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.M 71. Mittwoch, den 4. September 1895.
Deutsches Reich. '
Berlin. Der Kaiser und die Kaiserin haben Sonntag der Einweihung der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche beigewohnt. Der Einweihungsakt war nid t nur ein kirchlich feierlicher, sondern auch namentlich außerhalb der Kirche durch die Theilnahme der Jugend und des Volkes, sowie Dank der allgemeinen Feststimmung in gewisser Weise auch ein patriotischer.
— Die Spange, die auf dem Bande der Kriegs- denkmünze von 1870|71 mit den Namen der Schlachten, an denen der Inhaber der Kriegsdcnkmüuze Theil genommen hat, getragen werden soll, ist nach einer Bekanntmachung im „Reichsanz" aus vergoldetem Messing oder vergoldeter Bronze herzustellen. Der Rand und die Inschriften sind glatt und poliert, die Buchstaben erhaben, der Grund matt.
— Die Angriffe des französischen General Munier gegen das Verhalten deutscher Offiziere im deutsch- französischen Krieg haben an zuständiger Stelle zu Erkundigungen Veranlassung gegeben, ob General Munier ncch aktiv oder bereits außer Dienst ist. Die „Köln. Z'g." bemerkt dazu: „Bisher haben die aktiven französischen Offiziere sich im Allgemeinen solcher unsaubern Hetzereien gegen die deutsche Armee enthalten, ja wir glauben sagen zu können, daß gerade in diesen Kleisen durchaus nicht selten mit großer Anerkennung von der Armee und insbesondere von ihrer Manneszucht im Jahre 1870 gesprochen wird. Wenn jetzt ein französischer General diesen Weg verläßt, so ist das in erster Linie ein Zeugniß niederträchtiger Gesinnung, das er sich selbst ausstellr, sodann aber wirft es auch kein besonders gutes Licht auf die Disziplin bei den Franzosen, die sonst auch an ihre Offiziere die Anforderung stellen, daß sie sich aller Einmischung in die Politik und jeder Theilnahme an Zeitungskämpfen zu enthalten haben. Unter diesen Umständen ist es sogar eine Ehrenpflicht der Vorgesetzten des Generals Munier, diesen aufzu- fordern, seine Behauptung mit dem Namen des Gutsbesitzers und des deutschen höheren Offiziers zu belegen, den mit hinreichender Genauigkeit zu bezeichnen dem Quartierwirth als früherem französchen Kavallcrieo fizier nicht schwer fallen könnte. So lange der General Munier diese Beweise seines guten Glaubens nicht bei- bl ingt, bleibt er ein erbärmlicher Lügner, mit dem die deutsche Regierung sich nun doch nicht amtlich zu befassen braucht. Daß sich übrigens gerade der Figaro zum Verbreiter der Munierschen Verleumdungen hergegeben hat, ist äußerst charakteristisch für dieses Batt, denselben Figaro, der in den Augusttagen von 1870 die Aufforderung erlassen hat, die deutschen Soldaten mit Arsenik zu vergüten. Heute fällt uns, so schreibt die „W. Z." ein anderer Ausschnitt aus demselben Blatte vom 21. August 1870 in die Hände, der eines der zahllosen Zeichen dafür ist, daß die Diebstähle und Räubereien zur Zeit des großen Krieges ihre Urheber in den Angehörigen der grande nation hatten. Es lautet: „Ich weiß wahrlich nicht, ob ich Ihnen diese herzzerreißende Geschichte erzählen soll. Gestern Abend 6'4—9'2 Uhr wurde der Gütcrhos zu Reims von 3-400 Nachzüglern des Korps von de Failly geplündert. Diese Soldaten gehörten verschiedenen Waffengattungen und besonders d.r Artillerie an. Sie halten sich vor Beginn der Plünderung mit einem halben Hundert Anskäuern verständigt; sie brachen nahe an 150 Wagen auf, warfen ohne Rücksicht auf die möglichen entsetzlichen Folgen die Wein- und Pulverfässer, die Patronen und Zwieback- kisten, die Kugeln und Montirungseffekten, sowie einen großen Theil der Bagage des Kaisers au s Pflaster. Die Au kän-'er kamen nun heran und zahlten 20 Centimes für das Stück kaiserlichen Tuches, 1 Franks 9 Cent für den Ballen Kaffee, 50 Cent für den Hut Zucker. Auch die Bagagen eines Marineinfantcricregiments wurden verhandelt. Ich habe heute auf der Straße bie Stücke eines Dameuporträts aufgelesen, auf dessen üiütffeite einige sehr bewegte Zeilen geschrieben waren. Die Bahnho beamten machten, geführt von zwei energischen Männern, dem Sicherheiiskomnussar Felix Lenicriö und dem Stationschef M^nesster, einen Angriff auf die Plünderer, diese aber leisteten tapferen Widerstand. Sie warfen den Vertheidigern der Ordnung Pairouen- packete an den Kopf. Endlich wurden etwa fünfzig von den Plünderern ergriffen, darunter vierzig Soldaten." „Und sie sind noch nicht füfilirt!" ruft der Berichterstatter am Schlüsse.
— Zum Schutze der Bauhandwerker hat der Stadtrath zu Chemnitz in seinem vom Ministerium des Innern erbetenen Gutachten vorgeschlagen, künftighin die Banerlaubniß an Privatpersonen von der Hinter- legung einer Kautionssumme, die voraussichtlich die Forderungen der Bauhandwerker decke, abhängig zu machen. Von der Summe könnten je nach dem Fortschreiten des Baues die Handwerker befriedigt werden; die dann noch möglichen Aus älle bei Ueberschreiten des Bauanschlages würden gegen jetzt nur unbedeutend sein. Auch andere Korporationen, Sachverständige rc. haben gleiche, sich nach dieser Richtung bewegende Gutachten abgegeben Die Einräumung des Vorzugsrechtes für die Forderungen der Bauhandwerker wird von dem Chemnitzer Gutachten verworfen, da dies zur empfindlichen Störung des Personalkredits führen würde.
Aus Schlesien. Seinen eigenen Todtenschein aus dem Jahre 1870 hat ein Beamter aufbewahrt, der gegenwärtig in Jauer lebt und sich der besten Gesundheit erfreut. Der Betreffende war in der Schlacht bei Wörth durch Schüsse in Kopf und Rücken verwundet und für todt gehalten worden, sodaß das Kommando des 3. Niederschlcsischcn Jnf. -Rcgts. Nr. 50, bei welchem er stand, an seinen Vater die Benachrichtigung ergehen ließ, daß sein Sohn den Heldentod für das Vaterland ge storben sei. Der Schwerverletzte kam indessen in ein süddeutsches Lazarett und wurde nach längerem Aufenthalte daselbst gänzlich wieder hergestellt. In den Verlustlisten wird er als todt geführt.
Zwei Barbiergehilfen in Rudolstadt, welche zwei dem Verschönerungsoercin gehörige Bänke böswilligerweise beschädigt hatten, erhielten hierfür vom Schöffengericht je drei Wochen Gefängniß. Bravo!
Sandcrslcben, 28. August. Der hiesige Gemeinderath hatte zur Ehrung der Mitkämpfer von 1870|71 für jeden Mann eine Bratwurst (!) bewilligt. Die Veteranen haben diese Ehrung zurückgewiesen, veranstalten dagegen selbst ein Abendessen im Rathskeller, zu dem sie ihre Mitbürger einlaben.
Aus Freiburg t. Br. wird geschrieben: Seit mehreren Jahren verbringen zahlreiche Schüler höherer Schulen Frankreichs ihre Ferien in Süddeutschland, um deutsch zu lernen. So weilen gegenwärtig hier nahezu hundert Kandidaten für die Militärschule Saint-Cyr oder für die Staatprüfung als Lehrer des Deutschen. Kleinere französische Schülerkolonicn sind in Baden- Baden, Karlsruhe und Heidelberg.
Mainz, 28. August. Weshalb der Kaiser, obgleich er wiederholt und auch in dieser Woche wieder in der Nähe von Mainz war, die Stadt selbst nicht besuchte, dafür führt ein Mainzer Blatt eine aus dem Anfang dieses Jahrhunderts stammende ergötzliche Ueberlieferung an, die an Kaiser Franz, den letzten Kaiser des alten Reiches, anknüpft. Am Dom von Mainz befindet sich eine wie zum Schwur erhobene Hand, und das Blatt läßt einen alten Mainzer wie folgt erzählen: „Der Kaiser Franz von Oesterreich un Deitschland iß hier in Mainz gcwese un iß Dun der Geistlichkeit so gast- ereindlich bewirt worre, daß er dcne das feierliche Verspreche und Gclöbniß gewe holt, daß der deitschc Kaiser, der vnn heil an zuerst nooch Mainz kimmt und dc iwernacht, die zwä Thürm uff dem Dom bezahle muß Zum Zeiche for des Verspreche iß die Hand in den Stein enci gehaue worre. Gelle Se, es war seit der Zeit kän Kaiser mehr hier iwer Nacht, und Sie wcrre auch sehe, der jetzige Kaiser bleibt so, wenig emol hier, wie sein Großvater, basse Se emol uff."
Darmstadt. Ein Opfer seiner Passion ist leider der vicrundzwanzigste Dragoner-Lieutenant Schenk zu Schweinsberg geworden. Er erlitt bei dem diesjährigen Darmstädter Frühjahrsmetting ein Acc-dent, indem er von seinem ungebcrdigten Pferde, welches auszubrechen versuchte, gegen einen Baum geschleudert wurde, und trug dabei neben anderen Verletzungen eine schwere Gehirnerschütterung davon. — Der Oh fizier be and sich geraume Zeit im La.-arelh, und nun hat es sich leider ergeben, daß die äußeren Verletzungen zwar geheilt sind, daß ihm aber die Gehirnerschütterung unheilbaren Schaden zugcügt hat, denn der erfolgreiche junge Reiter, der erst im Alter von Alter von einigen zwanzig Jahren stcht, mußte einer Irrenanstalt übergeben werden.
P id.rlorn „Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege," nämlich durch Inserate sucht sogar jetzt ein Truppentheil Soldaten. Das Kommando des Husaren-
Regiments 8 in Paderborn sucht durch Inserate in Zeitungen 55 Freiwillige zum Dienstantritt am 1. Okt. Junge Leute, die „gewillt sind, zu dienen," werden au gefordert, sich bis zum 2. September auf dem RegimentsgeschäftSzimmer zu melden. Das Inserat ist, wie „Voss. Ztg." hinzufügt, eine ganz neue Erscheinung auf dem Gebiete unseres Heerwesens. Sie ist aber offenbar daraus zu erklären, daß seit Einführung der zweijährigen Dienstzeit für die Infanterie die Freiwilligen sich nicht mehr in dem früheren Umfange zur Kavallerie melden, wo sie drei Jahre zu dienen haben.
Ausland.
Brüffel, 24. Aug. Vor einigen Wochen erschoß sich in Brüssel der vielge eierte General van der Smissen; seinem Beispiel folgte sein Bruder, der mit dem General zusammengelebt halte. Der dritte Bruder erschoß sich bald darauf in Paris. Jetzt meldet die „Voss. Ztg.", daß sich der letzte überlebende Brud r auf der Rennbahn in Vichy wegen großer Verluste bei den Rennwetten eine Kugel in den Kopf gejagt habe. Sein Schwiegersohn und seine beiden Töchter, die sich in Brüssel aufhalten, um die Nachlassenschaft der Brüder van der Smissen zu regeln, erhielten am Sonntag die Nachricht.
Krakau, 29. August. An mehreren Orten ist die Cholera ausgebrochen. In Tarnopol sind bisher sieben Erkrankungen und drei Todesfälle vorgekommen. Gestern erkankte eine Frau und starb bereits in der darauffolgenden Nacht.
Lemberg, 29. Anglist. Aus Wolhynien laufen erschreckende Berichte über die Ausbreitung der Cholera ein. Im Kremnitzer Bezirk sterben die Menschen massenhaft. Der Verlauf der Krankheit ist ein sehr rascher.
China. Ueber die Missionen, gegen welche sich der Fanatismus der chinesischen Bevölkerung richtet, fällt der bekannte Forscher Dr. Morrison, Mitglied der Geographischen Gesellschaft, der China mehrfach durchquert hat, kein sehr günstiges Urtheil Er schreibt: „Thatsächlich belauft sich die Bekehrungsernle auf nur einen Bruchtheil mehr als zwei Chinesen im Jahr für jeden Missionar. Wenn die besoldeten chinesischen Gehilfen der Missionen mitgerechnet werden, dann beschränkt sich die Zahl der „Bekehrten" jedoch aus etwa neun Zehntel eines Chinesen für jeden Missionar. Davon müßten von Rechtswegen noch die sogenannten Reis-Christen abgezogen werden, d. h. Chinesen, die sich für eine Gabe von Reis bereitwilligst von allen christlichen Missionen — von den Augustinern bis zu den Quäkern — der Reihe nach „bekehren" lassen". „Die Mission in Tougchuan", berichtet Dr. Morrison weiter, „wurde im Jahre 1891 eröffnet und gedeiht — bis jetzt hat jedoch kein Chinese die laufe erhalten." Ueber die „Missions-Triumphe in Dunnan" schreibt Morrison: „Ein dortiger Missionar vertraute mir an, daß die Chinesen sich in der Stadt schwer heranholen ließen. In seiner 6jährigen Thätigkeit habe er keinen einzigen Mann bekehren können. In der Provinz desselben Namens wird das Missionswcrk mit großem Eifer betrieben. Die Bevölkerung belauft sich auf 5 bis 7 Millionen Menschen, unter denen 23 protestantische Missionare thätig sind. In 8 Jahren sind aber nur elf Chinesen getauft worden. . . . DaS Ergebniß der Mrjsionslhätigkcit in China und der Millionen, welche darauf verschwendet werden, ist die Bekehrung einer Handvoll von Missions-Dienstboten, von Findlingen, welche von den Eltern in den Missions- Stationen niedergelegt werden, von Strolchen, Reis- Christen und Dieben, welche nur daraus ausgchen, die Missionare bei der ersten Gelegenheit zu bestchlen und sich dann aus dem Stande zu machen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 3. Sept.
* — Die Feier des 25. Jahrestags der Schlacht bei Sedan fand hier am Sonntag ihren programmgemäßen Verlauf. Reichlicher Fahnenschmuck gab der Stadt ein festliches Aussehen. Außerordentlich zahlreich besucht war der Fcstgottcsdienst, welch r um halb 10 Uhr seinen Anfang nahm. Die Festpredigt hielt Herr P arrer Hattendorff; er schilderte in ergreifender Weise, wie Gott in dem großen Kampfe mit unsern Waffen gewesen und uns Sieg auf Sieg verliehen habe. Darum ihm vor allem Dank. Zur Er-