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Erscheint AUttwoch u. Samstag — Preis ^m „Kreisblatt" u „Jllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Alk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
^U 90. Samstag, den 11. November
1893.
Deutsches Reich.
Berlin. S. M. der Kaiser hat, wie die „Bossische Zeitung" mittheilt, aus Anlaß des Spielerprozesses in Hannover an die Offiziere der Armee eine Kabincts- ordre erlassen, in der er „in unzweideutigen Ausdrücken das Hazardspiel verurtheilt und dasselbe mit den strengsten Strafen bedroht." Die Ordre ist in den einzelnen Ossizierkorvs in den letzten Tagen zur Kenntniß gebracht worden.
— Der in dem Hannöverschen Spielerprozeß zu vier Jahren Gefängniß verurtheilte Rittmeister a. D. v. Meyerinck hat das Ergebniß der von seinem Vertheidiger gegen das Urtheil eingelegten Revision nicht abgewartet. Er hat sich den irdischen Richtern entzogen, indem er am Montag im Gefängniß zu Hannover seinem Leben durch Erhängen ein Ende gemacht hat.
■— 8. November. Es sind nunmehr sämtliche 433 Wahlen zum Abgeordnetenhaus bekannt. Davon entfallen 149 auf die Konservativen, 59 auf die Freikon- servativen, 90 auf die Nationalliberalen, 91 auf das Zentrum, 14 auf die freisinnige Volkspartei, 6 auf die freisinnige Vereinigung, 2 auf die Dänen, 18 auf die Polen, 2 auf den Bund der Landwirthe, 1 auf die Welsen; eine ist unbestimmt.
— In den Kreisen der Destillateure erregt die Veröffentlichung von Gutachten der Gerichtsphysiker Dr. Bischofs und Dr. Bein durch die in Bunzlau erscheinende „Deutsche Destillateur-Zeitung" Aufsehen. Danach wäre es strafbar, als „Nordhäuser Branntwein" oder „Nordhäuser" einen Branntwein zn verkaufen, der aus künstlichen Essenzen hergestellt ist.
— Die Landgemeinde-Ordnung für Hessen-Nassau ist einstweilen zurückgelegt worden. Offiziös wird berichtet, daß aus Rücksicht auf die Reichssteuerreform Aktion, dann aber auch um die unter Mitwirkung des letzten Landtages zustande gekommenen, zum Theil ziemlich tief in gewohnte Verhältnisse einschneidenden Reformen sich besser einleben zu lassen, im Landtage fürs erste größere Vorlagen — außer dem Etat — nicht eingebracht werden.
Graudenz. Heimweh nach dem — Zuchthause. Der seltene Fall, daß ein Verbrecher, der zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt und dann später von Kaiser Wilhelm völlig begnadigt wurde. den Wunsch auschricht, in der Anstalt verbleiben zu dürfen, ist in der L-traf- anstalt Graudenz vorgekommen. Daselbst war ein wegen Doppelmordes zum Tode Verurtheilter, jedoch vom König Friedrich Wilhelm IV. zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigter russischer Unterthan von B., seit dem Jahre 1850 detinirt. Der Verurtheilte war 20 Jahre alt, als seine Aufnahme erfolgte. Nachdem er 43 Jahre lang in der Anstalt verblieben, ist er, wie bemerkt, in Anbetracht seiner guten Führung vom Kaiser gänzlich begnadigt und in seine Heimath nach Rußland entlassen worden. Der jetzt 63 sollte alte Mann vergoß Thränen, als er die Anstalt verlassen mußte, weil er einer ungewissen, sorgenvollen Zukunft entgegenging. Er sprach den Wunsch aus, im Zuchthaus bleiben zu dürfen, ein Wunsch, der ihm nicht gewährt werden konnte. Welchen Erwerb der Begnadigte, der keine näheren Verwandten mehr besitzt, ergreifen wird, um sein Leben zu fristen, hat man nicht in Erfahrung bringen können.
Eine von Erfurt an den Eiseubnhnminister gerichtete Petition wegen Aufhebung der Perronsperre ist abschlägig beschieden worden. ,
Auf einer vor Kurzem in der Gegend von Weimar abgehaltenen Jagd hat ein Jäger einen Kapitalschuß gethan. Derselbe hat nach einem Hasen geschossen, hat aber statt dessen einen in der Nähe pflügenden Bauer, dessen beide Ochsen und den Ackerpflug getroffen. Der Schadenersatz dürfte nicht gering sein.
Ausland.
Madrid, 8. Nov. In Barcelona wurden heute Nacht bei der Einweihung des Theatro licep während des zweiten Aktes von „Wilhelm Tell" zwei Bomben zwischen die Orchestersauteuils geworfen. Die eine der Bomben explodirte und tödtete neun Frauen und sechs Männer, außerdem wurden viele Personen verwundet. Die zweite Bombe explodirte nicht. Zwei bekannte Anarchisten wurden als muthmaßliche Thäter verhaftet, ein dritter Anarchist welcher betroffen wurde, als er eine Bombe unter der Bank versteckte, wurde ebenfalls verhaftet. Von den Verwundeten sind drei im Hospital gestorben.
Die Nachrichten aus Santander lauten immer trostloser. Die halbe Stadt ist zerstört; Der Brand wüthet noch fort und nimmt eine immer größere Ausdehnung an. Die Zahl der Todten wird jetzt auf 500 angegeben. Der Deputirte Graf Pombo, der die Stadt Santander in den . Cortes vertritt, verlor sein Leben beim Unglück.
Südamerika. Ueber einen Seekampf in den brasilianischen Gewässern zwischen dem zur Flotie Meüos gehörigen Panzer „Republiea" und dem Regier nugs- transportschiff „Rio de Janeiro", welcher mit dem Untergang des letzteren endete, wird berichtet. Danach wird zwar dem „Newyork Herald" aus Montevideo gemeldet, Ä«" oiage brasilianische Gesandte die Nachricht von MWWGrgange des Transportschiffes „Rio de Janeiro" für unbegründet erklärt habe. Eine angesehene Zeitung von Buenos-Ayres dagegen will zuverlässig wissen, daß die Nachricht wahr ist und elshundert Mann ertrunken sind. Der „Rio de Janeiro", welcher mit elshundert Mann Truppen für den Präsidenten Peixoto nach Santos unterwegs war, begegnete dem „Republica" und wurde aufgefordert, sich zu ergeben. Beide Schiffe schickten sich zum Kampfe an; „Republika" verfolgte den „Rio de Janeiro" bis Sonnenuntergang und rannte ihn an. Der „Rio de Janeiro" ging unter und die ganze Besatzung ertrank.
Schlaf ist kurz und unruhig — alle Verrichtungen des Körpers lassen zu wünschen übrig.
* — Aus der Strafkammer-Sitzung vom 6. Nov. Auf Anzeige seines Hofnachbars war einem Aufseher in Steinau ein Strafmandat über eine Mark zugestellt worden, weil er seine Hühner ohne gehörige Aufsicht gelassen habe. Beide haben einen gemeinschaftlichen Hofraum und kommt es vor, daß die Hühner des Auf- sehers auf der Miststätte seines mit ihm auf keinem guten Fuße stehenden Nachbars scharren oder sich in dessen Scheuer aufhalten. Hierdurch fühlte sich dieser geschädigt. Das Schöffengericht in Steinau erkannte auf Bestätigung der Strafe, dagegen wurde er auf nochmals erhobenen Widerspruch hin freigesprochen, da nach dem Gesetz nur derjenige strafbar ist, welcher sein Vieh ohne gehörige Aufsicht läßt. In Steinau ist es jedoch allenthalben üblich, daß die Hühner frei herum- laufeu, und ist in Folge dessen auch der Angeklagte nicht verpflichtet, seine Hühner abzuschaffen oder sie in einem umschlossenen Raum einzusperren.
Fülln«, 8. Nov. Der gestern abgehaltene Termin zum öffentlichen, vom Konkursverwalter zwecks Auseinandersetzung unter den Eigenthümern beantragte Verkauf der Molkerei Bronzell verlief insofern resultatlos, als für das Objekt nur 8000 Mark geboten wurden und dies Gebot den Zuschlag nicht erhalten dürfte. — Der Bürgermeister einer Landgemeinde in unmittelbarer Nähe der Stadt Fulda hat wohl in der Annahme, daß er mit einer von dem betreffenden Wirthe zu zahlenden Geldstrafe davon komme, sich beigehen lassen, dem ergangenen landräthlichen Verbote zuwider am vergangenen Sonntag öffentliche Tanzmusik zu gestatten. Wie wir hören wird aber gegen denselben unverzüglich da"- Disziplinarverfahren auf Dienstentsetzung ein- geleitet werden.
Kassel, 5. Nov. Vier Burschen ist es gelungen, bei Benutzung des hier heute früh 8 Uhr eingetroffenen Per- sonenzugs den Eisenbahnfiskus um das Fahrgeld zu be- nachtheiligen und als „blinde Passagiere" zu fahren. Sie kauften sich in Frankfurt a. M. Billets bis zur nächsten Station, versteckten sich später in den Bremshäusern und Abortanlagen und fuhren dann bis Station Wilhelms- Höhe, woselbst einer von ihnen vier Billets kaufte. Als der Betrug bekannt wurde, hatten die Burschen hier schon das Weite genommen.
Frankfurt, 4. Nov. Wie bekannt, waren in diesem Jahre sämmtliche Lehrer des 11. Armeekorps, die ihrer militärischen Pflicht genügen mußten, nach Frankfurt a. M. beordert. Im Gegensatz zu früheren Jahren wurden sie diesmal zum ersten Male allein ausgebildct. Es waren nahe an 500 Lehrer einberufen, die theils die l Owöchige, theils die 6wöchige Uebung ableistend, in zwei starke Kompagnien getheilt waren. Wenn auch der Dienst recht stramm war nnd höchste Anspannung der Kräfte gefordert wurde, so sah man doch stets vergnügte Gesichter. Eine allgemeine Zufriedenheit herrschte bei den „jungen Rekruten" besonders darüber, daß sie ganz und gar unter sich waren. Nach Verlauf der Vorstellungen wurde ihnen von Seiten der Vorgesetzten Anerkennung und Dank für mustergiltige Führung und Strammheit im Dienste ausgesprochen. Seitens der Offiziere und Unteroffiziere wurde ihnen eine zufriedenstellende Behandlung zu Theil. Ausdrücke entehrender Art, wie sie früher hier und da gehört wurden, sind nicht vernommen worden. Wenn in der „Hitze des Gefechts" auch manchmal ein hartes Wort fiel, so wurde darüber hinweg gesehen, wußte man doch selbst aus eigener Praxis, daß die Zunge ein gar zu ungezügeltes Wesen ist und es nicht bös gemeint war. Ein Lehrer wurde, weil er Aufzeichnungen während seiner Uebung gemacht hatte, mit einer Arreststrafe von vier Wochen belegt.
Vom Westerwald, 6. Nov. Eine schauerliche That trug sich, der „Cobl. Ztg." zufolge, in den letzten Tagen in dem nassauischem Dorfe Lochum zu. Der dortige Flurhürer und Ortsdiener lebte schon seit längerer Zeit mit einem Nachbar in größter Feindschaft. Nun war kürzlich der Flurhüter, der auch zur Jagd ging, wegen eines Jagdvergehens von seinem Gegner angezeigt worden. Letzterer war vor einigen Tagen mit seiner Frau in der Scheune beschäftigt, als der Flurhüter hinzukam und denselben wegen der Anzeige zur Rede stellte. Nach einem heftigen Wortwechsel riß der Flurhüter sein Gewehr von der Schulter und streckte seinen
Lokales und Provinzielles
* Schlächtern, 11. Nov.
* — Am Dienstag Abend gegen 10 Uhr entstand im Wohn- und Trockenhaus auf der oberhalb der Stadt an der Bahn belegenen Ziegelei der Herren Schröder £ Pauli Feuer. - Der in der Nähe stationirte Bahnwärter bemerkte zum Glück noch zu rechter Zeit den Brand und weckte die daselbst wohnende und bereits schlafen gegangene Arbeiterfamilie, die denn auch rechtzeitig sich und ihre Möbel in Sicherheit bringen konnte. Der an Rheumatismus leidende Mann mußte herausgetragen werden. Begünstigt durch den gerade wehenden scharfen Wind ergriff das Feuer sehr schnell den ganzen Bau. An Löschen war Wassermangels halber nicht zu denken; das Feuer legte in kurzer Zeit das Haus in Asche. Der hoch über der Stadt lodernde und weithin sichtbare Brand hatte viele Neugierige herbeigezogen, die trotz Kälte und Wind bis Mitternacht auf dem Berge beim Feuer standen.
— Mit dem Schlüsse des laufenden Jahres tritt an Handel- und Gewerbetreibende die alljährlich wieder- kehrende Nothwendigkeit heran, die gerichtliche Einziehung derjenigen Ausstände, welche nach dem kurhcssischen Gesetz vom 14. Juli 1853 der dreijährigen Klagenver- jährung unterworfen sind, zu betreiben, um sich dadurch gegen den Ablauf der kurzen Verjährungsfrist zu schützen.
* — Für die Ersatzreserve des Jahres 1888 dürfte die Mittheilung von Interesse sein, daß von diesem Jahre an keine Nebenührmig der Ersatzreservisten zum Landsturm mehr stattfindet, da in diesem Jahre die Bestimmung in Kraft tritt, wonach die Ucbersührung der Ersatzreservisten zum Landsturm nicht mehr nach fünf Jahren, sondern erst mit dem 32. Lebensjahre erfolgt.
— Zum Kapitel der Stnbenheizuna wollen wir im Hinblick auf die demnächst eintretende kältere Witterung nach Professor Dr. Reclam auf die Nachtheile einer zu starken Zimmerheizung aufmerksam zu machen nicht unterlassen. Wer nämlich die Zimmerwärme über 15 Grad Rsaumur erhöht, wird bald merken, daß sein Wärme- bedürfniß sich stets steigert und bald 17, ja 20 Grad nicht mehr genügen. Der Grund ist folgender: Beim andauernd starken Hetzen trocknen die Wände, sowie die im Zimmer befindlichen Gegenstände aus. Je mehr sie ihre Feuchtigkeit verlieren, um so mehr saugt die trockene Luft die Feuchtigkeit da auf, wo sie dieselbe fast allein noch findet: bei den Menschen. Die unmerkliche Ausdünstung der Haut und der Lunge wird gesteigert. Da nun diese Verdunstung von Feuchtigkeit uns viel Wärme entzieht, so wird durch die gesteigerte Ofenwärme allmählich auch das Wärmebedürfniß gesteigert. In der erhöhten Ziurmerwärme dünsten dann aber auch alle anderen Gegenstände mehr aus und — die Luft wird verschlechtert. In der warmen Luft athmen wir weniger Sauerstoff — unser nothwendigstes Lebensbcdürfmß! — und der Stoffwechsel wird langsamer und geringer — der Appetit mindert sich, es tritt mürrische Stimmung ein. — Der