustellen. Die Ministerialentschließung, die auf Grund, eines eingehenden Gutachtens des Obersten Schulraths j erging, hat insofern weittragende Bedeutung, als damit die Ansicht von der Unabänderlichkeit eines Lehrerrathsbeschlusses widerlegt ist.
Duderstadt, k.Nov. Gestern Morgen starb hierselbst hochbetagt die Mutter des Kardinals Kopp, Fürstbischofs von Breslau, Wtw. Wilhelmine Kopp, geb. Oppermann.
— Im Dorfe Bantikow bei Kyritz haben, wie die „Kyr. Ztg." meldet, die Schulkinder seit einigen Tagen Ferien, weil der Lehrer kein Holz hat, die Schule Heizen zu lassen. Der Patron, Rittergutsbesitzer R., hat die Verpflichtung, der Schule 2'/2 Meter Kiesern-Klobenholz zu liefern, während die Gemeinde die Kohlen kauft. Statt des Holzes hat vor einiger Zeit der Patron dem Lehrer 6 Mk. 75 Pfg. geschickt; der Lehrer behauptet nun aber, daß ihm Niemand für dieses Geld 2'/, Meter Holz verkaufen will, und hat das Geld zurückgeschickt. Herr R. hat aber bis jetzt kein Holz gesandt, und da die Kohlen der Gemeinde nicht brennen, wenn sie nicht mit Holz angezündet werden, so mußte die Schule geschlossen werden.
Ausland.
Rom, 4. November. Die römische Polizei kam einem der großartigsten Schwindel des Jahrhunderts auf die Spur. Eine Gaunergesellschaft unter Führung der französischen Gräfin Saint Arnaud (einer Enkelin des Marschalls), eines angeblichen Herzogs Foscolo di Bustello und des Schriftstellers Martinucci nützte in frivolster Weise die fromme Theilnahme aus, welche die ausländischen Ultramontanen für das Schicksal des Gefangenen im Vatikan hegen. Die Gaunerbande streute das Gerücht aus, Leo sei nicht sowohl der Gefangene Italiens, als vielmehr der unter dem Klerus verbreiteten Freimauerei und liege in den unterirdischen Verließen des Vatikans gefangen, während ein falscher Papst (angeblich ein Dämon) in Gestalt Leos auf dem Ätmfl Petri sitze. Die Gaunerbande sammelte nun Gelder, um den Papst zu befreien und nach Frankreich zu führen. Thatsächlich fiel auch eine Anzahl fron- zöstscher Priester und Laien auf der Schwindel herein und spendeten erhebliche Summen für die Befreiung Leos. So gaben Monseigneurs Chai und Glenard allein über zwanzigtausend Lire, andere Summen liefen aus allen Himmelsgegenden ein, da die Gauner überall Cirkulare zur Subskription verbreiteten. Auf Veranlassung des Vatikans hat die Polizei nunmehr die ganze^ Gesellschaft verhaftet.
Santander, 4. November. Im hiesigen Hafen ist ein mit Dynamit beladenes Schiff in Brand gerathen und unter ungeheurem Krachen in die Luft geflogen. In der Stadt und deren Umgebung sind alle Fenster gesprungen, die brennenten Trümmer sind weit fortgc- schleudert wordeu. Das Schiff, auf welchem die Explosion stattfand, war der „Cabomachichaco". Man schätzt die Zahl der Getödtetcn auf 300, die der Ber- mundeten auf über 1000. Das Feuer brach in dem Waarenraum aus und verbreitete sich nach einer Kammer, welche 18 Kisten Dynamit als Kontrebande neben einer Ladung Petroleum _ enthielt. In diesem Augenblick fand die Explosion statt. Die Bemannung des Schiffes wurde sofort getödtet, ebenso die des transatlandischen Dampfers „Alphous XIl.", welcher zur Hülfeleistung herbeifuhr, ferner zahlreiche andere Personen, alle bei her JöeiDältigung des Brandes thätigen Gendarmerie- Offiziere und Gensdarmen, außer zweien, der leitende Kapitain, sein Stellvertreter und der erste Steuermann. Die Trümmer wurden weit fortgeschleudert, fielen auf die benachbarten Häuser, zerstörten die Eisenbahngeleise und verwundeten und tödteten eine große Zahl Menschen. Gleichzeitig wurden zehn Häuser in Brand gesetzt. Ein Personenzug, der gerade in den Bahnhof einlief, wurde zertrümmert, mehrere Reifende wurden getödtet oder verwundet.
Der amerikanische Löwenbändiger Pearson ist während einer Vorstellung in der Menagerie zu Eharksw in schrecklicher Weise um's Leben gekommen. ^n dem Augenblicke, als er den Kopf in den Rachen eines Löwen gesteckt hatte, schloß daS Thier die Kinnbacken. Peaisoil s Kopf wurde vollständig vom Rumpfe getrennt. Unter dem Publikum herrschte eine furchtbare Panik; Alle eilten in^ Freie, und bei dieser Flucht wurden viele Personen schwer verwundet.
Belgrad, 1. November. Unter dem Eindruck eines furchtbaren Verbrechens steht heute die ganze hiesige Bevölkerung. Der frühere Justizminister Velrovic, etuei der reichsten Bürger Belgrad's, wurde heute