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Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u. „Jllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

JV2 48. Samstag, den 16. Juni 1894.

Deutsches Reich.

Berlin. Am Donnerstag Vormittag erfolgte vor dem Kaiser in Berlin die Vorstellung der Offiziere und Mannschaften, die die neueste Verstärkung der Schutz­truppe in Südwest-Afrika bilden sollen. Sie sind sämmtlich in den letzten Tagen in Berlin eingetroffen und dort eingekleidet worden; am Freitag erfolgt die Abfahrt nach Hamburg und am Sonnabend die Abreise mit dem Dampfer „Lulu Bohlen".

— Der „Reichsanz." veröffentlicht das Gesetz betr. den Schutz der Brieftauben und den Brieftaubenverkehr im Kriege. Danach finden die Landesgesetze, nach welchen das Recht, Tauben zu halten, beschränkt ist, und nach welchem im Freien betroffene Tauben der freien Zueignung oder der Tödtung unterliegen, auf Militärbrieftauben keine Anwendung. Militärbrieftauben also dürfen nicht weggefangen werden. Militärbrief­tauben sind solche, welche der Militär- bezw. Marine­verwaltung gehören oder derselben zur Verfügung ge­stellt und mit dem vorgeschriebenen Stempel versehen sind. Privatpersonen gehörige Militärbrieftauben ge­nießen den Schutz dieses Gesetzes erst dann, wenn in ortsüblicher Weise bekannt gemacht ist, daß der Züchter seine Tauben der Militärverwaltung zur Verfügung gestellt hat. Im Kriegsfalle kann das Tödten und Einfängen fremder Tauben überhaupt verboten werden und die Verwendung von Tauben zur Beförderung von Nachrichten ohne Genehmigung der Militärbehörde unter Strafe (Gefängniß bis zu drei Monaten) gestellt werden.

— Der „Neichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekannt­machung, in welcher sämmtliche bisher noch nicht verlooste Schuldverschreibungen der Staatsanleihe 1868 A den Besitzern vom 1. Januar 1895 mit der Aufforderung gekündigt werden, den Kapitalbetrag vom 2. Jam-m- 1895 ab bei der Staatsschuldentilgungskasse gegen Quit­tung und Rückgabe der Schuldverschreibung zu erheben. Die Einlösung geschieht auch bei der Regierungshauptkasse und in Frankfurt a. M. bei der Kreiskasse.

— Ueber das eiserne Kreuz wird berichtet: Es wurden 1870/71 verliehen: 1318 eiserne Kreuze 1. Klasse, 43,342 2. Klasse an Combattanten und 4013 Kreuze 2. Klasse an Nicht-Combattanten. Von den Dekorirten leben noch ungefähr 23,000.

* — Wie sehr die Einfuhr von Getreide abhängt von der heimischen Ernte, zeigen die Daten der Einfuhr für 1893—94. Bei Brodgetreide stellte sich die Einfuhr wie folgt: Roggen 1891—92 8,031,911 Doppelzentner, 1892—93 4,556,402, 1893-94 1,176,431; Weizen 1892-93 10,746,743, 1893-94 6,220,977. Der namentlich für Roggen schlechten Ernte für 1891 folgte in Deutschland bekanntlich 1892 für Wintergetreide eine bessere, 1893 eine gute Ernte. Ganz anders be­wegte sich die Einfuhr der zu anderen, namentlich zu Futterzwecken verwendeten Getreidearten. Sie gestaltete sich folgendermaßen: Gerste 1892—93 5,801,966 Doppelzentner, 1893—94 9,389,971; Hafer 1892—93 883,049, 1893-94 2,938,707; Mais 1892-93 5,837,770, 1893-94 8,582,222. Hier zeigt sich durchweg eine starke Zunahme der Einfuhr, deren Ursache in der Mißernte an Sommerung und Futter im Jahre 1893 zu suchen ist.

— Die „Kreuzztg." schreibt: Wie — soweit uns bekannt, bisher ohne Widerspruch — behauptet worden ist, suchen die Landwirthe in den Vereinigten Staaten ihr in ungeheurem Umfange lungesüchtiges Vieh zu den billigsten Preisen an Händler abzusetzen, die ihrerseits mit dem Versandt dieser „Waare" nach Europa, und zwar, wie es scheint, hauptsächlich nach Deutschland ein Geschäft zu machen hoffen. Leider sollen es deutsche Schifffahrtsgesellschaften sein, die hierzu die Hand bieten, indem sie besondere Dampfer ausrüsten, die den Vieh­transport übernehmen würden. Wir hätten also die beste Aussicht, unter unserer eigenen Flagge mit krankem amerikanischen Vieh „beglückt" zu werden! Weiter fehlte der deutschen Landwirthschaft in der That nichts, als daß zu allen übrigen „Wohlthaten" der letzten Jahre nun auch noch diese käme.

— 12. Juni. Die Landwirthschaftliche Ausstellung ist gestern Abend geschlossen worden. Sie wurde im Ganzen von 165 400 Personen besucht. Das ist die höchste Zahl von Besuchern, die je von einer deutschen landwirthschaftlichen Ausstellung erreicht worden ist.

~ Ueber das neue hellgraue Manteltuch, dessen Einführung für die Armee angeordnet worden ist,

äußert sich ein Grünberger Fabrikant im „Grünbl. Wochenbl." dahin, daß dies Tuch sich allerdings von der Farbe des Gelänoes weniger abheben dürfte. Er- spärnisse durch billigere Anschaffungskosten und bessere Tragfähigkeit seien aber nicht zu erwarten; vielmehr werde sich das Tuch wegen der schwierigen Herstellung und schlechteren anderweiten Verwendbarkeil um 30 bis 40 Pfennig pro Meter theurer stellen und andererseits gegen die Witterung sehr empfindlich sein.

— Beitrag der deutschen Industrie zu den Kosten der Arbeiterversicherung. Nach amtlichen Zusammen­stellungen betrug Ende 1892 die Gesammtsumme des für die Unfall-Versicherung seit 1. Oktober 1885 an­gesammelten Reservefonds 86 Millionen Mark, wovon auf die industriellen Betriebe ca. 84 und anf die land­wirthschaftlichen nur etwa 2 Millionen entfallen. Wenn auch der Versicherungsschutz auf die Landwirthschaft erst seit 1888 in Kraft ist, so sprechen die angegebenen Zahlen doch für eine ganz hervorragende Betheiligung der Industrie zu diesen Lasten, im Gegensatz zu dem Beitrage der landwirthschaftlichen Betriebe. Zieht man ferner in Rechnung, daß zu dem Vermögen der Kranken­versicherung, welches sich Ende 1892 auf 110 Millionen belief, und zu demjenigen der Jnvaliditäts- und Alters- Versicherung mit einem Bestand von 151 Millionen Mark die industriellen Kreise ebenfalls in erheblichem Maaße beisteuerten, so muß man der Industrie das Zeugniß geben, daß sie in ganz beträchtlichem Umfange zur Verbesserung der Lage ihrer Arbeiter beiträgt. Interessant ist ferner, daß für die drei Arbeiter- Versicherungen seit deren Bestehen von Seiten der Arbeitgeber ca. eine halbe Milliarde bezahlt worden ist.

Halle, 10. Juni. Zwei neue Lustmorde, das ist die Schreckenskunde, die heute gegen Abend unsere Stadt durcheilte. Heute Nachmittag wurde auf der Feldflur zwischen hier und dem Dorfe Beesen, in der Nähe des Dammes der Halle-Kasseler Bahn, eine ermordete Frau aufgefunden. Es ergab sich alsbald, daß hier ein Lustmord vorliegt, und es ist auch bereits so gut wie festgestellt, daß die furchtbare That gestern gegen Abend ausgeführt worden ist. — Kaum war die Kunde von diesem entsetzlichen Verbrechen in unsere Stadt gelangt, da folgte ihr auf dem Fuße eine noch furchtbarere Botschaft: Auch in unserer Stadt selbst ist heute Nachmittag ein Lustmord verübt worden, und die Opfer sind nicht nur eine Frau, sondern auch deren im kindlichen Alter stehende Tochter. Der Thäter ist diesmal in die Wohnung der Frau eingedrungen. (Die Frau war Wärterin in einer städtischen vor der Stadt gelegenen Volksschule und wohnte in der Nähe dieser Schule.) Durch das Hilfegeschrei des Kindes ist der Thäter an einer vollen Ausführung seiner That gehindert worden. Aber er hat doch der Frau mit einem Beilhieb den Schädel gespalten und auch das kleine Mädchen ist tödtlich verletzt. Die Frau und das Kind wurden noch lebend in die Königliche Klinik gebracht. Während der Zustand des armen Kindes sehr bedenklich ist, steht es um die verletzte Frau besser. Diese hat auch einige Mittheilungen über den Thäler machen können; danach dürfte er mit einem Strolch identisch sein, der sich schon seit ^einigen Tagen in der Gegend der ziemlich frei im Süden der Stadt gelegenen Schule herum- getrieben hat. Sobald die Nachricht von dem Mord­anfall der Polizei gemeldet wurde, wurden viele Mannschaften entboten, um den über die Mauer des Schulgrundstücks in die benachbarten Kornfelder entflo­henen Verbrecher einzufangen. Leider hatten die polizeilichen Nachforschungen, die bald von vielen Hunderten von Personen unterstützt wurden, kein Ergebniß. In unserer Bürgerschaft herrscht begreiflicher Weise über diese grauenhafte Blutthaten eine gewaltige Aufregung.

— 12. Juni. Der Frauenmörder, für dessen Er­mittelung der Staatsanwalt eine Belohnung von 1000 Mark aussetzte, wurde heute Nachmittag fest­genommen.

Görlitz, 6. Juni. Eine interessante Beleidigungs­klage dürfte demnächst hier zur Verhandlung kommen. Einer der vielen hier mit Vorliebe ihren Ruhegehalt verzehrenden pensionirten Officiere hatte nämlich in der schlichten Anrede mit „Sie" in einem Schreiben, das nach Formular verfaßt ist und dem Officier vom hiesigen Magistrat zugegangen war, eine Ungehörigkeit erblickt, da er glaubte, daß er verlangen könne und auch

bisher stets gewohnt gewesen sei, von jeder Behörde nicht nur auf dem Briefumschlag mit „Hochwohlgeboren" bezeichnet zu werden, was hier übrigens auch geschehen war, sondern auch in dem Text der an ihn gerichteten Schreiben stets mit „Ew. Hochwohlgeboren" angeredet zu werden. Hier aber hatte das gedruckte Formular in dem an den „Rittmeister a. D. v. X., Hochwohlgeboren" überschriebenen Briefumschläge ganz einfach begonnen: „Sie werden hierdurch benachrichtigt u. s, w." Es handelte sich um Steuerveranlagung. In einem Schreiben an den Magistrat verbat sich der Rittmeister v. X. diese „Proletariats-Anrede", wie er die Anrede mit „Sie" bezeichnete, und sprach die Erwartung aus, künftig in der oben erwähnten Weise angeredet zu werden. Der Magistrat erwiderte in ruhigem, sachlichem Tone, er könne aus solchem Grunde unmöglich seine Formulare ändern. Die von dem Rittmeister u. D. v. X. an den Magistrat gerichtete Erwidernng soll so beleidigender Natur sein, daß die Behörde unter Ueber- sendung dieses Schriftstückes an die Staatsanwaltschaft um Erhebung der Klage gegen den Rittmeister a. D. v. X. wegen Beleidigung ersticht hat.

Aus Thüringen. Eine wunderbare Metamorphose hat die Bismarcklinde eines Dorfes bei Koburg erfahren. Der Regenmangel des verflossenen Sommers hatte zur Folge gehabt, daß das erst unlängst gepflanzte Bäumchen, für dessen Gedeihen die ganze Gemeinde Interesse hatte, verdorrte. Das merkte man aber erst beim heurigen Wiedererwachen der Natur. Da faßten die Spitzen des Ortes den Entschluß, ohne Aufsehen zu erregen, nächt­licherweile die Linde durch eine andere zu ersetzen. Ge­dacht gethan. Der Baum gedieh zur besonderen Freude derer, die ihn gepflanzt. Immer mehr entwickelten sich seine Knospen und einer der letzten sonnigen Tage brächte sie zum Brechen. Doch zum Entsetzen der salomonisch­weisen Ortsväter trug das Bäumchen — Birnblüthen!

Braunschweig. Bei Kanalisationsarbeiten an der Martinikirche in Braunschweig ist man, wie die „Magdeb. Ztg." mittheilt, auf wohlerhaltene, mindestens 160 Jahre alte Särge gestoßen, deren einer die un- verweste Leiche eines jungen Weibes mit vollem üppigem Haar und noch rothen Wangen barg. Man ist der Ansicht, daß der Boden des ehemaligen Friedhofs stark eisenhaltig ist und aus dieser Eigenschaft die Erhaltung der Leiche zu erklären ist. Uebrigens hatte ihr Sarg noch einen hermetisch verschlossenen Einsatz.

Wie aus Mainz gemeldet wird, hat die Zahl der Anmeldungen für das 11. Deutsche Bundesschießen 2000 überschritten. Die Anmeldungen einiger größeren Schützengesellschafeen fehlen noch. Die Zimmer in den Gasthöfen sind fast alle vergriffen. Dagegen sind Privatwohnungen noch in großer Anzahl vorhanden. Im Laufe der letzten Woche wurden an die im histo­rischen Festzug mitwirkenden Gruppen 1200 Kostüme sammt Waffen rc. ausgegeben. Die Solisten zu Pferde, zu Wagen und zu Fuß sind in der Zahl dieser 1200 kostümirten Zugtheilnehmer nicht einbegriffen.

Freiburg i. Br., 13. Juni. Gestern hat wiederum erneuter starker Schneefall auf dem Schwarzwald statt- gefunden. Bis in das Todtnauer Thal herunter ist die Gegend in Winterlandschaften umgewandelt.

Ausland.

Bern, 13. Juni. Von allen Seiten laufen schlimme Witterungsberichte ein. Im Kanton Schwyz ist starker Schnee gefallen, in Folge dessen das weidende Vieh Noth leidet. Im waadtländischen Jura ist bei Le Lien die Gegend in eine Winterlandschaft ver­wandelt. Auf den Dächern liegt zehn Centimeter tiefer Schnee. Im Kanton Jnterlaken sind der Beatenberg, der Abendberg und die Schynige Platte verschneit. Wegen Schneefall hatte die Bahn auf der Schynige Platte schneeige Fahrt. Im Kanton Appenzell reicht die Schneedecke bis nach Gouten hinunter.

Warschau, 8. Juni. Die Cholera ist in starker Zunahme begriffen. Die Bahnverwaltungen errichten Sanitätsstationen, in denen die Reisenden aus den ver­seuchten Ortschaften isolirt werden, worauf die Weiter­beförderung in desinfizirten Waggons erfolgt.

Tauger, 11. Juni. Sultan Muley Hassan von Marokko ist plötzlich in Dadla gestorben. Sein sechs- zehnjähriger Sohn, Abd el Aziz, ist zum Sultan aus- gerufen worden. Der Tod soll schon am 7. d. M. erfolgt sein.