SchlüchternerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
^L 84. Samstag, dw 17. Oktober 1896. 47. Jahrgang.
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sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Ueber die Manöver im nächsten Jahre ist zwar noch keine kaiserliche Entscheidung getroffen, doch wird militärischerseits es als wahrscheinlich Hin- gestellt, daß zu den nächstjährigen Kaisermauövern die Truppen des 7., 10. und 11. Armeekorps herangezogen werden, und daß, da das 11. Armeekorps 3 Divisionen hat, die großherzoglich hessische (25.) Division mit der 7. Division vom 4. Armeekorps, dessen 8. Division in diesem Herbst an den Manövern bei Bautzen theilnahm, ein besonderes Armeekorps bilden wird.
— Ueber das Befinden des Fürsten Bismarck waren in den letzten Tagen ungünstige Nachrichten verbreitet. Die „Hamb. Nachr." melden dazu: Eine Aenderung im Gesundheitszustände des Fürsten ist eigentlich nicht eingetreten. Er leidet seit 1879 an demselben Uebel .der Neuralgie, nervösen Gesichtsschmerzen, und es war kaum zu erwarten gewesen, daß diese mit den Jahren besser werden würden. Die Intensität der Schmerzen ist wesentlich mit von der Witterung abhängig und in diesem kühlen und feuchten Jahre sind sie besonders unbequem gewesen. Die Schlaflosigkeit, an welcher der Fürst mitunter leidet, ist kein selbständiges Uebel, sondern Ergebniß der genannten Schmerzen, welche ihn hindern, zu schlafen, so lange sie lebhaft sind. Es ist nach menschlichen Verhältnissen natürlich, daß mit hohem Alter auch Altersschwächen eintreten.
Köln, 15. Oktober. Hier verbreitet sich seit den Morgenstunden das Gerücht, ein mit Rekruten besetzter Extrazug sei in der Saargegend entgleist, wobei angeblich eine große Anzahl Rekruten verwundet und etwa 50 getödtet seien. Aus der Eifel angekommene Eisenbahnschaffner bestätigen diese Nachricht. Auch sollen Telegramme der gestern abgefahrenen Rekruten desselben Sinnes an hiesige Eltern gelangt sein. Erkundigungen an hiesiger maßgebender Stelle ergaben, daß noch keine Bestätigung vorliegt, wohl aber aus verschiedenen rheinischen Provinzstädten bezügliche telegraphische Anfragen gekommen seien.
Darmstadt, 12. Oktober. Es wird gemeldet, die hiesige evangelische Stadtgeistlichkeit habe die Theilnahme an dem Empfange des Zaarenpaares und die evangelischen Kirchcnchöre ihre Mitwirkung an der Serenade im Hinblick auf den seiner Zeit erfolgten Uebertritt der russischen Kaiserin zum russisch-orthodoxen Glauben abgelehnt.
Mannheim, 12. Oktober. Ein recht unliebsames Vorkommniß, das viel böses Blut verursacht, hat sich hier zugetragen. Ein Sergeant und ein Gefreiter waren beauftragt worden, einen in Duisburg festgenommenen, von hier gebürtigen Pionier des Kehler Pionierbataillons vom Bahnhof in das Militärgefängniß zu verbringen. In der Breitenstraße, bekanntlich die Hauptverkehrsstraße unserer Stadt, ging der Deserteur flüchtig. Der Sergeant und der Gefreite gaben — es war Abends halb 10 Uhr — auf den Fliehenden zwei scharfe Schüsse ab, ungeachtet des starken Verkehrs, der noch um diese Zeit in der Straße herrschte. Einem Passanten flog eine Kugel dicht am Ohr vorbei. Getroffen wurde glücklicherweise Niemand. Einem Civilisten gelang es, den Deserteur festzuhalten. Die Untersuchung ist eingeleitet.
Karlsruhe i. Baden, 12. Oktober. Im Safe „Tannhäuser" erstach in der vergangenen Nacht der Lieutenant Hennig v. Brüsewitz vom hiesigen Grenadierregiment den Mechaniker Siebmann. Eine Vernehmung Siebmanns, der aus Altendorf bei Essen stammt, war nicht möglich, da er sofort bewußtlos war. Der Lieutenant v. Brüsewitz behauptet, von Simbach geohrfeigt worden zu sein. Nach anderen Meldungen handelte es sich um einen Wortwechsel aus geringfügiger Ursache. Die „Badische Landes-Zeitung" meldet darüber: Siebmann kam mit zwei Damen in das Lokal und stieß aus Versehen an den Stuhl des Lieutenants von Brüsewitz, ohne sich zu entschuldigen. Als Brüsewitz verlangte, Siebmann solle ihn um Entschuldigung bitten, antwortete S., er solle ihn in Ruhe lassen. In größter Aufregung sprang nun Brüsewitz auf und ging mit gezücktem Säbel auf Siebmann loS. Nur durch das «nergtsche Eingreifen des Wirthes und des Kellners
wurde ein Unglück im Lokal verhütet. Als Siebmann darauf in den Hof ging, sprang Brüsewitz auf und rief: „Ich bin in meiner Ehre tödtlich verletzt und muß mich rächen, oder ich muß den Dienst quittiren!" Der Wirth vertrat ihm jedoch den Weg und verhinderte ihn, in den Hof zu gehen. Hierauf nahm Brüsewitz seinen Mantel und seine Mütze und entfernte sich durch den Ausgang zu der Karlsstraße hin, um gleich darauf von der Seitenstraße her durch das Gase in den Hof zu gehen. Dort traf er den Siebmann, der unter dem wiederholten Rufe, Brüsewitz möge ihm doch verzeihen, sich zu der hinteren Thür des Hofes flüchtete, wo ihm der Offizier ohne Weiteres den Säbel durch den Leib rannte. Der schwer Verletzte wurde darauf in ein Zimmer verbracht, wo er einige Stunden später seinen Geist aufgab. Dies ist der Thatbestand. Von einer Ohrfeige, die der Offizier bekommen haben soll, wissen die Augenzeugen absolut nichts. Der Offizier ist bis jetzt noch nicht verhaftet.
Aus dem Elsaß. In der Absicht, nach Frankreich zu deserttren, verließ vor 14 Tagen in Mörchingen in Lothringen ein Soldat der 7. Kompagnie des Infanterie- Regiments Nr. 17 die Kaserne. Er langte des Morgens müde im Dorfe M. des französischen Kantons Delme an und begab sich ins Pfarrhaus, wo er dem Pfarrer seine Noth klagte und ihn um Unterstützung anflehte, da er nach Frankreich flüchten und sich für die Fremdenlegion melden wolle. Der Pfarrer, den das Schicksal des Soldaten sichtlich rührte, suchte, da er des Deutschen nicht genügend mächtig war, mit Zuhilfenahme eines Dolmetschers den Unglücklichen von seinem Schritte abzubringen und zur Rückkehr in seine Garnison zu bewegen, indem er ihm die traurigen Aussichten, die ihm in der Fremdenlegion winkten, vor Augen führte und besonders hervorhob, daß er als Westfale sich nicht auf viele Jahre die Rückkehr in die Heimath unmöglich machen solle. Der Soldat begriff auch den wohlgemeinten Rath des Pfarrers, aber die Furcht vor einer empfindlichen Strafe machte ihn schwankend. Darauf erbot sich nach der „Lothr. Pr." der Pfarrer, ihm ein ein Schreiben an seinen Kompagniechef mitzugeben, worin dieser um nachsichtige Behandlung des reuig Zurückkehrenden gebeten wurde. Der Soldat nahm das Anerbieten dankend an und trat nach empfangener Stärkung den Rückweg nach Mörchingen an. Wenige Tage nachher langte ein sehr schmeichelhaftes Dankschreiben von dem Kompagniechef bei dem Pfarrer an.
Miiuchen, 15. Oktober. Im Münchener Frauen- mordprozcß wurde das Urtheil gesprochen. Die Geschworenen erklärten den Angeklagten Berchtold sämmtlicher Delikte, die ihm zur Last gelegt waren, insbesondere des dreifachen Raubmords schuldig. Der Gerichtshof sprach demgemäß die Verurtheilung zur Todesstrafe aus.
Ausland.
Wie in Petersburg verlautet, sind die Verhandlungen über eine neue russische Anleihe von 1200 Mill. (3 '/^prozentig) in Paris beendet. Die Rothschildgruppe übernehme die Emission nach der Rückkehr des Zares. — Die Franzosen können nun zeigen, was ihnen ihre „Begeisterung" in baar werth ist.
Madagaskar. Einem Berichte des norwegischen Missionars Dr. Borchgrevink, des Vorsitzenden der Missionskonferenz in Tananrivo, entnehmen wir, daß die Kriegsunruhen auf Madagaskar die Missionsarbeit im allgemeinen nicht gehindert haben. Im Jahre 1895 haben die Norweger dort rund 3000 Madagassen taufen können. Am meisten bedroht ist diese protestantische Mission jetzt von den französischen Jesuiten, die sich nicht scheuen, dem Volke weiß zu machen, daß alle diejenigen Christen, die nicht zu den Jesuiten halten, von den französischen Gewalthabern als Aufrührer angesehen werden.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 16. Okt.
* — Der Herr Gerichtsassessor Mumm von hier ist für die Zeit vom 1. November 1896 bis Ende Oktober 1897 als Hülfsrichter beim Amtsgericht in Gladenbach bestellt worden.
* — In vergangener Nacht zwischen 1 und 2 Uhr entlud sich über die hiesige Gegend ein starkes Gewitter — eine Seltenheit für diese Jahreszeit.
* — Der letzte des bekannten Wucherer-Kleeblatts Sommer von Crainfeld, der Handelsmann Feist Sommer,
wurde vorgestern vom Schwurgerichte zu Gießen nach dreitägiger Verhandlung zu drei und ein halb Jahre Zuchthaus verurtheilt und kann nun seinem Sohne daselbst Gesellschaft leisten. Im Vogelsberg aber hofft man, daß es jetzt noch anderen Ehrenmännern gleicher Sorte an den Kragen gehen und damit einer Landplage der Garaus gemacht wird.
* — Wie aus der Bekanutmachung im heutigen Annoncentheil zu ersehe», hat der Militär-, Jnvalidcn- und Anwärter-Verein Fulda und Umgegend auf kommenden Sonntag, den 18. d. Mts., Nachmittags 3 Uhr, in der „Harmonie" in Fulda eine Generalversammlung einberufen, in welcher die neue Petition der Militär-, Invaliden und Anwärter Deutschlands an den Reichstag bekannt gegeben und unterschrieben wird.
* — Wüste Ländereien zu Obstanlagen. Professor Meynard folgert aus der Thatsache, daß starkwüchsige Aepfelbäume, welche man sehr häufig auf rauhem, steinigem, unkultiviertem Boden findet und deren Früchte sich durch schöne Farbe und aromatischen Geschmack auszeichnen, ein hohes Alter bei guter Fruchtbarkeit erreichen, daß Tausende und Abertausende von Hektaren solchen Landes für andere Kulturen oft ganz nutzlos sind, es sei denn für die wenig rentierende Forstwirthschaft. Wenn solche Ländereien richtig behandelt, ähnlich wie ein solches in der Schrift „Reiche Obsternten" von I. C. Schmidt geschildert ist, und besonders mit Aepfeln, Kirschen und Pflaumen bepflanzt, würden sie dem Unternehmer schon nach wenigen Jahren einen reichen Gewinn von vielen tausend Mark einbringen. Die Anlage dürfte allerdings nicht in zu kleinem Maßstabe begonnen werden. Von einer Ueberproduktion an Obst kann vor dem nächsten Vierteljahrhundert gar keine Rede sein, da erst noch viele, viele Millionen von Obst- bäumen gepflanzt werden müssen, ehe dieses eintreten kann. Die frühesten und spätesten Kirschen, frühesten Pflaumen und späte Winteräpfel sind die für große Anpflanzungen am besten rentierenden Sorten.
Hanau, 14. Oktober. Das Schwurgericht Der« urtheilte gestern den Landwirth Friedrich Sauer von Rührig wegen verbotener Jagdausübung und wegen Todtschlag zu 8 Jahren 1 Monat Zuchthaus und 5 Jahren Ehrenverlust. Sein Bruder Georg erhielt wegen Jagdvergehens 3 Monat Gefängniß. Die Brüder Sauer gingen am Sonntag, den 14. Juni, Morgens 4 Uhr auf die Jagd, durchstreiften den ganzen Tag die Wälder und schössen auch zwei Rehgeisen, die sie mit- schleppten. Abends gegen 10 Uhr bei ihrem Rückgänge wurden sie von den Förstern Herrmann und Bellmann in der Nähe des Dorfes ertappt. Herrmann faßte den Friedrich, sie fielen zu Boden und hierbei brächte Friedrich Sauer dem Förster, der auf ihm lag, vier Schüsse bei. Herrmann ist in Folge Verblutung gestorben und hinterläßt Frau und 4 Kinder. Die Verhandlung dauerte bis Nachts 11 V< Uhr bei großem Andrang des Publikums.
Hanau, 13. Oktober. In dem benachbarten Dorfe Kilianstädten wurde der 56 Jahre alte Drescher Bonifacius Müller von Flieden, welcher bei einem dortigen Landwirth arbeitete, am Montag Morgen in einem Stalle, wo er genächtigt hatte, todt aufgcfnnden. Die Leiche wies mehrere mit einem Taschenmesser beigebrachte Stiche, sowie eine Wunde am Kopfe auf, welch' letztere wahrscheinlich mit einem bei der Leiche aufgefnudencn eisernen Riegel beigebracht worden ist. Der Schwager des Ermordeten und dessen Sohn, die beide mit in dem Stalle geschlafen, sind der That dringend verdächtig und bereits in Verhör genommen und der jüngere verhaftet worden. Die eingeleitete Untersuchung wird Näheres ergeben.
Frankfurt. Im hiesigen Orpheum tritt gegenwärtig ein Riese Wilkins auf. Derselbe ist 2,45 Meter groß und hat ein Körpergewicht von 386 Pfund.
Cassel, 12. Oktober. Se. Hoheit, Landgraf Alexis von Hessen - Philippsthal - Barchfeld, Generallieutenant ä In Suite der Armee, vormals Oberst im Kurfürstlich hessischen 1. Leib-Husaren-Regiment, beging gestern in Herleshausen die Feier des Tages, an welchem er vor 50 Jahren in die Armee eintrat.
Allendorf a. W., 10. Oktober. Kürzlich wurde in Reinhausen bei Göttingen eine Postkarte aufgegeben, welche trotz folgender höchst fragwürdiger Adresse seitens der Post nach hier in die richtigen Hände befördert wurde. Die Adresse lautete: „An die beiden Herren