SchWernerMtung
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Mittwoch, den 16. Oktober
1895.
auf ^e „Schluchterner Zeitung" UHyt II werden noch fortwährend von allen y ■■■ -- Postanstalten undLandbriefträgern
sowie von der Expedition entgegen genommen.
Theorie und Praxis bei den Soziaidemokraten.
Der bisherige Verlauf des sozialdemokratischen Parteitags hat wiederum gezeigt, in welche Verlegenheit die Sozialdemokratie geräth, wenn es sich darum handelt, ihre Theorien in die Praxis umzusetzen. Genau dasselbe, was sonst den bürgerlichen Unternehmern zum Vorwurf gemacht wird, thut das sozialdemokratische Unternehmer- thum in der Praxis, und die Partei selbst als Unternehmerin in erster Reihe. Das ist im Parteitag nicht nur zugegeben, sondern auch lebhaft vertheidigt worden. Wie hat man nicht immer geeifert gegen die Akkord- und Nachtarbeit in jeder Form! Und trotzdem hat der Parteitag die Abschaffung der Akkordarbeit in den Parteibetrieben ausdrücklich abgelehnt, weil sich herausgestellt hat, daß Unternehmer und Arbeiter gleichmäßig den Schaden davon haben würden. In Hambnrg haben die einzelnen Setzer dadurch Hunderte von Mark eingebüßt, und das Geschäft selbst hatte, trotzdem die Einstellung der neuen Arbeiter durch Lohnherabsetzung der anderen ausgeglichen wurde, einen Schaden von Tausenden, weil die Arbeit weit weniger intensiv geleistet wurde. Man suchte die Bedeutsamkeit dieser Thatsache damit abzuschwächen, daß man, solange noch die bürgerliche Gesellschaft bestehe, auf das Konkurrenzinteresse Rücksicht nehmen müsse. Bei bürgerlichen Unternehmern wird dies Interesse aber keineswegs anerkannt, denen wird das, was die sozialdemokratische Partei für sich als Unternehmerin in Anspruch nimmt, als unentschuldbares Verbrechen angerechnet. Auch über die sonstige Behandlung der Arbeiter sind in sozialdemokratischen Betrieben die Klagen der Arbeitnehmer nicht minder lautrr als in nichtsozialdemokratischen Unternehmungen, es wird namentlich auch genau ebenso über Preisdrückerei geklagt. Auf dem Parteitag selbst konnte der Leiter des buchhändlerischen Verlages des „Vorwärts," Alex. Fischer-Berlin, den Vorwurf der Preisdrückerei bei der Herstellung der Parteibroschüren, nicht zurückweisen, er berief sich nur darauf, daß ihm vom vorigen Parteitag die billige Herstellung dieser Broschüren aufgegeben sei. Somit konnte eine Niedrig- haltung der Löhne, wie sie der bürgerlichen Gesellschaft immer als Ausfluß schnöder Gewinnsucht vorgehalten worden ist, in der sozialdemokratischen Gesellschaft mit einem ausdrücklichen Parteibeschluß gerechtfertigt werden. Genau derselbe Gegensatz zwischen Theorie und Praxis zeigte sich bei den Erörterungen über die Diälensrage für die besser situierten Parteigenossen, es fällt keinem ein, im Interesse einer Ausgleichung sich zu irgend einem Verzicht zu verstehen. Der sozialdemokratische Parteitag hat also für die in der Partei zu übende Praxis genau dieselben Grundsätze proklamiert, welche die Partei in der Theorie bekämpft, Verschiedenheit der Arbeitsart, der Arbeitszeit, des Arbeitsentgelts, hat auch die Gewinnsucht des Unternehmers als gutes Recht für die Partei ausgestellt^ obwohl diese sonst den Unternehmergewmn bekämpft, und dieser Unternehmergewinn der sozialdemokratischen Partei ist nicht etwa gering, wie die bedeutenden Ueberschüsse der Partei- unternehmungen und die im letzten Bericht erwähnte Kapitalanlage überflüssiger Parteigelder erweisen.___
Deutsches Reich.
Berlin. Der Jagdaufenthalt des Kaisers in Hubertus- stock in der Schor, haide erreichte am Montag sein Ende. Der Monarch begibt sich von dort direkt nach Wiesbaden, von wo die Weiterreise nach Kürzel bezw. Urville in Lothringen gegen Mitternacht erfolgt. Die Kaiserin tritt am Montag Nachmittag von Potsdam aus die Reise nach Wiesbaden an und fährt von dort gemeinschaftlich mit ihrem Gemahl nach dem Reichslandc.
— Ein Mitarbeiter der „Köln. Ztg.", der dieser Tage eine längere Unterredung mit dem Fürsten-Reichs- kanzler hatte, schreibt, daß er im Laufe dieser Unterredung auch an den Kanzler die Frage gerichtet habe, ob es wahr sei, daß regierungsseitig eine Ermäßigung des Zinsfußes für die vicrprozcntigen oder gar dreieinhalb prozentigen Reichs- und Staatskonsuls geplant sei. Fürst Hohenlohe verhehlte sein Bedenken gegen die Umwandlung nicht. Er sagte, die Frage könne unmöglich
i oom rein finanziellen Gesichtspunkte aus angesehen f noch Abgaben für die politische Gemeinde zu entrichten.
werden, es sei auch die wirthschaftliche und finanzpolitische Lage und nicht minder die sozialpolitische Wirkung einer solchen Maßregel in Betracht zu ziehen; wie lange die augenblickliche Geldfülle andauern werde, sei nicht zu übersehen, an der Börse fänden augenblicklich Preistreibereien statt, deren Förderung der Staat und das Reich jedenfalls unbedingt vermeiden müßten. Auch habe der Staat ein lebhaftes Interesse daran, daß zumal das kleinere Publikum seine Kapitalanlagen nicht in ausländischen Werthen, sondern in sichern heimischen Staatswerthen mache. Jede Zinsherabsetzung solcher Werthe schädigt zum mindesten für einige Zeit diese vornehmste Sicherstellung kleiner Ersparnisse. Vor allem aber sei der große sozialpolitische Gesichtpunkt für die Entschließungen der kaiserlichen Regierung maßgebend. Eine Herabsetzung des Zinsfußes für die schon ausgegebenen 4prozentigen Konsols treffe vielfach weitgehend den kleinen Mann, der auf Grund dieses Zinsertrages seiner Ersparnisse hoffe, einen ruhigen Lebensabend zu genießen und durch die Zinsherabsetzung in einer für ihn nicht wieder gutzumachende Weise in seinen einfachsten Lebensbedürfnissen beeinträchtigt werde. Wenn man im Reichstage es schon für ausgeschlossen erklärte, mit Rücksicht auf den kleinen Mann das Glas Bier oder die Pfeife Tabak mit einer wenn auch minimalen Steuererhöhung zu bedenken, so müsse eine Zinsherabsetzung an den mit schwerer Arbeit erzielten Ersparnissen erst recht unannehmbar sein. Zahlreiche Sparkassen hätten einen großen Theil ihrer Kapitalien in vier- prozentigen Anleihen angelegt; eine Herabsetzung des Zinsfußes dieser Anleihen müsse aber alsbald auch die Sparkassen-Verwaltungen zwingen, den Zinsfuß für die von ihnen verwalteten Ersparnisse der kleinen Leute herabzusetzen. Der Staat habe weit eher ein Interesse daran, gerade diese kleinen Kunden der Sparkasse durch einen leidlich hohen Zinsfuß zum regen Sparen an- zufeuern und damit die Kapitalbildung zu erleichtern. Nicht minder würde durch eine Zinsherabsetzung die gemeinnützige Thätigkeit der Stiftungen zum Schaden von Wittwen und Waisen gelähmt. Diese sozialpolitischen Nachtheile ließen sich durch die ausschließlich finanziellen Vortheile der Zinsherabsetzung nicht ausgleichen. Der Fürst erklärte, er könne ein angebliches Recht des Steuerzahlers auf eine solche Zinszahlung so lange nicht anerkennen, als nicht durchaus feststehe, daß der Zinsfuß dauernd gesunken sei. Hiervon seien wir indeß noch weit entfernt. Die Erklärungen des Reichskanzlers decken sich im Wesentlichen mit früheren Erklärungen des Flnanzminister und werden die stark gesunkenen Hoffnungen der von der Konversion Bedrohten neu beleben.
In Dresden fand dieser Tage die Vermählung einer Tochter des Erfinders Edison, der Miß Marion Eftelle Edison, mit dem Premierlieutenant Oeser aus Chemnitz statt. Miß Edison hat ihren jetzigen Gatten in dessen Heimatsorte Neusalza bei Löbau kennen gelernt, wo sie vor kurzem zum Besuch verweilte.
Leipzig, 11. Okt. Heute wurde, wie das „Leipziger Tageblatt" meldet, eine Entschädigungssumme von 100,000 Mk. im Auftrage der marokkanischen Regierung durch Vermittelung des Auswärtigen Amtes der Mutter des ermordeten Rockstroh ausbezahlt. Die Regelung der Entschädigungsansprüche der Firma, für welche Rockstroh reißte, steht noch bevor. — Zur Landesver- raths - Affaire wird aus Leipzig geschrieben: Bereits ist hier die Vorführung des aus Köln eingelieferten Luxemburger Ingenieurs Paul Schoren vor dem Reichsanwalt erfolgt. Sämmtliche Jnkul- paten befinden sich auch hier in strengster Jso lirung. Jeder Verkehr mit der Außenwelt ist absolut unterbunden. Ueber den Termin der Hauptverhandlung verlautet noch nichts Bestimmtes. Seitens der politischen Polizei ist ein geradezu erdrückendes Belastungsmaterial zusammengetragen, so daß an einer Verurtheilung Schoren's und seiner Mitschuldigen wohl kaum zu zweifeln ist. Der Fall Schoren wird also der erste Landesverrathsprozeß sein, welcher in dem neuen Reichsgerichtspalais zur Verhandlung gelangt. — Die Gemeinde Liebertwolkwitz bei Leipzig begeht in diesen Tagen ein Jubiläum eigener Art, wie es wohl nur sehr wenige Gemeinden je begehen. Es vollenden sich jetzt 20 Jahre, seit die Bewohner dieses Ortes keinen Pfennig Gemeindesteuern bezahlen. Es sind weder Kirchen-, noch Armen- und Schulsteuern,
Dies günstige Verhältniß ist den guten Erträgen der Sparkasse zu danken, die bei vortrefflicher Leitung auch ferner Steuerfreiheit für die Ortsbewohner gewährleistet. — Vor Kurzem manövrirte sächsisches Militär in der Gegend von Bautzen. Eines Tages kommen Quartiermacher zu dem Besitzer der Untermühle in Malschwitz und kündigen ihm an, er werde einen Feldwebel, einen Oberjäger und einen Gefreiten in Quartier bekommen. Der Mühlenbesitzer erklärt, er werde die Einquartirung mit Vergnügen empfangen und gut aufnehmen. Aber er halte sich verpflichtet, zu sagen, daß er Sozial- demokrat sei und viele sozialistische Schriften besitze. Die Quartiermacher sahen ihn etwas betreten an, und nächsten Tages — blieb die Einquartierung aus.
Mühlhausen i. Thür., 8. Okt. Ueber einen durch die Eltern an ihrem eigenen Kinde verübten Giftmord- versuch geht dem „Mühlh. Anz." folgende Mittheilung zu: Gestern Mittag versuchte der Arbeiter Karl Hohlstein von hier im Einverständniß mit seiner Frau sein 5 Monate altes Kind durch Einflößen von Salzsäure zu vergiften. Durch das fürchterliche Geschrei des Kindes wurden die Mitbewohner des Hauses auf die Begehung dieses Verbrechens aufmerksam und brachten es zur Anzeige. Beide Eheleute wurden sofort in Haft genommen und in das Gerichtsgefängniß überführt. Der Mann ist geständig und will die Schuld auf seine Frau wälzen, da sie ihn hierzu gedrängt habe, um die Last des Kindes los zu werden. Das Kind ist unterdessen im Landkrankenhause gestorben. (Ein schönes Elternpaar, das unschädlich gemacht zu werdenverdient!)
Aus dem Anhaltischen, 11. Okt. In Mühlstadt bei Roßlau brannten vor mehreren Monaten die Besitzungen von vier Einwohnern, darunter auch die des Ortsschulzen nieder; als Brandstifter wurde ein Knecht Scherz ermittelt und vom Dessauex Schwurgerichte zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurtheilt. Nachträglich hat sich herausgestellt, daß Sch. sich im Besitz von zwei Sparkassenbüchern mit verhältnißmäßig hohen Beträgen befindet, wie sie der Mann unter gewöhnlichen Verhältnissen niemals hätte erwerben können. Bei nachträglicher Vernehmung hat Sch. gestanden, daß er diese Summe von den vier Abgebrannten gewissermaßen als Prämie für seine Brandstiftung bekommen hat. Die weitere Folge ist nun, daß jene Vier verhaftet wurden und nunmehr ihrer Bestrafung wegen Verleitung zur Brandstiftung und zum Meineide entgegensehen.
Aus Köln wird geschrieben: „Ein fast neues Zwei- rad billig zu verkaufen," annoncierte ein hiesiger Wirth. Seine Gäste meinten, daß er die Maschine so bald nicht los sein dürfte, weil der Winter vor der Thür stehe. „Ich wette," rief der Wirth, „nach dieser Annonce werde ich es schon los." Und er hatte Recht. Alsbald erschien ein junger Mann, besah sich mit Kenner- blicken das Vehikel und fand den geforderten Preis nicht zu teuer, wenn sich die Maschine gut fahren lasse. „Bitte, versuchen Sie," antwortete der Wirth. Der junge Mann schwang sich auf das Stahlroß, fuhr erst langsam und bedächtig, dann immer schneller, bis er ganz verschwunden war — und blieb.
In Bocholt, im preußischen Regierungsbezirk Münster, ist am Mittwoch Abend der Neubau der Beckmann'schen Spinnerei eingestürzt. 40 Arbeiter wurden unter den Trümmern begraben. Zur Hilfeleistung ist Militär aus Wesel mittelst Sonderzuges eingetroffen. 10 Todte und 9 Verwundete sind bis jetzt herausgeschafft, die noch Vermißten dürften nicht mehr lebend geborgen werden. — Nach zuverlässigen Ermittelungen liegen unter den Trümmern der Bocholter Spinnerei noch 14 Todte. Es sind im ganzen also 25 Personen um's Leben gekommen und 9 schwer verletzt worden. Die Aufräumungsarbeiten sind äußerst schwierig und schreiten nur sehr langsam fort. Die meisten der Verschütteten sind todt und die lebend aus den Trümmern geborgenen werden wohl kaum dem Leben erhalten werden können. — Wie der „Kölnischen Volksztg." gemeldet wird, wurden in Bocholt der Spinnereibesitzer Beckmann und der Bauunternehmer Hülkskamp verhaftet.
Ausland.
Paris. Vom Feldzug auf Madagaska. Ob die Ankunft des Generals Duchesne in Tananarivo — die