SchlüchtemerMung
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M 63. Mittwoch, den 8. August 1894
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist am Sonnabend Abend von Schloß Wilhelmshöhe nach Wilhelmshaven zurückgekehrt und hat sich sofort an Bord der „Hohenzollern' begeben. Am Sonntag Morgen ist die „Hohenzollern", begleitet von dem Kreuzer „Prinzeß Wilhelm' nach Cowes in See gegangen.
— Der aus dem Ertrage der Getreide- und Vieh- zölle für das Etatsjahr 1893/94 auf Preußen entfallende Antheil ist auf die Summe von 44,8 7 6.509 Mark ermittelt worden. Nach Abzug des der Staatskasse verbleibenden Ertrags von 15 Millionen Mark ist der auf Grund der lex Huene den Kommunal- verbändcn zu überweiscude Betrag auf 29,876,508 Mark festgesetzt worden. Diese Summe vertheilt sich auf die preußischen Provinzen wie folgt: Ostpreußen 1,612,073 Mk., Westpreußen 1.204,993 Mk., Stadt Berlin 2,515,224 Mk., Provinz Brandenburg 2,430,144 Mk, Pommern 1,559,702 Mk., Posen 144,171 Mk., Schlesien 3,724,342 Mk., Sachsen 2,942,158 Mk., Schleswig-Holstein 1,659,656 Mk., Hannover 2,513,580 Mk., Westfalen 2,086,800 Mk., Hessen-Nassau 1,744,582 Mk., Rheinprovinz 4,380,314 Mk., Hohen- zollersche Lande 61,770 Mk.
— Nachdem der graue Militärmantel durch Armeebefehl für die preußischen Truppen vor wenigen Wochen eingeführt ist, hat König Albert von Sachsen auch für das sächsische Armeekorps die gleiche Entscheidung getroffen. Im sächsischen Heere sind der Offiziers- und der Mannschaftsmantel in gleichem Farbenton gehalten.
— Die Nachricht, daß die Offizierschärpe bei den unteren Offizierklassen abgeschafft und bei den Stabsoffizieren über die Schulter getragen werden soll, ist unrichtig. Man denkt nicht im preußischen Heere an eine Abschaffung der seit Friedrich Wilhelm I. einge- führten Schärpe.
— Aus Anlaß des Krieges zwischen China und Japan erinnert die „Post" daran, daß vor drei Jahren eine größere Anzahl japanischer Offiziere in der deutschen Armee (bei dem Infanterie-Regiment Herzog Ferdinand von Braunschweig in Wesel) Dienst gethan hat. Die Ausbildung der Herren leitete der Oberstlieutenant Meckel, der längere Zeit als Lehrer an der japanischen Kriegsakademie thäug gewesen war. Ein gleichfalls bei dem genannten Infanterie-Regiment damals anwesender japanischer Oberst soll augenblicklich als General an der Spitze der in Korea befindlichen Truppen, die in erster Linie den Chinesen entgegentreten werden, stehen. Außer dem Oberstlieutenant von Meckel hat noch ein anderer prcußisber Generalstabsoffizier, Major von Wildenbruch, längere Zeit als Lehrer an der japanischen Kriegsakademie gewirkt.
— Wie die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" mittheilt, haben nunmehr die zur Zeit an der Westküste Amerikas befindlichen Kreuzer „Alexandrine", „Arcona" und „Marie" Befehl erhalten, sich, sobald sie seeklar sind, zum Schutz der deutschen Interessen nach dem ostasiatischen Kriegsschauplatz zu begeben. Die drei Schiffe haben zusammen 805 Mann Besatzung, so daß also unter Hinzurechnung her Besatzungen der Kanonenböte „Iltis" und „Wolf" die gesammten deutschen Streilkräfte in den ostasiatischen Gewässern 975 Mann stark sein werden.
— Die Inhaber der Hofdruckerei und Buchhandlung von Mittler u. Sohn in Berlin erhielten dieser Tage einen Brief mit der Drohung, daß die ganze Druckerei in die Luft gesprengt werden würde. Das Schreiben trägt die Unterschrift: „Das Anarchisten-Komitee." Das Haus, in dem sich die Druckerei befindet, wird deshalb polizeilich überwacht.
— Der Ehrenbürger-Brief, welchen die Stadt Jena dem Alt-Reichskanzler jüngst verliehen hat, ist der ein» unddreißigstc welcher dem Fürsten Bismarck gewidmet worden ist. Die anderen dreißig Städte sind, alphabetisch geordnet: Berlin, Blankenburg a. H>, Bochum, Bremen, Bremerhafen, Bülow, Chemnitz, Dortmund, Dresden, Emden, Essen, Genthin, Görlitz, Göttingen, Hamburg, Kissingen, Köln, Lauenburg i. Pr., Leipzig, Lippehne, Lübeck, Magdeburg, Merseburg, Osnabrück, Rathenow, Reichenhall, Saarbrücken, Schönebeck, Stendal und Worms.
* — 5023 Turnvereine mit 490,455 Mitglieder öählt nach der neuesten vom Geschäftsführer Dr. Goetz in Leipzig veröffentlichten Statistik die deutsche Turner-
schaft. Es ist somit seit dem Vorjahre wieder eine Vermehrung um 301 Vereine und 20,757 Mitglieder zu konstatiren.
München, 3. Aug. Nach einer Meldung der „Münchener Post" aus Landshut schlug bei einer Uebung der schweren Reiter bei Uebersetzung über die Jsar ein Segeltuchfaltboot um. Ein Unterofficier und vier Mann fielen in den reißenden Fluß und wurden nur mit vieler Mühe von der Mannschaft gerettet. Bei der gleichen Hebung unmittelbar nach diesem Vorfall sollen bei Uebersetzung über die Amper zwei Pferde ertrunken sein.
Halle a S., 1. August. Der elfjährige Knabe des Formers Probst hier gab sich hente Vormittag den Tod, indem er sich nahe der elterlichen Wohnung in der Südstadt, unmittelbar vor der Einfahrt in den hiesigen Bahnhof, von einem Zuge der Thüringer Bahnlinie überfahren ließ. Es wurde ihm der Kopf glatt vom Rumpfe getrennt. Der Knabe soll die That in Folge Zurechtweisung wegen einer geringfügigen Veruntreuung ausgeführt haben.
Bückeburg, 1. August. Einen schnellen, leichten Tod in einem bemerkenswerthen Augenblick fand hier gestern der Rentier, frühere Schlossermeister Kuhlmann. Derselbe, ein fast 80jähriger, aber noch rüstiger Greis, begab sich gegen Mittag wohl und munter zum hiesigen Amtsgericht, um in der Abtheilung für freiwillige Gerichtsbarkeit sein Testament aufnehmen bezw. abändern zu lassen. Er hatte seinen Willen zu erkennen gegeben, das neu abgefaßte Testament war ihm vorgelesen und er hatte zum Zeichen seiner Genehmigung eben seinen Namen darunter gesetzt, als er, bevor er die Feder aus der Hand legen konnte, plötzlich zu Boden sank. Ein Schlaganfall hatte ihn getroffen und die hinzuspringenden Gerichtspersonen trafen ihn bereits als Leiche an.
Uslar, 1. August. Ein Unglücksfall ereignete sich gestern Morgen im benachbarten Hammenstedt. Als der Ackermann Paare mit einer Fuhre Klafterholz durch eine Scheune fahren wollte, hatte er versäumt, den Ouerbaum des Thores herauszunehmen. Dem 10jährigen Bruder des Paare, der sich auf dem Fuder befand, wurde von einem Stückholz, das von dem Ouerbaum zurückgeschoben wurde, das Kinn erfaßt und der Kopf nach hinten gedrückt, so daß der Unglückliche das Genick brach und ohne einen Laut von sich zu geben verschied. Der ältere Bruder bemerkte den Unglücksfall erst als er vom Hofe zurückkehrte. Beim Anblick des todten Bruders fiel er in Ohnmacht. Paare hat den Verunglückten verschiedentlich aufgefordert, vom Wagen zu steigen.
In Uelzen wurde der seit dem Jahre 1818 dort wohnende Rechtsanwalt Justizrath Carl Stegmann am 28. Juli 100 Jahre alt. Der würdige Greis, am 28. Juli 1794 zu Lüneburg geboren, hat erst vor einigen Jahren seine Praxis völlig eingestellt und seitdem seine Wohnung, die er miethweise seit Michaelis 1826 in demselben Hause bewohnt, nicht mehr verlassen können, da ihm das Gehen schwer fällt. Geistig rüstig ist der alte Herr noch jetzt, nur hat sich Schwerhörigkeit bei ihm nach und nach eingestellt. Verheirathet ist Justizrath Stegmann nicht gewesen und Verwandte hat er nicht, er wird von der Familie des jetzigen Eigenthümers des Hauses, das er nun seit 68 Jahren bewohnt, in freundlichster Weise verpflegt.
In Strelitz passirte dieser Tage ein recht betrübender Unglücksfall. Der Hülfsjäger Friedrich Ahlgrimm ging mit seinem Bruder und dem Revierjäger Müller nach dem Bürgersee auf die Entenjagd. Auf der Rückkehr, es war gegen 11'/- Uhr, drehte sich Friedrich Ahlgrimm um und traf unglücklicherweise mit seinem Kolben den Hahn des Gewehrs seines Bruders, das sich, obgleich der Hahn geschlossen war, entlud. Die ganze Schrotladung ging ihm nun von der Seite durch den Leib, worauf er sofort todt umfiel. Der Unglückliche stand im 26. Lebensjahre. Die Jäger hatten sämmtlich die Unvorsichtigkeit begangen, das Gewehr nicht über die Schulter, mit der Mündung nach oben zu tragen.
Bremen. Zwischendeckpreise zwischen Europa und Amerika. Zwischen den Dampfergeseüschaften in New- Uork, welche sich mit der Beförderung von Zwischendecks- Reisenden von Europa nach Amerika und zurück besassen, ist ein Tarifkrieg ausgebrochen, in Folge dessen gegenwärtig die Reise von New-Aork nach Europa im Zwischendeck für nur 10 Dollar zurückgelegt werden
kann. Von dieser augenblicklichen Vergünstigung machen, wie die K. Z. schreibt, so viele amerikamüde Leute Gebrauch, daß die Räume sämmtlicher nach Europa gehenden Dampfer mit Zwischendecken, überfüllt sind. Am 19. Juli mußten Hunderte zurückbleiben, da sie wegen Raummangels nicht befördert werden konnten.
Gelsenkirchen, 2. August. Einer Falschmünzerbande, die im hiesigen Judustrwbezirke falsche Fünfmarknoten massenhaft verausgabt, ist man hier auf die Spur gekommen. Drei Personen sind bereits verhaftet worden. Die Scheine sind täuschend nachgeahmt und vom Jahre 1882 datirt.
Gerstuligc», 1. August. Von seltenem Fischerglück kann der Mühlenbesitzer Vogt aus dem benachbarten Sallmannshausen sprechen. Nachdem derselbe im Vorjahre in ganz kurzer Zeit einmal für mehrere Tausend Mark Aale gefangen, hat derselbe im Laufe der vergangenen Woche wieder über 5 Centner dieser edlen Fische in der Werra gefangen und dieselben zu sehr guten Preisen in den Thüringer Badeplätzen abgesetzt. Beinahe hätte indeß dieses Glück für ihn verhängnißvoll werden können, da bei dem Fange seinen drei Söhnen der Kahn umkippte, so daß alle drei ins Wasser stürzten. Sie konnten sich indeß durch Schwimmen retten. — Zu dem kürzlich aus Berka a. Werra gemeldeten Unfall, der zwei Handelsleuten aus Richelsdorf auf der Werra- brücke hier passirte, ist berichtigend nachzulragen, daß die beiden Männer nicht mit in's Wasser gestürzt sind, sondern daß es ihnen noch im letzten Augenblick gelungen ist, vom Wagen zu springen und den Pferden Hilfe zu leisten, so daß blos der Wagen mit Ladung abstürzre.
Ausland.
Rom, 6. August. Der seit Wochen lautgcwordene Verdacht, daß aus den Staatsarjenalen von Terni, Bresca und Bologna neue Kleinkalibergewehre und dazu gehörige Munition verkauft wurde, hat sich nunmehr bestätigt. Nicht nur abgelebte Bestandtheile, aus welchen der Fabrikant Pranzini 1000 Gewehre zusammenstellt, sondern auch eine vollständige Reitcrmuskcte wurden gleichzeitig mit einer großen Menge neuer Munition aus genannten Arsenalen an Private unter der Hand verkauft. Die Polizei konnte auf die ausgeführten Slücke rechtzeitig Beschlag legen. Die Gcrichisnnter- uchung ist im Zuge.
Konstantinopel, 26. Juli. Da die Regierung befürchtete, daß unter den in Folge des Erdbebens auf den öffentlichen Plätzen der Stadt lagernden Massen eine Epidemie ansbrechcn könnte, so erwirkte sie einen Befehl des Sultans, nach welchem die Leute sich nach ihren Wohnungen begeben sollte. Dieser Befehl konnte nur bei den Leuten, die sich in den beiden öffentlichen Gärten befanden, mit Leichtigkeit ausgeführt werden. Die Leute auf den übrigen Plätzen weigerten sich, wieder in ihre Häuser zu ziehen, da noch immer ganz leichte Erdstöße vorkommen. Nach den neuesten Schätzungen sind zwischen 450 und 500 Menschen bei den Erdbeben umgekommen. Die Behörden haben die Aufnahme von Photographien der von den Erdbeben geschädigten Häuser verboten und ein volksthümlichcr italienischer Almanach, welcher neue Erdbeben prophezeite, ist confiscirt worden.
In Lyon begann am Donnerstag der Prozeß gegen den Mörder des Präsidenten Carnot, den italienischen Anarchisten Caserio. Die Sicherheitsmaßregeln, die für die Dauer der Verhandlungen ergriffen worden sind, erstreckten sich nicht nur auf den Justizpalast, sondern auf alle anliegenden Straßen, die ebenfalls von Truppen abgesperrt waren. Im Innern des Justiz- palajtes wird die schärfste Uebermachung ausgeübr, ohne Eintrittskarte wurde niemand in den Sitzungssaal eingelassen, in dessen Hintergrund ausschließlich Geheimpolizisten das Publikum bildeten. Der Angeklagte war bereits morgens '/,5 Uhr unter starker Eskorte vom Gefängniß nach dem Just^zpalast geschafft worden. Die Verhandlung dauerte zwei Tage und endete mit der Veiurtheilung Cascrio's zum Tode. — 4. August. In einem Magazin in der Rue des Feuillants ist gestern Nachmittag unter furchtbarem Getöse die Explosion einer aus bem Jahr 1870 aufbewahrten Granate erfolgt, die als Merkwürdigkeit auf dem Kamin ausgestellt worden war. Es sind dabei mehrere Personen verwundet worden, darunter eine töbtid); auch ist Schaden eingerichtet worden.
New Uork. Der letzte große amerikanische Streik