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«M 59. Mittwoch, den 25. Jnli 1894.
Die Cholera.
Der unheimliche Sommergast ist uns auf seinem Zug von Osten nach Westen wieder einmal in bedenkliche Nähe gerückt. Nachdem im Weichselstromgebiet bereits eine größere Anzahl von Cholera-Erkrankungen und Todesfällen zu verzeichnen gewesen ist, haben wir neuerdings auch von einem in Berlin vorgekommenen Fall Kunde erhalten, von dem man allerdings hofft, daß er bei den getroffenen umfassenden Borsichtsmaßregeln vereinzelt bleiben wird. Auch im Weichselgebiet hofft man eine weitere Verbreitung der Seuche verhüten zu können, nachdem bei sämmtlichen bis zum l 6. Juli vorgekommenen Fällen, mit Ausnahme eines einzigen, festgestellt worden ist, daß die betreffenden Personen an oder auf der Weichsel beschäftigt gewesen sind, und nachgcwicsener- maßen das Wasser derselben getrunken oder bei Berührung mit demselben die gebotenen Vorsichtsmaßregeln außer Acht gelassen haben. An keiner Stelle haben sich, wie der Staatskommissar für das Weichselgcbiet ausdrücklich betont, bis jetzt Choleraherde gebildet, sondern die vorgekommenen Fälle vertheilen sich auf den ca. 245 Kiliometcr langen Weichsellauf. Sehr besorgnißerregend ist dagegen das Auftreten der Cholera in St. Petersburg, wo die Epidemie einen immer bedrohlicheren Umfang annimmt. Der „Politischen Korrespondenz" wird von dort geschrieben:
Am 13. Juli war die Zahl der Erkrankungen auf 171, die der Todesfälle auf 50 gestiegen, am 14. kamen 218 neue Erkrankungen und 69 Todesfälle vor. In den Spitälern St. Petersburgs, wo sich am 13. d. M. 460 Cholerakranke befanden, hat sich die Zahl dieser Kranken auf 576 erhöht. Da nun diese Anstalten zur Aufnahme der neu hinzukommenden Kranken nicht mehr hinreichen, werden ein Gefängniß und einige andere öffentliche Gebäude zu provisorischen Ambulanzen eingerichtet werden. Die Gemeindeverwaltung von St. Petersburg hat es bei den dortigen Gastwirthen durchgesetzt, daß dieselben täglich an die arme Bevölkerung gekochtes Wasser vertheilen lassen. Ferner wurden auf Anordnung der Gemeindeverwaltung in allen Straßen der Stadt hygienische Rathschläge gegenüber der Choleragefahr angeschlagen und den Direklionen der Fabriken und Theater, den Unternehmern öffentlicher Arbeiten, sowie überhaupt allen Personen, die eine größere Anzahl von Leuten beschäftigen, Anweisungen für die zu treffenden Vorsichtsmaßregeln übermittelt. Da die Unmäßigkeit der niederen Bevölkerung im Genuß geistiger Getränke zur Verbreitung der Cholera viel beiträgt, hat der Stadthauptmann von St. Petersburg, General Wahl, verfügt, daß alle Schenken während der Dauer der Epidemie an Sonn- und Feiertagen geschlossen zu bleiben haben. Die Bevölkerung der russischen Hauptstadt ist von den schwersten Besorgnissen erfüllt, namentlich der hohe Prozentsatz der Todesfälle ruft große Niedergeschlagenheit hervor.
Eine weitere Meldung aus St. Petersburg besagt, der Zar habe in Anbetracht des raschen Umsichgreifens der Cholera telegraphisch an die Minister des Krieges und des Innern die Weisung ergehen lassen, daß, im Fall sich die vorhandenen Krankenhäuser und Baracken als ungenügend erweisen sollten, die Petersburger- Kasernen, sowie schlimmsten Falls auch einige kaiserliche Paläste zeitweilig als Spitäler einzurichten. Auch in Polen nimmt die Cholera stetig zu.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat von Norwegen aus den König von Italien zur Einnahme von Kassala telegraphisch beglückwünscht. Ferner hat der Kaiser dem Prinzregenten Luitpold seine Theilnahme wegen der durch einen Cyclon angerichteten Zerstörungen in Oberbahern telegraphisch ausgesprochen und für die heimgesuchten Ortschaften eine Beihilfe von 3000 Mk. bewilligt. Im Laufe des nächsten Monats ist der Besuch des Kaisers auf Helgoland zu erwarten.
— Die Verleihung von Fahnen an die neu errichteten vierten Bataillone der preußischen Infanterie-Regimenter wird, wie verlautet, im Herbst, wahrscheinlich am 18. Oktober, durch den Kaiser persönlich in Berlin oder in Potsdam erfolgen. Es soll eine besonders erhebende Feier werden, an der auch deutsche Fürsten Theil nehmen werden.
— Zur Bahnsteigsperre wird gemeldet, daß der Herr Minister die Absperrung weiterer umfangreicher
Strecken zum 1. Oktober ungeordnet hat. Demnach ist anzunehmen, daß die versuchsweise Sperre zu Gunsten des fiskalischen Interesses ausgefallen sein muß und daß man nunmehr mit der Bahnsteigsperre als einer dauernden Einrichtung zu rechnen haben wird.
— Am 1. Dezember d. I. wird wieder eine allgemeine Volkszählung in Deutschland stattfinden, mit der, wie verlautet, eine Gewerbezählung verbunden werden soll. Die letzte Zühlung dieser Art hat im Jahre 1882 stattgefunden. Die Vorarbeiten für die Inangriffnahme der Gewerbezählung sollen möglichst frühzeitig vorgenommen werden.
■— Die Berufung gegen die Urtheile der Strafkammern soll nach Absicht der Reichsregierung bereits mit dem Beginn des zweiten Vierteljahres 1895 eingeführt werden.
* — Sechzehn verschiedene Sorten falscher Zweimarkstücke sind in den letzten zwölf Monaten der Königlichen Münze überwiesen worden. Unter diesen befindet sich eine aus Blei gearbeitete Münze von ungewöhnlich scharfer und genauer Prägung, die bei flüchtigem Blicke leicht als echtes Geld angenommen werden kann. Wie weiter mitgetheilt wird, befindet sich gegenwärtig eine ungewöhnlich große Menge falscher Zweimarkstücke in Umlauf. Es ist anzunehmen, daß eine weitverzweigte Falschmünzerbande, deren Sitz sich in einer größeren Stadt Deutschlands befindet, vermittelst „Agenten" den Vertrieb ihrer Waare bewirkt.
München. Der Schaden, den der Cyklon am vergangenen Sonnabend in der Umgegend des Ortes Schwaben in Oberbayern angerichtet hat, wird amtlich auf 500 000 Mark, privat auf etwa 2—4 Millionen geschätzt, es scheint weder die eine noch die andere Lesart zutreffend zu sein. Das Hereinbrechen der Katastrophe wird auf Grund der Angaben von Augenzeugen folgendermaßen geschildert: Es war Sonnabend Nachmittags 2 Uhr. Das Firmament war nach Osten blau, nach Westen zeigte es eine schwarz-blaue Färbung, die sich bald auch im Osten zeigte. Ueber der Erde lag eine fahle Beleuchtung. Niemand der Bewohner dachte an ein auch nur einigermaßen schweres Gewitter, da die Wolken sehr hoch gingen. Plötzlich, es war kurz nach 2'/, Uhr, erhob sich ein Sausen und Brausen, daß kein Donnerschlag mehr zu hören war, vom Westen kommende Wolken begannen sich bis zur Erde zu senken, auf derselben zu hüpfen, um sich dann plötzlich wie ein Quirl zu drehen und wieder zu drehen. Ein brausender Spektakel, der jeder Beschreibung spottet, eine kaum 5 Minuten anhaltende Verfinsterung, die Leute glaubten das Ende der Welt sei gekommen, retteten sich in die Zimmer zu ebener Erde oder auch in Kcllergclasse und erwarteten zagenden Herzens die kommenden Dinge. Nach einem etwa 10 Minuten langem Toben ist der Aufruhr zu Ende, es wird hell und ruhig, die Leute wagen sich heraus aus den Häusern, um Zerstörungen zu sehen, die ihnen das Blut in den Adern gerinnen machen. 10 Minuten hatten genügt, um 12 Ortschaften namenloses Elend, 7 davon nahezu die Vernichtung zu bringen. Die betroffene Gegend umfaßt einen Theil des alten Schlachtfeldes von Hohenlinden und wird von 25000 Menschen bewohnt. Die Privathilfe hat bisher 25000 Mark aufgebracht. Zur Unterstützung der arbeitenden Pionire ist auch Infanterie von München abgegangen. Es sind ferner 100 Pioniere aus Jngolstadt eingetroffen, da die Mannschaften des Eisenbahnregiments nicht ausreichen. Die Hilfskomitees veröffentlichen aufs neue die dringendsten Gesuche um weitere Gaben. In Oberbayern wurde eine Hauskollekte behördlich organisiert. Bis jetzt sind etwa 35000 Mk. gesammelt, welche nicht einmal zur Linderung der ersten Noth hinreichen. Mit größter Eile wird an der Errichtung von Scheunen gearbeitet, damit wenigstens das vorn Hagelschlag verschonte Getreide eingebracht werden kann.
Breslau, 22. Juli. Nachdem gestern im Laufe des Nachmittags mächtige Extrazüge mit auswärtigen Turnern hier angelangt waren, wurde um 8 Uhr Abends durch den Oberpräsidenten Dr. v. Seydewitz das 8. deutsche Turnfest offiziell feierlichst eröffnet. Zuerst begrüßte Oberbürgermeister Bender die Turner Namens der Feststadt, sodann brachten General v. Lewinski das Hoch auf den Kaiser Wilhelm und Ober- präsident v. Seydewitz, das auf dessen treuen Freund und Bundesgenossen Kaiser Franz Joseph von Oester
reich aus. Oberbürgermeister Bender übergab hierauf die Leitung des Festes dem stellvcrtredenden Vorsitzenden des Ausschusses, Professor Böthke aus Thorn. Dieser dankte Namens der Turuerschaft für den herrlichen Empfang. Nechtsanwalt Wetzel aus München übergab sodann das Bundesbanner an die Feststadt Breslau. — Der Festzug fand bei dem günstigsten Wetter statt. 16,000 Turner, 12 Prunkwagen und 17 Musikchöre nahmen theil. Die Einwohnerschaft erging sich in begeisterten Ovationen. Die Zahl der eingetroffenen Turner beträgt ca. 15,000.
Aus Thüringen. Die Schweincseuche unter dem Schweinebestand des Domänenpächters Mayer in Friedrichswerth scheint, wie das „Gothaische Tageblatt" meldet, leider noch einen viel größeren Umfang anzunehmen, als bis jetzt geglaubt worden war. Denn es wird angenommen, daß die bisherigen Tödtungen nicht genügen, dem Weiterumsichgreifen der Seuche in der großen Schweinezüchterei Einhalt zu thun, so daß zu befürchten ist, daß von dem ganzen Bestand auch nicht ein einziges Stück von der Seuche verschont bleiben wird. Der bis jetzt wohl schon annähernd 40,000 Mk. betragende Schaden für den Besitzer wird somit leider ein sehr großer, vielleicht nicht wieder auszugleichender werden und zwar um so mehr, als auch von auswärts Meldungen einlaufen, daß von ihm gekaufte Schweine von der Seuche befallen sind. — Der Oberförster Gerlach in Sondershausen, der ebenso wie seine Ehefrau der Mißhandlung seines Dienstmädchens mit nachgefolgtem Tod angeklagt ist, ist, wie die „Werra-Ztg." meldet, früher in Gehren stationiert gewesen und eine dort überall wohlbekannte Persönlichkeit. Bei dem liebenswürdigen und gutmüthigen Charakter des Mannes kann man sich gar nicht denken, daß er sich zu einer so schrecklichen That hat hinrcißcn lassen können. Dagegen wird seine Frau als ein gewaltthätiges, ungemein „schlagfertiges" Weib bezeichnet, die sich selbst nicht gescheut haben soll, Hand an ihren Eheherrn zu legen. Die Mißhandlungen des armen Dienstmädchens sollen schon seit längerer Zeit so schrecklicher Art gewesen sein, daß man es unbegreiflich findet, warum dasselbe nicht den Dienst verlassen hat.
Gotha, 19. Juli. Das muß man den hiesigen Bäckern nachsagen, daß sie an dem Vortheil, der ihnen aus der gegenwärtigen Lage im Getreide- und Mehl- geschäft erwächst, auch ihre Kundschaft Theil nehmen lassen und daß sie nicht, wie man es anderswo leider häufig findet, in unberechtigter Weise an den hohen Preisen für ihre Waaren festhalten, wenn sie selbst die Rohprodukte billiger einkaufen. Seit dem Frühjahr schon zahlen wir hier für das Pfund Roggenbrod erster Qualität nur 8 Pfennige und jetzt giebt ein Bäcker i» der Bahnhofsstraße das Pfund sogar für 7 Pfennige, weil in Aussicht auf eine vorzügliche Körnerernte die Mehlpreise anf's Neue gesunken sind. Möchte man anderswo ein Beispiel daran nehmen!
In Wernigerode am Harz starb am Sonntag Abend Se. Excellenz Graf v. Böse, im Feldzug 1870/71 kommandirender General des Elften Armeekorps.
Köln, 20. Juli. Ein auf dem hiesigen Postamte am 14. Juli aufgegebener, nach Coblcnz bestimmter Einschreibebrief, 30,000 Mark Werthpapiere enthaltend, kam in Coblenz an, indeß waren die Werthpapiere verschwunden. Die Kriminalpolizei erließ diesbezügliche Weisung an sämmtliche Bankessektengeschäfte.
Mainz. In Gabsheim bei Mainz fand die Taufe eines etwa 5 Jahre alten Negerknaben statt. Der Kleine wurde seiner Zeit bei der Erstürmung von Hornkranz in Deulsch-Südwestafrika von einem Sergeanten der deutschen Schutztruppe, der aus Gabsheim gebürtig ist, hilflos aufgefunden, da seine Eltern bei der Erstürmung gefallen waren. Der Soldat nahm sich des Kindes an und brächte es bei seinem jüngsten Urlaub nach Deutschland mit.
Offenbach. Im Streit erstochen hat hier am Donnerstag Abend gegen 7 Uhr der 24 Jahre alte Portefeuiller Anton Arnold in der an der Eck- des kleinen Biergrundes und Salzgäßchens gelegenen Wirthschaft „Zum Braustübel" den 21 Jahre alten Porte- feuiller Karl Pfaff aus Bergen, der Waldstraße 30 logirte. Die Leiche wurde direkt nach dem Friedhofe verbracht. Es sollen zwei Stiche festgestellt worden fein und zwar einer im rechten Oberschenkel und einer am Rücken, der wahrscheinlich die Lunge getroffen hatte