Einzelbild herunterladen
 

Erscheint Mittwoch u. Samstag Preis mitKreisblatt" u.Jllustrirten Familienfreund" vierteljährl. 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 51

Mittwoch, den 27. Juni

Abomlements-Einladnng.

Bestellungen auf das 3. Quartal 1894 (Juli, August, September) der jgflfp'Sdifüdikrner Zeitung" ^"WM bitten wir durch die Post (auch Landbriefträger) oder Boten gest, aufgeben zu wollen, und zwar möglichst bald, da die Nachlieferung bereits erschienener Nummern nicht immer möglich ist. Neu zutretende Abonnenten erhalten die Zeitung vom Tage der Bestellung an bis Ende d. Mts. gratis. Die Expedition.

Präsident Carnot ermordet!

Eine Nachricht von unberechenbarer politischer Trag­weite ist soeben aus Frankreich eingelaufen: der Präsident der französischen Republik, Herr Sadi-Carnol, seit dem 1. Januar 1888 im Amt, ist vorgestern, am Sonntag Abend, in Lyon, wohin er sich mit dem Minister­präsidenten Dupuy zur Besichtigung der Ausstellung begeben hatte, von einem Italiener meuchlings ermordet wor ''och ist über die Beweggründe des elenden Mordbuben nichts Näheres bekannt, umsonst auch fragt man sich, was diesen Menschen, den Angehörigen eines fremden Volks, veranlaßt haben kann, die Mordwaffe auf einen Mann wie Carnot, der ihm persönlich doch nichts zu Leid gethan haben kann, zu zücken. Wenn dem Ermordeten irgend ein Vorwurf zu machen ge­wesen sein würde, so wäre es doch gewiß nur der ge­wesen, daß er politisch all' zu sehr zurückgetreten ist und von seinen Machtbefugnissen niemals zu Ungunsten irgend einer Partei Gebrauch gemacht hat. Wenn irgend je­mand auf politischer Höhe sich jemals streng innerhalb der Schranken, die ihm von der Staatsverfassung vor­geschrieben waren, gehalten hat, so ist es Herr Carnot gewesen, dessen Präsidentschaft am 1. Januar 1895 abgelaufen sein würde und der dann voraussichtlich nicht wieder gewählt worden wäre, da in dem früheren Mi­nisterpräsidenten Casimir Perier für ihn bereits ein Nachfolger erstanden war. So steht man vor der Hand noch vor einem Räthsel und kann die schändliche That, einerlei aus welchem Beweggrund sie hervorgegangen ist, nur auf das Entschiedenste verdammen. Was sie für Folgen haben wird, das ist, wie Eingangs bemerkt, für den Augenblick noch gar nicht abzusehen.

Lyon, 24. Juni. Als Präsident Carnot gestern Abend 9'/s Uhr vom Handelspalast in einem Landauer nach dem Theater fuhr, sprang ein Jndividium auf das Trittbrett des Wagens und versetzte dem Präsidenten einen Dolchstich in's Herz. Der neben Carnot sitzende Rhonepräsident Richard stieß den Attentäter auf die Straße hinab. Der tödtlich Getroffene wurde mit Mühe vom Wagen gehoben und in ein Zimmer gebracht. Hier erlangte er während der ärztlichen Untersuchung das Bewußtsein wieder und sagte mit deutlich vernehmbarer Stimme:Wie Sie mir wehe thun." Vor der Präfektur harrte die Menge in großer Bestürzung. Als der Rhoneprüfekt im Theater erschien, woselbst eine Galavorstellung gegeben werden sollte, und die erschütternde Kunde von dem Attentate brächte, verließen Publikum und Festgäste schweigend das Haus. Ein um 11 '/a Uhr ausgegebenes Bulletin besagte, der Zustand Carnot's sei beunruhigend aber nicht hoff­nungslos. Bald darauf trat wieder Blutverlust ein. Um 12 Uhr 45 Min. hauchte Präsident Carnot sein Leben aus. Das Attentat vollzog sich in der gemel­deten Weise. Der Attentäter schrie:Es lebe die Anarchie!" Carnot erbleichte und sank in die Wagen- kissen zurück. Die Menge stieß Schreie der Empörung aus und wollte den Attentäter zerreißen. Zehn Schutz leute entrissen ihn der Wuth des Publikums und trans- portirten den Verbrecher, von Kavallerie umringt, in's Gefängniß. Nach seiner Verhaftung erklärte derselbe er sei ein Italiener, 22 Jahre alt und heiße Cesario Giovanni Santo; nach dem bei ihm vorge­fundenen Arbeitsbuche ist er in Montevisconti, Provinz Mailand, geboren.

Paris, 25. Juni. Die Präsidenten des Senats und der Kammer sowie die in Paris anwesenden Mi­nister sind heute früh um 2 Uhr zu einer Berathung znsammengctretcn. In derselben theilte der Kriegs­minister mit, daß er an alle Armeekorps telegraphisch den Befehl übermittelt habe, die Truppen in den Ka­sernen konsignirt zu halten. In demJournal offiziell" ist im Lauf des heutigen Vormittags eine Bekannt­

machung veröffentlicht worden, nach der der Präsident des Senats als Präsident der National-Versammlung beschlossen habe, daß beide Kammern zu einem Kongreß für den 27. d. M. um 1 Uhr mittags zur Wahl eines Präsidenten der Republik einzuberufen seien. Die Blätter sämmtlicher Richtungen geben ihrem Abscheu über das Attentat Ausdruck, das um so unerklärlicher sei, als Carnot durch stets korrektes Verhalten und durch die Lauterkeit seines Charakters sich die Achtung aller Par­teien erworben habe. Mehrere Blätter sind mit Trauer­rand erschienen, von denen einige konservative glauben, daß es sich um ein anarchistisches Attentat handle, während die radikalen Blätter hoffen, daß die Volks­freiheit und die Volksrechte unter dem Eindruck des Attentats nicht zu leiden haben werden, da dasselbe von einem Italiener begangen worden sei.

Ein Getreidekrach in Rußland.

Der Getreidehandel im russischen Süden befindet sich augenblicklich, wie dieSt. Petersburger Ztg." meldet, in einer sehr schlimmen Lage und daran sind nicht nur die Getreidehändler, sondern auch die größeren Landwirthe selbst betheiligt. Besonders schlimm lauten die neuesten Nachrichten vom Ufer des Asow'schen Meeres. Man hat schon viel über die niedrigen Ge­treidepreise geschrieben, aber jetzt sind sie so tief gesunken, daß großartige Bankerotte erwartet werden müssen. Alle Hoffnungen, daß mit dem Aufhören der internationalen Spannung und durch die Erschöpfung der ausländischen Getrcidevorräthe sich die Preise wieder heben würden, haben sich als trügerisch erwiesen, und da die darauf gemachten Berechnungen und die Leichtigkeit, mit der man gegen Verpfändung von Getreide Geld bekommen konnte, die Spekulation zu einer ungeahnten Höhe ge­trieben hat, so muß man sich jetzt auf einen ganz enormen Getreidekrach gefaßt machen. Die Spekulanten, die auf großen Gewinn rechneten, steckten nicht nur ihr eigenes Kapital, sondern auch große Summen fremden Geldes in ihre Getreidekäufe. Sie schafften große Par­tien an, versetzten sie, kauften mit dem geborgten Geld neue Vorräthe, versetzten auch diese wieder rc., und zwar Alles in der Ueberzeugung, daß die Preise unbedingt steigen müßten. Das Resultat war, daß die Anschasfungs- kosten dieser Getreidemassen ihr eigenes Vermögen um mehr als das Dreifache übertrafen. Die natürliche Folge davon war, daß auch das Fallen der Getreide- preise sich auf den dreifachen Betrag ihres Vermögens erstreckte und daß sie ihr ganzes Vermögen einbüßten. Leute, die im Besitz von Zehntausenden und Hundert- tausenden waren, sind Bettler geworden, und solche, die mit großem Kredit operierten, sind bankerott. Nur die Banken haben gute Geschäfte gemacht und große Summen gewonnen; der Handelswelt und den großen Landwirthen kamen die koulanten Kreditgewährungen theuer zu stehen. Aber auch die Banken fangen bereits an, ängstlich zu werden Odessaer Zeitungen berichten, daß die dortige Filiale der Reichsbank von den Besitzern der verpfändeten Getreidepartien 10 Proe. Abzahlung von den ihnen geliehenen Summen fordert. Diese Be­sitzer sind nun in einer kritischen Lage; können sie ihr Getreide nicht verkaufen, so haben sie keine Aussicht, Geld zu bekommen, um die geforderten 10 Proc. zu erlegen, und verkaufen sie, so müssen sie jetzt große Verluste erleiden. Aus der Gegend von Taganrog be­richtet man, daß das gegenwärtige Sinken der Preise eine große Panik unter den Landwirtheu hervorgerufen habe. Manche von ihnen machen bereits den Versuch, die nächste Ernte zn realisiren; sie offerircn den Ertrag einer Dessjatine Weizenland für dreißig Rubel, während man im vorigen Herbst für die Pacht einer ungepflügten Dessjatine Weizenland zwanzig und mehr Rubel bezahlte. Man taxirt also das Pflügen, die Aussaat und das Besäen einer Dessjatine jetzt nur auf zehn Rubel. Ein

solches Verfahren ist natürlich der reinste Ruin für den Landwirth. Die glänzenden Aussichten auf die nächste Ernte und der grüne Teppich, welcher die Getreidefelder bedeckt, können nur den Bauern und den Brotkonsu­menten, nicht aber den Getreidehändler und den Grund­besitzer und noch weniger den Spekulanten erfreuen, denen nur hohe Preise willkommen sein können. Im Getreidehandel gehen jetzt Dinge vor, die alle Berech­nungen zu Schanden machen. Derjenige, welcher mit dem Verkauf seines Getreides nicht zögerte und sich mit dem Preis begnügte, den man ihm im vorigen Herbst und Winter bot, war der Klügste und ist dabei am besten gefahren. Die günstige Gelegenheit, mit fremdem Geld zu spekuliren, führte Viele in Versuchung, die jetzt weder ein noch aus wissen und ihre Verblendung bitter bereuen.

Deutsches Reich.

Kiel, 25. Juni. Nach einem Bericht derPost" hat S. M. der Kaiser gestern bei der Einstellung des Prinzen Adalbert in die Marine in seiner Ansprache die Bedeutung des Junimonats für die vaterländische Geschichte hervorgehoben und mit den Worten geschlossen: er wolle nur an Hohenfriedberg und an Waterloo er­innern, wo Preußens und Großbritanniens Krieger den Erbfeind niedergestreckt hätten, und an Kaiser Friedrich. Dieser, sein Vater, habe das Schwert geführt, um den Gegner niederzuwerfen, die weitere Arbeit der Marine sei, den Stahl blank geschliffen zu erhalten,damit, was Gott verhüten möge, wenn ich, der Kaiser, Euch rufe, Ihr nicht nur mit Ehren besteht, sondern auch mit Ruhm".

Berlin. Die Kaiserin wird, wie osficiös mitgetheilt wird, den Kaiser auf der diesjährigen Nordlandsreise, welche bekanntlich am 2. Juli von Kiel aus angetreten wird, begleiten.

Der Gesundheitszustand des Fürsten Bismarck laßt, wie man aus Fricdrichsruhe schreibt, einiges zu wünschen übrig, weshalb Besuche im Allgemeinen nicht empfangen werden. Glücklicherweise ist jedoch kein Grund zu Besorgnissen vorhanden, wofür schon der Umstand spricht, daß die Uebersiedelung des Altkanzlers nach Varzin in nächster Zeit bevorsteht.

DasArmee-Verordnnngs-Blatt" veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung, betreffend die erweiterte Einführung der Litewka in der Armee. Der Kaiser genehmigt die Einführung der Litewka aus blauen Molton bei der Gardeinfanterie, den Eisenbahntruppen und der Luft­schiffer-Abtheilung, sowie der Litewka aus grauen Molton bei den Jägern und Schützen.

DerReichs-Anzeiger" veröffentlicht die Novelle zum Unfallversicherungsgesetze, durch welche die Ver­sicherungspflicht auf die Handwerker und ^Kleinge­werbetreibenden ausgedehnt wird.

Der Ausnahmetarif für Futtermittel tritt am l. Juli b. I. auf den preußischen Staatsbahnen außer Kraft. Von dem gleichen Zeitpunkte ab wird auch die außerordentliche Frachtermäßigung von 25 Prozent für Streu- und Futtermittelsendungen aus den östlichen Provinzen nach den Mittel- und westdeutschen Bezirken nicht mehr gewährt. Dagegen bleibt der Ausnahmetarif für Torfstreu, Torfmull, Holzsügespäne und Heidekraut bis zum ursprünglich festgesetzten Geltungszeitpunkt, 1. September d. I., bestehen.

Im Ruhrkohlenrevier sind unruhige Köpfe, wie aus Dortmund geschrieben wird, wieder an der Arbeit, um einen Streik ins Leben zu rufen. In der Nacht zum Mittwoch waren auf den Zechen in der Umgebung von Dortmund Aufrufe angeschlagen, die aber von der Polizei noch in den frühesten Morgenstunden entfernt werden konnten. Der Aufruf, herausgegeben von dem bekannten Kaiserdelegirten F. Bunte, beginnt: Kameraden! Hcrvorgcrufcn durch das Vorgehen der Bcrgwcrksbesitzcr, ist unsere wirthschaftliche Lage heute schlechter denn je! Die Arbeitsverhälinisse sind theils nach der neuesten Statistik, theils nach den alltäglich zu machenden Erfahrungen derartige, daß man staunen muß, wie ein Bergmann mit Familie bei den heutigen hohen Lebensmittel- und Miethspreisen noch auskommt und nicht schon längst der verderblichen Lehre des Anarchismus verfallen ist. Die fortgesetzte Reduzirung der Löhne, sowie die längst nicht mehr menschliche Behandlung seitens unserer Vorgesetzten machen es uns zur Pflicht obwohl die Wunden des letzten Streiks