SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" n. „Jllustrirtcn Familienfreund" Vierteljahr!. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf
32 36. Samstag, den 5. Mai 1894.
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TMtlhtHrtm °"l die „Schlüchterner Zeitung" SPtpitUUilyMi werden noch fortwährend von allen
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Deutsches Reich.
Berlin Der Kaiser hat die Zeit seines Verweilens in Schlitz fast ausschließlich im Kreise der gräflich Görtzschen Familie verbracht und weder Jagdansflüge gemacht noch Ausfahrten unternommen. Oftmals konnte man ihn beim Lawntcnnisspicl sehen. Am Sonnabend hat Se. Majestät mit den gräflichen Herrschaften viel musizirt und bei dieser Gelegenheit zu einem Liede „Sang an Acgir" eine Melodie komponirt, welche von der Militärmufikschule aus Mansfeld, die unter Leitung des königlichen Musikdirektors a. D., Kluhse, den Kaiser schon am Mittwoch bei seiner Ankunft empfangen hatte, bei der Tafel am Sonntag wiederholt gespielt wurde. Größere Einladungen znr Tafel sind während der Anwesenheit des Kaisers nicht ergangen, doch waren die Mutter des Grafen sowie der Chef der Hofhaltung, Rittmeister a. D. Frhr. v. Egloffstein, öfters zu Tische gebeten. Vor seiner Abreise hat der Kaiser dem Hospital in Schlitz 1000 Mark als Geschenk überwiesen.
— Der Kaiser hat, nach der Mgd. Ztg., während seiner Anwesenheit in Dresden den Professor Prell beauftragt, den Festsaal des Palastes Caffarelli (Heim der deutschen Botschaft in Rom) mit Wandgemälden zu schmücken, und für die Erneuerungskosten dieses Saales 80 000 Mark bewilligt.
— Das neue Börsensteuer-Gesetz vom 27. April 1894 wird im „Reichsgesetzblatt" amtlich publizirt. Dasselbe ist mit dem 1. Mai in Kraft getreten.
— Am 1. April d. Js. betrug die Zahl der seit dem Inkrafttreten des Invaliditäts- und Alters- versicherungs Gesetzes erhobenen Ansprüche auf Altersrente 271,403, wovon 216,384 anerkannt wurden Die Zahl der Ansprüche auf Invalidenrente betrug 97,163, wovon 64,204 anerkannt wurden.
— 1. Mai. Der Abg. Ahlwardt wurde heute vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts wegen Beleidigung des preußischen Beamtenstandes, begangen in seiner zu Essen gehaltenen Rede, zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Dem Ministerpräsidenten und dem Justizminister wurde die Publicationsbefugniß zugesprochen.
Mainz. Der Kassirer der Mainzer Agentur der Kötn-Düsseldorfer DampfschifffahrtsgeseUschaft, Syrs, ist jüngst gestorben. Syrs versah seinen Posten als Schalterkassirer ununterbrochen 44 Jahre und ist während dieser langen Zeit, obwohl er Millionen Dampsschiff- fahrtskarten ausgegeben, selbst nicht ein einzigcsmal mit einem Schiff gefahren, wie er überhaupt in seinem ganzen Leben nie über das Weichbild von Mainz hinausge- kommen ist. Oefters hatte ihm die Gesellschaft aus eigenem Antrieb Urlaub bewilligt und ihm Freifahrt und Reisegeld angeboten, er war aber nie zu einer Reise zu bewegen; er kannte nur seine Kasse und sein Bureau.
Großes Aufsehen erregt in Thorn die Verhaftung eines Schülers des Realgymnasiums, des 17-jährigen Untersekundaners Szuvlz, des Sohnes eines russischen Unterthanen, unter dem Verdacht der Spionage und Majestätsbeleidigung Sein Vater lebt als Privatmann abwechselnd in Odessa und Bialystock; sein Bruder ist russischer Offizier. Der Verdacht ist dadurch erregt worden, daß er bei Spaziergängen kleine Zeichnungen über die Lage der Festungsforts anfertigte unter Abschätzung von Entfernungen. Bei einer Haussuchung wurden derartige Zeichnungen gefunden, so daß die Anklage wegen Landesverraths möglich erscheint. Weiter soll S. bei einer Kaisergeburtstagsfeier schwere Majestätsbeleidigungen ausgestoßen haben.
Ausland.
Die Zerstörungen im Osten des griechischen Bezirks Lokris durch die neuerlichen furchtbaren Erdstöße sind großartig und spotten aller Beschreibung. Die meisten Ortschaften sind unkenntliche Stein- und Holzhaufen. Wo Häuser stehen geblieben sind, ist eine Annäherung gefährlich. Alles lagert im Freien. Es herrscht Mangel an Nahrungsmitteln. Die Erregung und Bestürzung ist groß. Im Hafen von Atalanti versank ein eben mit 2000 Broden angekommenes Schiff. Das Gebirge zeigt seiner ganzen Länge nach Risse. Die Ortschaften Kirochorion und Limnä auf Euböa sind fast
gänzlich zerstört. In Athen wurden mehrere Häuser beschädigt Immerfort erbebt der Erdboden. Ein Ende der Katastrophe ist noch nicht abzusehen. Der König von Griechenland wird sich nach Atalanti begeben.
Graz, 1. Mai. Mit den Mitgliedern des Vereins für Höhlenforschung, welche in der Lugloch-Höhle bei Sonriach durch das Anschwellen der in der Höhle befindlichen Bäche von dem Ausgange abgeschnitten wurden, hat noch keine Verbindung hergesteUl werden können. Es ist unmöglich, Sprengungen vorzunehmen, weil dadurch Verschüttungen herbeigeführt werden könnten. Bis heute Mittag waren weitere Rettungsversuche unmöglich, weil in ganz Steiermark Hochwasser ist und deshalb an eine Abdämmung des Wasserzuflusses nicht zu denken ist. Die Rettung hängt von einer eventuellen Aenderung der Witterung ab.
bieten muß, um die lieblichen Sänger in Flur und Hain zu beschützen.
* — „Ist der Mai kühl und naß, dann füllt er dem Bauer Scheune und Faß." Die erste Hälfte dieser alten Bauernregel hat sich erfüllt, auf die schönen Blüthentage des April hat sich ein kühles und nasses Maiwetter eingestellt — möge sich auch die an diese Bedingung geknüpfte Verheißung der alten Wetterregel erfüllen, daß Scheune und Keller sich mit dem Ernte- segen füllen mögen!
Soden-Stolzenberg. 30. April. Zu Anlagen für Kurpromenaden und sonstigen Verschönerungen des Bades hat die Stadt Soden eine Summe von 16 000 Mk. bewilligt.
In Oberdorfelden wurde gegen den Wasenmeister Anzeige erstattet, weil er in dem Verdacht steht, Fleisch von einer gefallenen Kuh zu Nahrungszwecken verkauft zu haben. Die Kuh war vor einiger Zeit infolge einer Krankheit verendet und der Kadaver war dem Wosen- meistcr zum Vergraben übergeben worden. Da jedoch der Verdacht entstand, daß das Fleisch der Kuh nichl vollständig beseitigt worden sei, so fand Anfangs der vergangenen Woche aus Veranlassung eines Frankfurter Schlachthofbeamten eine Ausgrabung statt, und dabei zeigte sich in der That, daß die beiden Hinterviertel fehlten. Wo das Fleisch hingekommen ist, konnte bis jetzt noch nicht festgcstcllt werden.
Alsfeld, 1. Mai. In der hiesigen Holzschneiderei der Herren Gebrüder Wallach ereignete sich ein schrecklicher Unglücksfall. Ein braver, erst 17jähriger Arbeiter Namens Bing von Romrod, wollte — wie man an- nimmt — den vom Triebrad der Maschine abgefallenen Riemen während des Ganges denselben wieder auflegen. Hierbei wurde er am Arm erfaßt, mit aller Wucht in die Höhe ^iAe-^ert und in Stücke zerrissen.
Frankciaverg in Hessen. Wie verlautet, soll hje» selbst ein den größeren Verhältnissen entsprechendes Postgebäude erbaut werden.
In Gunzcnhaufeil ist der 23jährige Sohn des Mühlenbesitzers Braun auf schreckliche Weise um's Leben gekommen. Er war, auf einem Balken stehend, mit dem Einölen der Maschinentheile beschäftigt, verlor das Gleichgewicht und stürzte zwischen die Räder. Erst wurde ihm der rechte Arm abgerissen, dann der ganze Körper zerrissen, sodaß der Tod sofort einirat.
Bolkmarsen, 29. April. Unser Meliorations-Gebiet, das von bewährten Fachmännern als eine Musterstation, wie sie in dem ganzen dicseitigen Regierungsbezirk sich nicht weiter bieten soll, bezeichnet wird, prangt zur Zeit in voller Ueppigkeit, wiewohl die Ausführung der gesummten Wicscnbewüsserung in ihrer ganzen Vollendung noch nicht fertig gestellt ist, hat man doch gerade in der gegenwärtigen Periode, wo es an regelmäßigen feuchten Niederschlägen so sehr gemangelt, Gelegenheit zu beobachten, welchen großen Segen und Vortheil eine solche künstliche Anlage in ihrem Gefolge haben muß. — Sämmtliche Wiesen tragen den schönsten Grasschmuck und die Bewässerungsanlagen funktioniren so exakt, daß es eine wahre Lust ist, dieselben in Augenschein zu nehmen. — Wenn anderwärts der Landwirth mit Besorgniß auf den zweifelhaften Ausfall des Wiesen- erlrags blickt, war mau hier dieserhalb gerade schon sorgloser, weil die Kunst der Natur mit Leichtigkeit nachhelfen kann. Zweifelsohne wird die diesjährige Heuernte frühzeitiger als sonst beginnen und der Wiesenertrag zu der Ueberzeugung führen, daß die auf die ganze Einrichtung verwendeten beträchtlichen Summen mit den Jahren sich gewiß rentiren werden.
Stiefmutter.
Aus dem Frauenleben »SN Ant. Andrea, (Fortsetzung.)
„Aber Fräulein Berger soll bei mir bleiben!" maulte die Delinquentin dazwischen.
„Und kommen Sie gleich wieder herunter, damit der Braten Ihnen nicht kalt wird." Als die Gatten den Augenblick allein blieben, legte die junge Frau die Hand auf die Schulter des betroffenen Vaters: „Fürchte nichts, Ehrhard! Ich vergesse nicht, daß sie Dein Liebstes auf der Welt ist."
»Ja, ja — ich hab' ja Vertrauen zu Dir," murmelte er, bezwungen von dem wahrheitsvollen Blick ihrer blauen Augen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 3. Mai.
* — Auf Ersuchen vieler Arbeiter von Jossa, Altengronau, Neuengronau, Schwarzenfels u. s. w. richtete die Handelskammer an die Königl. Eisenbahn- direktion den Antrag, daß der Abends um 6 Uhr 3 Minuten von Frankfurt abgehende Arbeiterzug Nr. 27a bis nach Elm durchgeführt und derart zeitlich verlegt werden möchte, daß der Anschluß an den letzten Zug Elm-Gemünden gesichert sein würde.
* — Der heutigen Nr. liegt der Sommer-Fahrplan pro 1894 bei.
* — Es herrscht vielfach im Publikum die irrige Meinung, daß Personen, welche beauftragt sind, Frachtbriefe behufs Abgabe an die Expedition einzuliefern, auch das Recht im Auftrage des Absenders beanspruchen, eine eventuelle eigenhändige Abänderung oder Richtig- Wllung des Frachtbriefes vornehmen zu dürfen. Dem ist aber nicht so. Es ist nur der Absender, eventuell der eisenbahnseitige Spediteur berechtigt, unter Beifügung seiner Namensunterschrift eine Korrektur auf dem Formular vorzunehmen. Da ja gerade der Frachtbrief sehr oft ein wichtiges Dokument bei allen Klage- und Beschwerdcangclegenheiten bildet, so sei sogleich darauf hingewiesen, daß nicht vom Absender selbst berichtigte Frachtbriefe stets von der Expedition zurückgewiesen werden.
— Für die Landwirthe ist jetzt wieder die Zeit gekommen, wo sie ihre Feldfrüchte gegen Hagelschaden versichern sollen. Dies sollte ja nicht versäumt werden, denn ein einziges Gewitter mit Hagelschlag genügt oft, die ganze Ernte zu vernichten und alle Mühe, die den Saatfeldern geopfert war, brächte keinen Lohn, wenn die Versicherung derselben versäumt wäre.
— Mit der Baumblüthe ist's schon vorüber. Die Birnen- und Kirschenblüthen sind im Abblühen begriffen, nur der Apfelbaum zeigt noch seinen vollen Blüthen- schmuck. Die bekannten „ältesten Leute" wissen sich nicht zu entsinnen, daß je so zahlreiche Blüthen gesehen worden sind, wie in diesem Jahre. Der trockene Sommer und Herbst des vorigen Jahres haben die Knospenbildung ungemein begünstigt. Wer eine gute Obsternte erzielen will, muß jetzt vor allem darauf halten, daß die durch die Trockenheit des vergangenen Jahres sehr geschwächten jungen Bäume fleißig begossen werden, damit den Zweigen die nöthige Nahrung zugeführt wird, die sie zur Fruchtbildung brauchen.
— Einem heißen Sommer gehen wir wahrscheinlich entgegen. Aus Marseille, Konstantinopel und Paris wird neuerdings übereinstimmend gemeldet, daß sich auf der uns zugekehrten Sonnenseite ein sogenannter „Sonnenflecken" zeige, welcher eine bisher selten beobachtete Ausdehnung besitzt. Der Flecken, ein äußeres Zeichen der ungeheueren Gluthrevolution des gewaltigen Gestirns, hat eine Länge von 70000 Kilometern, also fast das sechsfache des Erddurchmessers. Da kaum an- zunehmen ist, daß diese starke Sonnenthätigkeit jäh auf- hört, so darf man erwarten, daß ihre Nachwirkungen sich bei uns auf Erden wieder in einem sehr warmen Sommer äußern werden.
* — „Raubst Du dem Vogel Nest und Ei, ist's mit Gesang und Obst vorbei." Dieses Sprüchlein sollte jetzt, wo die Singvögel mit dem Nisten und Brüten beschäftigt sind, besonders der Jugend recht eindringlich eingeschärft werden. Aber nicht allein muthwillige Buben stellen den Vogelnestern nach, auch Raubvögel, Katzen vernichten alljährlich zahllose Singvögel, sodaß auch die Feld- und Forstpolizei Alles auf-