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Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 72. Samstag, den 8. September 1894.

Deutsches Reich.

Berlin, 6 Sept. Ein gewaltiges Schauspiel werden in den Tagen vom 13, bis 15. d. M. die Gewässer vor Swinemünde darbieten; die deutsche Seemacht wird daselbst durch 17 größere und 35 kleinere Kriegsfahrzeuge vertreten sein, um vor Sr. Majestät dem Kaiser den Beweis ihrer Leistungsfähigkeit abzulegen. Se. Majestät bcgiebt sich am Bormittag des 13. d. an Bord der Hohenzollern", welche gegen 10 Uhr zu der auf der Swinemünder Rhede ankernden Flotte abdampft. Mit gewaltigen Salutsalven wird das Erscheinen der Kaiser- standarte auf derHohenzollern" begrüßt. Sc. Majestät nimmt hierauf die Parade über die Flotte ab. Die Hohenzollern" geht alsdann bei der Flotte vor Anker und verbleibt dort bis zum nächsten Morgen. Der 14. und 15. d. werden durch Uebungen einzelner Ge­schwader und der gesammten Flotte ausgefüllt. An den nächsten Tagen finden größere Uebungen in der freien Ostsee statt.

Der Kaiser hat befohlen, daß die Truppenarzt- stellen beim Kaisermanöver doppelt besetzt werden sollen. Infolgedessen meldeten sich z. B. am 1. September in Danzig allein 53 Militärärzte aus allen Korps. Es trafen solche aus der Rheinprovinz sowie aus Bilsch ein, die am Tage zuvor telegraphischen Befehl dazu erhalten hatten. Die Hälfte sind Reserveärzte, die am 29. v. M. benachrichtigt wurden, sich bereit zu halten und am 30. definitiven Befehl erhielten. Am 31. waren alle zur Stelle.

Nach einer Veröffentlichung des Kaiserlichen Ge­sundheitsamts sind vom 27. August bis zum 3. Sep­tember mittags in Deutschland 53 Erkrankungen an Cholera und 21 Todesfälle vorgekommen. Davon ent­fallen auf Ostpreußen 6 bezw. 1, auf das Weichsel- gebiet 24 bezw. 11, auf das Netze-Warthegebiet 7 bezw. 3, auf das Odergebiet 2 bezw. 2, auf Obcrschlcsicn 1 bezw. 1, auf Hessen-Nassau 12 bezw. 3, auf die Rhein Provinz 1 bezw. 0.

-- Die große Berliner Landwirthschafts-Ausstellung im Treptower Park hat einen Fehlbetrag von 33,000 Mark gebracht!

Durch einen imArmee-Verordnungsblatt" ver­öffentlichten kaiserlichen Erlaß wird genehmigt, daß künftig den Landgendarmen bereits nach einer zehnjährigen vorwurfsfreien Gesammtdieustzcit, worunter ein Jahr als Gendarm, das Tragen des silbernen Portepce's am Offizier-Säbel gestattet werden darf.

München. Bei dem gestrigen Brigademanöver bei Erlbach wurde der Hauptmann v. KreSz zu Kressenstein vom 16. baicrischen Infanterie-Regiment durch einen scharfen Schuß gctödtct. Die Untersuchung nach scharfen Patronen in der Brigade war resultatlos.

Kiel, 3. Sept. Nachdem die Einlassung des Wassers der Ostsee in die Holtcnnucr Schlcusenwcrke am Sonnabend erfolgt ist, wird die offizielle Eröffnung derselben in kurzer Zeit erwartet. Die vollständige Be­seitigung der trennenden Erddämme und die Freilegung der Schleusenciufnhrt dürfte in wenigen Wochen erfolgen. Nach der Inbetriebsetzung der Schleusen wird die Mün­dung des alten Eiderkanals, der mehr als ein Jahr­hundert hindurch von den zwischen der Ost- und Nord­see verkehrenden Schiffen befahren wurde, zugcschüttct werden. Die Zahl der Bauten am Nord-Ostsee-Kanal, die bereits in Betrieb gesetzt sind, nimmt stetig zu. Die Hochbrücke bei Grünenthal und die Drehbrücke bei Oster- Römfeld, die zur Ueberführung der westholstcinischcn bezw. der Altona-Neumünster Flensburger Bahn dienen, sind dem Verkehr übergeben; die Mehrzahl der über den Kanal führenden Fähren sind in Thätigkeit. Die Theil- strecke Holteuan-Rendsburg wird bekanntlich schon seit Monaten von Dampfern und Segelschiffen befahren. Wenn auch die kaiserliche Kanalkommission betont, daß der Termin der Eröffnung des Kanals sich noch nicht bestimmen lasse, so wird doch allgemein angenommen, daß die großartige Wasserstraße im Vorsommer des nächsten Jahres dem Verkehr übergeben werde.

Hamburg. Die Einfuhr afrikanischer Schweine in Hamburg ist seit einiger Zeit im Wachsen begriffen. Bisher wurden die Borstcuthiere indirekt über England nach hier befördert, doch soll eventuell auch ein direkter Transport von Afrika nach Hamburg eingerichtet werden. Heute landete der DampferHaminonia" °8 afrikanische Schweine.

' Erfurt, 3. September. Jener Artillerist, welcher, wie berichtet, von einem Offizierspferde durch Huftritte und Bisse schwer verletzt wurde, lebt zwar noch, doch ist dem Bedauernswerthen im Garnison-Lazareth der rechte Arm abgenommen worden.

In der Nähe des Dorfes Wollcrslcbcn bei Nord- Hausen ist man in einer Tiefe von 792 Metern auf Kali, Steinsalze unb Borax gestoßen. Auch ist feinster Marmor gefunden worden.

Grost-Tabarz. Es dürfte in gegenwärtiger Zeit eine Seltenheit sein, daß ein Hotelwirth wegen billiger Preise und besonderer Liebenswürdigkeit vom reisenden Publikum ausgezeichnet wird. So hat eine Wiesbadener Reisegesellschaft, die mehrere Tage im hiesigenHotel zum Thorstein' verkehrt hatte, dem Hotelbesitzer, Herrn Fritz Mieth, am Abschiedsabend ein feines, geschliffenes Bierseidel verehrt, weil sie hiereine außerordentlich gemüthliche Unterhaltung, gute Speisen und Getränke und einen sehr billigen Preis" gefunden hatte. Möchten jedem liebenswürdigen Wirth solche dankbare Gäste be= schieden sein und auch umgekehrt!

Um den Bürgermeisterposten in Wittenberg sind bisher 44 Bewerber ausgetreten. Die eigenartigste der 44 Meldungen dürfte folgende sein:Berlin, den 23. Juli 1894. (Straße und Hausnummer.) Hochwohlge- borener Herr! Hochgeehrtester Herr Vertreter des Bürgermeisters in Wittenberg! Die Anzeige von dem Unglück, das die Stadt Wittenberg betroffen, erfüllt mich mit tiefem Schmerze. Laut dieser Anzeige sollen ja sehr Traurige städtische Verhältnisse herrschen! Treue und Glauben ist dahin. Euer Hochwohlgeboren trage ich die gehorsamste Bitte vor, mir umgehend zu benach­richtigen, da ich als Bürgermeister außerordentlich passe, wie die Verhältnisse da liegen I Ich bringe eine reine Hand, strenge Pflichttreue und eine Ehrlichgesinnung mit Beweis meine Atteste: Bin früher im Officiers- dienst (Bursche) gewesen, Gutsbesitzer, Kaufmann, könne das Leben durch und durch, sowie das Allgemeine Land­recht, Strafrccht, Polizeigesctze und Vorschriften. Hätte ich Aussicht, wenn ich mich persönlich vorstelle, gewählt zu werden? Unsere Familie stammt von Luter her; wollen Sie nicht die Güte haben und mir schreiben, wie der Herr Laudrath heißt und wo er wohnt. Das ganz besondere Interesse für die Stadt Wittenberg und die Verhältnisse bestimmen mich, mit ganzer Kraft meine Kenntnisse und mein Leben dar zu bringen. Ich habe die Ehre, mich der Gewogenheit Euer Hochwohl- geboren bestens zu empfehlen, und verharre mit voll­kommenster Hochachtung Euer Hochwohlgc. N. N."

Leipzig, 30. August. Wie in Altenburg, so ist auch hier das Phänomen beobachtet worden, daß bei völlig sternenhellem Himmel Regen fiel und dabei die Regentropfen so dick waren, daß die Regenschirme naß wurden.

Brcslau. In Josefsdorf-Domb, Kreis Katowitz, erkrankten binnen drei Tagen unter choleravcrdüchtigcu Symptomen 28 Personen, woon fünf ftarben. Die bakteriologische Untersuchung ergab asiatische Cholera.

Posen, 30. August. Das kleine Städtchen Kurnik, etwa 20 km von hier entfernt, war am 26. der Schau­platz einer wüsten deutschfeindlichen Kundgebung. Der Lehrer Javoczhnski, ein Pole, feierte am genannten Tage sein Schulfest. Als der Zug unter Musik nach der Stadt zurückkehrte, sangen auch die Schüler patrio­tische deutsche Lieder. Eine Menge polnischer Bürger und halbwüchsiger Bengel veranstaltete während des Gesanges Lärm und sang polnische Lieder, bis die Musik einfiel. Vor der Stadt hielt der Zug, damit Lampions und Magnesiafackeln entzündet werden konnten. Bald hub der Lärm der Polen abermals an; eS wurden Steine gegen den Zug geworfen; der Lehrer und ein Musiker sind mehrfach getroffen worden. Vor der Wohnung des Stadtraths Servatkicwicz erreichte der Unfug seinen Höhepunkt. Die in deutschen Farben an- gefertigte Schulfahne wurde mit Schmutz und Sand beworfen. Bemerkenswert!; ist, daß ein von dem Lehrer augerufener Gendarm seine Hülfe versagte. So erzählt der Lehrer selbst in einer Zuschrift an diePof. Ztg." Die Polizei war nicht vertreten, obwohl der Einzug an- gcmelbct war und die Behörde solche Auftritte voraus­sehen mußte, weil sich Achnliches bei dem Landwehr- fest ereignet hatte.

Tilsit, 29. August. Aus Liebesgram erhängt Hai sich hier ein 73jähriger Mann. Der Mann hatte drei

Frauen gehabt und wollte sich jetzt zum vierten Male verheirathen. Als ihm aber seine Braut vor drei Wochen erklärte, er wäre ihr doch zu alt, erwiderte er, daß er jetzt in den Wald gehen und sich erhängen werde. Er hat sein Vornehmen auch ausgeführt.

Ausland.

Lemberg, 5. Sept. Die Kavalleriemanöver in Ga- lizien, die bekanntlich unter Anwesenheit des Kaisers in der Umgebung von Tarnopol stattfinden sollten, sind abgesagt worden, um eine Verschleppung der Cholera durch die Truppenansammlungen zu vermeiden.

Krakau. In Russisch-Polen und zwar an der ganzen galizischen Grenze ist die Cholera fortgesetzt im Wachsen begriffen und fordert zahlreiche Opfer. Unter der Bevölkerung der meisten Ortschaften herrschen schreckliche Zustände; die ärztlichen Anordnungen werden nirgends befolgt, und die Bewohner flüchten in die Wälder, um der Seuche zu entgehen.

Rom. Der König Humbert von Italien jagt augenblicklich auf den Königlichen Besitzungen bei Turin. Auf diesen Jagden ist der König seit diesem Jahre von einer Vertrauensperson begleitet, die sogar im Vorzimmer desselben schläft, so daß Niemand sich dem König nähern kann, ohne von dieser Persönlichkeit gesehen zu werden. Diese Vorsichtsmaßregel ist auf Verlangen Crispis eingeführt worden. Nach der Ermordung des Präsidenten Carnot setzte Crispi beim Könige durch, daß dieser stets einen des Vertrauens werthen, praktischen, herkulisch starken und gut bewaff­neten Mann bei sich habe, der bei jeder Möglichkeit dem Könige als Schild dienen könne. Dieser Mann wurde in ber Person eines Marschalls der Karabinieri gefunden, der von einer seltenen Kraft und außer­ordentlichem Muthe, den König überallhin begleitet und des Nachts so schläft, daß jede Verbindung mit dem Schlafgemache des Königs unterbrochen ist.

New-Nork, 3. Sept. In Minnesota und Wisconsin wüthen große Waldbründe. Die Anzahl der um's Leben gekommenen Personen wird jetzt aus 500 bis 1000 angegeben, doch ist es bisher unmöglich, die wirk­lichen Verluste festzustellen. Der Schaden an Eigenthum belauft sich auf mehrere Millionen. Bei Hinkley wurden auf einem Flächenraum von 5 Acker allein hundertund- dreißig bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen gefunden. Bei Skunk Lake wurde ein Eisenbahnzug von den Flammen überrascht; die Passagiere ergriff eine Panik. Zwölf derselben, welche aus dem Zuge sprangen, fanden den Tod in den Flammen. Zahlreiche Menschen suchten in den Gewässern Zuflucht und ertranken. Die Blätter schätzen den durch die Waldbrände in Wisconsin und Minnesota verursachten Schaden auf 12 Millionen Dollars, den Werth der abgebrannten Wälder nicht ein­gerechnet. An 20 Städte sind durch das Feuer voll­ständig zerstört. Nur wenige Häuser sind unversehrt geblieben. Man glaubt, daß die Wälder in Brand ge­steckt worden sind, um den Lagerholzverkauf zu erleichtern. Im Staate Newyork stehen auch einzelne Wälder in Flammen; man befürchtet, daß das Feuer die Petroleum- quellen erreichen wird, doch sind von den Behörden alle Vorsichtsmaßregeln getroffen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 7. Sept.

* Am Dienstag Nachmittag verunglückte im Steinbruch der Gemeinde Herolz ber Steinbruch-Auf­seher Seipcl aus Sanuerz, indem derselbe von einer unvermuthet niedergehenden Erd- und Steinmasse ver­schüttet wurde. Trotz sofort angcftellter Ausgrabe- arbeit seitens der anderen im Steinbruch befindlichen Leute gelang es nicht, ihn lebend herauszuholen. Die erlittenen Quetschungen hatten den Tod verursacht. Seipcl war ein noch junger Mann, verheirathet und hinterläßt eine Wittwe mit 3 kleinen Kindern. Wie der Unfall entstanden, ist noch nicht flargeftcllt. Ver­muthlich war die Erdmasse infolge des vielen Regens der letzten Wochen aufgeweicht und durch die bei der Steinbruchsarbeit unvermeidlichen Erschütterungen des Bodens zum Plötzlichen Absturz gekommen. Gerichtliche Untersuchung ist ciiigclcitet. Da auch im vorigen Jahre im Steinbruch am Bahnhof auf gleiche Weise ein Arbeiter von hier verunglückte, so ist dies eine neue Mahnung, beim Verkehr in Steinbrüchen sehr vor­sichtig zu sein.