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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 4. April
1894
WftplltttirtMl a,lf btc »Schlüchterner Zeitung" H werden noch fortwährend von allen
-- - Postanstalten und Landbriefträgern
sowie von der Expedition entgegen genommen.
Gcschäftsaussichtcn.
Nach Abschluß des Handelsvertrags mit Rußland, dessen Annahme nun auch durch den Reichstag erfolgt ist, erwartet die deutsche Industrie einen gewissen Aufschwung des Geschäftsverkehrs nach dem Zarenreich Schon feit Wochen sind deutsche Reisende unterwegs, um alte -Verbindungen, die durch die russischen Zollmauern abgeschuitten waren, wieder aufzufrischen und neue anzuknüpfen. Auch mit Amerika steht wieder ein lebhafterer Geschäftsverkehr in Aussicht, da die seit nunmehr neun Monaten dort anhaltende Krisis in der Abnahme begriffen ist und mit dem Inkrafttreten der neuen Wilson-Bill für eine Reihe Importartikel nicht unwesentliche Zollermüßigungen eiulretcn. Allerdings ist man drüben nicht der Ansicht, daß die europäischen Produkte diesen Vorzug lauge genießen werden, da die republikanische Partei, die hauptsächlich für die jetzige geschäftliche Krisis in den Vereinigten Staaten verantwortlich zu machen ist, bei der nächsten Präsidentenwahl alle Hebel und Millionen von Dollars in Bewegung setzen wird, um die jetzige demokratische Präsidentschaft zu stürzen und einen Mann aus ihrer Mitte an die Spitze der Regierung zu stellen, der alle Reformen der Demokraten so rasch wie möglich zu beseitigen suchen wird.
In allernächster Zeit wird also die deutsche Industrie sowohl durch Rußland wie durch Amerika günstig beeinflußt werden und wieder zu flotterem Betrieb über« gehen können. Nach dem lange schleppend gewesenen unb mit vielen Verlusten verbundenen Geschäftsgang der letzten Jahre ist dies ja der deutschen Industrie auch sehr zu gönnen, aber es kann dabei nicht genug zu größter Vorsicht gemahnt werden, da nach beiden Seiten, sowohl nach Rußland wie nach Amerika hin, die Verhältnisse sehr eigenthümlich liegen. In Rußland sind es die Rechtszustände, denen der ausländische Geschäftsmann, wenn er richterliche Hülfe in Anspmch nehmen muß, machtlos gegenübcrstcht, und in Amerika neben den traurigen Rechtszuständen noch die Rasfinirlheit der Agenten und Kommissionäre, die vielfach nur darauf ausgehen, unter allen möglichen Vorspiegelungen Waaren in die Hände zu bekommen. Man sei dem gegenüber sehr vorsichtig, lieber kein Geschäft als ein unsolides, lieber die Waaren im Hause behalten oder die Fabrik still stehen lassen, als übereilig ohne genügende Sicherheit hinausschleudern. Die deutschen Konsulate im Ausland werden immer mehr in die Nothwendigkeit versetzt, ihr Personal mit geschäflsgewandten Beamten zu besetzen, die die Schliche und Kniffe leichter herausfinden, über Kreditfähigkeit genügende Auskunft geben und bei Prozessen mit bestimmten Vorschlägen an die Hand gehen können, damit nicht noch gutes Geld nach schlechtem geworfen wird. Dann aber ist auch unsere Industrie daraus aufmerksam zu machen, nur gute Waare, ja die beste, die solideste Waare nach dem Ausland zu liefern. Nur dadurch können die Erfolge, die wir in Chicago erzielt haben, lohnend und dauernd ausgenutzt werd n. Billig und schlecht ist, Gott sei Dank, in Chicago wieder ausgemerzt worden, man hüte sich, diese geflügelten Worte von neuem wieder zur Geltung zu bringen! Unsere Geschmacksbildung, unsere Leistungsfähigkeit kann mit jeder Konkurrenz in die Schranken treten, das hat die Chicagoer Ausstellung bewiesen, aber es darf das Ansehen nicht durch eine gewisse unsolide Schmutz- konkurrenz von neuem getrübt werden. Die Handelskammern sollten schon jetzt in ihren Kreisen darauf aufmerksam machen, beim Export mit den denkbar solidesten Grundsätzen, aber auch nur gegen größte pekuniäre Sicherheit zu arbeiten.
Die handelspolitischen Beziehungen zu Rußland, obgleich der neue Handelsvertrag eine Dauer von zehn Jahren hat, werden immer in gewissen Grenzen bleiben, da die Entwickelung in Rußland auch in Zukunft sehr langsam vor sich gehen wird und die jetzigen Vortheile des Handelsvertrags russischerseits für Eingeweihte unter ganz anderen Voraussetzungen gemacht worden sind, wie man im allgemeinen annimmt. Rußland braucht Geld, muß neue Anleihen machen; trotz aller Verbrüderungs- fefte mit Frankreich sind aber neue Anleiheversuche dort
fehlgeschlagen und in England sind dieselben aus gewissen Gründen ebenfalls nicht gut durchführbar, es bleibt also nur Deutschland übrig. Scheitern auch hier die Versuche, dann wird die Verstimmung nicht lange auf sich warten lassen und werden die Chikanen trotz der Verträge nicht ausbleiben. Dagegen ist die Entwickelung in Amerika eine raschere, der Bedarf steigt schneller, die günstigen Wirkungen der Wilson-Bill werden aber auch kürzere sein. Dies werden unsere Industriellen stets im Auge behalten müssen, wenn sie vor unangenehmen Enttäuschungen und vor Schaden bewahrt bleiben wollen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser wird am 13. April in Wien eintreffen und am 14. nach Karlsruhe abreifen. Auch eine zweitägige Zusammenkunft mit dem italienischen Königspaare ist beabsichtigt. — In Venedig ist bereits die Instandsetzung des königlichen Palastes für das deutsche Kaiserpaar angeordnet. In Potsdam wird der Kaiser erst in der letzten Aprilwoche eintreffen. Das Kaiserliche Hoflager siedelt am 25. April nach dem Neuen Palais über.
— Aus Ostafrika. Die Nachricht, daß der Gou- verucur von Ostafrika, Major v. Scheele, von seinem Zug gegen die Mafitis, den er um die Mitte des Novembers v. I. mit einer größeren Expedition an« getreten hatte, siegreich zur deutschen Küste zurückgekehrt und zunächst in Kilwa eingetroffen ist, hat überall freudig berührt. Die Expedition des Gouverneurs hatte sich unterwegs am Ulanga mit einer Abtheilung des Kompagnieführers Ramsay vereinigt, der am 1. und 2. Dezember beim Dehobeho eine Schaar von 500 bis 600 Mafitis geschlagen und in den Fluß getrieben hatte. Nach einem Brief des Gouverneurs vom 10. Dezember (geschrieben an der Ulanga-Fähre) wollte er gegen die Haupttäuber Rnbikiramtua unb Pepo, dessen Bruder von Ramsay geschlagen worden war, ziehen. Dann hatte er die Absicht, den Ulanga auswärts zu marschieren und von da aus womöglich die Station Langenburg, am Nordende des Nyassa zu besuchen. Daß er dorthin gelangt ist, geht aus der neuesten Depesche hervor. Der Gouverneur beabsichtigte, an der Ulanga-Fähre nach Ablauf der Regenzeit eine Station zu errichten. Die Hauptexpedition befindet sich offenbar noch im Land der Mafitis und Herr v. Scheele ist zunächst nur mit einigen Begleitern an die Küste zurückgekehrt. Die Kunde, daß auch im Süden von Deutsch Ostafrika im Nyassa-Gebiet die Bedingungen für eine europäische Einwanderung vorhanden sind, stimmt mit früheren Nachrichten überein. Sowohl das gemäßigte und gesunde Klima als der Wasserreichthum und die üppige Vegetation machen gerade diese Gebiete zu den aus- sichtsvollstcu unter unsern afrikanischen Besitzungen. Ob Herr v. Scheele auch mit den Wahehes abgerechnet hat, darüber scheinen zuächst noch keine Meldungen oor= zuliegen; früher oder später muß es jedenfalls geschehen.
— Aus Südwestafrika wird berichtet: Major von Franks hat am 20. Januar und 2. Februar den Witboois, die schon Anfang Januar in der DnisipMucht geschlagen waren, empfindliche Niederlagen beigebracht. Ob Hendrik Witbooi, der bei dem ersten Gefecht nicht zugegen, sondern nach Süden gezogen war, um Munition von den englischen Händlern zu kaufen, jetzt sich am Kampf betheiligt hat, ist nicht klar, aber auch Unwahrscheinlich. Die Schutztruppe hat bei diesem Guerillakrieg furchtbare Strapazen auszustehen gehabt. Ein Privat- brief eines Unterofficiers, den die „Germania" veröffentlicht, erzählt, daß die Officiere und Mannschaften in Lumpen unterliefen, die mit Stricken zusammen« gebunden waren. Das ganz zerrissene Schuhwerk wurde durch Stücke Ochsenfell ersetzt und der Major mußte einmal drei Tage barfuß gehen, da kein Fell aufzutreiben war.
- - Hinsichtlich der Rckrutirung des Heeres für 1894/95 ist Folgendes bestimmt worden: Der späteste Entlassungslag der Reservisten ist der 29. September 1894. Bei den Truppenteilen, welche an den Herbst- Übungen theilnehmen, hat die Entlassung der zur Reserve beurlaubten Mannschaften in der Regel am 2., ausnahmsweise am 1. oder 3. Tage nach Beendigung derselben bezw. nach Eintreffen in den Standorten stattzufinden. Die zu halbjähriger aktiver Dienstzeit im Mai bezw. November eingestellten Trainsoldaten sind
am 31. October 1894 bezw. 30. April 1895, die Traingemeinen, sowie die Oekonomichandwerker am 29. September 1894 zu entlassen Die Einstellung der Rekruten zum Dienst mit der Waffe hat bei der Kavallerie baldmöglichst nach dem 1. Oktober 1894, jedoch grundsätzlich erst nach dem Wiedereintreffen in den Standorten von den Herbstübungen zu erfolgen. Die Rekruten für die Untcroffizierschulen sind am 2. Oktober 1894, diejenigen aller übrigen Truppentheile im Laufe des Oktober 1894 nach den Bestimmungen des Kriegsministeriums einzustellen. Mit der Entlassung der Reservisten im Herbst d. I. ist die zweijährige Dienstzeit im Sinne des Art. Il §. 1 des Gesetzes vom 3. August 1893 durchgeführt. *
— Das neue leichte Jnfantcricgcpäck wird vom 1. Mai bis zum Herbst bei 10 Bataillonen probiert werden. Die gesummte Erleichterung beträgt 13 bis 14 Pfund.
— Bei einer Herkulesarbeit den Tod gefunden hat Montag Vormittag der 28 Jahre alte Böttcher Johann Meyer, der in der Bockbraucrci angestellt war. Er hatte ein 42 Hektoliter Bier haltendes, 15 Centner schweres Lagerfaß vom Boden gehoben (!?), als er aus- glitt und im Falle mit dem Kopfe unter das Faß gerielh. Die Tonne zerquetschte ihm den Schädel vollständig, so daß der Tod sofort eintrat.
Brcslau, 30. März. Von den 23 bestehenden Kreiskassen des Regierungsbezirks Brcslau sollen zwölf am 1. April 1895 aufgehoben werden.
Leipzig, 22. März. Die Frau des Malers Brenneisen, die mit ihrem Manne nicht in Frieden lebte, stürzte sich mit zwei Kindern, Knaben von vier bis sechs Jahren, aus dem dritten Stock auf die Straße. Mutter und Kinder blieben alle drei auf der Stelle todt.
Aus Thüringen. Der in Konkurs gerathene Fabrikant Bär in Weimar soll, wie das „Jenaer Volksblatt" meldet, für Dienste, die er der Konkurs- verwaltung leistet, eine monatliche Vergütung von 250 Mk., sein Sohn, den man ebenfalls „angestellt" hat, eine solche von 150 Mark beziehen. Die Familie Bär befindet sich demnach trotz des Konkurses sehr wohl, denn sie verfügt über ein Baarcinkommen von 400 Mk. monatlich!
Weiva, 30. März. Einen sehr schweren Verlust hat ein Gutsbesitzer in Dohlen erlitten. In vergangener Nacht sind demselben sechs Kühe, eine Ziege, sowie ein werthvolles Mutterschwein mit sämmtlichen Jungen erstickt. Um letztere vor Kälte zu schützen, hatte man alle Oeffnnngen des Stalles, selbst die Dunstlöcher sorgfältig geschlossen und in dem Stall eine brennende Lampe aufgebängt. Unglücklicherweise aber befreite sich eine Kuh von der Kette und warf die Lampe herab. Diese ist infolgedessen explodiert und hat die Streu in Brand gesetzt. Der sich entwickelnde dichte Rauch fand natürlich keinen Ausweg, sondern füllte den ganzen Stallraum, so daß die darin besinn liehen Thiere ersticken mußten. Dieser Vorfall ist eine erneute Mahnung, das Licht in den (Stallräumen mit äußerster Vorsicht zu gebrauchen.
Bremen, 2. April. Der überfällige Lloyddampfer „Eins" ist in der Nähe der Azoren ausgefunben und in Horia, Hauptstadt der Inseln, von einem fremden Dampfer eingeschleppt worveu. Die Direktion des Llvyd ordnete an, daß die Passagiere mit dem Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm IL" nach Ncw-Uork gebracht werden. — Der überfällige Dampfer des Norddeutschen Llvyd „Roland", welcher Bremen am 14. März verließ, ist am I. April Nachts 12 Uhr in Ncw-Uork eingetroffen.
Hamburg. Als vermißt werden nicht weniger als sechs Hamburger Schiffe und zwar die Segelschiffe „Emma', „Magnet", „Margarelha", „Marie", „Mar- curius" und „Uzola" vom Hamburger Secamte auf« igerufen. Von allen sechs Fahrzeugen und deren Mann- chasten fehlt bereits seit Monaten jede Spur.
Rusland.
Anderlucs, 28. März. Die Bergung der Leichen der bei der Katastrophe vom I I. März 1892 getöbteten Bergleute hat heute begonnen. Bis jetzt wurden drei Leichen hcraufgeschasft, die sich in dem 370 Meter tiefen St. Lucas-Stollen befanden. Die Körper sind hart wie Mumien und vollständig geruchlos. Von den noch übrigen 109 Leichen befinden sich 21 in einer Tiefe von 420 Meter und 88 in einer Tife v^n