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SchlWemerALtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

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Samstag, den 15. Juni

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Eine Probe auf denZukunftsstaat."

So oft es auch die Sozialdemokraten probiert haben, ihre Ideen in die Praxis zu übersetzen, immer haben die Unternehmen mit einem jämmerlichen Fiasko geendet. Neuerdings haben sie wieder einmal den Versuch gemacht, einen socialistischenStaat" zu gründen. Der amtliche Bericht des englischen Auswärtigen Amtes giebt darüber in sehr interessanter Weise Aufschluß.

Es handelt sich umNeu Australien", das von australischen Arbeitern in dem südamerikanischen Staate Paraguay streng nach socialistischen Grundsätzen begründet worden ist. Auf jungfräulichem Boden sollte bewiesen werden, daß ein Reich socialer Gerechtigkeit kein leeres Hirngespinnst und die Lehren der Socialdemokraten wohl verwirklicht werden könnten. Dieser Gedanke kam auch in der Verfassung des socialdemokratischenStaates" zum Ausdruck; bei der Verwirklichung ihres Ideals sind sie allerdings nicht weit gekommen. Auch die Social­demokraten bleiben immer nur unvollkommene Menschen, und so dauerte es nicht lange, bis unter den ersten Ansiedlern Zwistigkeiten ausbrachen, die damit endeten, daß sich 85 Kolonisten von ihren Genossen trennten. Die Ausgeschiedenen wurden zwar bald durch neu an­langende Ansiedler ersetzt, aber dieses an sich erfreuliche Ereigniß hatte das weniger erfreuliche Ergebniß, daß der Leiter des ganzen Unternehmens von einem der neuen Genossen schlankweg abgesetzt wurde. Nun waren also drei Parteien in dem socialistischen Gemeinwesen vorhanden.

Am schwierigsten stand es mit der Ausführung des obersten socialistischen Grundsatzes, daß jeder gleichen Antheil an dem Ertrage der Gesammtproduktion haben solle ohne Rücksicht auf die Menge und die Art seines eigenen Arbeitsproduktes. Die Ansiedler bewiesen einerseits, daß die sichere Aussicht auf einen ausreichenden Antheil am Ertrage der gemeinsamen Arbeit nicht unbedingt ein Sporn zu angestrengter Thätigkeit zu sein braucht, und andererseits, daß sie auch unter der Herrschaft socialistischer Grundsätze von der Wahrheit des alten Sprichwortes:Jeder Abeiter ist seines Lohnes werth!" überzeugt waren. Die gleichmäßige Vertheilung des Arbeitsproduktes war ein neuer Aulas zu Streitigkeiten, und wiederum wandt.e sich ein Thei der Kolonisten, verzweifelnd an dem Gelingen des Experiments, dem verlassenen Vaterlande zu. Auch die Zurückgebliebenen waren durchaus nicht einig. Als eines schönen Tages der Leiter des Unternehmens sich von den Behörden Paraguays zum Richter ernennen ließ und sich eine Polizeimacht zulegte, nicht etwa zur Sicherung der Kolonie, sondern zu seiner eigenen, griff eine große Unzufriedenheit Platz. Allgemeines Miß­trauen herrschte in der Kolonie, man boykottierte sich sogar, und die Ansiedler kamen bald zu der Erkenntniß, daß sie wohl kaum erleben würden, daßNeu-Australien" ein Arbetterparadies werde. Sie gaben infolge dessen den Socialismus auf und suchen nun nach besten Kräften eine gedeihende Ackerbaukolonie zu werden und fragen bei ihren Maßnahmen durchaus nicht mehr, ob sie sich auch mit dem socialistischen Programm deckcn.

Den Socialdemokraten ist diese neue Probe von der Undurchführbarkeit ihrer Ideen natürlich sehr un­angenehm; sie suchen daher zu beweisen, daß es sich gar Nicht um ein socialistisches Experiment gehandelt habe. Aber das sind blos Wortklaubereien. DieMünchener Post", eine socialdemokratische Zeitung, meint, in der bürgerlichen Gesellschaft ließen sich überhaupt keine socialistischen Inseln errichten; der Uebergang zur socialistischen Produktionsform sei nur denkbar, wenn die Gesammtheit der Bevölkerung übergehe. Wir aber meinen : Was im Kleinen nicht geht, das geht auch nicht im Großen.

Deutsches Reich.

Berlin. S. M. der Kaiser hat das vom Central- Vorstand des Allgemeinen Deutschen Handwerkerbundes an ihn gerichtete Gesuch, einer Deputation von Hand­werkermeistern eine Audienz behufs Ueberreichung der vom 8. Handwerkertag gefaßten Beschlüsse zu gewähren, abschlägig beantwortet, jedoch ist dem Zentralvorstand anheimgestellt worden, die betr. Beschlüsse schriftlich einzusenden.

An der Bekleidung der Fußtruppen sind einige Aenderungen angeordnet worden, die innerhalb der ver­

fügbaren Mittel durchgeführt werden sollen. Bei sämmt- ichcn Fußtruppen erhalten die Waffenröcke getheilte Schöße sowie an den Aermeln einen Schlitz zum Auf- und Zuknöpfen des unteren Aermels. Auch werden die Waffenröcke im Allgemeinen weiter, die Kragen an den- elben um einen halben bis einen Zentimeter niedriger und etwa einen Centimeter weiter, als bisher üblich, angefertigt. Auch Helme, Tornister, Patronentaschen ii. s. w. werden nach neuen Proben angefertigt.

* Wegen des heftigen Auftretens der Schweine- seuche in der Kontumaz- und Mastanstalt zu Steinbruch sind die bctheiligten Bundesregierungen durch den Reichs­kanzler ersucht worden, die Einfuhr von Schweinen aus Steinbruch, soweit es nicht bereits geschehen ist, unver­züglich zu verbieten. Im Hinblick auf wiederholte neuerliche Einschleppungen von Schweinekrankheiten aus Oesterreich-Ungarn sind die Ober-Präsidenten der gegen Oesterreich-Ungarn grenzenden Regierungsbezirke auf telegraphischem Wege angewiesen worden, die Einfuhr von Schweinen aus Oesterreich-Ungarn, insbesondere aus der Kontumaz- und Mastanstalt Steinbruch, sofort bis auf Weiteres gänzlich zu verbieten.

Aachen, 12. Juni. Gegen den Alexianerbruder Heinrich und einen anderen Bruder desselben Klosters ist, wie dieKölnische Volkszeitung" meldet, wegen des Verdachtes, einen wissentlichen Meineid geleistet zu haben, ein Haftbefehl erlassen worden. Er wurde daraufhin aus dem Kloster geholt und in Untersuchungs­haft abgeführt. Die Irrenanstalt im Alcxianerklostcr Mariaberg" wird von der Regierung geschlossen. Durch Verfügung des Ministers der geistlichen An­gelegenheiten und des Ministers des Innern vom 12. d. M. ist bestimmt worden, daß die Privat-Kranken anstatt der Alcxianer im Kloster Mariaberg von Landes- polizei wegen zu schließen ist. Die zur Ausführung dieser Maßregel erforderlichen Anordnungen werden durch den Regierungspräsidenten in Aachen unverzüglich getroffen werden. Dieser Entschluß der beiden zu­ständigen Minister wird von der öffentlichen Meinung in ganz Deutschland mit der größten Genugthuung aus­genommen werden. Eine Ironie des Schicksals ist es, daß derselbe Regierungspräsident von Aachen, unter dessen Amtsthätigkeit sich diese Vorgänge abspielten, ohne daß er zu einem Einschreiten sich veranlaßt sah,un­verzüglich" ministerielle Anordnung auszuführen hat.

Wie aus Mainz berichtet wird, sind die für den 17- bis 29. August daselbst in Aussicht genommen großen Belagerungsübungen des 11. Armeekorps für den Winter verschoben worden.

Passau, 11. Juni. Die Typhusepidemie in der hiesigen Kaserne schreitet in ihrer Entwickelung stetig fort. Bis jetzt sind ungefähr 90 Mann erkrankt. Es scheint übrigens nicht Kopf-, sondern Unterleibstyphus zu sein Damit stimmen auch die Klagen über die schlechte und unzureichende Menage überein. Man muß wirklich staunen, daß derartiges vorkommen kann. Es scheint aber, daß die mangelhafte Kost, sowohl in Bezug auf Qualität, wie Quantität, nicht blos in Passan, sondern auch an anderen Garnisonsorten vorkommt. Auch beim Infanterie-Leibregiment sind solche Klagen stehend, und die Notiz derMünchener Post" ist bis heute noch nicht berichtigt. «

Erlangen, 11. Juni. DerF. K." meldet, daß beim hiesigen Regiment 40 Soldaten erkrankt sind; schlechtes, fast ungenießbares Kommißbrod soll Schuld sein.

Hammelburg, 6. Juni. Einen äußerst tiefen Schlaf scheint ein Sonntagsschüler in der benachbarten Gemeinde Fuchsstadt zu besitzen. Demselben wurde in einer Nacht eine Fingerspitze von einer Ratte angefressen, bis er erwachte und das scheußliche Thier verjagte. In der folgenden Nacht dagegen starteten ihm drei Ratten einen Besuch ab; die eine zerfleischte seine Stirn, die andere seine Wange, die dritte fraß ihm den rechten Nasenflügel zum großen Theil weg. Der arme Bursche ist au den schmerzhaften Wunden gefährlich erkrankt.

In den letzten Tagen ging die Notiz durch die Tageszeitungen, daß in Gräfenroda dem Elternpaar Löffler ein 2jähriges Kind abhanden gekommen war, und trotz allen Suchens war dasselbe nicht mnzufindcn, bis der sorgenvollen Mutter der Gedanke kam, daß ihr

Kind von Zigeunern entführt und versteckt gehalten werde. Sie machte sich selbst auf die Suche nach her Zigeunerbande und hatte auch der Polizei ihren Verdacht mitgetheilt. In der That ist am Freitag das Kind, wie dieH. Ztg." berichtet, in Hildburghausen bei einer dort rastenden Zigeunerbande ermittelt worden. Die Menschenräuber sind verhaftet und sehen harter Strafe entgegen.

Breslau. Ein Grubenunglück hat sich am Montag in Antonienhütte (Oberschlesien) auf der dem Grafen Henckel von Donnersmarck gehörigen Steinkohlengrube Segen Gottes" zugetragen. Gleich am Morgen ent­stand dort ein Grubenbrand, nachdem vorher 400 Mann der Belegschaft in jene Grube eingefahren waren. Dem größten Theil der Belegschaft gelang es, noch rechtzeitig das Freie zu gewinnen. Fünfzig Mann wurden be­wußtlos zu Tage gefördert, mit Hilfe der herbeieilenden Rettungsmannschaften und Feuerwehren aber ins Leben zurückgerufen. Fünfzehn Mann werden vermißt, die­selben sind wahrscheinlich erstickt. Zur Zeit werden Versuche angestellt, das noch immer um sich greifende Feuer durch Mauern einzudämmen. Aus dem Holz­schacht steigen mächtige, weithin sichtbare Rauchwolken auf. Einer späteren Meldung zufolge entstand der Brand durch die Explosion brandiger Grubengase infolge des Durchbruchs einer Wetterkammer. Nach den heutigen Feststellungen sind 8 Bergleute und 2 Steiger todt; auch wurden 12 P erde getödtet. Die Maschinen sind intakt geblieben.

Aus Schlesien. Nach Meldung Breslauer Blätter fanden Dienstag Vdrmittag gegen 9'/, Uhr Erdbeben in Reichenbach in Schlesien, in Münsterberg und in Wüstewaltersdorf statt, Auch in Kamenz und Franken­stein wurde ein zwei Sekunden dauernder, ziemlich kräftiger Erdstoß verspürt. Nennenswerther Schaden wurde nicht angerichtet.

Die Bauarbeitgeber in Leipzig, gegen die seit etwa zehn Tagen eine sozialdemokratische Kraftprobe im Gang ist, haben auf ein Mal den Stiel hernmgedreht und in Folge der Streikenden die Generalaussperrung beschlossen. Seit Dinstag stehen alle Bauten still.

Ausland.

Amerika. Der Bau des Nicaragna-Kanals wird, wie berichtet wird, 50,000,000 Doll. kosten. Der Kanal soll in sechs Jahren fertiggestellt werden. Das höchste Niveau wird 110 Fuß über dem mittleren Wasserspiegel der See liegen. Die Länge des Kanals zwischen Greytown und Brito beträgt 169 engl. Meilen. An beiden Endpunkten des Kanals werden 3 Schleusten erbaut, welche 650 Fuß lang und 65 Fuß breit sind. Ein künstlicher See und ein Bassin zur Reparatur von Schiffen sollen angelegt werden, indem ein Damm durch den San Juan-Fluß und ein Quai läugö dem San Carlos bei der Stelle, wo sie sich vereinigen, errichtet wird. Die größte Schwierigkeit wird den Ingenieuren der Durchstich des drei engl. Meilen breiten Felsrückens von San Francisco bieten. Ein neues Privatmonopol in Nordamerika. Im Mai 1892 wurde bekanntlich mit einem Kapital von 480 Millionen Mark ein Ring von 80 pCt. aller Gerber, Ledermakler und Lederhändler in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gegründet, der die beiden großen Häutemärkte von Südamerika in Buenos-Ayrcs und Montevideo, ja den ganzen Welt­markt überwacht und jetzt die Häute- und Lederpreise in die Höhe treibt. Häute sind in den Vereinigten Staaten um 100, Leder um 200 pCt. gestiegen. Seit Januar soll der Ring 52 Millionen Mark aus dieser Preissteigerung gewonnen haben. Die Folgen des Ringes machen sich bereits in der Union bemerkbar, wo nach nordamerikanischen Blättern sich jetzt die unab­hängigen Gerber gezwungen sehen, den Betrieb zu be­schränken oder ganz einzustellen, da sie ihren Bedarf an Häuten nicht in genügender Zahl beschaffen können.

In die Kämpfe auf Formosa ist jetzt auch von deutscher Seite thätlich cingegriffcn Worten. Die Re­bellen auf Fort Tam-sui feuerten auf einen deutschen Handelsdampfer, der mit dem Präsidenten derRepublik" Formosa, Soldaten und anderen Flüchtlingen an Bord in See stechen wollte. Das deutsche KanonenbootIltis" eröffnete darauf das Feuer auf die Forts, deren Batterien es bald zum Schweigen brächte. Die Kanoniere der Gegner flohen von den Werken und der Dampfer