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32 99. Mittwoch, den 13. Dezember 1893.

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Die wirthschaftliche Gemeinschaft.

Auszug aus einer Broschüre von einem westdeutschen industrieUen Kreise.

(Fortsetzung.)

V. Die wirthschaftliche Berbündung.

(Die Händlerfrage.)

Man nimmt an, daß das Deutsche Reich jähr- lich mindestens 25 bis 30 Milliarden Werthe herstellt; der Werth der jährlichen Ausfuhr an Erzeugnissen des Deutschen Reiches beträgt rund 3 ha Milliarden. Es erhellt hieraus, daß der Werth des inländischen Marktes den des ausländischen Marktes etwa um das 7- bis 8- fache überstell

Die Einsicht in die unverhältnißmäßige Ueberlegen- Heit des inländischen Marktes über den Außenhandel bildet die Grundlage der Lehre vom nationalen wirth- schaftlichen Schutz. Die Anhänger dieser Lehre werden bei einem Zusammenstoß zwischen den Interessen des ausländischen und des inländischen Marktes dem letzteren die ausschlaggebende Bedeutung für die Auswahl der zu ergreifenden Maßnahmen zumessen müssen. Wir werden die hieraus zu ziehenden Schlüsse in einem späteren Abschnitt behandeln und werden uns hier auf eine Untersuchung des inneren Marktes beschränken.

Die Schutzzollpolitik der 79er Jahre ließ sich um so leichter durchführen und unterlag um so weniger Be­denken, als für hinreichenden Wettbewerb als Sporn zur wirthschaftlichen Anstrengung der schaffenden Klassen, sowie als Schutz gegen den oft etwas aufdringlichen, in den Vordergrund geschobenen Verbraucher schon auf dem binnenländischen Markt gesorgt war. Es hat sich sogar gezeigt, daß gerade die durch den Schutzzoll er­möglichte Steigerung der inländischen Produklionslhütig- keit den inneren Wettbewerb so verstärkte, daß ein über­reicher Ersatz für den ausgefallenen oder wenigstens be- Ichräntten ausländischen Wettbewerb entstand.

Es stieg von 1879 bis 1890 die Produktion an Steinkohlen von 40,9 Millionen Tonnen auf 70,2 Millionen Tonnen; die Produktion an Braunkohlen von 11,2 Millionen Tonnen auf 19 Millionen Tonnen; die Produktion an Roheisen von 2,1 Millionen Tonnen auf 4,6 Millionen Tonnen; die Produktion an Zucker von 409,000 Tonnen auf 1,284,000 Tonnen u. s. w. Dabei hat das Land den kaum hoch genug zu ver anschlageuden Gewinn des Produktionsertrages dieser sonst aus dem Auslande bezogenen Waaren sich ver­schafft, und gleichzeitig hat der Staat Milliarden an Zöllen vereinnahmt.

Jedoch für den Produzenten selbst hatte dieser mächtige Wettbewerb ein starkes Fallen der Preise zur Folge, wenngleich nicht verkannt werden soll, daß andere Umstände, zum Beispiel die durch die technischen Fort­schritte gegebene Erniedrigung der Produktionsselbstkosten und die Währungsfrage dazu beitrugen.

Wie der überstarke Wettbewerb den für die Krank­heit vorbereitenden Boden abgab, so bildete der Preis­sturz nur das äußere Geschwür einer innerlich ungesunden Lage; allerdings war dieses Geschwür für die Stellung der Diagnose von besonderem Werthe. Die innerlichen Verheerungen, welche in den schaffenden Ständen der übermäßige Wettbewerb angerichtet hatte, waren weit ernsterer Natur, als daß durch einfache Heraufsetzung der Preise in den Status quo die Angelegenheit be­friedigend beigelegt wäre. Der wirkliche Krankheits­erreger, welcher sich eingenistet hatte, das war der V ei - mittler, der zwischen Erzeuger und Verbraucher sich einschob und beide immer weiter auseinander drängte.

Wir haben schon unsere Ansicht über das Bedürfniß eines weit verzweigten und wohl organisirten Handels auseinandergesetzt; wir haben nur noch hinzuzufügen, daß die Grenze des legitimen Handels da liegt, wo er Bedürfnisse aufdringlich erfüllt, welche zweckmässige: Weise vom Erzeuger oder Verbraucher selbst vorgenommen werden. Unvernünftiges gegenseitiges Unterbieten, un­überlegtes Wettlaufen, um sich den Absatz zu bajci n, Bequemlichkeit und Trägheit der Hersteller, sich der Bkühe des direkten Absatzes an die Verbrauche: $n unter- ziehen, sind der Boden, auf dem der ungesunde panbd gedeiht. _

Am vollendetsten ist der Sieg des Handels in der Landwirthschaft. Auf die Marktlage des wuchttgnen landwirthschafillchcn Erzeugnisses, des Getreide-, urd die Getreidebauern ohne jeden Einfluß. Au' der nr.-ert.n Seite hat anch der Gelreideverbraucher, der Maller, und

die brotverzehrende Menge nicht hineinzureden. Aehnlich wie früher die amerikanischen Baumwollpflanzer und die Manchesterspinner jeder seinen Händler in Liverpool hatten, die ntiteuanber ihrerseits durch eine fünfte Per­son, den Makler, unterhandelten, so werden heute die Getreidepreise lediglich durch Angebot- und Nachfrage- Spiel zwischen dem Aufkaufs-Händler und dem Berkaufs- Händler bestimmt, beziehungsweise zwischen denjenigen Personen, welche diese fingirte Rolle eines abgebenden oder kaufenden Händlers als allgemeine Richtschnur, als Generalidee ihren Börsenspekulationen zugrunde legen (Spekulant ä la Hausse und ä la baisse).

In dem Kohlenbergbau ist das Händlerthum der Fluch dieser Jndlsttrie geworden. Zum Theil durch die Bequemlichkeit der Zechen in den Jahren 1870 bis 1873, welche, um sich die Sache zu erleichtern, dem Händler ihre Gesammtmengen zu einem immer noch glänzenden Preise Übermächten und es ihm überließen, das Publikum um das Doppelte auszuplündern, zum Theil infolge eines geradezu selbstmörderischen Wett­bewerbs, welcher zu übermäßigem Kreditiren und ge­fährlichen Abschlüssen ohne Wechseldeckung führte, hat der Kohlenbergbau sich ein Händlerthum großgezogen, welches ihn niemals zu Blut kommen läßt. Der Durch- schnittskohlenhäudlcr deckt sich bei ihm gelegener Zeit mit so großen Mengen, als er im allerbesten Falle ab- zusctzen Aussicht hat. Geht die Geschäftslage in die Höhe, so macht er ein großartiges Geschäft, täuscht sich seine Erwartung und geht die Geschäftslage herunter, so lehnt er eine im Geschäftsleben ganz einzig da­stehende, für Fernstehende unglaubliche Erscheinung den Bezug der festbcstelltcn Menge einfach ab, die Zeche hat dann die Wahl: entweder sie läßt ihn laufen und sieht sich nun gerade in der kritischsten, absatzschwersten Zeit vor der Nothwendigkeit, selbst die schon als ver­kauft gebuchten Mengen zurückzunehmen und von neuem auf den Markt zu werfen, oder sie muß den Händler verklagen; in letzterem Falle ist der Händler bei den riesigen Mengen, um die es sich handelt, nie zahlungs­fähig, und obendrein, was noch schlimmer ist, um die Differenz einklagen zu können, muß die abgeschlossene Menge dem Händler zur Verfügung gestellt und ihm zwangsweise versteigert werden. Der hierbei heraus­kommende Gewinn ist so niedrig (es sind bei solchen Versteigerungen schon 90 Pfennig für 1 Tonne von 20 Zentner herausgekommen), daß diese Zwangsverkäufe den Markt vollständig erschüttern, daher als das ver­zweifelteste Mittel gelten und stets das Symptom der tiefsten Marktlage bilden.

Im rheinisch - westfälischen Kohlenbezirke ist das Händlerthum einer der schlimmsten Krebsschäden der Industrie; arm gewordene Gewerken und reich gewordene Kohlenhändler sind ein häufig vorkommendes charakte­ristisches Zeichen der dortigen Städte. In Oberschlesien haben zwei Berliner jüdische Händler fast den ganzen Kohlenhandel an sich gebracht; sogar die Staatsgruben lassen große Bruchtheile ihrer Förderung durch deren Hände gehen. An der Saar hatten vor 20 Jahren die Händler den Alleinverkauf der Kohlen in der Hand. Sie waren nahe daran, das Monopol an sich zu bringen, bis es im letzten Augenblick den rücksichtslosen Be­mühungen des Berghauptmanns Serlo gelang, unter dxn größten Anfeindungen der Händler, welche sogar persönlich bei dem Minister gegen den verhaßten Mann vorstellig wurden, eine Verkaufsstelle für die selbst- geförderten Kohlen zu errichten und mit den Verbrauchern selbst wieder direkte Verbindungen anzubahnen.

In der Eisenindustrie liegt es entschieden besser. Das Erzgeschäft geht fast gapz durch Händlerhand, aber das Roheisen- und Walzeisengeschäft, der ganze Eisin- bahnbedarf wird direkt zwischen Hersteller und Verbraucher abgewickelt. Den Grund hierfür erörtern wir gleich unten. . ,

Dir Entwickelung der Textilindustrie geht nach einer etwas anderen Richtung. Bei dem Uebergange zur Maschinenindustrie und bet der Anlage von Fa­briken wurden zunächst die Händler, soweit die Bezüge von Rohstoffen in Frage kamen, - zurückgedrängt, aber sie siegten vollständig nach der Seite der verarbeiteten Stoffe: der Absatz in fertigen oder halbfertigen Waaren läuft durch meist jüdische Händlerhände.

Daneben hat sich eine ganz neue Form des Handels entwickelt. Die mit Kleinbetrieb arbeitenden Untere Summer sind vielfach nicht zu maschinellem Großbetriebe

übergegangen, sondern arbeiten mit der Form des Haus­betriebes weiter, indem sie Hausarbeitern Rohstoffe und Maschinen tiefern und die Gewebe abnehmen. Es giebt Großhändler an der Wupper, für welche ganze Dörfer am Niederrhein und in der Schweiz arbeiten. Der so­genannte Fabrikant ist hier also thatsächlich Händler geworden, und direkter Verkehr zwischen Weber und Abnehmer kommt nicht vor.

Wir wollen hiermit diese Skizze abbrechen.

(Fortsetzung folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin. Der preußische Landtag wird am 15, Januar wahrscheinlich von dem Kaiser selbst eröffnet werden. Die besondere Feierlichkeit, die dadurch der Sessions- eröffnuug beigelegt wird, weist nicht etwa auf unge­wöhnlich wichtige Aufgaben hin, sondern ist wohl dem ersten Zusammentretcu einer neugewähtten Volksver­tretung zuzuschreiben.

Infolge der vorgekommenen Fahrtartenschwinde- leien auf den Staatsbahnen wird, wie ein Berliner Blatt melden zu können glaubt, eine Neugestaltung des Fahrkartensystems geplant. Schon jetzt werden die Kontrollen in den Zügen derart ausgeführt, daß die Schaffner von der Mitfahrt des Kontrolleurs nichts mehr erfahren können und eine Warnung an Beamte und Fahrgäste unmöglich wird.

Eine postalische Neuerung, die man willkommen heißen darf, wird seitens unserer Postbehörden geplant. Es handelt sich um die Nachahmung des in allerjüngster Zeit in Württemberg eingeführten Systems der Kouvert- Postanweisungen. Das System selbst ist das folgende: Der gedruckte Text der Postanweisungen befindet sich nicht wie bisher auf einem Karton, sondern auf einem Bries-Kosidert, das dann zugleich als Umhüllung des Briefes und als Geldanweisung dient. Diese Neuerung wäre nun mit großer Freude zu begrüßen, denn sie gewährte den Vortheil, daß man dem Empfänger des Geldes zugleich mit dem Betrage einen Brief zu über­mitteln vermag, während man sich bis jetzt nur auf eine kleine, dem knappen Raum des Postabschnittes ent­sprechende Mittheilung beschränken mußte. Der Preis für einen derartigen Brief beträgt 20 Ps., wofür auch die Ucbermittelung des Geldbetrages erfolgt. Die Ver­sendung und Sortirung derartiger Briefe ist nicht schwieriger als diejenige der bisherigen Kartenformulare.

* Neuerdings sind Mittheilungen an die Oeffent- lichkeit gelangt, denen zufolge laut dem bei den Post­anstalten ftattgefiinbenen Markenverkauf für die Arbeiter- Alters- und Jnvaliditätsversicherung pro 1892 eine Einnahme von ca. 41/8 Millionen Mark erzielt worden ist. Während nun der ausgezahlte Rentenbetrag sich aus 183,000 Mark belauft, betragen die Verwaltungs­kosten 131,000 Mark. Mithin verbleibt ein Ueberschuß in 1892 von 4 Millionen 180,000 Mark. Im laufen­den Jahr 1893 wird es wohl ähnlich so sein. Was wird nun mit diesen dem Verkehr entzogenen großen Summen?

* Den Postageuten auf dem Lande wird es angenehm sein, zu hören, daß der Reichshaushalt den vorhandenen 7400 Postagentcn eine durchschnittliche Erhöhung ihrer Vergütung um 75 Mk. zugedacht hat.

Königsberg, 8. Dez. Das Schneeschuhlaufen, welches seit dem vorigen Jahr überhaupt erst in Deutsch­land Eingang gefunden hat, ist, während es in den übrigen Theilen des Reiches lediglich als Sport be­trieben wird, in Ostpreußen bereits praktischen Zwecken dienstbar gemacht werden. Bei den harten, echt nörd­lichen Wintern, welche die Provinz heimsuchen, ist es in Folge des starken Schneefalls oft unmöglich, die verschneiten Landwege zu begehen oder zu befahren. Dieser Uebelstand machte sich vornehmlich den Landbrief- trägern unangenehm fühlbar, welche jetzt in verschiedenen Gegenden mit Schneeschuhen ausgerüstet worden sind. Auf diese Weise können sie ihre Botengänge recht be­quem erledigen, was ihnen um so leichter fällt, als sie längere Wege zurücklegen können, ohne anhalten zu dürfen; denn bekanntlich ist die Bevölkerung in Ost­preußen recht dünn gesät und liegen die einzelnen Ge­höfte weit von einander ab, was sonst nur als Uebel­stand empfunden wurde. Man findet jetzt in den Bauernhäusern die Insassen an den langen Abenden vielfach bamü beschäftigt, Schneeschuhe anzufertigen, deren sie sich mit Einschluß der Frauen auch selbst zu ihren