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32 17Z Samstag, dea 24. Februar 1894.

Leisctreterei und Demagogie.

Vortrag des Hofpredigers a. D, Stecker, gehalten am 17. Jan. in einer von dem deutsch-konservativen Verein zu Elberfeld veranstalteten Volksversammlung.

(Schluß.)

Wollen wir unser Volk für christliches Leben, mo­narchischen Sinn, für die Liebe znm Baterlande zurück- gewinnen, so werden wir neben den alten konservativen Wegen neue gehen müssen. Manche haben davor Furcht. Sie klagen lieber z. B. über das allgemeine Wahlrecht, welches 40 Sozialdemokraten in den Reichstag gebracht habe. Aber gewinnt man damit das Volk? Man kann ja gegen das jetzige Reichstagswahlrecht viel sagen, aber abschasfen kann man es nicht. Darin finde ich auch nicht seinen Schaden, daß es vierzig Sirbeitervertretern in den Reichstag verholfen hat. Nach der Anzahl der deutschen Arbeiter könnten sie ja dort auch hundert Ver­treter haben, ich hätte nichts dagegen, auch nichts gegen 50 Handwerksvertreter und 50 Bauernvertreter; bedenk­lich nur ist, daß die Arbeitervertreter Feinde des König­thums, der Kirche, der Gesellschaft, des Vaterlandes sind. Mas wir heute in der Arbeiterbewegung an sich vor uns sehen, ist ein Seitenstück zu dem, was vor hundert Jahren die Welt bewegte: Der Arbeiterstand will aus seinen engen Grenzen heraus, er will mehr Anerkennung, mehr Fühlung mit den höheren Volksschichten. Wer will ihm das verdenken? Wir staunen über die großen Errungenschaften dieses Jahrhunderts, über die gewaltigen industriellen Fortschritte, aber auf dem Gebiete des sitt­lichen Lebens starren uns eitel Versäumnisse entgegen, das Jahrhundert der kapitalistischen Bourgoisie hat nichts geleistet auf diesem Gebiete. Man hat nicht gefragt, ob bei dieser blitzschnellen Entwicklung auch das sittliche, das Familienleben des Arbeiters seinen Antheil am Segen finde, und wenn auch hie und da etwas für ihn geschehen ist, im großen und ganzen ist die Entwicklung kein Segen für den geringen Mann gewesen. Unsere Zeit wird vom Mammon beherrscht, das ist der Grund der massenhaften Korruption. Wenn sich dagegen die Arbeiter aufbäumen, so kann kein Christenmensch etwas dawider sagen. Aber es muß in der rechten Weise ge­schehen, nicht nach Art ihrer Verführer. Tritt hier die rechte, vom christlichen Geiste getragene Demagogie ein, so ist das echt konservativ. Gehen Sie gegen die moderne Auffassung an, daß ein großer Mann ist, wer eine Million besitzt, und daß ein sehr großer Mann ist, wer 10 Millionen besitzt, unbesehen, wie er sie erworben hat. Der englische Schriftsteller Carlyle hat einstmals gesagt: Wer aus dem Lärm aufgeregter Volksversamm­lungen, aus dem Schlage ihrer wild geballten Fäuste nicht heraushört, daß es sich blos um den Nothschrei: Helft uns!" handelt, der hat nicht das richtige Be­wußtsein für die Volksstimmung." Ja, meine Herren, hätte man das auch bei uns eher herausgehört, so gäbe es jetzt nicht zwei Millionen Sozialdemokraten in Deutschland! Redner bespricht hier die Noth der Wohnungsfrage unter den Berliner Arbeitern. Den dritten oder vierten Theil ihres Einkommens müßten sie allein für eine nicht menschenwürdige Wohnung hingeben, und das blos darum, weil durch eine schmähliche Grund­stücksspekulation die Preise künstlich aufgetrieben worden sind. Aus den Berliner Wohnungsmißvcrhültnisscn ent­sprängen die schwersten sittlichen Schäden, sollte da der Staat nicht eingreifen? Zu solchen Fragen muß man Stellung nehmen, schon im Namen der Menschlichkeit, da hilf: kein Gehenlassen, keine Leisetreterei. Die konser­vative Partei hat jetzt die große Aufgabe, eine echte Volkspartei zu werden. Das kann sie aber nur, wenn sie handelt ohne zarte Rücksichtnahme nach unten oder nach oben. Wem verdankten wir unsere Erfolge tn Berlin nächst Gottes Hilfe recht? Daß wir die Stände vermischten, untereinander in Fühlung brachten. Bei unsern Festen, da saß der General neben dem Hand­werker, der Herr Rath neben dem Arbeiter, und ein hochstehender Herr sagte mir einmal, das sei ihm sehr interessant gewesen, einmal so unmittelbar mit einer so einfachen Familie zu verkehren. Ich erwiderte ihm: Gewiß ist das interessanter, als Ihre großspurige Ge­sellschaft, wo sich die Leute aus Höflichkeit miteinander unterhalten und anderen Tages sagen: war das wieder einmal langweilig! Jedem Fabrikherrn bei seinen Ar­beitern, jedem Handwerksmeister bei seinen Gesellen, jedem Gutsherrn bei seinem Gesinde und jeder Hausfrau Sei ihrer Dienstmagd, überall ist Gelegenheit geboten,

diesen Ausgleich der Stände zu fördern. Den anwesenden Frauen will ich gleich ein Beispiel erzählen. Eine Berliner Familie behandelte ihre Dienstmädchen wie ihre eigenen Kinder. Nach 5 Jahren verheirathete sich Friederike mit einem sozialdemokratischen Maurergesellen. Er nahm sie mit in eine ihrer Versammlungen, dort hörte sie: alle Reichen seien schlecht und haßten den kleinen Mann. Zu Hause fragte sie der Mann in dem Bewußtsein, daß diese Hetzreden großen Eindruck auf ihr Gemüth gemacht haben würden, wie es ihr gefallen habe. Unsere Friederike sagte darauf: Ihr seid ja alle verrückt, denn wenn ich es z. B. bei dir so gut haben werde, wie ich es bei meiner Herrschaft hatte, so danke ich dem lieben Gott! Also wenn Sie, liebe Frauen, etwas de­magogisch auf ihre Dienstmädchen wirken, so erwerben Sie sich ein großes soziales Verdienst. Wir alle müssen viel gemüthlicher, viel umgänglicher werden. Im Herzen unseres Volkes ruhen noch tiefe Schätze, nur liegt gerade jetzt zuviel Haß und Verbitterung darüber, deßhalb müssen wir Liebe üben mit Geduld und Langmuth. Diese Kraft kann nur das lebendige Christenthum geben, aber ein mit der sozialen Sympathie und mit starkem Glauben ausgerüstetes Christenthum. Wir behandelten das Christenthum zu einseitig, zu individuell. Christus hat auch sozial gearbeitet. Er heilte die Kranken und speiste die Hungrigen. Ich habe nie begriffen, wie man meinen kann, das Christenthum habe mit solchen Dingen nichts zu thun, im Gegentheil, das Christenthum hat in der sozialen Welt ein großes Gebiet, wie andererseits die soziale Welt nicht ohne die Kraft des Evangeliums gesunden kann. Dies in richtiger Mischung in das Volksleben zu werfen, das ist christliche, konservative, gesunde Demagogie. Fördern wir das Königthum, den Zusammenhang von Staat und Kirche, arbeiten wir an der Entwickelung der konservativen Geschichte mit neuen treibenden Kräften und mit Theilnahme am Volksleben, bekämpfen wir den Mammonismus mit Fühlung der Massen untereinander und mit christlicher, sozialer Liebe, so werden wir Demagogen von Gottes Gnaden, aber dabei hilft keine Leisetreterei.

Deutsches Reich.

Berlin. Die Annahme des russisch-deutschen Handels­vertrags ist am Montag im Bundesrath einstimmig erfolgt. Die erste Lesung im Reichstag wird voraus­sichtlich nächsten Montag beginnen.

Im Jahre 1893 wurden in der preußischen aktiven Armee 2 Generalfeldmarschälle, 14 Generale, 28 Generallieutenants, 63 Generalmajors. 114 Obersten, 182 Oberstlieutenants, 372 (im Vorjahre 247) Majors, 971 (im Vorjahre 377) Hauptleute und Rittmeister, 1455 (485) Premierlieutenants und 1136 Sekoude- lieutenants ernannt. Verabschiedet sind: 7 Generale, 14 Generallieutenants, 30 Generalmajors, 38 Obersten, 50 Oberstlieutenants, 100 Majors, 153 Hauptleute und Rittmeister, 95 Premier- und 185 Sekondelieutenants, Verstorben sind 6 Generale, 19 Stabsoffiziere, 26 Hauptleute, 13 Premierlieutenants, 28 Sekonde- lieutenants.

Bekanntlich ist das Mindestmaß in der Armee auf 1,54 Meter herabgesetzt worden, und die Aushebungs- kommissionen erhielten Anweisung, wonach die in Anlage I der HeereSordnung vermerkten körperlichen Mängel kein Abhaltungsgruud mehr für die Einstellung sein sollten. Nach diesen Grundsätzen ist denn auch beim Aushebungsgeschäst 1893 verfahren worden. In Folge dessen sind eine ganze Menge Leute eingestellt worden, welche nach den alten Vorschriften nicht zum Dienen im stehenden Heere herangezogen worden wären. Die Er­gebnisse dieser ersten Versuche der neuen Methode haben nicht überall befriedigt. Das liegt zum Theil in der Unsicherheit, welche bei der Handhabung neuer Vor­schriften erfahrungsgemäß einzutreten pflegt; zum Theil aber auch in den nicht unbedeutenden Schwankungen in der Konsulation der Bevölkerung der verschiedenen Pro­vinzen. Während z. B. Baiern, Württemberg, Baden, Pommern, Preußen, Posen, Hannover, Schleswig-Holstein einen auch nach den neuen Vorschriften brauchbaren Ersatz geliefert haben, kann das Gleiche z. B. von den mehr industriellen Bezirken und ärmeren Kreisen, nament­lich von Schlesien, Thüringen, Rheinprovinz nicht gesagt werden. Im Allgemeinen aber läßt sich übersetzen, daß Deutschland das durch das neue Gesetz gesteigerte Kon­tingent an Rekruten wohl aufbringen kann; freilich wird

sich vielleicht die Nothwendigkeit Herausstellen, den einen Bezirk etwas stärker heranzuziehen, als den anderen.

: Erfolge des russischen Handelvertrags. Zu den bereits sichtbaren Erfolgen des russischen Handelsvertrags gehören die in den letzten Tagen aus Petersburg und Moskau von dortigen Großhäusern verlangten Muster­sendungen von den verschiedensten Artikeln, welche wieder einfuhrfähig geworden sind, um daraus Aufträge zu ertheilen. Ferner weilen in verschiedenen Fabrikstädten z. Z. viele Vertreter großer russischen Firmen, die Auf­träge unterbringen, die bis zum April zum Versandt gelangen müssen; theilweise werden auch bereits spätere Lieferzeiten bewilligt. Die Ankunft weiterer russischer Einkäufer ist für die nächsten Wochen angezeigt. Fa­briken von künstlichen Blumen, Strohhüten, Putzwaaren, Kammgarnstoffen u. s. w. haben Aufträge bekommen, die sonst nach Paris vergeben worden wären. Nach Meldungen russischer Blätter haben mehrere russische Eisenbahngesellschaften bei deutschen Firmen Bestellungen auf Lokomotiven gemacht, für den Fall, daß der Reichstag den Handelsvertrag genehmigt.

Der Abschnitt der Postanweisung eine Urkunde. Die Berliner Strafkammer erkannte anläßlich eines Specialfalles, daß der Abschnitt einer Postanweisung den Charakter einer Urkunde habe und daß eine dolose Veränderung der Angaben auf demselben als Urkunden­fälschung zu bestrafen sei.

Eine königliche Verordnung wegen der Ver­pflichtung der Gemeinden rc. zur Erhebung der direkten Staatssteuern u. s. w. bestimmt für den ganzen Um­fang der Monarchie, ausgenommen Hohenzollern und Helgoland, daß den Gemeinden und selbstständigen Gutsb/zirken vom 1. April 1895 ab die Verpflichtung auferlegt wird, in ihren Bezirken die Einzelerhebung der sämmtlichen direkten Steuern, Domänen-, (Renten- bank- und Grundsteuerentschädigungs-Renten, sowie die Abführung der erhobenen Beträge an die zuständigen Staatskassen ohne Vergütung zu bewirken. Diese Ver­pflichtung erstreckt sich nicht auf die Eisenbahnabgaben. Für Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern kann von den Ministern der Finanzen und des Innern ein späterer als der bezeichnete Zeitpunkt, jedoch nicht über den 1. April 1900 hinaus bestimmt werden. Der Finanzminister ist ermächtigt, die Gemeinden und Guts­bezirke allgemein oder einzelne derselben von der Er­hebung der Steuer vom Gewerbebetrieb im Umherziehen zu entbinden.

Kiel, 20. Febr. Ein unabsehbarer Trauerkondukt bewegte sich vom Marinelazarcth nach dem Garnison­friedhof. Fast alle Häuser flaggten Halbstocks. Viele Geschäfte sind geschlossen. Zehntausende von Menschen bildeten Spalier. Das gesammte Offizierkorps, Ab­ordnungen aller Kriegsschiffe, die Stadtverordneten und Korporationen folgten den Särgen. Es wurden 30 Todte beigesetzt, von denen 21 ein gemeinsames Massen­grab erhielten. Mehrere Marinepfarrer hielten ergrei­fende Reden. Marinefoldaten gaben den Ehrensalut.

Friedrichsruh, 19. Febr. Der kaiserliche Extrazug traf präzise 5 Uhr 57 Min. ein. Fürst Bismarck hatte vorher die Ausschmückung des Bahnhofes inspizirt und sich in liebenswürdiger Weise mit dem zum Empfange des Kaisers anwesenden Publikum unterhalten. Der kaiserliche Zug fuhr durch den Bahnhof bis zumUeber- gang bei dem Schlosse des Fürsten. Bismarck, in Kürassieruniform mit dem vom Kaiser gesandten grauen Mantel, begleitet von Schweninger, Chrysander und Oberförster Lange, schritt, als der Kaiser, der die kleine Marineuniform trug, den Waggon verließ, auf diesen zu und beugte sich zum Handkuß. Der Kaiser wehrte ab und schüttelte dem Fürsten die Hand, welcher hierauf ben Monarchen in das Schloß geleitete. Hier begrüßte der Kaiser die Fürstin Bismarck unb führte sie am Arm in den Salon. Die Grafen Herbert und Wilhelm Bismarck waren nicht anwesend. Die Abfahrt erfolgte um 9 Uhr. Bismarck begleitete den Kaiser bis an dem vor dem Schloßportal haltenden kaiserlichen Zug, wo­selbst die kurze Verabschiedung erfolgte. Das zahlreich anwesende Publikum, größtentheils aus Hamburg, brächte Hochrufe aus. Ueber den Sturmschaden der im Sachsenwald angerichtet worden ist, äußerte der Fürst Bismarck zu einer kleinen Gesellschaft von Hamburger Damen und Herren, die ihm jüngst auf einem Spazier- gange begegneten, daß er mit einem Verlust von vier-