WüchtemerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
-.--^^" -"1"f71^-^js11^E-17N»<r»^»>^17-?— >--^»- ^"»^^' --^ ^ ^^^-^^^»-^-^ ^.-^ r-^^^- j^ Mffijuy.f "E^l -, . ;, A.y.-mm;,rjtgJ.lu.VTV<a: -> ,-^>-=<3»-x«^»u»s ■•« ^^w.-„naak?r.a- -■: ■mr^^j —I .-.vm^._---..-»^f- rr -^« —-—^ ,,n , ,A^E^^
M 46. Samstag, den 8. Juni 1895.
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Juni. Das Kaiserpaar ist am Spät- abend von der Reise nach Pasewalk wohlbehalten wieder im Neuen Palais bei Potsdam angekommen. Am Mittwoch früh unternahm der Kaiser einen Spazierritt und hörte nach der Rückkehr in das Neue Palais den Vortrag des Chefs des Civilkabinets.
— 5. Juni. Ein von den Generalsupermtendenten Kögel, Brückner, Braun, Dryander und den königlichen Hofpredigern Faber und Frommet unterzeichneter, im „Reichsanzeiger" veröffentlichet Aufruf für ein in Havelberg zu errichtendes Feierabendheim „Kaiserin - Augusta-Victoria-Stift" für unbescholtene, unversorgte Töchter und Wittwen, erbittet Unterstützung für das Unternehmen von evangelischen Gemeinden, vor alten der Provinz Brandenburg.
— Eine Zweigniederlassung der Alexianer, von denen der Aachener Prozeß jetzt soviel Unrühmliches meldet, besteht auch in Berlin. Kurze Zeit vor den Aachener Verhandlungen hatte diese Station an den Berliner Magistrat die Mittheilung gelangen lassen, daß sie noch für 20 Irre Unterkunft habe und erbötig sei, < soviel Kranke noch bei sich auszunehmen. Die haarsträubenden Einzelheiten aber, die der Aachener Prozeß zu Tage fördert, bewirkten, daß der Magistrat den Brüdern einen abschlägigen Bescheid zugehen ließ.
— Aus md)t weniger als 60 Orten des Reiches liegen zur Zeit Nachrichten über Ausstände vor. In Leipzig streiken die Maurer, in Stettin die Töpfer, in Mainz die Dachdecker, in Dortmund die Maler, in Altwasser die Porzellanarbeiter, in Karlsruhe die Arbeiter der Kammgarn-Spinnereien, in Nürnberg die Zimmerer und Wagner, in Konstanz die Schreiner, in Kottbus die Tuchmacher u. s. w. Im ganzen mögen es 8000 Arbeiter sein, die sich im Ausstand befinden und für deren Unterstützung wöchentlich etwa 100,000 Mark gebraucht werden. Der „Hamburger Korrespondent" meint, es sähe danach aus, als wenn Arbeitsausstände in kurzer Zeit noch in einer ganzen Anzahl anderer Orte neu ausbrechen würden, so in Dresden, Langen- bielau rc. Aus Berlin verlautet bisher noch nichts von Ausständen.
* — Bekanntlich sind die Eisenbahn-Fahrkarten nicht übertragbar, was zuweilen nicht beachtet wird und dann mit schweren Strafen geahndet wird. Zur War- ^ nung sei folgender Fall mitgetheilt: Ein Reisender aus Mühlhausen war kürzlich vom dortigen Schöffengerichte zu einer Gefängnißstra'e von einem Monate verurtheilt, weil er auf ein Billet 2. Klasse gefahren ist, welches ihm geschenkt worden war. Er verging sich dadurch gegen die Bestimmung, welche jeder Rückfahrkarte aufgedruckt ist, daß dieselbe uicht übertragbar ist, d. h. nur von demjenigen benutzt werden darf, der sie gelöst und bereits auf einer Fahrstrecke benutzt hat. Daß, wie das „Mühl. T." meldet, der betreffende Reisende nebenbei für die durchfahrene Strecke auch ein Billet 3. Klasse gelöst hatte, konnte ihn von seiner Strafe nicht frei machen.
Kiel, 6. Juni. Der Dampfer „Palatia" mit dem Reichskanzler und den Ministern an Bord passierte den 98,8 Kilom. langen Nordostseekanal innerhalb 10 Stunden unter eigenem Dampf ohne Schwierigkeit. Das Schiff fuhr in die Schleusen ohne Schleppdampfer. Die „Palatia" ist 140 Meter lang, 16 breit, sie hat 6'/2 Meter Tiefgang und 9000 Tonnen Gehalt. Die 1 Leistungsfähigkeit des Kanals steht damit außer jedem Zweifel.
Ueber den großen Brand des Petrolcumtanks in Harburg berichtet der „Hamb. Korr." folgendes Nähere: Bei dem heftigen Gewitter, das sich am Freitag Nachmittag gegen 6 Uhr entlud, schlug ein Blitz in einen Tank der Bremer Trading Company. Unter donnerndem Getöse hob sich der Deckel des Tanks und in wenigen Augenblicken standen alle 4 mit Petroleum gefüllte Tanks in Flammen, die thurmhvch zum Himmel schlugen. Das in Harbnrg stehende Pionier-Bataillon wurde sofort alarmiert und auf die Brandstätte gesandt, wo es mit dessen Hilfe gelang, eine kleine Anzahl gefüllter Fässer aus der Nähe der brennenden Tanks zu entfernen. Diese Bemühungen mußten jedoch bald aufgegeben werden, denn in kurzer Zeit entzündeten sich die in den Schuppen und im Freien lagernden etwa 70000 leeren und circa 3000 gefüllten Barrels. Damit stand das gesammte Lager j« Flammen. Das Feuermeer hatte eine Ausdehnung
j von ungefähr 300 Metern Länge. Zum Glück drehte sich der Wind, der mehrere Male umschlug, schließlich dauernd nach der Elbseite, wodurch die in der Nähe befindliche Neepschläger-Fabrik, sowie die große Gaisersche Fabrik und das Barrellager der Amerikanischen Petroleum Gesellschaft außer Gefahr blieben. Ge ährdet waren nur die Bauernhäuser am Lauenburger Damm. Da das Feuer selbst nicht zu löschen war, beschränkten sich die aus vielen umliegenden Ortschaften erschienenen Feuerwehren darauf, die Dächer dieser Häuser mit Mannschaften zu besetzen und stets unter Wasserstrahlen zu halten. Bis 12 Uhr Nachts war es auch gelungen, das Flug'euer auf den Dächern sofort zu löschen. Das Feuer brannte am Sonnabend noch weiter, ohne seinen Herd zu überschreiten. Die um die Tanks gebauten Erdwälle sind wohl an einigen Stellen von dem brennenden Petroleum überschritten worden, erwiesen sich aber als sehr praktisch. Von den Tanks und den sämmtlichen Lagerschuppen wurde nichts gerettet. Der Gesammtschaden wird auf annähernd 2 000 000 Mark veranschlagt. Die Tanks wurden s. Z. von dem Hause Stuar in London für 500000 Mk. erbaut und in die „Bremen Trading Company (limited)" umgewandelt. Seit einem Jahr befinden sich die Tanks pachtweise in den Händen der Firmen Rassow, Jung u. Co. in Bremen und Philipp Poth in Mannheim. Diese Firmen lagern amerikanisches Petroleum, das ihnen von Outsidern, also den Gegnern der Standard Oil Company, geliefert wird, und russisches Petroleum. In letzter Zeit hat man mit Erfolg eine Mischung amerikanischen und russischen Oels dort versucht.
Köln, 1. Juni. Der hiesige „Verein dcr Rechtsanwälte" ließ sich dieser Tage von dem Bonner Professor Baron einen Vortrag über den neuen Börsen- reform-Entwurf halten. Mit anerkeuneuswerthem Freimuth ging Professor Baron dem Börsenspiel zu Leibe und am Schlüsse seiner Ausführungen äußerte er die folgenden mannhaften Anschauungen: Eine große Gefahr berge jedoch für die Allgemeinheit der von den glücklichen Börsenspielern ohne Arbeit erworbene Reichthum. Das so entstandene Eigenthum gilt und vermag leider ebenso viel wie das mühsam erarbeitete. Da aber als alleinige, sittlich zu rechtfertigende Quelle für Eigeuthumserwcrb unter Lebenden nur die Arbeit an- zusehen ist, so schaden diese durch Börsenspiel erlangten Reichthümer dem Institute des Privateigenthums ganz unübersehbar, denn sie leugnen einzig durch ihr Vorhandensein die sittliche Berechtigung desselben.
Vom Rhein. Ein theurer Tropfen wurde vor einigen Tagen bei der Versteigerung der kgl. Domanial- weine im Kloster Eberbach erstanden; das beste Halbstück Markobrunner (612 Liter) wurde mit 16,500 Mk. bezahlt! Das ist das Liter nahezu 27 Mark. Ersteigert wurde dieser Edeltropfen für Freiherrn v. Hcyl in Worms.
Stuttgart, 6. Juni. In zahlreichen Orten richtete ein in Folge von Wolkenbrüchen cingetrctenes Hochwaffer große Verwüstungen an. In Lausten, Dürrwangcn, Frommern, Balingcn wurden Häuser sortgeschwemmt. 34 Personen werden vermißt. Der auf Feldern und Wiesen angerichtete Schaden ist bedeutend. — Der Minister Pischck hat Techniker zur Unterstützung der betroffenen Gemeinden entsandt und die Ermächtigung ertheilt, Pioniere auf Staatskosten heranzuziehen. Der „Staatsanzeiger für Württemberg" sagt, es sei eine Katastrophe, wie sie unter den klimatischen Verhältnissen Württembergs kaum erhört sei. Zu staatlicher Unterstützung der Betroffenen werde das Möglichste geschehen.
Koburg, 3. Juni. An alle Kameraden, welche in der Zeit vom 16. Juli 1870 bis 23. September 1871 dem mobilen 3. Bataillon Infanterie-Regiments Nr. 95 angehört haben, ist ein Aufruf und spezielle Einladung rc. ergangen, sich Sonntag, 21. Juli 1895 in ihrer alten Garnison zu einem Bataillonsappell, verbunden mit einer Ausstellung von Erinnerungsgegenständen, einfinden zu wollen. Entfernt wohnenden und bedürftigen Kameraden soll eine Reiseuntcrstützuug und Freiquartier gewährt werden. Da aber der Aufenthalt von so manchen Kameraden nicht ermittelt werden konnte, so ergeht hierdurch die Bitte an alle Kameraden, welche noch keine Einladung erhalten haben, ihre Adresse umgehend an Kamerad Türck, Zeichenlehrer in Koburg, gelangen zu lassen, worauf Einladung und nähere Mittheilungen kostenfrei erfolgen werden.
Eine kaum glaubliche Rohheit eines Vaters und seines Sohnes wird aus Altenburg gemeldet. Dort gab auf einem Ausflug in angeheiterter Gesellschaft ein Schlosser seinem 4jährigen Knaben ein schars- geschlisfenes Messer mit der Weisung, einem bei ihm stehend.m Mädchen die Nase abzuschneiden. Das that der Junge auch sofort, dergestalt, daß der abgeschnittene Theil nur noch an einem Hautlappen hing. Der Anwesenden bemächtigte sich nach dieser That eine hochgradige Erregung, so daß nach dem „Berl. Tagebl." der Vater des Knaben mit Mühe einer wohlverdienten Tracht Prügel entging. Warum das? Die Prügel wären für Vater und Sohn in ausgiebigster Form am Platz gewesen; noch besser wäre es freilich gewesen, die Anwesenden hätten den „Scherz" nicht erst soweit kommen lassen.
Aus dem pommerschen Kreise Greifenhagen, 3. Juni. Auf dem Ritlergute Stecklin fand am vorigen Freitag, wie alljährlich, ein förmlicher Remontemarkt statt. Nicht nur züchtet der Besitzer des Gutes, Herr Pfeil, seit Jahren edle Pferde ostprcußischcr Rasse, sondern es bringen auch die übrigen Gutsbesitzer und Landleute unseres Kreises ihr P'erdematerial alljährlich nach Stecklin, woselbst die Mililärkommission ihren Bedarf auswühlt und ankauft. Zum größten Theil sind es Reitpferde, die sämmtlich drei Jahre alt sind oder aber das dritte Jahr eben überschritten haben. Die Kommission konnte mit Genugthuung feststellen, daß die Pferdezucht im hiesigen Kreise merkliche Fortschritte gemacht hat. Für die dreijährigen Reitpferde wurden vielfach bis 900 und 1000 Mark das Stück bezahlt. Sie wurden in öffentlicher Auktion versteigert. Herr Pfeil hatte allein 54 Stück vorgeführt, von denen der größte Theil als halb- und einjährige Füllen von ihm angekauft und dann aufgezogen war. Auf dem Ritter- gute Stecklin werden dieselben größrentheils mit Roggen- kost gefuttert und im Frühling und Sommer auf die Weide gelassen.
Ausland.
New-Dork, 4. Juni. Ein Waldbrand, der sich beinahe über das ganze Oelgebiet des nördlichen Pennsylvanien ausdehnte, hat einige kleinere Städte zerstört. Der Schaden wird auf mehrere Millionen Dollars geschätzt. Es wird befürchtet, daß viele Menschen ums Leben gekommen sind.
Hongkong, 5. Juni. Die chinesischen Streitkräfte von Nordsormosa befinden sich in vollkommener Auflösung. Beim Herannahen der Japaner begannen der Pöbel und die Soldaten zu plündern und zu meutern. Die Regierungsgebäude in Tai-peh-fu und Höbe sind niedergebrannt. Die Republik ist zusammengestürzt. Der Präsident Tang ist geflohen. Die Fremden sind wohlbehalten, jedoch voller Besorgniß.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtcrn, 7. Juni.
* — Dem Sägemeister Eduard Wolf in Winsen a. d. Luhe (früher hier in Schlüchtcrn bei Sägemüller Schröder) ist vom Kaiserlichen Patentamt auf einen Mahlgang mit nach der Austrittsstelle zu feiner werdender Schärfe der Gebrauchsmusterschutz Nr. 40990 ertheilt worden. (Mitgetheilt vom Patent- und technischen Bureau von Richard Lüders in Görlitz.)
* — Wegen der Schüler-Verbindungen an den höheren Lehranstalten hat der preußische Kultusminister eine neue Verfügung erlassen. Danach sind Schüler, welche Verbindungen angehören, die auch Nichtschüler zu ihren Mitgliedern zählen, oder welche die Auslieferung des Berbindungs-Jnvemars ablehnen, mit den strengsten Strafen, namentlich mit den Strafen der Ausschließung, zu belegen.
— Das „W. Tgbl." schreibt: Wir machen das reisende Publikum darauf aufmerksam, daß von nun ab die Fährkartettfenster an den Eisenbahnstationen bereits drei Minuten vor Abgang eines jeden Zuges geschlossen und dann keine Karten mehr verabfolgt werden. Ein Jeder, der verreisen will, wird daher gut thun, wenn er noch den passenden Zug benutzen will, sich rechtzeitig zur Bahn z» begeben und es nicht bis auf die letzte Minute aukommen zu lassen."
Gelnhausen. Kindesraub? Montag Vormittag zog hier eine größere Zigeunerfamilie durch, welche einen Handkarren mit sich führte, auf dem sich ein Kind