chlüchternerZeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Samstag, den 9. Februar
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hatte bekanntlich am 3. Februar eine städtische Abordnung Berlins empfangen, welche gekommen war, ihm für das Geschenk der in der Siegesallee zur Aufstellung kommenden Herrscherstatuen zu danken. Der Kaiser sagte, wie jetzt bekannt wird, bei dieser Gelegenheit, es liege ihm sehr viel daran, daß die Errinnerung an die glorreichen, vor 25 Jahren durchlebten Zeiten, namentlich auch in der Bürgerscha't wach erhalten würde. Deshalb habe er den Plan gefaßt, die Standbilder der Fürsten des Landes in der Hauptstadt Berlin aufstellen zu lassen.
— Ein nationalliberales Berliner Blatt schreibt: „Daß eine Militärvorlage nehe ist, wissen eingeweihte Kreise längst, da die vierten Halbbataillone eine Ergänzung im Interesse der Schlagfertigkeit der Armee dringend erheischen".
— Für das Hauptquartier des Kaisers ist von der kaiserlichen Reichsdruckerei eine Felddruckerei eingerichtet worden. Sie besteht aus vier eigens erbauten Wagen, zu deren Vorgespann je zwei Pferde erforderlich sind. Die Druckerei soll im Manöver und im Kriegsfalle Verwendung finden, damit die erlassenen nöthigen Befehle sogleich vervielfältigt den einzelnen Truppenführern zugehen können.
— Bon den Veteranen aus den Freiheitskriegen leben nur noch fünf. Diese sind nach der „Köln Ztg ": von Bürzel, geboren 1793; Joh. Christ. Kaufmann, Tischlermeister, 1794; August Schmidt, Rentner, 1795; Gottlieb Nölte, Rentner, 1796; Dr. Franz Naumann, Wirkl. Geh. Rath und Universitätsprofessor, 1798. Die Sammlung des deutschen Kriegerbundes für eine Weihnachtsgabe für die alten Veteranen hat einen hübschen Betrag ergeben. ' Da aber alle fünf in guten Verhältnissen leben, so hat man sich auf eine verhältniß- müßig kleinere Summe (500 Mk.) beschränkt. Außerdem leben noch zehn Wittwen früherer Freiheitskämpfer, von denen verschiedene in sehr gedrückter Lage leben. Jede von ihnen hat aus der Sammlung 100 Mk. bekommen.
— Die Zahl der erwachsenen Personen, die durch den Untergang der „Elbe" in den Wellen des Meeres ihren Tod gefnnden haben, ist jetzt auf 334 festgesetzt worden. An Bord befanden sich 199 Passagiere, 4 Postbeamte, 2 Loolsen und 149 Mann Besatzung. Gerettet wurden 5 Passagiere, 13 Personen von der Mannschaft und die beiden Loolsen. Von den Passagieren fanden also — abgesehen von den Kindern, deren Zahl nicht genau bekannt ist — 194 ihren Tod, von der Mannschaft 136, und außerdem die vier Postbeamten. Wenn auch durch die Unfallversicherung und durch die Unterstützung der Seemannskasse des Norddeutschen Lloyd für die Hinterbliebenen der Schiffsbesatzung eine gewisse Hilfe gewährt wird, so fällt diese doch kaum ins Gewicht.
München, 5. Febr. Die Gerüchte, daß Prinz Wolfgang keines natürlichen Todes gestorben sei, verdichten sich immer mehr. In Hofkreisen hüllt man sich in Stillschweigen und sucht allen Anfragen aus- zuweichen. Mehrere Blätter halten eine Lichtung des geheimnißvollen Dunkels authentischerseits für dringend geboten.
Ausland.
Bern, 29. Jan. In der Nacht vom Montag auf den Dienstag Morgen 1 */a Uhr blieb der Nachtzug Genf-Zürich in der Nähe von Gland zwischen Genf und Lausanne im Schnee stecken. Der Zug, mit dem Personal etwa 30 Personen führend, sollte einen Einschnitt" passiren. Ein fürchterlicher Schneesturm hatte den Einschnitt verweht und der Zug konnte nicht weiter. Einige Passagiere ergaben sich in das unabwendbare Ereigniß, von höherer Gewalt herbeigeführt, andere schimpften und fluchten. So schrecklich tobte der Schneesturm, daß es nicht zum Aushalten war im Freien; die Passagiere mußten die eiskalte Nacht — 20 Grad R. Kälte in den Eisenbahnwagen verbringen, die etwa 8 Grad Wärme zeigten; trotz aller Bemühungen des Bahnpersonals ging aber die Dampfheizung aus und das Thermometer zeigte um 6 Uhr 4 Grad unter Null. Hilfszüge wurden verlangt; der erste blieb im Schnee stecken. Später kam aus Lausanne ein weiterer Hilfs- zug mit 60 Schneeschauflern an. Drei Lokomotiven vermochten den Zug nicht vorwärts zu bringen. Erst um 9 Uhr Vormittags konnten die Passagiere, die einen
Weg von einer halben Stunde zu Fuß machen mußten, weiter befördert werden.
Montceaux-les-Mines, 4. Februar. Heute früh 5 Uhr fand in der Grube „St. Eugänie" eine Explosion schlagender Wetter statt. Bis 9 Uhr Morgens wurden 30 Leichname zu Tage gefördert. Sofort bei Beginn des Brandes wurden die Absperrungsarbeiten in Angriff genommen, als heute früh 5 Uhr 15 Minuten hinter den Absperrungsdämmen eine furchtbare Explosion erfolgte, welche die Dämme zerstörte und die dort beschäftigten Arbeiter in Stücke riß. Alle diejenigen Arbeiter, welche sich noch in den Gruben befinden, werden als verloren betrachtet. Die Zahl der Getödtctcn belauft sich auf einige 40, die der Verwundeten beträgt 7. Die Rettungsarbeiten dauern fort. Bei der Feststellung der Identität der Leichen spielten sich herzzerreißende Scenen ab.
Japan. Tokio, 3. Feb. Das Parlament nahm heute eine Vorlage an, welche bestimmt, da die Zwecke des Krieges noch nicht völlig erreicht, seien dem Staate unbegrenzte Mittel zur Fortsetzung der Operationen zu Land und Wasser gegen China zur Verfügung gestellt worden, damit das Prestige Japans nicht gefährdet werden könne. Die zweite Sitzung der japanischen Minister und Friedens-Bevollmächtigten am Sonnabend nahm einen unerwarteten Verlauf. Beim Anfang der Sitzung wünschten die Chinesen, die Bedingungen zur sofortigen Einstellung der Feindseligkeiten zu besprechen. Die Japaner verweigerten dies unter dem Vorgeben, zuerst die Beglaubigungsschreiben gegenseitig umzu- tauschen und prüfen zu müssen. Nun stellte es sich heraus, daß die Vollmachten der Chinsen von einer geradezu lächerlichen Unvollständigkeit waren, und daß die Abgesandten Chinas vollkommen machtlos seien, wichtige Entschlüsse zu fassen, ohne vorerst um Einwilligung in Peking nachzusuchen. Die japanischen Minister weigerten sich, die Verhandlungen fortzusetzen und hoben die Sitzung sofort auf, den Chinesen erklärend, daß die Friedensunterhandlungen hierdurch end- giltig beendigt seien. Zu gleicher Zeit wurden die Chinesen höflich ersucht, sofort abzureisen.
Chefoo, 3. Feb. Die japanische Flotte beschoß heute wiederum die Festung Liu-Kung-Tau. Das Bombardement richtete bedeutenden Schaden an und machte die chinesischen Kriegsschiffe kampfunfähig. Hierauf ließen sechs der japanischen Kriegsschiffe ihre Boote herab und landeten unter schwerem Feuer die mit Seitengewehren und Karabinern bewaffnete Besatzung auf der Insel. Die japanischen Seefoldaten bemächtigten sich nach heißem Gefechte nach einander aller feindlichen Batterien. Bei Abgang der letzten Berichte von Wai- hai-wai war die Schlacht noch im vollen Gange. Gestern war die chinesische' Flotte noch ziemlich intakt und wechselte Feuer mit den japanischen Kriegsschiffen. Dichter Schneesturm hatte die japanischen Flottenope- rationen 24 Stunden verzögert.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 8. Febr.
* — Gestern und heute früh herrschte eine grimmige Kälte. An dem Winde ausgesetzten Stellen sollen bis zu 24 Grad R unter Null konstatirt sein; sonst waren in der Stadt 19—22 0 am Thermometer zu lesen. Das dürften wohl die kältesten Tage sein, die seit Jahren hier beobachtet worden sind.
* — Der hohe Schnee und die anhaltende Kälte haben nicht verfehlt, ihre Opfer zu fordern. Abge- magerte todte Hafen wurden mehrfach gefunden. Diese Hasen bilden dann wieder Futterplätze für die Raben, welche zn Hunderten um ihre Beute flattern. Errichtung von Futterplätzen für Hasen und Hühner wäre den Jagdinhabern sehr zu empfehlen. Die Jagd auf Raben ist jetzt außerordentlich leicht gemacht. An jedem Dunghaufen trifft man Hunderte derselben und kommt leicht zum Schuß. Man vermindert dadurch die Räuber der jungen Hasen und Hühnchen und auch die Landwirthe begrüßen das Abschießen der Raben, welche als schädliche Vögel gelten.
* Für die hungernden Singvögel, deren Nahrungs- quellen durch den so überreich gefallenen Schnee verschüttet worden sind, fangen die harten Wintertage an verderblich zu werden. Hier gilt es, daß Jedermann eingreift, dem irgend die Gelegenheit dazu gegeben ist.
*— Der Gesammtvorstand der Jnvaliditäts- und Altersversicherungsanstalt Hessen-Nassau hat in seiner letzten Sitzung nachstehenden Beschluß gefaßt: „Die Ausleihung von Kapitalien der Versicherungsanstalt gegen Ausstellung einfacher Schuldurkunden nur innerhalb des Bezirks der Versicherungsanstalt stattfinden zu lassen und dabei im Allgemeinen und bis auf Weiteres folgende Auslcihebedingungcn zu beobachten: 1. Die Kapitalien sind beiderseits kündbar; 2. der Zinsfuß wird festgesetzt a) bet den großen Städten unter gleichzeitiger Vereinbarung eines Lieferungskurses für das Darlchn aus 3 ’/a pCt., b) bei Kreisen, kleinen Städten und Landgemeinden auf 33/4 pCt. unter pari-^o^lnng des Dar- lehns, c) bei Kreisen zur Unterstützung des Baues von Kleinbahnen uud zur Ueberweisung an Kreissparkassen zwecks Hebung des Kreditverkehrs auf dem Lande zu 3*2 pCt. unter gleichzeitiger pari-Sa^htng; 3. die Darlehen sind mit mindestens 4 pCt. zu amortisiren."
Bad Orb, 1. Feb. Zu der in d. Bl. gebrachten Nachricht, daß am 16. Januar durch einstimmigen Beschluß des Magistrats und überwiegende Majorität seitens der Stadtverordneten die Salinenanlage nebst Quellen an eine Berliner Aktiengesellschaft verkauft worden ist, möge Folgendes berichtigend bemerkt sein: Die Stadt Orb tritt der Gesellschaft mit den salinarischen Objekten in der Weise bei, daß sie für 75000 Mk. Aktien erhält und 75000 Mk. als eingetragene Hypothek fest angelegt werden. Die Gesellschaft verpflichtet sich laut Vertrag zum Weiterbetriebe der Saline und zur Anlage moderner Badeeinrichtungen umfassendster Art, wie auch aus den den städtischen Körperschaften vorgelegten Plänen und Kostenanschlägen hervorgeht. Die Bürgerschaft begrüßt mit Freuden dieses Projekt, da sie eine Besserung ihrer wirthschaftlichen Lage erhofft und um so mehr, als der Besitz der Saline, welche zu bayerischen Zeiten als Eigenthum des Staates eine großartige Anlage war und der Orber ärmlichen Bevölkerung vielfache Beschäftigung und Verdienst bot, für die Stadt eine Quelle unausgesetzter schwerer Belästigungen und der Grund zu ungeheuren städtischen Defizits war, während die Anlage von Jahr zu Jahr eine größere Ruine wurde. Die Gesellschaft beabsichtigt, bereits im Frühjahre mit umfassenden Bauten zu beginnen.
Aus der Rhön, 3. Feb. Am verflossenen Mittwoch, dem bisher stürmischsten und kältesten Tage in diesem Winter, ging der Schäfer Klüber aus Habet, ein Mann in den mittleren Lebensjahren, nach dem 1 Stunde entfernten Städtchen Tann. Nachmittags machte er sich auf den Rückweg, ohne zu Hause einzutreffen. Trotz eifrigen.Suchens und sonstiger Nachforschungen wurde er nicht aufgefunden. Wahrscheinlich schlug derselbe auf dem Heimwege den etwas näheren Waldweg ein und wurde ein Opfer der Kälte und des Schnees.
Gersseld, (Rhön), 5. Febr. Die Molkerei - Ge- noffenschaft zu Fulda beabsichtigt, dahier eine Filiale zu gründen und mit dem Betrieb derselben bereits am 1. Juli d. I. zu beginnen. Der Direktor derselben hat gestern als Bauplatz einen Theil des Chr. Gaß'schen Gartens angekauft.
Rotenburg, 3. Febr. Man schreibt der „K. A. Ztg.": „Seit Menschengedenken hatten hier die Brauer, Wirthe und andere Leute ihren Eisbedarf auf der Fulda frei geholt. Da trat im vergangenen Herbste mit einem Mal der Fiskus auf und verpachtete die Eisnutzung auf der Fulda zu seinen Gunsten. Aber nun erging an den Herrn Landwirthschaftsminister Seitens der städtischen Behörde eine Beschwerde, und jetzt ist von dem Herrn Regierungspräsidenten aus Kassel die Nachricht eingetroffen, daß auf Verfügung des Ministers hin die Verpachtnng der erwähnten Eisnutzung für die Zukunft unterbleiben wird.
Melsungeu, 5. Feb. Unter den auf der „Elbe" Verunglückten befindet sich auch der Steward August Blank, Sohn der hier wohnenden Ehcleutc Blank. Der Vater ist hier seit Jahren als Spinnmeister thätig.
Homberg, 3. Feb. Zu wiederholten Malen vernahm man in dem zum Rittergut Falkenberg gehörigen Walde des Nachts Schüsse fallen, und man vermuthete Wilddiebe. Gestern Abend ist es nun dem Förster des Rittergutes Herrn Kraushaar gelungen, die nächtlichen Schützen zu stellen, als sie eben eine regelrechte Treibjagd arrangirt hatten. Als Treiber dienten ihnen ihre noch schulpflichtigen Kinder, und man kann sich denken, was aus Kindern, die schon so frühe auf die Bahn des