WWernerMung
Erscheint Älittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirtm Familienfreund" viertcljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
ZU 98. Samstag, den 9. Dezember 1893.
MMMMM!BffiWamm8MM»8M«ffiWWW^
Die wirthschalftliche Gemeinschaft.
Auszug aus einer Broschüre von einem westdeutscher: industriellen Kreise.
(Fortsetzung.) IV.
Die deutsche Sozialdemokratie entwickelte sich überdies unter der festen, oft geradezu brutal gewaltsamen Führung ihrer Hauptagitawreu zu der einmütigsten und geschlossensten des Kontinents. In Frankreich, England, Italien stehen sich innerhalb derselben überall größere und kleinere Gruppen gegenüber, die sich gegenseitig oft recht unsanft in die Haare geraten. In Deutschland ist die Einigung des „arbeitenden Proletariats" zur That geworden. Entstanden im Kleingewerbe, hat es sich der Industrie und der großen Handelsstädte bemächtigt. Die Landwirthschaft ist sein Schlachtfeld der Zukunft.
Und alles das unter einer von lebhaftestem, innigstem Wohlwollen gegen die unteren Volksklassen eingegebenen staatlichen Sozialpolitik von beispielloser Hochherzigkeit.
Gern und freudig hat die Industrie diese Bestrebungen mit zu den ihrigen gemacht und willig die ihr dadurch auferlegten Lasten, die sie an die Grenze der Konkurrenzfähigkeit mit dem Auslande gebracht haben, getragen. So lange Deutschlands größter Staatsmann seine feste Hand über dem chaotischen Ringen der unteren Volksmassen mit den höheren Schichten hielt, blieb das Bewußtsein herrschend, daß das oberste niemals zu Unterst gekehrt werden könnte. Die Bismarck'sche Sozialpolitik wollte von oben nach unten reformirend eingreifen, war objektiv. Ein strammes Staatsregiment erschien immer als das beste Mittel, die Bewegung im Zaume zu halten, die doch nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen war. Seit dem März 1890 ist das anders geworden. Kurz vor und nach Bismarks Entlassung nahm die deutsche Sozialpolitik ein anderes Gesicht an. Einseitig und schroff stellte sie sich auf die Seite der Unteren Volksklassen. Von hier aus griff man in die Lebensbedingungen der oberen ein mit einer ganzen Blüthenlese von Gesetzesvorschlägen und Reformvrojekten. Die Aufhebung des Sozialistengesetzes, das die völlige Zerstörung der äußeren Organisation der sozialdemokratischen Partei zur Folge gehabt hatte, war der erste Schritt zur weiteren Entfesselung des Massenkampfes. Durch die zwangsweise Einführung der Gewerkvereine wollte man diesen Kampf geradezu organisiren, ohne zu bedeuten, daß Deutschlands junge Stellung auf dem Jndustriemarktc der Welt niemals solche Erschütterungen seines unrlhschafilichcu Lebens ertragen könnte, wie sie England nach der Einführung seiner Trade unions aushalten mußte. Die Gewerbegerichte, die unter anderen Umständen gewiß segensreich wirken könnten, weisen schon in einigen großen Städten eine sozialdemokratische Mehrheit unter ihren Mitgliedern auf, indem auch ein Theil der gewählten kleinen Arbeitgeber zu den Arbeitern hält. Eine unparteiische Behandlung und Entscheidung der gewerblichen Streitfälle zwischen Arbeitgeber und Arbeiter wird deshalb in den meisten Fällen zur Unmöglichkeit. Ueberall in unserer neuesten Sozialpolitik, einer gewiß edlen Beweggründen entsprungenen, aber gleichwohl recht gefährlichen Gc- fühlspolitik, die unbedingte Parteinahme nicht für die Arbeiterklasse — das wäre noch nicht das Schlimmste — sondern für stetig unzufriedene rechlsbrüchige Arbeiter- elemente gegen ihre Arbeitgeber! Diese werden von vornherein als verdächtig und im Auklagezustande befindtich betrachtet. Kein Wunder, wenn gegenüber dieser 'Sozialpolitik die Opposition in industriellen Kreisen täglich eine schärfere wurde.
Wie aus dem Handwerkerstand sich in unserm Jahrhundert ein besonderer, großer Fabrikarbeiterstand losgelöst hat, so in der Landwirthschaft aus dem Bauernstande ein ländlicher Arbeiterstand. Die seßhaften Arbeiterfamilien auf den Gütern werden noch seltener als auf industriellen Werken. Die Klagen über schlechte Löhne und schlechte Behandlung mehren sich ebenso, wie die Fälle von leichtsinnigem oder böswilligem Kontrakt- bruch. Ein großer Theil der liberalen Lagespresse, der schon die Verhetzung der industriellen Arbeiter sich zu seiner gewobnlpitsmaßigen Aufgabe gemacht hat, gibt sich im Tone humanitärer Entrüstung nun auch den Anschein, für die ländlichen Arbeiter einzutreten und schildert in einer händeringenden Ausdrucksweise die Lage
der Landärbeiter. Der geringe Bezug von Geldlohn macht dann auch meist den gefühlvollen Lesern solcher Blätter die ganz erbärmliche Lage der Landarbeiter unwiderruflich klar; daß der Bezug von Natnralicn, Gewährung von Wohnung und Feuerung noch das vierfache des Barlohnes beträgt, wird verschwiegen oder übersehen, denn meistens versteht wirklich der manchcster- liche, städtische Leitartikler von landwirthschaftlichen Dingen wenig oder gar nichts.
Um das Maß voll zu machen, wurde dann noch gleich nach Aufhebung des Sozialistengesetzes die sozial- demokratische Agitation über das Platte Land getragen und der ländliche Tagelöhner in die Geheimnisse des Zukunftsstaates eingeweiht. Noch soll es allerdings immer wieder hier und da Vorkommen, daß ein solcher Agitator von seinem ländlichen Publikum mit Argumenten abgeführt wird, welche mit unhöflicher Deutlichkeit von dem oft noch gesunden Verstände und der Faustkraft des deutschen Bauern Zeugniß ablegen. Wenn aber erst einmal der blühende Unsinn jener sozialdemokratischen Reiseapostel in dem harten Bauernschädel sich festgesetzt hat, dann läßt er ihn gewiß nicht so leicht wieder los. Dann thut sich auch die „soziale Frage" in ihrem ganzen Umfange für die Landwirthschaft auf. Sie kann hier unstreitig noch mehr Schaden anrichten, als sie es in der Industrie gethan hat. Die Projcktcn- macherei für die Lösung der „sozialen Frage" ist auch hier schon im Schwange: Arbeitergüter, Arbeiter-Renten- güter, Arbeiterdörfer, Arbeiterheimstätten u. s. W. u. s. w. Der Landwirth hat das gleiche Interesse und das gleiche Herz für seinen Arbeiterstand, wie der Industrielle. Aber auch er sieht ein, wohin er mit der Ordnung und der Zucht in seinem Betriebe kommt, wenn mißvergnügten Arbeitern mit gelockertem Rechts- und Pflichtbewußtsein eine Konzession nach der andern gemacht und er der Prügelknabe des „sozialen" Staates wird. Weit entfernt die Bewegung durch Eingehen auf ihre Wünsche und Forderungen zu hemmen, gibt man ihr dadurch vielmehr nur neue Nahrung und verliert schließlich völlig die Leitung derselben.
-Die Unzufriedenheit und Unbotmäßigkeit der ländlichen Arbeiter ist gewachsen mit den Lasten, die auch die Landwirthschaft, besonders für die Alters- und Invalidenversicherung aufzubringen hat. Schon bei der Berathung dieses letzten sozialpolitischen Gesetzes aus der Bismarck'schen Zeir regte sich aus landwirthschaftlichen Kreisen eine laute Opposition gegen dasselbe und fand in der Schlußabstimmung über das Gesetz seinen Ausdruck.
Die Sozialdemokratie sitzt auch der Landwirthschaft bereits fest int Nacken, und jeder erfahrene Landwirth weiß, was das bedeutet. Es wird ihm durch ein übereifriges staatliches Entgegenkommen gegen ihre Forderungen eine Schraube ohne Ende angesetzt. Mit dieser Erkenntniß ist ihm aber auch die Einsicht gekommen, daß seine bisherige Taktik gegenüber der Industrie und ihren Arbeitern nicht immer die richtige war. Namhafte konservative Parteiführer, wie der Abgeordnete von Minnigcrode, haben es in letzter Zeit öffentlich zu erkennen gegeben, daß ihre Stellung gegenüber der Arbeiterfrage dieselbe ist, wie die industrieller Arbeitgeber. Es wird immer nur zwei Möglichkeiten geben: entweder die Industrie wird weiter sozialpolisch belastet, der Arbeiter in seiner Macht und Ueberllgcnhcil gestärkt: dann wird, gelockt durch diese Verhältnisse, der Osten und die Landwirthschaft noch mehr an Arbeitern entvölkert, welche nach Westen strömen, — oder aber der Osten und die Landwirthschaft wandern denselben Weg der Lohusteige- rungen, der Arbeitcrkoalitioueu und der sozialpolitischen Belastungen. Schon heute ist eS nur eine Frage der Zeit, daß die Landwirthschaft bis zu dem Standpunkte vorrückt, den die Industrie heute entnimmt: die sozial-! politischen Vcrsicherungsgesctzc werden auf die Landwirth-' schaff übertragen werden und die Gesindcorduung wird fallen. Man hüte sich also, die Industrie noch weiter zu bedrängen.
Börse und Händel stehen auch der Arbeiterfrage völlig thcilnahmlvs gegenüber, denn die Interessen des beweglichen Kapitals sind eben nicht diejenigen der realen, produktiven Erwerbsstande. Die Börse und die ihr dienstbaren Blätter helfen geradezu mit, landwirthschaft- liche und industrielle Unternehmer durch ihr blindes Eintreten für jede Art von Forderungen der unzufriedenen Arbeiterklasse zu schikaniren und zll schwächen. Die gegenwärtig schon wahrlich nicht beneideuswerthe politische
und wirthschaftliche Stellung der Unternehmer soll gänzlich zerstört und auf den Ruinen soll der Börsen- Handel und das Kapital des Bankiers seine Fahne entfalten. Es ist kein Zweifel, daß das der Todesstoß für Landwirthschaft und Industrie sein würde. Das Schicksal jener Bauernhöfe und Güter, deren Besitzer durch die zersetzende Macht des mobilen Kapitals ausgestoßen worden sind, ist e i n warnendes Beispiel. Landwirthschaff und Industrie samt Handwerk haben fortan einen gemeinsamen Weg in der Arbeiterfrage zu wandeln, wie er, nicht vom ' Standpunkte einseitiger Parteinahme, sondern von dem des allgemeinen Wohls allein gangbar erscheint, wollen sie nicht einer nach dem andern zerdrückt werden. (Fortsetzung folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Dez. Die Kommission zur Vorberathung der Handelsverträge hat den rumänischen Handelsvertrag mit 12 gegen 8 und den serbischen Handelsvertrag mit 13 gegen 7 Summen angenommen.
— Ueber das Ergebniß der Untersuchung, die in Organs wegen der an den deutschen Kaiser und den Reichskanzler gesandten Höllenmaschinen 1 geführt wird, verlautet so gut wie nichts. Was in den Pariser Zeitungen über die Angelegenheit zu lesen ist, sind fortgesetzte Versuche, den Anschlag als eine von Deutschen verübte That hinzustellen. Die Franzosen erklären, die Anarchisten in Orleans wären stadtbekannt; es soll im Ganzen deren vier geben. Die bei denselben. vor- genommeucn Haussuchungen hätten durchaus nichts Gravierendes zu Tage gefördert, also tomte nur angenommen werden, daß das Attentat von Fremden verübt worden sei. Daß deutsche . Anarchisten sich in Orlsaus aufgehalten haben, ist aber keineswegs erwiesen und -s wäre auch sehr zu verwundern,' wenn sich welche dorthin begeben hätten, um die Höllenmaschinen auszugeben. Die Aufgabe von Packeten in Frankreich ist, wie jeder weiß, der jemals das Land besucht hat, bei der Post ungemein umständlich, speziell in kleineren Orten ist ein Gefrage ohne Ende, während in großen Städten die Expedierung sich leichter vollzieht. Das dürfte wohl auch den deutschen Anarchisten bekannt sein. Außerdem deutet die Anrede „Grand Chamcelier", ebenso wie der ganze Stil des Begleitbriefs, darauf hin, daß der Schreiber ein Franzose. Kurz, die. Franzosen mögen sich drehen und wenden wie sie wollen, für die Behauptung, daß Deutsche die Absender wären, ist auch noch nicht der Schatten eines Beweises erbracht worden.
— Im Interesse der militärischen Ausbildung wird bei der nunmehrigen zweijährigen Dienstzeit sowohl der sogenannte Ernteurlaub, als auch der übliche Urlaub zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten bei den Fußtruppen in Wegfall kommen, bezw. bedeutend eingeschränkt werden.
* — Wie nach der „Allgem, Milt. Korresp." verlautet, werden in diesem Winter ganz besondere militärische Uebungen stattfinden, um so die Truppen auf einen schwierigen Winterfeldzug, der stets eine harte Probe für eine Armee sein wird, vorzubereiten. Namentlich werden ausgedehnte Ucbungsmärsche zur Ausführung gelangen, auch Uebungen auf Schlittschuhen, die im kleinen Kriege, sowie bei der Ucbcrmitteluug von Befehlen eine Rolle spielen werden, vorgenommen.
* An die Eisenbahnschaffner auf den preußischen Staatsbahnen ist über die Erhebung her Platzgebühr für nummerirte Sitze eine Dienstanweisung dahin ergangen, daß der Einwand der Reisenden, teilten nummerirten Platz einnehmen, sondern sich im Durchgang des Wagens anfhalten zu wollen, belanglos ist und von der Platzgebühr nicht befreie. Der Beamte hat dem Reisenden einen Platz anznwciseu; weigert sich dieser, diesen Platz cinzuuchmen und zu bezahlen, so ist gegen ihn nach Maßgabe der Bestimmungen über das Verhalten Reisenden gegenüber, die sich ohne gütige Fahrkarte im Zuge befinden, zu verfahren. Wenn in die betr. Züge nuger Wagen mit nummerirten Plätzen solche mit gewöhnlicher Einrichtung eingestellt sind,' so haben diejenigen Reisenden, welche letztere benutzen, eine Platzgebühr auch dann nicht zu entrichten, wenn in den Wagen mit numnicrirt-n Plätzen noch Plätze frei sind.
Hamburg, 4. Dec. Eine unheimliche Ladung hat der Dampfer „Borussia" kürzlich von Laguayra hier gelandet. Dieselbe bestand aus 21,500 Gewehren, von denen ein großer Theil geladen ist und im hiesigen Hafen schon mancherlei Unheil angerichtet hat. In dieser