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X. 15?

Mittwoch, den 21. Februar

1894.

Leisetreterei und Demagogie.

Vortrag des HofpredigerS a. D. Stecker, gehalten am 17. Jan. in einer von dem deutsch-konservativen Verein zu Elberfeld veranstalteten Volksversammlung.

Was Leisetreterei ist, weiß jeder; es ist die Eigen­schaft des natürlichen Menschen, der seine Ansicht nicht gerne vertreten will. In der letzten Zeit machten die konservativen Volksmassen der konservativen Partei zum Borwurfe, daß sie nicht gerade mit der Sprache heraus- rücke. Demagogie ist ein schönes Wort, wenn man es genau übersetzt, denn es heißt: die Führung des Volkes. In einem Lande, wo das Volk an der Gesetzgebung Antheil nimmt, ist nichts nöthiger, als das Volk richtig zu führen und zu leiten. Gewisse Parteien möchten das gerne in ihrem Sinne allein besorgen, deßhalb nennen sie gute konservative Kräfte, die das Volk christlich leiten und Anhänger gewinnen, demagogisch. Sie verstehen darunter allerdings nicht Volksführung, sondern die Volksverführung. Daß die konservative Partei mehr demagogisch im guten Sinne werden müsse, hat schon der Abg. Ullrich auf dem konservativen Parteitage gesagt; sie müsse ihre Grundsätze freier aussprechcn, mehr das Volk von der liberalen Fahne abzichen unter die Fahne, auf der steht: Mit Gott für König und Vaterland. Der Reichskanzler Graf Caprivi hat freilich im Reichs­tage viel Aufhebens davon gemacht und eine Angst ge­zeigt, als ob nun die Konservativen in Volksverführung arbeiten und gegen die Regierung angehen wollten. Wir Konservativen haben nicht begriffen, wie jemand von uns so etwas vermuten kann. Untersuchen wir nun einmal die Stichworte Leisetreterei und Demagogie etwas näher. Leisetreterei verlangt man eigentlich nur von der konser­vativen Partei. Bei allen anderen Parteien findet man es ganz in der Ordnung, wenn sie ihre Ansicht kräftig vertreten, aber die Konservativen, die dürfen das bei Leibe nicht, dre sollen leise treten. Besonders aber bei Hofe, auf dem glatten Parkett, da soll man ganz leise treten und nur Verbeugungen machen. Die Konser­vativen sind gewiß sehr monarchisch und königstreu, sie geben den letzten Groschen für ihren König her, wenn es sein muß; aber die freie Ueberzeugung, die müssen wir doch überall, auch vor dem Monarchen hochhalten! Auch die Regierung fordert Leisetreterei von uns. Es liegt nun im innersten Wesen der Konservativen, daß sie die Regierung, soweit als irgend möglich, unterstützen; wenn aber eine Regierung z. B. den Handwerkern nicht zu ihrem Rechte verhelfen will, gerechte Forderungen der Landwirthschaft unerfüllt läßt und einen Vertrag nach dem andern bringt, der der Landwirthschaft schadet, dann muß man das offen aussprechcn, und das haben wir denn auch in den letzten Jahren gethan, manchmal sogar mit Nachdruck und Entschiedenheit. Jahre hindurch hat man es uns in konservativen Kreisen sehr übel ge­nommen, daß wir unsere Sache dem Liberalismus gegen­über energisch vertraten. Liberalismus und Konser­vatismus sind aber Gegensätze, die sich stets bekämpfen müssen. Wenn man deßhalb von den Liberalen ver­langte, sie sollten uns nicht angreisen, so verlangte man Selbstmord von ihnen; und doch hat man von den Konservativen lange Zeit nichts anderes gefordert, als daß sie dem Liberalismus und den Freikonservativen nachgehen sollten! Solche Leisetreterei geht doch nicht an! Aber vor allen Dingen sollte man den Juden gegenüber ganz leise auf treten, denselben Leuten gegen über, die selbst am wenigsten leise auftreten. Die Wupperthaler Konservativen kennen die ungeheure Macht des Judenthums in Berlin oder Frankfurt nicht, man muß eben unter solcher Machtsphäre selbst leben. Wer aber das Treiben dieser Gesellschaft täglich vor Augen hat, ihren verderblichen Einfluß wahrnimmt, und nicht von einem heiligen deutschen Zorn übermannt wird, der ist kein deutscher konservativer Mann! Diese halbe Million Fremdlinge mag ruhig unter uns wohnen, wenn sie sich mit dem Einflüsse, der einer halben Million Menschen zukommt, bescheiden will; will sie uns aber durch ihre Presse, durch Ausbeutung und Gewaltthaten zu ihren Knechten machen, so müssen wir uns dagegen wehren. Mir hat selbst ein Berliner Jude gesagt, die Berliner müßten keine Ehre mehr im Leibe haben, wenn sie sich diese Judenherrschaft noch länger hätten gefallen lassen. Viele Konservative lassen aber die Judenfrage gern unberührt. Gewiß, tritt man einem Juden auf den Fuß, so schreit die Judenschaft der ganzen Welt auf, ts ist also gefährlich; aber dem Aufhören der Leisetreterei

ist es zu danken, daß die Juden doch allmählich begreifen, daß sie einem Volke von 50 Millionen immerhin einige Rücksicht schuldig sind. Konservative Kreise vertraten früher vielfach die Ansicht, in Volksversammlungen dürfe man seine Sache nur im Frack und in Glacehandschuhen vertheidigen; das ist aber grundfalsch, seit Einführung des allgemeinen Wahlrechts muß man die Volksseele zu gewinnen suchen, und die gewinnt man nicht bloß im Frack und durch vornehme Manieren. Man muß mit dem Volk reden, man muß der Ausdruck des Volkswillens, also Demagoge im guten Sinne sein. Ich glaube, unsere Agitation in Berlin in dieser Art hat gezeigt, daß sich hier neue Wege eröffnen, und ich habe nichts dagegen, daß man das Demagogie genannt hat. Also wir müssen die Führung des Volkes gewinnen. Thun wir das nicht, so gewinnen andere sie. Ist es nicht der monarchische, so ist es der antimonarchische Geist, ist es nicht der christliche, so ist es der widerchristliche Sinn, ist es nicht die Achtung der gegenwärtigen Gesellschaft, so ist es der Umsturz. Redner schildert jetzt die traurigen Zustände, die er in der Berliner konservativen Partei vorgefunden hat. Oft hätten sich zu den Besprechungen über die Wahlen kaum soviel Männer zusammengefunden,wie in eine gute Droschke gehen." Damals habe sogar ein Moltke im 1. Berliner Wahlkreise nur 2000 Stimmen bekommen. Schon drei Jahre später hatten sich auf den damals noch unbekannten Liebermann v. Sonnenberg dank einer guten Agitation über 6000 Stimmen ver­einigt, bis im Jahre 1887 84 000 Berliner Wähler unter die konservative Fahne gebracht gewesen seien. Er fährt fort: Da wir aber keine Leisetreter waren, so hat man von oben herab unsere Bestrebungen gehindert, zumal auch, weil wir das Berliner Judenthum beim Ohrläppchen nahmen. Heute sind nun fünf Berliner Wahlkreise in socialdemokratischen Händen, und ich bin überzeugt, eine Anzahl Geheimer Räthe und solcher hohen Herren fühlt sich wie erlöst, daß ja nicht die Christlich- konservativen, sondern die Sozialdemokraten am Ruder sind. Jawohl, meine Herren, das ist ohne Zweifel, denn man hat uns ja solange bekämpft, bis es nun so geworden ist! Wir müssen unsere alten konservativen Forderungen hochhalten. Monarchisch sind wir aus Grundsatz, mag der Wind wehen wie er will. Wir halten fest daran, daß der Monarch die oberste Herrschaft über die Armee ausüben soll, wenn auch die Fortschrittler ein Parlamentsheer wünschen. Den Zusammenhang von Staat und Kirche halten wir für eine Ordnung Gottes; eine Trennung beider begegnet unserem Widerstreben. In der Entwickelung des Volkslebens ruhig und behutsam fortzuschrellen, das war und ist konservativ im richtigen Sinne. Aber heute sind neue Grundsätze nöthig. So ist z. B. die Selbstständigkeit der Kirche, unabhängig vom Staatsleben eine nöthige Forderung geworden, von der man früher nichts wußte. Es ist nothwendig, das Eingehen auf die sozialen Bedürfnisse des Volkes auch mit persönlichen Opfern. Die Beschränkung des über­triebenen persönlichen Eigenthumbegriffes ist heute eine konservative Forderung. (Schluß folgt.)

Deutsches Reich.

Berlin. Die Staffeltarife für Getreide, die jetzt so lebhaft erörtert werden, sind seit deml.Sept. 1891 zu­nächst versuchsweise eingeführt. Sie sind so gebildet, daß an den normalen Frachtsatz des Spezialtarifs I, 4,5 Pf. auf die Tonne und das km für 200 km, von 201300 km 3 Pf., von 301 km ab 2 Pf. an­gestoßen werden. Der Frachtsatz der Tonne beträgt daher für 300 km (200 X 4,5) 900 4- (100 X 3) 300= 1200 Pf. oder 4 Pf. für Tonne und Kilometer. Der Frachtsatz für 500 km stellt sich auf 1200 4- (200 x 2) 400 -----1600 Pf. oder 3,2 Pf. für Tonne und Kilometer. Für 1000 km endlich betrügt der Frachtsatz 1600 4. (500 X 2) 1000 = 2600 Pf. oder 2,6 Pf. auf Tonne und Kilometer. Der Staffeltarif unterscheidet sich daher zu seinem Vortheil von den früher bei den Privatbahnen öfter eingeführten Differential­tarifen dadurch, daß nach der Art seiner Bildung der Frachtsatz für die weitere Strecke stets größer ist, als der für die kürzere Strecke. Er macht aber, wie die vorstehenden Zahlen ergeben, die Befrachtung von Ge­treide- und Mehlfabrikaten auf weite Entfernungen sehr viel billiger und giebt dadurch Anlaß zu lebhaften Be­schwerden der Landwirthschaft und Industrie Mittel-, West- und Süd-Deutschlands, weil in jenen Gegenden

durch die billigere Zuführung der Brotfrüchte des Ostens ein empfindlicher Druck auf den Preis der eigenen Pro­dukte ausgeübt wird.

Der Landwirthschaftsminister hat folgende Ver­fügung erlassen:Nach den von einer Zahl von Ober­förstern hier direkt eingegangenen Berichten ist durch den kürzlich stattgehabten Sturmwind in den Staats­forsten ein erheblicher Windbruch herbeigeführt worden. Ich darf annehmen, daß die Königliche Regierung be­reits Vorkehr getroffen hat, den Hieb insoweit einzu- schränken, als dies nach dem Stand der Spaltungen noch möglich ist, um die Ueberschreitung des zulässigen Ab­nutzungssolls und die Ueberfüllung des Holzmarkts thun- lichst zu vermindern. In letzterer Beziehung wird es sich empfehlen, alsbald mit Holzhändlern wegen des Abschlusses freihändiger Holzverkäufe in Verbindung zu treten, um den über das gewöhnliche Maß hinaus- gehenden Theil des Einschlags möglichst vortheilhaft zu verwerthen. Daß mit der Aussonderung von Nutzholz so weit gegangen wird, wie dies irgend möglich ist, empfiehlt sich schon mit Rücksicht auf die gedrückten Brennholzpreise. Insofern jüngere Bestände in Frage kommen, wird in erster Reihe die Verwerthung als Grubenholz, Schleifholz u. s. w. ms Auge zu fassen sein."

Schadenersatz von Eisenbahnbeamten. Wenig be­kannt dürfte die Thatsache sein, daß die Kosten für den sachlichen Schaden, der aus Eisenbahn-Unfällen entsteht, den schuldig befundenen Beamten zur Last fallen. Daß der Eiscnbahnfiskus dabei wohl in seltenen Fällen seine Rechnung findet, liegt auf der Hand. Ein heule noch in Berlin bedien steter Eisenbahnbeamter zahlt an einer solchen Schuld schon 14 Jahre lang und braucht zu der gänzlichen Deckung noch weitere 16 Jahre.

Zu dem Kapitel Unfallversicherung der Feuck- w-hren, wird mitgcthcilt, daß bereits seit dem Jahre 1885 für den Regierungsbezirk Kassel ein Statut besteht, welches gegen sehr billige Prämien die Berufsfeuerwehr- lcute gegen jeden Unfall bei Bränden versichert, 13 Wochen Krankengeld zahlt und bei Eintritt der Inva­lidität oder des Todes nicht unerhebliche Beihilfe zusichert. Von der Hessischen Brandversicherungs-Anstalt, einer kommunalständischen Einrichtung des ehemaligen Kur­hessen, werden Zuschüsse in der doppelten Höhe des für jeden Feuerwehrmann zu zahlenden Beitrages geleistet. Zahlreiche Ortschaften des Bezirks sind bereits dem Versicherungsverband beigetreten.

Der Oberpräsident der Provinz Westfalen hat für den Umfang der Provinz eine besondere Verordnung für Radfahrer erlassen. Darnach dürfen Radfahrer andere als die zum Fahren und Reiten bestimmten Straßen und Wege nicht benutzen; nur dann dürfen sie außerhalb der Ortschaften die Promenaden und Fahr­wege benutzen, wenn der Veikehr auf dem daneben liegenden Fahrdamm in Folge von Pflasterung, Auf­bringung von frischem Steinschlag u. s. w. gehindert oder ungewöhnlich erschwert ist. Innerhalb der Ortschaften, insbesondere in engen Straßen, an Straßenkreuzungen, beim Einbiegen in eine andere Straße oder in einen Thorweg haben Radfahrer langsam zu fahren und ein Warnzeichen zu geben. Entgegenkommenden Fuhrwerken, Reitern und Fußgängern haben die Radfahrer auszu- weichen, wenn dies nicht möglich ist, abzusteigen und an der Hand vorbeizuführen. An ledig geführten Pferden dürfen Radfahrer, sofern dies thunlich ist, nur auf der Seite des Führers vorbeifahren, an Rindvieh, das mit nicht verbundenen Augen geführt wird, dürfen sie, sobald es unruhig wird, überhaupt nicht vorbeifahren. Jeder Radfahrer muß mit einer Glocke oder Signalpfeife ver­sehen sein und sich durch ein erstmal schon in einer Entfernung von 50 Meter zu gebendes, nöthigenfalls zu wiederholendes Zeichen bemerkbar machen, bei starkem Nebel oder bei Eintritt der Dunkelheit ist eine hell- brennende nicht roth oder grün geblendete Laterne an das Fahrrad anzubringen. Die Verordnung, die Zuwiderhandlungen mit einer Strafe bis zu 60 Mark bedroht, soll mit dem 1. April d. Js. in Kraft treten.

Kiel, 16. Februar. Aus dem neuen Panzerschiff Brandenburg" fand eine Dampfrohr-Explosion heute Vormittag bei der forcirten Probefahrt statt. Bisher sind außer den Verletzten 46 Todte ermittelt. Neun Personen sind schwer verwundet. Das Unglück ereignete sich während der Uebungsfahrt im Außenhafen und hat natürlich in Kiel namenloses Entsetzen hervorgerufen. Der schnell herbei beordertePelikan" schleppte das