WilchternerMmg
Erscheint Mittwoch u. Samstag — Preis mit „Kreisblatt" u „Jllustrirtcn Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 50. Samstag, den 23. Juni 1894.
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Deutsches Reich.
Berlin. Ueber die üblichen Empfänge bei Kaiserrcisen hat der Kaiser durch einen Runderlaß, der durch die betheiligten Minister den Regierungspräsidenten mitgetheilt wird, bestimmt, daß bei Veranstaltungen, die aus Anlaß allerhöchster Reisen in die Provinzen und der damit verbundenen Besichtigungen getroffen werden, die durch die verfügbaren Mittel gezogenen Grenzen innezuhalten sind. Insbesondere soll vermieden werden, zur Deckung durch derartige Veranstaltungen entstandenen Ausgaben mangels anderer etatsmüßiger Fonds den allerhöchsten Dispositionsfonds in Anspruch zu nehmen.
Aus Thüringen. In Mühlhausen hat in der Nacht zum 6. Juni, wie das „Mühlhauser Tageblatt" meldet, eine betrogene Ehefrau ihre Nebenbuhlerin ermordet. Im Hause Dornacherstraße 85 wohnten die fett 10 Jahren verheirateten Eheleute Friedrich Meyer. Der Mann nahm gestern Abend eine frühere Geliebte Namens Gusttne Boll aus Tagolsheim mit nach Hause und brächte sie in einem Nebenzimmer unter. Seine Frau bemerkte dies und hielt Nachsuchung bei der Voll. Als sie schlief. Nachdem sie die Photographie ihres Mannes und einen Brief, worin ihr Liebesverhältnis zu einander deutlich zu Tage trat, bei ihr gefunden, faßte sie kurzerhand den grausigen Entschluß, die Boll zu tödten. Zu dem Zweck nahm sie ein Nasirmesser und schnitt der Boll den Hals durch. Nach der That stellte Frau Meyer sich freiwillig der Polizei.
Coburg Wie aus Lehesten gemeldet wird, hat jetzt der 13jährige Sohn des Schieferarbeiters Franke, der des Mordes an dem Forstwarr Birnstiel zu Brennersgrün verdächtigt war, die That eingestanden. Nach der Aussage des Burschen war Franke mit seinem Sohn auf Wilddieberei ausgegangen und dabei waren Beide von Birnstiel überrascht worden. Dieser wollte nun den Franke fcstnehmen und dabei gerieten beide Männer ins Handgemenge. Da Franke zu unterliegen drohte, forderte er seinen Sohn auf, zu schießen, was dieser auch that. Als dann der Forstwart schwer verwundet am Boden lag, versetzte ihm der ältere Franke mit dem Kolben seiner Stockflinte mehrere wuchtige Schläge auf den Kopf, sodaß der Tod eintrat. Die Flinte begruben dann beide ein Stück vom Thaton entfernt. Am vergangenen Dienstag wurde Franke von Rudolstadt aus, wo er sich in Untersuchungshaft befindet, nach dem Thatort gebracht. Es fand ein Verhör statt und auch die Mordwaffe, eine abschraubbare Stockflinte, an, welcher noch Blut und Haare des Ermordeten klebten, wurde aufgefunden.
Kronach. Zwei hiesige Lehrlinge haben sich kürzlich den „Spaß" gemacht, während die israelitische Gemeinde ' in der Synagoge versammelt war, den im Hausflur befindlichen Gasometerhahn zu schließen, was in der stockfinster gewordenen Synagoge eine Panik verursacht hat. Die beiden Bengel haben wegen groben Unfugs je einen Tag Gefängniß erhalten.
Aus dem Odenwald, 20. Juni. Wiederum macht eine Millionen-Erbschaft in unserer Gegend viel von sich reden und leider ist auch zu befürchten, daß die sehr zahlreichen Angehörigen der weit im Odenwald verbreiteten Reinhard'schen Familie von Herumwandernden Agenten zu voraussichtlich nutzlosen Geldausgaben veranlaßt resp, beschwindelt werden. Es soll sich nämlich diesmal um nicht weniger als 25 Millionen Dollars oder 100 Millionen Mark handeln. Der belr. Erblasser soll schon Ende des vorigen Jahrhunderts ans dem Odenwalde ausgewandert und etwa vor 50 Jahren in Indien als vielfacher Millionär gestorben sein. Das Geld sei auf der „Bank of England" aufbewahrt usw. Ein Interessent hat sich nun der Mühe unterzogen und Nachforschungen in England angestellt. Er erhielt die bestimmte Mittheilung: „Die englische Bank verwahrt
nur Antheile von englischen Regierungsanleihen für unbekannte Berechtigte, während sie für heimathlose Erbschaften rein privater Natur nicht zu Diensten steht." — Und selbst die dort auf besagte Weise angehäufte Summe beträgt nur 2 Millionen Mark, bestehend aus einer Unsumme von Theilsummen. Auch verjähren in England 30 Jahre nach dem Tode des Erblassers alle Erbansprüche. Also Vorsicht!
Mainz, 19. Juni. Der Schützentag lehnte den Antrag des Frankfurter Schützenvereins auf Einführung eines runden Schwarz auf den Feldscheiben ab, desgleichen den Bockenheimer Antrag auf Vermehrung der Zahl der Konlurrenzbecher von 10 auf 15. Der
Frankfurter Antrag auf Abschaffung des Pistolenschießens wurde zurückgezogen, ebenso der Münchener Antrag, das Bundesschießen in vierjährigem statt dreijährigem Turnus abzuhalten. Als Feststadt für das 12. Bundes- schießcn wurde Nürnberg gewählt. — Der Konsum auf dem Festplatze an dem ersten Tage des Bundesschießens war in Folge des ungeheuren Andranges auch ein sehr bedeutender. Es wurden 11,000 Flaschen Schützenwein und 250 hl. Löwenbräu getrunken, außerdem mehrere Hektoliter Schoppenweine nusgeschänkt. An der Kasse ivurden 38,000 Tageskarten gelöst und 15,000 Mark mehr, als im Voranschlag vorgesehen vereinnahmt! Dazu kommt noch der Gewinn aus dem Verzapf der Getränke rc. Am 2. Festtage brach über dem Festplatze ein schweres Gewitter aus. Es wurden 6000 Tageskarten verkauft. Getrunken wurden 3500 Flaschen, 18 Hektoliter offener Wein und 100 Hektoliter Löwenbräu. — Die zweite Nummer der „Festzeitung" brächte u. A. ein prächtiges und sehr charakteristisches Bild eines ächten „weingrünen" Rheingauer Wirthes mit der Unterschrift: „Ob se schieße — ob se raufe, Ob se kegle, — is mer worscht!
Wann se nor recht tüchtig saufe, — Denn die Hauptfach' is der Dorscht!"
Ausland.
Wien, 18. Juni. Die Berichte über das Hoch- wasser und die durch dasselbe angerichteten Verheerungen häufen sich. In Schlesien sind weite Strecken und zahlreiche Ortschaften überschwemmt, desgleichen in Ga- lizien, wo außer dem Saufluß die Weichsel ausgetreten ist. Viele Dörfer und die Krakauer Stadttheile Pod- gorcze und Zwierzyniec stehen unter Wasser. Besonders bösartig wüthet das Hochwasser in Oberungarn. Von Treucsin bis Nagybittsee siitd zehn Ortschaften überschwemmt, die Bahndämme sind durchbrochen, der Verkehr eingestellt und alle Saaten vernichtet. Der Schaden beträgt Millionen.
Troppau, 20. Juni. Von den in Karwin Verwundeten sind zwei gestorben. Die Gesammkzahl der Todten beträgt 235, hiervon sind 214 noch in den Gruben. Die Analysirung ergab, daß die Grubengase nur drei Procent Sauerstoff enthalten, woraus geschloffen wird, daß der Brand im Erlöschen begriffen ist.
London, 18. Juni. Bei einem heute dem Polizei- richter vorgeführten, im Chelsaviertel verhafteten deutschen Anarchisten Fritz Brall wurde außer verschiedenen Chemikalien für die Bereitung von Explosivstoffen ein deutsches Buch vorgefunden, welches den Titel führt „Wissenschaftlicher Kriegs- und Dynamitführer". Das Buch ist in Newyork gedruckt und giebt Rezepte für die Anfertigung von Explosivstoffen, in dem Notizbuche wurden Namen und Adressen bekannter Anarchisten, Briefe verschiedener Anarchisten in verschiedenen Sprachen und Explosivrezcpte gefunden, eines war verzeichnet als Vaillants Explosivstoff und enthielt eine genaue Beschreibung der in der französischen Kammer benutzten Bombe und ihres Explosivstoffes. Ferner wurden Anweisungen gefunden, wie man sich der Polizeispione mit vergifteten Dolchen und Pfeilen aus Windbüchsen ent
ledigen könne. Das Minimalstrafmaß für Brall ist eventuell 14 Jahre Zuchthaus.
Amerika. Die größte Bahnbrücke war bisher die über den Firth of Forth in Schottland, deren Haupt- bau 5320 Fuß lang ist. Jetzt wird von der Southern Pacific Bahn eine Brücke über den Mississippi bei New-Orleans gebaut, welche fast doppelt so lang als jene wird. Auch was die Menge des zum Bau verwendeten Materials anbetrifft, wird dieselbe die größte stählerne Bahnbrücke der Welt werden. Ihre Länge soll 10,500 Fuß betragen. Das abgeschätzte Gewicht des erforderlichen Metalls beträgt 25000 Tonnen und die Kosten werden etwa 20 Millionen Mark betragen. Diese Brücke, die ein doppeltes Geleise erhält, wird ein wichtiges Bindeglied zwischen den süd-westlichen Staaten der Union und den Golfstaaten bilden.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 22. Juni.
* — Der Forstassessor Schmidt in Proskau wurde zum Oberförster in Steinau ernannt.
■— Die Gerichtsferien beginnen in diesem Jahre am 15. Juli und dauern bis zum 15. September einschließlich. Während dieser Zeit ruhen alle nicht schleunigen Sachen. Es liegt deshalb im Interesse des Publikums, etwaige Anträge schon jetzt vor Beginn der Ferien zu stellen, namentlich in Bezug der Grundbuchsachen.
* — In der Schöffengerichtssitzung vom 20. d. MtS. kamen u. A. folgende Fälle zur Erledigung: 1) Der Kürschner und Loosehändler Bodo Wei tz el dahier hatte sich zu verantworten wegen unerlaubten Hausierens mit Loosen. Derselbe sollte am 18. März d. Is. in der Wirthschaft „Zum Hessischen Hof", also außerhalb seines GesMftsiocals, Lotterie-Loose feilgeboten haben, was nach dem Gesetze bekanntlich strafbar ist. Durch die Zeugenvernehmungen stellte es sich jedoch heraus, daß ein Feilbieten im Sinne des Gesetzes von Seiten des Angeklagten nicht stattgefunden habe und wurde derselbe deßhalb von Strafe und Kosten freigesprochen. 2) Dem Handlungsgehilfen Plößer von hier war zur Last gelegt, auf dem Heimweg aus der Kneipe den ihm begegnenden Nachtwächter durch eine wenig höfliche Aeußerung beleidigt zu haben, doch ergab sich, daß der betr. Ausdruck nicht dem Nachtwächter gegolten hatre. Es erfolgte deshalb Freisprechung. 3) Der Adam Basermann von Wallroth, seines Zeichens Besenbinder, war angeklagt, am 9. April im Schlüchterner Stadtwald Kohlgrube etwas Birkenreisig abgeschnitten und verarbeitet zu haben. Dafür erhielt er 2 Mark Strafe bezw. einen Tag Gefängniß. 4) Johann Alter von Wallroth ist beschuldigt, am 18. April in der J. Leipold'schen Wirthschaft dahier eine Fensterscheibe mit Absicht eingeschlagen zu haben. A. kam an diesem Tage in stark angesäuseltem Zustand in die betr. Wirthschaft und verlangte Bier. Der Wirth schlug es ihm jedoch in Hinblick auf die offenbare Trunkenheit ab, worauf A. sich entfernte. Bald kam er aber wieder und wiederholte sein Verlangen nach Bier. Da er keins bekam und zum Fortgehen ausgefordert wurde, entfernte er sich und wenige Minuten später flog eine Fensterscheibe des nach dem Hofe zu belegenen Zimmers in Splitter und Scherben. Da der Angeklagte vor dem fraglichen Fenster stehend gesehen worden und dann fortgelaufen war, so wurde er trotz seines Ableugnens als der That überführt angesehen und zu einer Woche Gefängniß verurtheilt. Selbstredend muß er die Scheibe sowie die Gerichtskosten auch bezahlen.
* — Da es trotz aller vom Gesetz angedrohten Strafen wegen Betrug und Nahrungsmittelfälschung von Seiten gewissenloser, habsüchtiger Wirthe oft geschieht, Bicrrcste rc. unter frisches Bier beim Abzapfen zu mischen und den Gästen dieses ekelhafte Zeug vor- zusctzeu, so theilen wir zur Warnung folgendes Urtheil der Gcracr Strafkammer mit: Der Bierverleger Friedrich Gcrlach zu Gcra wurde von der Strafkammer des Landgerichts in neunzehn Fällen vollendeten Betrugs, sechs Fällen versuchten Betrugs und in einer nicht mehr festzustellenden Zahl von Fällen wegen Vergehen gegen das Nahrungsmittelgesetz zu zwei Jahren, sechs Monaten Gefängniß, 3000 Mark Geldstrafe und fünf Jahren Ehrverlust verurtheilt. Der Angeklagte Gerlach hatte ein jährliches Einkommen von ca. 30,000 Mark als Vertreter des Pschorrbräu und