SchlüchtemerMung
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.M 61. Mittwoch, den 1. August 1894.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat bereits die Heimreise von seiner Nordlandsfahrt angetreten. Von Bergen aus, wo Sonntag Abend die „Hohenzollern" eintraf, beabsichtigt der Kaiser sich direkt nach Wilhelmshaven zu begeben, wo der Ankunft am Mittwoch den 1. August gegen Mittag entgegengesehen wird.
— Die Offizier-Schärpe soll für Subalteru-Offiziere und Hauptleute in Wegfall kommen. Sie soll nur den Stabsoffizieren verbleiben, von diesen jedoch nach Art der Adjutanteu-Schärpe, von der rechten Schulter nach der linken Hüfte hängend, getragen werden, während für die Adjutanten ein Abzeichen, ähnlich den Schützen- fangschnürcn, beabsichtigt ist. Den Subalternoffizieren und Hauptleuten wird an Stelle der Schärpe ein silberner Gürtel nach dem Vorbilde des Gürtels der Marineoffiziere gegeben werden, der zugleich zur Befestigung des Fernglases und des Revolvers dienen soll.
— Besondere Vorsichtsmaßregeln gegen die Gefahr des Hitzschlags sind diesmal für die im August und September stattfindenden Herbstübungen für die Mannschaften erlassen worden. Es ist dafür zu sorgen, daß den Mannschaften vor Märschen eine genügende Nacht- ruhe gewährt werde; da aber das Antreten frühzeitig geschehen muß, haben die Truppenbefehlshaber die Stunde, zu der alles in den Quartieren sein muß, früh anzusetzen und namentlich das lange Verweilen in den Wirthshäusern zu verhindern. Ist ein sehr heißer Tag zu erwarten, so ist die Aufbruchszeit so frühzeitig an- zusetzen, daß die Märsche bis 9 Uhr Vormittags beendet sein können; sind Kriegsmärsche oder besondere Uebungen angeordnet, so ist der Führer berechtigt, die Truppen in kleineren Verbänden marschiren, die Waffcy- rockkragen und die oberen Knöpfe öffnen und die Halsbinden abnehmen zu lassen. Das Wassertrinken ist soviel wie möglich zu gestatten, in wasserarmen Gegenden werden Wasserwagen mitgeführt. Im Quartierort ist jedes längere Stehenbleiben zur Ausgabe von Befehlen zu vermeiden.
— Von einzelnen Handelskammern wird ein Gesuch an den Staatssekretär im Reichspostamt vorbereitet, daß für Postanweisungen bis zum Betrage von zehn Mark fortan nur eine Gebühr von zehn Pfennig erhoben werden möge. Begründet wird dies Gesuch damit, daß für alle kleinere Geldsendungen an preußische Behörden, die vordem mit Postwerthzeichen beglichen werden konmen, seit dem Inkrafttreten des neuen Aversionalabkommens Postanweisungen zu Vaargeldsendnugcn benutzt werden müßten, weil die betreffenden Behörden die Annahme von Postmarken seitdem verweigerten.
— Die „Equitable", Lebensversicherungsgesellschaft der Vereinigten Staaten, hat mittels Schreiben vom Samstag an den preußischen Minister des Innern freiwillig ihre Konzession in die Hände der preußischen Regierung zurückgelegt und die Erklärung abgegeben, daß sie von jetzt an nufhörc, neue Versicherungsgeschäfte in Preußen zu notiten. Als Begründung dieses Schrittes führt die „Equitable" an, daß die preußische Regierung auf Grund des Ministerialerlasses vom 8. März 1892 verlangt habe, daß die Gesellschaft für jede einzelne Gruppe im Jahresberichte jedes Rechnungsjahres getrennte Nachweise gebe. Der Erlaß geht von der Annahme aus, daß bei jeder Versicherung mit Dividendenansammlung die Versicherten in Jahresklassen eingecheilt würden. Die „Equitable" hat jedoch ihre Versicherten in -verschiedene Gruppen und nicht in Jahresklassen gecheckt, kann daher auch keinen Bericht über die Jahresklassen erstatten, da keine existiren. Die Gesellschaft kann auch gesetzlich keine Jahresklassen schaffen, da dadurch wohlerworbene Rechte Dritter, nicht nur in Preußen, sondern über die ganze Welt, geschädigt würden. Die „Equitable" wird jedoch sortfahren, die alten Policen zu honoriren, und hierzu ihre Organisation aufrechr erhalten.
Königsberg, 26. Juli. Fahrt eines Todten. Der Besitzer St. aus Schönwiese war mit seinem einspännigen Wagen in Geschäften nach Königsberg gekommen und degab sich Nachmittags, nachdem er etwas viel getrunken hatte, vom Viehmnrkte aus in der fröhlichsten Stimmung nach Hause, wo er um 9 Uhr Abends eintraf. Hier wunderte man sich, daß St. gar nicht vom Wagen stieg, und nahm an, daß er eingeschlafen sei. Als man ihn wecken wollte, wurden seine Angehörigen nicht wenig erschreckt, denn sie gewahrten, daß der Mann eine Leiche
daß sie vergiftet sei, und zwar durch Erdbeeren, denen Cyankali beigemischt war. Als die Leiche durch die Forstpolizei in der „Diebskammer" aufgehoben wurde, sah man auch Thomas in der Nähe, seitdem aber war er verschwunden, bis man am Mittwoch- seine Leiche im Wilhelmsthaler See fand. Der Unmensch hat sich dem irdischen Richter also durch Selbstmord entzogen. Rüthselhaft bleibt es, wo das Geld, eine Summe von über 20,000 Mark geblieben ist, das Thomas vor seiner Abreise seinem Geldschranke entnommen hatte. Behufs Ermittelung dieser Angelegenheit weilt ein Kriminal- beamter aus Leipzig hier. Der Selbstmörder hinterläßt eine Wittwe und ein 10jähriges Kind.
Aus Westfalen, 23. Juli. Dieser Tage herrschte in der Stadt Haltern (Regierungsbezirk Arensberg) ein freudiges Leben. Hieß es doch wieder: „Jeder Bürger hat sich 50 Mark aus der Stadtkasse zu holen für das im vorigen Jahre verkaufte Holz." Im vorigen Jahre hatte jeder Bürger ungefähr dieselbe Summe bekommen.
Solingen, 23. Juli. Die in unserer Stadt jetzt im Gange befindliche Klavierzählung fördert so überraschende Resultate zu Tage, daß die in der Theorie mit 200 angenommene Zahl der Solinger Klaviere durch die Wirklichkeit weit überflügelt werden wird. Allein die Kaiserstraße beherbergt laut dem „Sol. Kr. u. Jnt.-Bl." mehr als 100 Klaviere, und auf mancher verhältniß- mäßig kurzen Straße findet man das steuerpflichtige Musikinstrument fast Haus bei Haus. Man nimmt an, daß wenigstens 700 bis 800 Klaviere der Steuer an- heimfallen, das heißt, eine Steuer von 7000 bis 8000 Mark ausbringen werden. Aehnliche Ergebnisse soll auch die Fahrrad-Aufnahme zeitigen.
Köln, 26. Juli. Ein von Holland mit Anhang kommender Radschleppdampfer mußte bei Emmerich ein Schiff abwerfen, weil sich an Bord ein Cholerakr,ankcr befand. In Düsseldorf sowie in Köln wurden sämmtliche Schiffe einer genauen ärztlichen Untersuchung unterworfen.
Aus Franken. Eine feuchte Bürgcrmeisterwahl hatte im vergangenen Jahr in dem Ort Rimpar bei Würzburg stattgefunden. Da aber die Sache nicht mit rechten Dingen zugegangen war, so hat sich das Gericht ihrer angenommen und festgestellt, daß von beiden Parteien, die sich gebildet hatten, Bestechung, Stimmenkauf, bezw. Verkauf und Veranstaltung großer Freizechen betrieben worden waren und es wurden daher die Hauptmacher bis zu 3 Monaten Gefängniß verurtheilt. Daß die Rimpaer einen gesunden Durst haben, hatten sie bei dieser Wahl bewiesen. Vom Mobilmachungstag bis zum eigentlichen Schlachttag würden rund 12 000 Mark vertrunken! Wer denkt da nicht an den seligen Rodenstcin? Die Rimpaer Wirthe machten eine Zeit lang die fidelsten Gesichter, denn ohne Ausnahme hatten sie während der Wahlperiode alle Hände voll zu thun, ihre schwarzen Tafeln zu beschreiben. Am meisten wurde in den Hauptquartieren gebechert. Nun kommt der moralische Katzenjammer: Wer wird jetzt Bürgermeister? Wer zahlt die Zechschulden? Wer löscht den Durst bei der neuen Gemeindewahl? Oder soll das Hoch auf den nächsten Bürgermeister in Gänsewein ausgebracht werden?
Das Landgericht Augsburg hatte vor einiger Zeit zwei dortige Kaufleute verurtheilt, weil diese Uhren, die den Goldstempel trugen, verkauft hatten, obschon die Bügel an den Uhren unecht waren. Die beiden Ver- urthcilten waren an das Oberlandesgericht nach München gegangen, aber auch dieses hat sich dahin ausgesprochen, daß der Bügel zum Gehäuse gehöre und den gleichen Goldgehalt haben müsse, wie das abgestempelte Gehäuse.
Stuttgart, 25. Juli. In Bad Holl bei Göppingen ereignete sich gestern Abend ein größeres Unglück. Eine Anzahl Arbeiter, die in dem 50 Meter tiefen Schwefelbrunnen arbeiteten, wurden durch giftige Gase betäubt. Drei von ihnen sind todt, vier schweben in Lebensgefahr. Die Arbeiter hatten während einer Arbeitspause einen Löthofen im Schwefelbrunnen zurückgelassen. Durch dessen Dünste in Verbindung mit dem Brunnengas entwickelten sich die giftigen Gase.
'war. Wie die Ermittelungen ergeben haben, ist derselbe in der nämlichen Stellung schon durch Neuendorf gefahren. Die Katastrophe muß deshalb unmittelbar nach der Wegfahrt von Königsberg eingtreten sein, und das mit dem Wege genau vertraute Pferd hat denselben allein ohne Führung zurückgelegt.
Allcnstein, 24. Juli. Eine wunderbare Errettung. Fünf Personen hatten sich vor einem Gewitter in eine Scheune geflüchtet, deren Thüre nach dem dicht daran stehenden Wohnhause geöffnet war. Plötzlich schlug der Blitz in die Scheune, fuhr das Gebälk entlang zwischen den betäubt Dastehenden, ohne sie im Geringsten zu verletzen, nach der Thür hindurch, sprang in den Flur des Wohnhauses, durchschlug hier ein Butterfaß, eine darauf sitzende Henne tödtcud, und fuhr dann in He Erde. Die Scheune hatte er entzündet, und das Holzgebäude bräunte bis auf die Fundamente nieder.
Aus Wcstpreußen, 23. Juli. In der Stadt Flatow schwebt ein seltsamer Proceß. Die dortige katholische Kirche ist sehr klein, so ' daß es namentlich zuziehenden Beamten schwer fällt, Sitzplätze zu erhalten. Der Pfarrer- süchte sich dadurch zu helfen, daß er mehrere neue Bänke aufstellen ließ, u. A. auch eine als die erste einer ganzen Reihe. Dadurch fühlten sich die meisten Inhaber der hinter dieser Bank befindlichen Sitzplätze beleidigt, weil sie „eine Bank herunter gekommen" waren. Es wurde gegen den Kirchenvorstand Klage wegen „Besitzstörung" angestrengt. Dagegen hat der Bischof den Competenzconflict erhoben, worüber noch die Entscheidung anssteht. Inzwischen haben mehrere Zurückgcsetzte ihre Klage zurückgezogen, so daß es wohl gelingen wird, das alte Einvernehmen wieder hcrznstcllen.
Aus der Provinz Sachsen, 26. Juli. In der ganzen Grafschaft Mansfeld, also in dem Bezirke, in welchem die Mansfelder Gewerkschaft hauptsächlich ihren Bergbau betreibt, herrscht sehr empfindlicher Wassermangel. Nicht nur, daß Bäche und Teiche versiegen, auch das Grundwasser zeigt eine beängstigende Abnahme. Man glaubt, daß diese Erscheinung in Zusammenhang steht mit dem Mansfelder Bergbau. Bekanntlich läßt die Mansfelder Gewerkschaft den Salzigen See auspumpen. Aber obgleich durch zwei gewaltige Maschinen seit längerer Zeit große Wassermassen dem See entzogen worden sind, nimmt der See selbst nicht ab. Man nimmt also an, daß das dem See neu zuströmende Wasser das der ganzen Gegend entzogene ist und daß auf diese Art der Wassermangel entsteht.
Eiscnach, 23. Juli. Am Freitag wurde eine Dame, ca. 18 Jahre alt, im Forstort Diebskammer todt auf- gefunden. Dieselbe trug in der rechten Hand ein Strüußchen Erdbeeren, die, wie sich nachher heraus- gestellt hat, mit Blausäure durchtränkt waren. Ein Herr war am Donnerstag Abend in Gesellschaft der Dame von dem Forstläufer gesehen worden. Dieser bemerkte nun am Freitag früh den Herrn allein aus der Waldung kommen, was ihm auffiel. Es erfolgte Anzeige bei der Polizei und diese stellte eingehende Erhebungen nach dem Fremden an. Am Mittwoch Nachmittag fand man nun im See bei Wilhelmsthal eine Leiche, die als der Kaufmann Wilhelm Thomas aus Leipzig durch feinen Schwager rekognosziert und zu gleicher Zeit feftgeftcllt wurde, daß die Leichenfunde in der „Diebskammer" bei Eisenach und im Wilhelmsthaler See in Beziehung zu einander zu bringen sind. Wie die „Eisenacher Zeitung" meldet, erscheint es zweifellos, daß die in der „Diebskammer" aufgefundene Frauensperson das Opfer des Kaufmanns Thomas, ihres Stiefvaters, geworden ist. Thomas hatte sich vor etwa zehn Jahren mit einer Wittwe verheirathet, die ihm ein sechsjähriges Mädchen, Frieda Friedrich (später Thomas genannt) mit in die Ehe gebracht hatte. Thomas hatte mit diesem sträflichen Umgang unterhalten, der nicht ohne Folgen blieb, und scheint sich seines unglücklichen Opfers nun haben entledigen zu wollen. Er verschaffte sich bereits vor vier Wochen in Leipzig Cyankali und reifte dann am 13. Juli mit seiner verführten Stieftochter nach Eisenach, angeblich um diese in einer Heilanstalt unterzubringen. Er hat sich in Eisenach und in Thal :c. ausgehalten und ist am Abend des 19. Juli in Eisenach mit der Friedrich gesehen worden. Am anderen Tag fand man die Leiche der Friedrich in der „Diebskammer"; äußere Anzeichen ließen darauf schließen,
Ausland.
Rom. Der Banca Romana-Prozeß in Rom, das würdige Seitenstück zum Panama-Skandal, hat mit der Freisprechung sämmtlicher Angeklagten geendigt. In Italien herrscht über dieses Urtheil allgemeine Ent-