chlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
«M 10. Samstag, den 2. Februar 1895.
Amtlicher Theil.
Ich bringe hierdurch zur allgemeinen Kenntniß, daß der Kreis-Ausschuß beschlossen hat, für jeden Raubvogel- kopf, der von Einsassen des Kreises an den Kreisrent- meister Pfalzgraf hier eingeliefert wird, eine Prämie von 50 Pfg. bis auf Weiteres zahlen zu lassen.
Die Herren Bürgermeister weise ich an, dies in ihren Gemeinden bekannt zu machen.
Schlüchtern, den 25. Januar 1895.
Der Vorsitzende des Kreis Ausschusses: Roth.
J.-N. 546. Nachdem der Herr Justizmiuister die Nothwendigkeit der beschleunigter» Erledigung aller Strafsachen hervorgehoben hat, werden die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises hiermit veranlaßt, auch ihrerseits stets für rasche Erledigung aller Strafsachen, insbesondere der Requisitionen der Königlichen Staatsanwaltschaften und Gerichte, Sorge zu tragen.
Schlüchtern, den 25. Januar 1895.
Der Königliche Landrath: i. V.: Goerz.
Deutsches Reich.
Berlin. Kaiserliche Gnadenb.ezeugnng an die Veteranen aus den vier letzten Feldzügen. Gegenwärtig finden auf Veranlassung des Deutschen Kriegerbundcs bei den deutschen Kriegervereinen Erhebungen darüber statt, wieviel Mitglieder der letzteren die Feldzüge von 1848—49, 1864, 1866 und 1870—71 mitgemacht haben und wie viele dieser Veteranen, die aus irgend einem Grunde eine Pension oder sonstige Unterstützung nicht beziehen, unterstützungsbedürftig seien. Nach der „Schl. Z." sollen diese Erhebungen mit der Absicht des Kaisers Zusammenhängen, anläßlich des bevorstehenden 2öjäyrigen Erinnerungstages der Schlacht bei Sedan allen noch lebenden hilfsbedürftigen Veteranen aus den erwähnten Feldzügen eine besondere Gnadenbezeugung züzuwendcn.
— Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Ztg." theilt jetzt die Meldung eines Berichterstatters mit, nach der S. M. der Kaiser am Sonntag der Armee mehrere silberne Porträtbüsten von sich geschenkt und für diejenigen Kompagnieeu der Garde-Infanterie- bezw. Garde-Fußartillerie-Rgimentcr und für diejenige Batterie der Garde-Feldartillerie bestimmt habe, die die besten Schießergebnisse aufzuweisen haben. Gleiche Preise sollen, wie das offiziöse Blatt hinzufügt, für alle Armeekorps bestimmt werden.
— In einer unterm 14. Juni 1886 ergangenen Verfügung des Finanzministeriums an die sämmtlichen Provinzialsteuerbehörden der Monarchie ist der Wunsch ausgesprochen, daß im Bereiche der Verwaltung der indirekten Steuern die Darbriuguug werthvoller Geschenke bei Dienstjubiläen und ähnlichen Anlässen unterbleiben möge. Auch ist es dabei bestimmt untersagt worden, daß diejenigen, welche dem zu beschenkenden Beamten dienstlich unterstellt sind, zur Leistung von Geldbeiträgen für solche Geschenke aufgcfordert werden. Da diese Bestimmungen nicht überall beachtet werden, hat gegenwärtig in einem erneuten Erlasse nom 15. d. M. der Finanzminister die Provinzialsteuerdirektoren veranlaßt, sämmtlichen Beamten die Beachtung dieser Vorschriften zur Pflicht zu madjen.
— 29. Jan. Gestern Nachmittag wurde in der Jnngfernhaide ein Mann von dem beim neuen Laboratorium aufgestellten Wachtposten erschossen. Der Mann machte sich am Fenster eines nahe stehenden Schuppens zu schaffen und ergriff, vom Poüen zur Rede gestellt, die Flucht, indem er höhnende Worte gegen denselben aus- rief. Der Posten und eine Patrouille verfolgten ihn und forderten ihn mehrfach vergeblich zum Stehen auf; endlich gab der Soldat zwei Schüsse ab, welche den Mann sofort tödteten. Der Getödtete heißt Fr Müller, ist Soldat gewesen und gehört muthmaßlich dem Arbeiterstande an.
Bremen, 30. Jan. Ein fürchterliches Unglück hat sich gestern früh auf der Nordsee ereignet: Der Passagier- damp er „Elbe" des Norddeutschen Lloyd hat mit einem anderen, zur Zeit noch unbekannten Schiffe auf hoher See kollidirt und ist alsbald gesunken. Mehr als dreihundert Personen scheinen dabei ihr Leben verloren zn haben. Ueber die Katastrophe liegen bisher folgende Nachrichten vor: Soeben trifft hier die Nachricht ein, daß der Passagier- und Postdampfer „Elbe" in der Nähe
der Küste von Dorsetshire gestrandet sei. Die „Elbe" erlitt ihren Zusammenstoß in der Nordsee, 50 Meilen von Lowestoft (Dorsetshire) entfernt, heute Morgen. Von den an Bord befindlichen 240 Passagieren und 160 Mann Bemannung sind nur 20 gerettet. Dieselben befanden sich in einem der Rettungsboote der „Elbe" und wurden in hilflosem Zustande heute Nachmittag 5 Uhr 30 Min. bei Lowestoft durch das Fischerboot „Wildflover" gerettet.
Bremen, 31. Januar. Eine Depesche des „Lloyd" ans Maastnis meldet, daß der britische Dampfer „Crathie", von Rotterdam nach Aberdeen bestimmt, dort angekommen ist und berichtet, daß er gestern früh 5*12 Uhr 30 Meilen von Hoek (Holland) entfernt, mit einem großen Damp er zusammengestoßen ist. Der „Crathie" ist ein kleiner Kohlendamp er von 470 Tonnen; er ist vorn stark beschädigt, leckt aber nicht und begiebt sich morgen zur Reparatur nach Rotterdam. Ueber die Katastrophe selbst meldet ein Telegramm: Der Zusammenstoß beider Schiffe erolgte 47 engl. Meilen südwestlich von Haaks Leuchtschiff. Es war sehr dunkel, aber klare Lu t. An Bord war Altes zu Bett. Der Stoß war furchtbar; er schlug tief mitten in den Maschinenraum; so ort überflutete das Wasser das Hinterteil der „Elbe". Kein einziger Passagier der ersten Kajüte und nur fünf Passagiere der zweiten Kajüte wurden gerettet. Dem Stoße folgte eine große, schreckliche Verwirrung.
— 31. Jan. Der untergegangene Lloyddampfer „Elbe" hatte 47 Kajütenpasfagiere, darunter 29 Männer, 14 Damen, 4 Knaben, 133 Zwischendeckspassagiere und 165 Mann Besatzung an Bord. Unter den Kajüten- Passagieren befanden sich etwa 12 Deutsche, über 20 Amerikaner, einige Oesterreicher und Holländer.
Bremen, 31. Januar. Von Ihren Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin ist der Direktion des „Norddeutschen Lloyd" das nachfolgende Beileidstelegramm zugegangen: „Seine Majestät der Kaiser und Ihre Majestät die Kaiserin sind durch das schreckliche Unglück, das die „Elbe" betroffen, amS tic sie erschüttert und sprechen Allerhöchst Ihr wärmstes Mit- ge ühl und au'richtigstes Beileid aus. I. A. A. von Scholl, Flügeladjulant vom Dienst.
Potsdam. Weil er die „Echtheit" seines Enkelkindes angezweifelt hatte, wurde vom Potsdamer Schöffengericht der Gärtner Giese sen. wegen Beleidigung seiner Schwiegertochter, die von ihrem Manne getrennt lebt, zu 300 Mark Geldstrafe event. 30 Tagen Gefängniß verurtheilt.
— Sehr charakteristische Einzelheiten hat die Untersuchung über die Familientagödie, welche sich kürzlich in Spandau abspielte, zu Tage gefördert. Mann und Frau hatten nämlich, obwohl sie notorisch aller Mittel entblößt waren, an dem Tage beschlossen, einen Sylvesterball in einem öffentlichen Tanzlokal mitzu- machen! Um hierzu Geld zu erlangen, verabredeten sie, sich darnach bei Freunden und Bekannten zu bemühen. Als der Mann damit kein Glück hatte, vergiftete er sich und die Kinder. In der Zwischenzeit befand sich die Frau aber schon seit Stunden in dem Tanzlokal, wo sie ihren Mann erwartete! Erst als er zu vorgerückter Zeit, es war schon 11 Uhr geworden, nicht kam, begab sie sich in ihre Wohnung, wo sie ihn und ein Kind als Leichen vorfand.
Hannover. In der Provinz Hannover gewinnt der Anbau von Konservefrüchten immer weitere Ausdehnung. Im Kreise Gifhorn sind bereits 600 Morgen in Spargelkultur genommen. Der mit Spargel bepflanzte Boden hat einen Reinertrag von 500 Mark für den Morgen ergeben.
Minden. Arbeiterwohnungen. Der Ausschuß der Alters- und Jnvaliditäts-Bersicherungsanstalt Westfalen hat beschlossen, zur Errichtung von Aibeitei Wohnungen an Kreisverbände der Provinz Westfalen Darlehen bis zur Höhe von 300 000 Mark zum Zinsfuß von 38/a% herzugeben.
Molschlebeu b. Gotha, 28. Jan. Als jüngst die Pachter der hiesigen Jagd (mehrere Herren aus Gotha) hier die letzte Treibjagd abhalten wollten, fanden sie in der ganzen Flur kein Stück Wild mehr vor, weil vorher eine große Anzahl hiesiger Einwohner mit fürchterlichem Lärm, zu dem man Blcchstürzen, alte Gießkannen n. s. w. verwendet hatte, das Revier gesäubert hatte.
Schweinfurt, 28. Januar. Der Lehrer Pocppleiu
wurde von der Strafkammer wegen Betrug und Unterschlagung von circa 21,000 Mark, die er als Kassirer der Trossenfurter Darlehnskasse verübt hatte, zu ein Jahr drei Monaten Gefängniß verurtheilt.
Zu Anfang dieses Jahres verzehrte in Mainz ein Taglöhner in einer Wirthschaft vor einer Gesellschaft gleich roher Kerle ein lebendes Kaninchen. Durch die Blätter erhielt die Staatsanwaltschaft Kenntniß von dieser Barbarei; sie übersandte jetzt laut „Worms. Ztg." dem Kannibalen für seinen ekelhaften Schmaus ein Strafmandat in der Höhe von sechs Wochen Haft. Der Verurtheilte hat seine Strafe bereits angetreten. — Eine ganz gehörige Tracht Prügel, der Bestie au Ort und Stelle verabreicht, wäre sicher wirksamer gewesen!
Ausland.
Am Montag hat Frankreich einer seiner erfahrensten Generale durch den Tod verloren: den allerdings schon 84 Jahre alten Marschall Canroberk. Er diente in den vierziger Jahren in Afrika, leitete beim Staatsstreich Napoleons die militärischen Maßnahmen in Paris und nahm als Divisionär am Krimkriege theil. 1870 wurde er mit in Metz eingcsHlosseu und war später einer der Hanptbelnstungszengen gegen Bazaine.
Asien. Vom ostasiatischen Kriegsschauplatz liegen neuere Nachrichten vor, die beweisen, daß in der chinesischen Armee völlige Zügellosigkeit eingerissen ist, so daß die Japaner schon von den Chinesen selbst zum Theil um Schutz angegangen werden. In Haitsching sind mehrere Petitionen der Eingeborenen aus der Gegend von Diayang angekommen, in denen eine schleunige Besetzung des Landes durch die japanische Armee erbeten wurde. Die Stärke der chinesischen Armee in der Nähe von Niutschuang wird auf 10000 Mann angegeben.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 1. Febk.
* — Zu der am 18. Februar beginnenden Schwur- gcrichtspcriode, bei welcher Herr Landgerichtsrath Dr. Brandt den Vorsitz führen wird, wurden folgende Herren als Geschworene ausgeloost:
1. Korff, Max, Fabrikant, Hanau, Bangertstraße 15. 2. Henrich, Bincenz, Fabrikant, Hanau, Herrngasse 17. 3. Göbel, Hch., Holzhändler, Breitenborn. 4. Lieber, Lonis, Privatier, Hanau. 5. Kehm, Jacob, Oekonom, Wolferborn. 6. Hercs, Adam, Maurermeister, Fulda. 7. Kuntz, Hch., Fabrikant, Anfeuau. 8. Rüder, Eduard Wirth u. Metzger, Orb. 9. v. Mansbach, Freiherr, Rittergutsbesitzer, Mansbach. 10. Krämer, Ernst, Maurermeister, Fulda. 11. Müller, Richard, Fabrikant, Fulda. 12. Klöber, Georg, Müller, Marjoß. 13. Leipold 1., Hch., Bauer, Kressenbach. 14. Fasold, Adam, Müller, Gcrsfeld. 15. Fehl, Adam, Kaufmann, Schlüchtern. 16. Stern, D. L., Kaufmann, Schlüchtern. 17, Kohlhepp, Justinian, Fabrikant, Hanau, Französische Allee 16. 18. Wachmann, Karl Oekonom, Neuses. 19. Schaaf, Wilh. Adam, Gast- wirth, Niederrodenbach. 20. Jacobi, Otto, Oberförster, Bnrgjoß. 21. Sommer, Peter, Fabrikant, Kesselstadt. 22. Wabemut, Wilhelm, Kaufmann, Hanan, Nordst. 14. 23. Coquot, Carl, Fabrikant, Hanau, Leipzigerstr. 41, 24. Zwernemann, Heinrich, Fabrikant, Hanau, v. d. Frankfurter Thor 14a. 25. Tag I., Friedrich, Wilh., Oekonom, Ravolzhausen. 26. Henkel, Hch., Rentner, Hanau, Hammcrgasse 9. 27. Klappert, Heinrich, Kaufmann, Fulda. 28. Jae, Johannes, Bauer, Breiten bach. 29. Nicolay, Martin, Bierbrauereibesitzer, Hanau, Anheimerweg 12. 30. Thiel, Louis, Rentner, Fulda. , .
* — Für den Dienstbotenwechsel, der am Häufigitett um diese Zeit zu geschehen pflegt, bringen wir zur Vermeidung von Strafen den Betreffenden insbesondere folgende Vorschriften in Erinnerung: 1) Jeder Dienstbote muß beim Eintritt in den Dienst mit einem von der Ortspolizeibehörde ausgefertigten Dicnstbnche versehen sein; er hat beim Ausscheiden aus dem Dienste das mit dem Zeugniß der letzten Dienstherrschaft versehene Dienstbuch der Ortspolizeibchörde zur Beglaubigung rc. vorzulegen und dann der neuen Herrschaft zur Aufbewahrung zu übergeben. 2) Keine Dienstherrschaft darf einen Dienstboten ohne Dienstbuch in den Dienst nehmen und jede Dienstherrschaft hat in dem von ihr aus-