SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Alk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
.M 22. Samstag, den 17. März 1894.
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Bestellungen auf das 2. Quartal 1894 MT „MMtem bitten wir durch die Post (auch Landbrieftr und zwar möglichst bald, da die Nachlieferm möglich ist. Neu zutretende Abonnenten er an bis Ende d. Mts. gratis.
Ein Wendepunkt im Leben.
Tausende von jungen Leuten verlassen heute die Schulen und treten in einen neuen Beruf ein. Dem Einen bestimmt das künftige Leben der Eltern Wille, dem Andern die eigene Neigung. Nichts wird aber erreicht ohne Lust und Liebe, und der traurigste Mensch auf Gottes Erdboden ist heute ein Stümper in seinem Fach. Nie wird seine Lebensarbeit ihm die Freude gewähren, die jedem tüchtigen Menschen ein gelungenes Werkstück bereitet, und er wird bald jenen anheimfallen, die für ihre wenig behagliche Lage alle möglichen Per- sonen verantwortlich machen, nur nicht sich selbst, die doch aber Alles verschuldet. Heute nehmen alle Zweige der Arbeit einen solchen Standpunkt ein, daß Vorzüg- liches geleistet werden kann und darum wird bei der Arbeit im Lebensbcrufe nur der wirklich genügen, der das Beste zu leisten sich bemüht. Es gibt heute auch keinen Stillstand mehr in der Entwickelung der Arbeit, es kommt Neues und immer wieder Neues, und wer darum in seinen Kenntnissen nicht mit Lust und Liebe einen festen Grund gelegt hat, wird unfähig sein, mit der Zeit mitzuschreiten. Nicht die Aeußerlichkeiten eines Berufes machen den Beruf aus, der Schmied im rußigen Wamms kann es ebenso zum Künstler in seinem Fach bringen, wie ein Maler, Kunstgewerbe und Knnsthandwcrk sind gerade jetzt im deutschen Reiche im schönen Aufblühen begriffen. Wir müssen noch viel mehr davon abkommen, junge Leute in Hellen Haufen dem Studium und der Bcamlenkarriere zuzuweisen. Gut Ding will gut Weile haben, und nicht von heute erst stammt das bittere Wort des Gelehrtenproletariats.
Wer einen Lebensberuf ergreift, der soll nicht vergessen, daß es heute gar nicht auf große Worte an- kommt, sondern auf gute Leistungen. Der .„große Mund" hat schon so manchen wirklich tüchtigen Menschen verdorben, denn wer in der Zeit, in welcher er noch recht viel Unterweisungen annehmen muß, schon vermeint, das Geheimniß seiner Arbeit erlernt zu haben, an dem ist Hopfen und Malz verloren. Wir können nur eine ganz gründliche Arbeit gebrauchen, und diese Gründlichkeit sichert auch für das lange Leben Erfolge. Die Anhaltung zur Gründlichkeit kann aber nur dann einen wahren Erfolg haben, wenn Respekt und Achtung vordem Lehrmeister vorhanden ist, und wenn dieser Respekt und diese Achtung auch von den Eltern der Zöglinge unbedingt beobachtet werden. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, das will manchen jungen Leuten nicht in den Kopf hinein, und muß ihnen darum bestimmt bei- gebracht werden. Man lernt nie zuviel, man lernt auch nie aus, und gerade die Jahre nach der Schule sind die besten zum ruhigen und stetigen Weiterunterricht Zucht und Ordnung unter den jungen Leuten jeder Klasse und jeden Stankes thut brü gend noth, wir haben hinreichend betrübende Erscheinungen gehabt, die wenig Erfreuliches für fernere Jahre erwarten lassen. Da kann ein Jeder in seinem kleinen Kreise zur Besserung wirken, und wenn er es thut, wird die Gesammtheit den Segen davon haben. Der Lebensberuf bedingt die Lebensarbeit, es ist damit eine bitterernste Sache und kein Spaß, über welchen vom Abend bis zum Morgen bei einer vergnügten Feier die Entscheidung getroffen werden kann. Hier handelt es sich um Menschenleben und Menschenschicksal, ein falscher Schritt, der gethan ist, führt zu folgenschweren Ereignissen. Wir haben heute genug sogenannte verfehlte Existenzen und müssen darauf achten, daß ihre Zahl nicht größer wird, sondern geringer. Männer der Arbeit brauchen wir, nicht Männer der leeren Worte.
Deutsches Reich.
Berlin. Die Daily News in London, welche nach ber Abstimmung vom Sonnabend die Annahme des deutsch- russischen Handelsvertrags diskutirt, schreibt: Der Ver-
zwei bezw. einmonatliche Abonnements cntgcgenzunehmcn, versprach er „wohlwollende Berücksichtigung". Dagegen verhielt er sich ablehnend gegen den Wunsch, eine uneingeschränkte Ucberweisung direkter Abonnenten an die Post zu gestatten.
Leipzig. Nach dem Vorgänge anderer großer Vereinigungen des Handels und der Industrie hat ber Deutsche Buchdruckerverein (eingetragene Genossenschaft) soeben die erste Nummer der „Vertraulichen Mittheilungen" für seine Mitglieder erscheinen lassen, die denselben kostenfrei in zwangloser Folge zngesandt werden sollen. Die in den Mittheilungen enthaltenen Firmen- und Personenlisten, welche nicht nur schlechte Zahler, sondern auch Preisdrückerei, Anzeigenschleuderei rc. berücksichtigen sollen, werden auf Grund von Fragebogen zusammengestellt, die den Mitgliedern zur Verfügung stehen.
Wurzburg, 13. März. Die Genickstarre tritt seit einigen Tagen hier auf. Es sind bereits mehrere Todesfälle zu verzeichnen.
Wittlich, 10. März. Der älteste Beamte im deutschen Reiche, des Gefangenwärter Johann Müller, ist heute im Alter von 101 Jahren und 20 Tagen gestorben.
Auslands
Rom, 13. März. Der „Folchetto" meldet, daß der Vizekassirer des Peterspfennigs nach Veruntreuung von vierhundert Tausend Lire geflohen sei. Der Vatikan zaudere, die italienische Polizei zur Verfolgung des Diebes aufzufordern.
Brasilien. Die Revolution scheint beendet zu sein. Admiral Gama hat sich an Bord einer portugiesischen Korvette geflüchtet. Er soll sich erboten haben unter folgenden Bedingungen zu kapituliren: Rückgabe des $oux> und ber Schiffe der Aufständischen in der Bai, sowie Auslieferung der Gefangenen. Der Admiral und seine Offiziere ziehen sich unter dem Schutze der portugiesischen Regierung in das Ausland zurück. Den aufständischen Soldaten und Matrosen wird das Leben gewährleistet.
Daß das Jnselrcich Japan der Wohlthaten deS Parlamentarismus etwas zu früh theilhaftig geworden ist, das beweist die Geschichte der letzten Wahlen, die fast durchweg mit Blut geschrieben ist. In fast allen japanischen Städten sind blutige Szenen vorgekommen, bei denen zahlreiche Personen Verletzungen erlitten und viele sogar den Tod gefunden haben. Es ist auch ein Komplott entdeckt worden, welches bezweckte, das Heilig- thum der Vorfahren des Kaisers mit Pulver in die Luft zu sprengen, sowie den Kaiser, den Erbprinzen und die Minister zu ermorden. Mehr als 1000 Mann sitzen dafür gegenwärtig hinter Schloß und Riegel.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächter», 16. März.
* — Der Lehrer Döring in Ahlersbach ist als Lehrer nach Koblenz versetzt worden.
* — In Folge der großen Veränderungen, welche in den letzten Jahren im höheren Schulwesen vor sich gegangen sind, sahen sich die Behörden veranlaßt, ber Frage näher zu treten, was nunmehr mit dem aus kurhessischer Zeit übernommenen Progymnasium zu Schlüchtcrn zu beginnen sei. In der bisherigen Weise war es nicht länger zu halten, dazu hatten sich die Zeiten doch zu mächtig geändert. Ueberdies bedeutet ein L-tehenbleibcu, namentlich wenn man sich dabei auf veraltete Formen steift, nicht nur keinen Fortschritt, sondern unter Umständen sogar einen ganz gewaltigen Rückschritt.
Dies hat auch die genannte Schule an sich selbst erfahren. Von Abt Lotichius nach dem Uebertrilt des Klosters zur Reformation als Gymnasium für die gesummte Obergrafschaft Hanau gegründet, hat sie während dreier Jahrhunderte dem Lande vortreffliche Dienste geleistet. Als diese altehrwürdige Anstalt im Jahre 1832 zu Gunsten des Hanauer Gymnasiums aufgehoben wurde, verblieb der Stadt Schlüchtern sowie der in Mitleidenschaft gezogenen Obergrafschaft Hanau nur noch ein kümmerlicher Rest der alten Herrlichkeit in Gestalt einer Lateinschule (Progymnasialklasse). Auf Betreiben der Schlüchterner Bürgerschaft wurde jener schließlich unhaltbar gewordene Zustand 1848 durch Gründung eines Progymnasiums ersetzt. Dieses umfaßte zwei Klassen mit je zwei Jahrgängen und reichte von Sexta bis Tertia,
--KittkadullS.
(April, Mai, Juni) der
er Zeitung" ^Hf iger) oder Boten gest ausgeben zu wollen, g bereits erschienener Nummern nicht immer )alten die Zeitung vom Tage der Bestellung Ale Wpediliog.
trag ist eine große That, wir sagen ausdrücklich, eine größere That, als die Triple-Alliance. Der Vertrag ist mehr als eine bloße Krönung des Bismarckschen Werkes. Bismarcks Traun: war, mit Rußland in eine Alliance zu treten. Es gelang ihm das einen Augenblick, aber er konnte Rußland nicht darin festhalten. Sein Nachfolger brächte es zu Wege, und zwar durch ein Arrangement, welches Rußlands Loyalität Frankreich gegenüber keinen Abbruch thut. Der Vertrag ist einfach ein Meisterstück.
— Seitens der preußischen Regierung ist eine Verfügung erlassen worden, wonach die Volksschnllehrcr zu allen Reisen über die Grenzen Deutschlands, in- begriffen Ferienreisen, der Genehmigung des betr. Regierungspräsidenten bedürfen. Die Gesuche sind unter Angabe des Zweckes, Zieles und der Dauer der Reise auf dem Dienstwege einzureichen.
— Das Gesetz über das Ruhegehalt der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen, nichtstaatlichen mit- leren Schulen und die Fürsorge für ihre Hinterbliebenen wird voraussichtlich, nachdem die zur Vor- berathung des Entwurfs eingesetzt gewesene Kommission des preußischen Abgeordnetenhauses demselben in unveränderter Gestalt ihre Zustimmung gegeben hat, am 1. Oktober 1894 in Kraft treten. Für die Gemeinden dürfte es nützlich sein, sich schon möglichst frühzeitig aus das Gesetz einzurichten und diejenigen Vorkehrungen zu treffen, welche es nothwendig macht. Namentlich wird in letzterer Beziehung der Anschluß an die Nuhe- gehattskassen in Frage kommen. Eine Doppelversorgung der Lehrer an den erwähnten Schulen wird übrigens nach dem 1. Oktober d. J. nicht eintreten. Es ist also ausgeschlossen, daß ein solcher Lehrer fernerhin der Elementarlchrerwitiwen- und Waisenkassc als Mitglied angehören kaun, da er durch das neue Gesetz ausreichend unter Fürsorge gestellt wird.
— Mit Rücksicht auf die Umgestaltung der Verwaltung der preußischen Eisenbahnen ist jetzt festgestellt worden, wie viel Ober- und Subalternbeamte bei Redu- zirung des Beamtenpersonals disponibel werden. Die ermittelte Anzahl beläuft sich auf 800 bis 900 Ober- und 1200 bis 1300 Bureaubeamte. Auf jeden Direk- tionsbezirk entfallen hiervon durchschnittlich 73 bis 81 Ober- und 110 bis 118 Subalternbeamte oder auf jeden Vetriebsamtsbezirk 11 bis 12 Ober- und 16 bis 17 Sulbalterubeamte. Die Titel Eisenbahn- und Be- triebssekrclär kommen in Wegfall, und dafür wird die Bezeichnung Bahnsekretär und Assistent eingeführt. Die gegenwärtig als Betriebssekretär angestellten Beamten werden unter Belastung ihres jetzigen Titels zum Theil in Assistentenstellen arbeiten.
— Der Reichskanzler hat beim Bundesrath soeben beantragt, derselbe möge sich damit einverstanden erklären, daß ca. 11000 000 M. in Fünfmarkstücken, 7 000000 M. in Zwei- und 4000000 M. in Einmarkstücken neu ausgeprägt werden. In der Motiviernng wird darauf hingewiesen, daß schon seit längerer Zeit in den sächsischen uud rheinisch-westfälischen Industrie- bezirken sich der Mangel an größeren Silbermünzen sehr fühlbar mache und daß auf Grund des Arrikels 4 des Münzgesetzes unter Berücksichtigung der letzten Volkszählung noch über 22 000 000 M. an Silbermünzen geprägt werden können.
— Der neue Postzeitungstarif soll, wie der Direktor des Reichspostnmts, Sachse, dem Verleger der „Allgemeinen Fleischerzcilung" mitgetheilt hat, schon in der nächsten Reichstagssession vorgelegt werden. Er soll dabei nach der Meldung eines Berichterstatters hinzugefügt haben, daß dieser Tarif namentlich für die „billigen" Zeitungen manche Ucberraschung bringen dürfte. Bezüglich des Wunsches, auch denjenigen Zeitungen, die wöchentlich weniger als dreimal erscheinen, das Recht einzuräumen, nach dem 1, Quartalsmonat