WWernerMimg
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Samstag, den 3. März
«SHKOHHHMHnHBBMH
Zölle und Preise.
In dem ungünstigen Sommer 1891 hatte Deutschland sehr hohe Getreidepreise. Der Zoll von 50 Mark auf die Tonne Weizen oder Roggen oder 5 Mark auf den Doppelzentner kam in den Preisen vollständig zum Ausdruck, da die deutschen Preise um jenen Betrag höher waren als die Weltmarktpreise. Im vergangenen Jahre bis in die jüngste Zeit hinein waren die Preise außerordentlich niedrig. Weizen war im Dezember 1893 in Deutschland billiger, als seit 14 Jahren; die Preise in Königsberg, Breslau und Danzig waren so niedrig, wie seit den zwanziger Jahren nicht; in England war der Weizenpreis niedriger, als seit anderthalb Jahrhunderten. Vergleicht man aber Inlandspreise und Weltmarktspreise mit einander, so ergiebt sich, daß während dieser Periode der Unterschied viel geringer war, namentlich im östlichen Deutschland, als der seit 1892 für alle Grenzen, mit Ausnahme der russischen, gültige deutsche Verlragszoll von 35 Mark.
Also als die Preise ohnehin hoch waren, wie im Sommer 1891, wurde der Verbrauch mit dem ganzen Zoll belastet. Als dagegen die Preise einen ungewöhnlich niedrigen Stand einnahmen und mithin die Landwirthe eine Unterstützung am nöthigsten gehabt hätten, gerade da versagte der Zoll seine Wirkung.
Wir heben diese Thatsache hervor, nicht etwa, um damit gegen den Schutzzoll zu sprechen. Keineswegs. Die deutsche Landwirthschaft bedarf eines erheblichen Schutzzolles, der ihr auch im regelmäßigen Lauf der Dinge von entschiedenem Vortheil ist, und unser Vertragszoll hat ja auch eine Höhe, wie sie sich noch vor 10 Jahren Wenige haben träumen lassen. Aber jene Erfahrung ist geeignet, einer Ueberschätzung der Schutzzölle entgegenzuwirken. Woraus sie sich erklärt, das hat kürzlich Pros. Conrad in Halle in oen Jahrbüchern s^c Nationalökonomie und Statistik u. A. wie folgt aus- einandergesetzt: Das Schwanken in der Wirkung des Zolles hängt zusammen mit dem Bedarf Deutschlands und dem Stand der Vorräthe des Auslandes, denn die Preisgestaltung ist eine Machtfrage, und in jedem Jahre verschiebt sie sich; bald hat das Inland, bald das Ausland das Uebergewicht bei der Preisbestimmung. Je mehr wir genöthigt sind im Ausland die Händler zum Einkauf des Bedarfs herumzuschicken, um so mehr müssen wir uns den ausländischen Preisen anpassen, das von ihnen eingeführte Getreide hat den Zoll vollständig zu tragen, die Preisdifferenz zwischen In- und Ausland entspricht in der Hauptsache dem Zoll. Je weniger wir im Auslande als Käufer auftreten, je mehr man uns von dort das Getreide anbietet, je mehr es an den Aus- fuhrstälten in Massen lagert, um so weniger kommt der Zoll zum Ausdruck, die Preisdifferenz verschwindet.
Die Besorgntß, welche einen großen Theil der land- wirthschaftlichen Bevölkerung wegen der schlechten Fruchtpreise ergriffen hat, ist vollkommen begreiflich; durchaus ungerechtfertigt aber ist es, die Ermäßigung der Getreidezölle von 50 Mark auf 35 Mark im Jahre 1892 dafür verantwortlich zu machen, da doch die Einfuhr weit geringer war als in den Vorjahren, und da gerade an der von einem Kampfzolle in der völlig absperrenden Höhe von 75 Mark geschützten östlichen Grenze die Preise am tiefsten standen.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Fcbr. Die Abreise der Kaiserin mit den Königlichen Kindern nach Abbazia findet voraussichtlich am 8. März über Breslau, Oderberg statt. Der Kaiser dürfte einige Zeit später nachfolgen.
— In der bayerischen Presse wird neuerdings auf eine anderweite Regelung des Hausirgewerbes im Sinne der Vorschläge der bayerischen Regierung gedrungen. Wie wir erfahren, ist vor der Hand wenig Aussicht vorhanden, daß gesetzgeberische Schritte in dieser Beziehung werden gethan werden. Es bestehen zur Zeit sehr viele Fabriken in Deutschland, welche nur für das Hausirgewerve arbeiten, dieselben würden ungezählte Arbeiter sofort entlassen müssen, wenn jetzt Maßnahmen getroffen werden sollten, welche die Möglichkeit des Hausircns soweit einschränkten, wie dies von einigen Seiten gefordert wird.
* — Der „Voss. Ztg." zufolge finden die in Lehrerkreisen bestehenden Wünsche, daß den Elementarlehrern der einjährige-freiwillige Dienst gestattet werde, die Zustimmung des Unterrichtsministeriums; wegen der
Aenderung der Seminarkurse und anderer, auch finanzieller Schwierigkeiten sei eine endgiltige Regelung in naher Zeit noch nicht möglich; demnächst ständen kommissarische Berathungen der Ministerien bevor.
Hannover, 25. Febr. Eine Erziehungsanstalt für jüdische Knaben hat Herr Bankier Alexander Simon auf einem eigens zu diesem Zweck ungetansten, ungefähr 50 Morgen großen Grundstücke besten Bodens auf der Grenze der Feldmarken Limmer und Ahlen begründet. Der Gründer verfolgt bei Anlage der auf 60 Zöglinge berechneten Anstalt den löblichen Zweck, den Knaben Lust an der Landwirthschaft und am Handwerk beizu- bringen. In dem geräumigen Wohnhause ist für das leibliche Wohl der Knaben in gesunden, sauber gehaltenen Räumen trefflich gesorgt; außerdem befinden sich in demselben 2 Schulzimmer für Knaben von 6—14 Jahren und Wohnungen für die Lehrer. In einem andern Gebäude sind die Werkstätten für Schlosserei und Tischlerei, wozu noch Scheune, Viehstall und ein Treibhaus kommen. Man sieht hieraus, für welche Berufsarten die Anstalt zunächst gegründet ist. Herr Simon beabsichtigt noch, eine Fortbildungsschule mit der Anstalt zu verbinden. Jedenfalls ist die Idee, den Elementarunterricht, wobei auf Zeichnen besondere Rücksicht genommen werden soll, mit einer genügenden Vorbildung für den künftigen Beruf zu verbinden, eine sehr glückliche. Bis jetzt beträgt die Zahl der Schüler der erst voriges Jahr eröffneten Anstalt 32. Allen, die sich für das Unternehmen interessiren, wird die Einrichtung gern gezeigt. Man kann nur wünschen, daß dies Vorgehen die thatkräftigste Unterstützung finden möge.
Halle, 25. Fcbr. Abermals hat der Leichtsinn, die Ofenfeuerung mit Petroleum anzufachen, einen höchst beklagenswcrthen Unfall heraufbeschworen. In dem Grundstücke Leipzigerstraße 2 war bei dem Kaufmann R. eine fröhliche Kindtaufsgesellschaft vereinigt, als von der Küche her Plötzlich markerschütternde Schreie ertönten. Dort Janb man das Dienstmädchen in eine Feuersäule eingehüllt, bemüht, sich die brennenden Kleidungsstücke vom Körper herabzureißen. Das Mädchen hatte die Ofenfeuerung mit Petroleum anfachen wollen, wobei der Behälter explodirte und die Kleidungsstücke der Aermsten Feuer fingen. In der Klinik, wohin man die Be- klagenswerthe sogleich brächte, konnte ihr Hilfe nicht mehr zu Theil werden. Schon kurz nach Mitternacht erlöste sie der Tod von ihren schrecklichen Qualen.
Sproktau, 23. Febr. Die behördlichen Ermittelungen über das gegen den Schuhmachermeister Kühn verübte Revolverattentat haben haarsträubende Einzelheiten zu Tage gefördert. Hiernach hat schon seit langer Zeit unter den betheiligten drei Kühnischen Lehrlingen, P. Schade aus Herwigsdorf, Kr. Freystadt, Gustav Ber- thold aus Wittgendorf, Kr. Sprottau, Robert Talke aus Kotzenau, Kr. Lüben, sämmtlich 15 bis 17 Jahre alt, ein Komplot bestanden, welches sich die entsetzliche Aufgabe gestellt hatte, den Meister und Lehrherrn unter allen Umständen unschädlich zu machen, weil er nach der Meinung dieser Buben in zu strenger Weise auf gute Sitte und Ordnung hielt und ihnen namentlich die Theilnahme an den jüngsten Fastnachtsfreuden nicht in dem gewünschten Umfange gestattet hatte. Zuerst bestand das Komplot, den Lehrherrn zu vergiften, doch nahm man hiervon Abstand, weil die Ausführung Schwierigkeiten bot. Nunmehr faßten die Burschen den Entschluß, mit Hülfe des Revolvers ihren furchtbaren Plan auszuführen. Hierzu wurde durch das Loos der bezeichnete Bertholt bestimmt, der denn auch seinen Meister kaltblütig überfiel. Letzterer befindet sich noch nicht außer Lebensgefahr, znmal das hinter dem linken Ohr tief in den Hals eingedrungene Geschoß noch nicht beseitigt werden konnte. Der Hauptattenthätcr ist flüchtig und konnte noch nicht ermittelt werden, während seine beiden Mitverschworenen Schade und Talke hinter Schloß und Riegel sitzen. Die bei ihnen Vorgefundenen reichlichen Geldmittel rühren von einem jüngst bei dem Bäckermeister Laube von denselben Buben verübten Einbruch her, über welches bisher völliges Dunkel herrschte und wobei nahezu 300 Mark geraubt wurden.
AuS Hinterpommern, 15. Febr. In dem Dorfe Zuckers stürzte bei dem letzten Sturm das baufällige Schulhaus während des Unterrichts zusammen. 20 Kinder wurden verletzt. Darunter sieben lebensgefährlich.
Fürth. Um von den Bettlern und Landstreichern nicht belästigt zu werden, hatte ein Geschäftsreisender in
Fürth an seiner Hausthür ein Schild angebracht mit der Aufschrift: Grausam, Fußgendarm." Da er trotz Aufforderung der Polizei das Schild nicht entfernte, erfolgte ein polizeilicher Strafbefehl, der zu einem Nachspiel vor dem Schöffengericht führte, über dessen Ergebniß die „Köln. Volksztg." meldet: „Ein als Zeuge geladener Polizeidiener bekundete, der Angeklagte habe zu ihm gesagt, er habe das Schild angebracht, damit wenn die Bettler die Aufschrift am Hause lesen, ihnen die Lust verginge, bei ihm zu betteln; thatsächlich sei auch kein Bettler mehr gekommen." Das Gericht sprach den Beschuldigten kostenlos frei.
Lokales und Provinzielles. * Schlüchtern, 2. März.
* — Der Forstaufseher Wagner ist zum Förster in Heubach ernannt worden.
* — Am letzten Samstag waren es 50 Jahre, seit der Färber Herr Böller in die Färberei des Herrn F. Schäfer in der Krämergasse dahier als Geselle ein» trat. Der greife Jubilar ist noch ganz rüstig und thätig im Geschäft. Selbstredend ließen es Herr Schäfer sen. sowie dessen Angehörigen nicht an Beweisen ihrer Erkenntlichkeit gegenüber dem alten treuen Arbeiter fehlen, denn 50 Jahre unter stets demselben Meister und in demselben Hause zu arbeiten, ein derartiges Jubiläum ist doch selten heutzutage und aller Anerkennung werth.
* — Der diesjährige Verbandstag für die Dar- lehnskassen-Vereine (System Raisfeisen) des Regierungsbezirks Kassel findet Ende Mai d. I. in Schlüchtern statt.
* — In der Traband'schen Untersuchungssache haben am 27. und 28. d. Mls. mehrere Zeugenvernehmungen vor dem Untersuchungsrichter aus Hanau, sowie eine Augenscheinnahme der Traband'schen Lokalitäten stattgefunden. Am 28. Februar ist der jüngere Traband in das Gerichtsgefängniß nach Hanau überliefert worden.
* — Am letzten Dienstag wurde in der Slallung des Metzgers und Wirths Valentin Freund dahier einem daselbst eingestellten Pferde des Bauern Melchior Möller von Wallroth von unbekannter Hand eine ätzende Flüssigkeit ins Maul geschüttet, wodurch dem armen Thier das Maul und der Schlund arg zerfressen wurde. Von dem Thäter fehlt noch jede Spur. Man nimmt an, daß diese That aus Rache geschah.
* — Wie weit die Verrohung geht, ersteht man aus einem Vorfall, der sich dieser Tage rn Wallroth zugetragen hat, wo Jemand den Grabstein der Ehefrau des Bürgermeisters Herzog auf dem dortigen Todtenhof gewaltsam zertrümmert hat. Derselbe wurde erst vor zwei Jahren hier augefertigt und kostete 116 Mark. Man vermuthet, daß der Thäter derselbe ist, welcher dem Pferde des Melchior Möller den Einguß im Freund'schen Stalle hier gemacht hat.
* — Aus der Schwurgerichts - Sitzung vom 28, Februar. Der frühere Posthülfsbote Philipp Sauerwein aus Schlüchtern ist bereits tn der Schwurgerichts- Sitzung vom 11. Juli v. I. wegen mehrerer Unterschlagungen zu einer Gefängnißstrafe von 1 Jahr 6 Monaten verurtheilt worden, welche Strafe er gegenwärtig in der Strafanstalt Eberbach verbüßt. Nachträglich hat sich noch eine weitere Unterschlagung von 20 M. herausgestellt, die ihm in seiner Eigenschaft als Posthülfsbote zur Ablieferung an Johannes Alter in Wallroth anvertraut worden waren. Als Ausweis für die geschehene Ablieferung hatte der Angeklagte die auf der Rückseite der Postanweisung vom Adressaten zu bewirkende Quittung gefälscht. Der Angeklagte ist auch heute seiner That in vollem Maße geständig und gibt an, daß der knappe Verdienst von 1,40 M. pro Tag für siebenstündigen Dienst zur Ernährung seiner aus Frau und drei Kindern bestehenden Familie nicht ausreichend gewesen und er deshalb zur Veruntreuung gekommen sei. Die Geschworenen sprachen ihn unter Annahme mildernder Umstände der Unterschlagung und der Ur» kundenfälschung schuldig und erkennt das Gericht auf eine Zusatzstrafe von drei Monaten Gefängniß.
* — Nächsten Dienstag findet der alljährliche große Viehmarkt und Mittwoch ein Kram markt dahier statt.
* — Pflanzet Obstbäume! Jetzt ist die rechte Zeit zur Anpflanzung von Obstbäumen aller Art in Feldern, Höfen, Gärten und au Wegen, darum versäume Niemand, sich schnell aus guten Baumschulen die prat»