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SchlüchternerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

H Samstag? den 18? Mai 1895?

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Deutsches Reich.

Berlin, 15. Mai. Der Kaiser, welcher seit einigen Tagen zur Jagd in Schlesien weilt, hat sich am Donners­tag Abend von dort nach Ostpreußen zur Jagd begeben. In Thorn wird der Monarch kurzen Aufenthalt nehmen, um die Schießstände des neuen Artillerieschicß Platzes zu besichtigen.

Nachdem die Umsturzvorlage und auch das Tabaksteuergesetz zu Grabe getragen worden sind, wird nach derPost" im Reichstag der Schluß der Session bereits für Sonnabend, den 18. Mai, erwartet. Es würden dann nur noch die Novelle zum Brautwein- steuergesctz, das angekündigte Zuckersteuergesetz und das von derfreien wirthschaftlichen Vereinigung" ein- gebrachte Margarinegesetz, für das die Antragsteller der Mehrheit des Reichstags ohne kommissarische Vor- berathung sicher zu sein glauben, zur Erledigung kommen.

Chemnitz. Eine entsetzliche Entdeckung machte, wie demLeipz. Tgbl." aus Chemnitz berichtet wird, am Montag Vormittag die Ehefrau eines auf der Peters­straße wohnhaften Grünwaarenhändlers. Sie fand nämlich in dem Bcttchen ihres 17 Wochen alten Söhnchens Blutflecken und, dadurch aufmerksam gemacht, später auf dem Bettrande die Zunge ihres Kindes, welche demselben von der ihm beigegebenen Wärterin am vorhergehenden (!) Tage abgeschnitten worden war. Die Eitern hatten sich am Sonntage an einem Aus­fluge betheiligt und das kleine Kind der Obhut einer 70jährigen Frau anvertraut. Als die Mutter am anderen Morgen das in Folge des geronnenen Blutes schwarz gefärbte Mündchen sah, glaubte sie an Ver­brennung und behandelte es demgemäß, bis sich ihr die grausige Wahrheit enthüllte. Die alte Frau wurde verhaftet und auch das amgefundene Messer beschlag­nahmt. Die etwas kurzsichtige Frau gab an, sie habe geglaubt, das Kind habe den Gummipfropfen verschluckt und habe nun, um ihn wieder herauszuholen, ein Messer benutzt, hierbei aber anstatt des Gummipfropfens die Zunge ersaßt und abgeschnitten. (!) Ob das Kind am Leben erhalten werden kann, erscheint nach ärzt­lichem Ausspruch zweifelhaft, weil die Znngenwurzel durch mehrere Schnitte verstümmelt ist. Ob ein Ver­brechen oder grobe Fahrlässigkeit vorliegt, ist noch nicht aufgeklärt.

Brauusberg, 13. Mai. Auf eine schreckliche Weise ist Herr Landgerichtsrath Schumann hierselbst ums Leben gekommen. Als er sich in der vergangenen Nacht in seinem Schlafzimmer zur Ruhe begeben und die auf dem Tische stehende Lampe auslöschen wollte, stieß er unvorsichtiger Weise gegen den Tisch, wovon dieser ins Schwanken gerieth. In Folge dessen siel die Lampe zur Erde, explodirte, und das brennende Petroleum ergoß ' fid) auf den Unglücklichen, welcher sofort am ganzen Körper brannte. Auf seine Hilferufe eilte man, dem Ges. zufolge, sofort herbei. Da er aber die Thür von innen verschaffen hatte, so fand man ihn, nachdem man sich durch Einschlägen der Thür gewaltsam Zugang verschafft hatte, halb verkohlt vor. Die sofort herbeige­holten Aerzte konnten ihn nicht mehr retten. Herr Sch. ist im Laufe des heutigen Vormittags gestorben.

Mainz, 10. Mai. Städtisches Submissionswesen. Die Bürgermeisterei hat beschlossen, Arbeiten mit großem Umfange, welche von Mainzer Handwerkern voraus­sichtlich ebenso gut wie von auswärtigen Geschäftsleuten ausgeführt werden können, regelmäßig nur unter Mainzern auszuschreiben. Bei kleinen Differenzen, wenn die Mainzer etwas theurer sind, sollen die Arbeiten den Mainzern gegeben werden.

Entsprechend den Verordnungen des Kaisers wird, wie man aus München meldet, auch der Prinz-Regent von Baiern anordnen, daß alle Fahnen und Stand­arten, welche den Feldzug 1870/71 mitgemacht haben, vorn 15. Juli 1895 bis 10. Mai 1896 mit Eichen­laub bekränzt werden. v

Aus Baden, 11. Mai. Emen entsetzlichen Lvd sand eine Gerlachsheim bei Müller Lurz in Dieustcn stehende Magd aus Heckfeld. Sie wurde, als sie Sägespähne unter einer in vollem Gang befindlichen Circularsäge hervorholen wollte, von dieser erfaßt und ihr der Kopf durchgesägt.

Lokales und Provinzielles.

* Schluchtern, 17. Mai.

* Die Versammlung des landwirthschaftlichen Kreis-Vereins und Versteigerung der angekauften Simmenthaler Rinder, welche inzwischen in Schlüchtern angekommen, findet nächsten Montag, den 20. Mai, Nachmittags 2 Uhr statt.

* Verschiedene Blätter haben eine Notiz gebracht, nach welcher die silbernen Zwanzigpfennigstücke nach und nach von der Reichsbank eingezogen würden. Dem gegenüber können wir zuverlässig versichern, daß weder bei der Reichsbank noch bei der Post etwas davon bekannt ist, daß die silbernen Zwanzigpfennig- stücke eingezogen werden sollen. Wir rathen deshalb davon ab, die öffentlichen Kassen mit dieser Münzsorte zu überschwemmen, da sie doch wieder ausgegeben werden müssen.

* Die Bahnhosrestaurateure sind von jetzt ab gehalten, Schreibpapiere, Briefumschläge, Tinte und Feder, sowie Postkarten, Briefmarken, Postanweisungen für das Publikum bereit zu halten; es werden für einen Briefbogen nebst Couvert, sowie Benutzung des Schreib­zeuges 10 Pfg erhoben. Die Postwerthzeichen kosten den üblichen Preis.

* Für die Angehörigen des Beurlaubtenstandes ist eine neuere Verfügung von besonderer Wichtigkeit, wodurch angeordnct wird, daß die Heranziehung zu einer in Aussicht genommenen Uebung nicht hinfällig wird, wenn der Betreffende zwischen dem Empfange des Einberufungsschreibens und dem Uebungsbeginn in einen anderen Korpsbezirk verzieht. Solche Mann­schaften sind vielmehr in dem durch ihren Aufenthalts- wechsel hervorgerufenen neuen Kontrollverhältnisse als­bald zu einer Uebung von gleicher Dauer heranzuziehen, wie sie im früheren Kontrollverhältnisse in Aussicht genommen war. Durch diese Anordnung sollen Uebungs­entziehungen, wie sie bisher bei der Verlegung des Ausenhaltsortes in einen anderen Korpsbezirk zwischen Einberufung und Uebung vorkamen, fortan unmöglich gemacht worden.

* Eine Extrabeilage des Amtsblattes von gestern bringt die Bekanntmachung betr. die Ausnahmen von dem Verbote dee Sonntagsarbeit im Gewerbebetrieb vom 5. Februar 1895.

* Für Imker ist der Ausgang eines kürzlich verhandelten Bienenprozesses von Interesse. Nach der gerichtlichen Entscheidung hört das Eigenthumsrecht an Bienenschwärmen auf, sobald der Besitzer die Ver­folgung aufgibt.

Von der Rhön. Landwirthe und Viehzüchter wird es interessiren, daß eine Kuh des Landwirths Karl Wingenfeld in Apfelbach am 9. d. Mts. vier lebende Kälber geworfen hat, gewiß ein vereinzelt dastehender Fall. Die vier Kälber sind noch frisch und munter. Die betr. Kuh hat im vorigen Jahre zwei, in den Jahren 1893 und 1892 jedesmal drei Kälber geworfen.

Gcrsfeld, 14. Mai. Ein sonderbares Naturereigniß spielte sich am letzten Freitag Vormittag bet Sparbrod ab. Bei völliger Windstille entwickelte sich daselbst plötzlich eine Windhose, die am Sparbroder Weg einen Reisighaufen auseinanderwarf, dann ungeheuere Staub­wolken aufwirbelnd, ihren Weg über den Dresselhof nahm. Am Dresselhof riß dieselbe im Augenblick ca. 500 Ziegeln vom Scheunendach und führte die Strohfiedern hoch in die Luft bis den Wald oberhalb Dresselhof. Die in der Umgegend auf dem Felde beschäftigten Leute vermutheten den Ausbruch eines Brandes am Dressel- Hof, weil der in der Höhe stcigeude Staub großen Rauchwolken glich. Außer eines bedeutenden Wirbels auf dem Felde amDammel" wurde dann nichts von der Windhose bemerkt.

Hanau, 15. Mai. Eine Verlegung der Hanauer Frühjahrsmesse, welche am 9. Juni beginnt und 8 Tage währt, soll nach demHan. Anz." in Rücksicht auf die am 14. Juni ds. Js. stattfindende allgemeine Berufs­und Gewerbczählung auf einen späteren Termin erfolgen.

Cassel. Ein Unglücksfall ereignete sich am Sonn­abend auf der Station Guntershausen. Als der hier um 6 Uhr 25 Minuten abgehende Arbeitszug gegen 7 Uhr den Bahnhof Guntershauscn passirte (der Zug hält nicht auf dieser Station), riß der Steinhauer Johannes

Aus Thüringen. In Sömmerda ist das Gerüchts verbreitet, daß der preußische Staat die Absicht habe, die Dreyse'sche Fabrik anzukaufen. Die Räume der Gewehrfabrik, die durch den Erfinder des Hinterlader gewehrs, N. Dreyse, berühmt geworden ist, stehen seit mehreren Jahren zum größten Teil leer. Die Un- strut soll wie aus Großvargula gemeldet wird, gänzlich vergiftet sein; etwa ^ des Fischbestandes sei nach der Nordh. Ztg." schon im vorigen Jahr verloren ge­gangen. Die Ursache soll sein, daß die chemischen Fabriken und Gerbereien zu Langensalza und Mühl- hausen ihre Ableitungswässer in die Unstrut leiten. Da aber auch die Bauern mit der Viehtränke auf die Unstrut angewiesen sind so sollen auch schon Hausthiere verendet sein.__

Ausland.

Meu. Ueber die Situation in Laibach schreibt man: Zu den schrecklichen Folgen des Erdbebens kommt immer wieder neuer Schrecken: Der Boden kann nicht zur Ruhe kommen täglich neue Erschütterungen, begleitet von dem schon sattsam bekannten Getösen und unterirdischem Rollen. DasAusklingen" des Erd­bodens vollzieht sich keineswegs unter Umstünden, welche die nahezu fatalistische Stimmung der noch seßha'ten Bevölkerung mildern könnten. Ein oftmaliges Vibnren des Bodens wird allgemein wahrgenommen. Laibach ist.eine für Menschenalter hinaus ruinirte Stadt. Was nur fliehen konnte, hat dem gefährlichen Boden den Rücken gekehrt. Die Beamten, die ausharren müssen, haben ihre Familien fortgeschickt. Unheimliche Stille brütet über der Stadt. Keinen Lerchentriller, keinen Finkenschlag hört man mehr, die Singvögel haben uns verlassen, und selbst die Sperlinge machen sich rar. Das Wetter ist noch immer regnerisch, und da die Nothbaracken nicht genügen, so wird das Wohnen in den vom Regen durchnäßten Zelten schon recht kritisch. Einiges Au sehen erregt die Mittheilung eines slovenischen Blattes, daß sich bei Rakck in Jnnerkrain ein Erd- schlund geöffnet und ein derartiger Feuerschein gezeigt habe, daß die Rakcr in der Meinung, es brenne irgend­wo, zu Hilfe eilten. Da nun schon Erscheinungen in der Natur berührt wurden, sei auch angeführt, daß Vielen das außergewöhnlich zahlreiche Auftauchen von Negenwürmern gleich nach der ersten Schreckens­nacht aufficl.

Oran (Algerien), 12. Mai. Das BlattFanal" veröffentlicht eine Depesche aus Nemours, welche besagt: Gegen 1000 Angehörige der marokanischen Stämmen Angad und Sdjad überfielen am 9. d. M. die Duars der Stämme Moaia und Ranikhaled bei Oued-Bousria. Es entspann sich ein Kampf mit blanker Waffe der bis zur Nacht dauerte. Den Todten, 600 an der Zahl, wurden von den Siegern die Köpfe abgeschnitten. Außerdem wurden an 300 Lastthiere getödtet.

Madagaskar. Die französischen Truppen auf Madagaskar erbeuteten in Marovoay sämmtliche Ge­schütze der Hovas und massenhaften Proviant. Im Kampfe sind ein Offizier und vier Soldaten der fran­zösischen Kolonialtruppen gefallen; die Hovas sind in wilder Flucht geflohen.

Amerika. Ueber Arbeitseinstellungen in großem Umgang, verbunden mit blutigen Ausschreitungen, kommt aus den Vereinigten Staaten Kunde. 3500 Arbeiter haben wegen der Nichtbewilligung höherer Löhne und verminderter Arbeitszeit in den Werken der Jllinois- Stahl Company im Süden von Chicago und in Joliet- Jliinois die Arbeit eingestellt. Der durch den Ausstand herbeigeführte Schluß der Jllinois-Stahlwerke rief am Dienstag v. W. einen Angriff von etwa 1000 Arbeitern, zumeist Polen, auf die Werke hervor. Die Angreifer leisteten der Polizei Widerstand, die sich mit ihren Knütteln gegen sie wandte. Zehn Schutzleute und zwanzig Ausständige wurden verwundet. Am Mittwoch versuchte die Polizei eine Zusammenrottung zu zerstreuen. Hierbei leisteten die Ausständigen abermals Widerstand und schleuderten Steine und Schlacken auf die Schutz­leute, von denen vier verletzt wurden. Hierauf schoß die Polizei aus ihren Revolvern, wobei einer der Auf rührer tödtlich getroffen wurde, und schlug diese in die Flucht. Die Werke der Jllinois-Company sowie die Dynamitvorräthe werden streng bewacht.