SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt« vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
M 15.
Samstag, den 20. Februar 1897.
48. Jahrgang.
übftdhttfrtMt °“f bte »Schlüchterner Zeitung" ^vpiVUUUyOl werden noch fortwährend von allen ^ "=_ —! Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 18. Febr. Auf dem L-ubscriptionsball im königlichen Opernhause, der wie immer glänzend verlief, erschien das Kaiserpaar um 9V< Uhr und blieb bis 10 ‘/a Uhr. Der Kaiser betrat auch die Loge der Botschafter, die vollzählig erschienen waren, und verweilte daselbst über eine halbe Stunde. Allgemein fiel es auf, daß der Kaiser zuletzt den türkischen Botschafter auf den Corridor hinausführte und dort einige Minuten unter vier Augen mit ihm sprach.
— Die Generalversammlung des Bundes der Land- wirthe in Berlin war auch in diesem Jahr wieder außerordentlich stark besucht. Die Anzahl der Anwesenden mochte etwa 5000 betragen. Nach einer in sehr entschiedener Sprache gehaltenen Einleitungsrede des Vorsitzenden des Bundes Dr. von Plötz, die in einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser ausklang, den mächtigen Schirmherrn der Landwirthschaft, dessen Erklärung, den Landwirthen müsse geholfen werden, mehr werth sei, als alle Versprechungen der Regierung, ergriff Direktor Suchsland das Wort, um die Geschäftslage des Vereins darzulegen. Aus dem Bericht ging hervor, daß der Bund über 184000 Mitglieder zählt, von denen 3 Prozent dem Handels- und Gewerbestande und 4 Prozent dem Handwerkerstände angehören. Dr. Ruhland sprach alsdann über das neue Börsengesetz. Daß bei der heutigen Lage, so führte Redner aus, dem Mittelstände nicht zu helfen sei, wäre durchaus verkehrt. Gerade für die deutschen Verhältnisse läge vielmehr in der Hebung des Mittilstandes die Lösung der sozialen Frage. Auch der zweite Referent Dr. Diedrich Hahn äußerte sich zum Börsengesetz, indem er u. a. die freien Vereinigungen als eine direkte Umgehung deS Gesetzes bezeichnete. WaS die freie Vereinigung zum Schutze gegen agrarische Uebergriffe anlange, so sei diese lediglich dazu da, um die kleinen Landwirthe gegen den Bund aufzustacheln. Das wird jedoch kaum gelingen, denn wenn der deutsche Bauer höre, daß er zum Schutz der Börse inS Feuer geführt werden solle, werde er sich dafür bestens bedanken. In einer alsdann einstimmig angenommenen Resolution wird die Regierung aufgefordert, wirksame Schritte zu thun, um dem Börsengesetz volle Geltung zu verschaffen und die offenkundigen Ueber- tretungen deS Gesetzes wirksam zu verhindern. Dr. Roesickc sprach alsdann über die Absperrung der deutschen Grenzen gegen die Einschleppung der Viehseuchen vom Auslande, worauf eine Resolution zur Annahme gelangte, welche einen wirksamen Grenzschutz durch Viehsperre ;c. fordert. An diese Vorträge schloß sich eine längere Diskussion, in welcher die Solidarität von Handwerk und Landwirtschaft betont wurde. Abg. Liebermann von Sonnenberg äußerte sich über die Börse. Redner schloß mit einem lebhaft aufgenommenen Hoch auf den Fürsten Bismarck. Nach weiteren minder wichtigen Ausführungen einzelner Mitglieder der Bundes schloß der Vorsitzende Abg, Dr. von Plötz die Generalversammlung des Bundes der Landwirthe mit einem stürmisch aufgenommenen Hoch auf den Kaiser.
— Ein allgemeiner Verband der Bahnhofsrestaurateure Deutschlands ist in Bildung begriffen. Gleichzeitig sollen in den einzelnen Bezirken Einkaufsgenossenschaften, nach Art der Beamten-Cosumvereine, zur billigeren Deckung der Bedürfnisse der Bahnhofswirthschaften ins Leben gerufen werden.
Elberfeld. Wegen Verdachts der Steuerhinterziehung wurde bei den Schraubenfabrikanten Gebrüder Bauer in Cronenberg bei Elberfeld eine mehrstündige Durchsuchung vorgenommen, an der sich ein Regierungskommissar, der Landrath, der Kreissckretär und der Bürgermeister von Cronenberg betheiligten. Die Durchsuchung nahm nicht weniger als 4's, Stunden in Anspruch. Während derselben waren alle Ein- und Ausgänge durch Gendarmen besetzt, Niemand wurde Heraus- oder Hincingelassen; selbst ein Arzt, der zufällig anwesend war, mußte dort bleiben, ebenso die 300 Arbeiter der Firma, die somit drei Stunden später zum Mittagessen kamen (!!) Die Untersuchung hatte das Ergebniß, daß zwei Kisten voll Bücher und Schriften beschlagnahmt und nach dem Bürgermeisteramt befördert wurden, Die
Aufbietung von bewaffneter Macht und die völlige Absperrung der Fabrik- nnd Geschäftsräume erregten natürlich großes Aufsehen. (Köln. Volksztg.)
Ausland.
Holland. Ueber die schon so oft angeregte Angelegenheit der Trockenlegung des Zuider-Sees in ^ollanb liegen jetzt wiederum einige interessante Aeußerungen seitens der von der niederländischen Regierung für diese Angelegenheit eingesetzten Kommission vor. Hiernach würden die Arbeiten 31 Jahre in Anspruch nehmen, jedes Arbeitsjahr würde aber 1000 Hektar Ackerboden liefern; es würde sich die Anlage eines Dammes nothwendig machen, der, 48 Kilometer lang, das äußerste Ende von Nordholland mit der westfriesischen Küste verbinden müßte. Dieser Damm würde unten 36 Meter Dicke, bei 6 Meter Höhe, zu erhalten haben und 9 Jahre zu seiner Herstellung erfordern. Die Kosten des ganzen Unternehmens würden etwa 520 Millionen Mark betragen, der gewonnene Ackerboden aber ziemlich ebensoviel werth sein.
— Ueber die Kämpfe auf und um Kreta verlautet des weiteren, daß trotz der Besetzung Kaneas durch europäische Truppen die griechischen Korps Kreta für annektirt erklärten. In Griechenland ist die gesammte Armee bis auf geringfügige Reste mobil gemacht worden, die Bevölkerung ist geradezu kriegstoll und hat Besonnenheit und Ueberlegung schon längst verloren. Ein Konflikt ist unter diesen Umständen kaum vermeidlich. Auch in Thessalien wächst die Kriegsgefahr. Von griechischer Seite sind schon seit Wochen wohlorganisierte Banden an der türkisch-griechischen Grenze konzentrirt worden; trotz aller Vorstellungen der Mächte scheint sich nun auch von feiten der Türken dort eine Bewegung geltend zu machen, die weniger auf Betreiben der Regierung in Konstantinopel, als auf den stürmischen Drang der muselmännischen Bevölkerung zurückzuführen ist, an den Griechen Vergeltung zu üben wegen deren freventlichen Bruchs deS Völkerrechts. Auf Kreta selbst wird den vermittelnden europäischen Mächten die Lösung ihrer Aufgabe, die kämpfenden Partheien zu trennen und Ruhe und Ordnung auf der Insel wiederherzustellen, durch die von den Christen daselbst eingenommene feindselige Haltung außerordentlich erschwert. — Die Besetzung der festen Plätze auf Kreta ist in der Weise erfolgt, daß Kanea von einem aus 100 Russen, 100 Franzosen, 100 Engländern, 100 Italienern und 50 Oesterreichern bestehenden Detachement besetzt wurde. Das Detachement wird von einem italienischen Offizier befehligt. Ein zweites Detachement von derselben Stärke und der gleichen Zusammensetzung unter dem Befehl eines französischen Offiziers hält sich zur unverzüglichen Landung bereit. Die Flaggen der genannten fünf Mächte wehen auf den Wällen der Stadt Kanea. Deutschland hat keine eigene Vertretung auf Kreta, seine Interessen werden vielmehr von Oesterreich mit wahrgenommen, ebenso verfügt es erst über eine bewaffnete Macht auf Kreta nach der Ankunft der „Kaiserin Augusta". Deutsche Soldaten sind also bisher an den Kämpfen um Kanea nicht be» theillgt.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 19. Februar.
— Wichtig für Gastwirthe. Am Geburtstage des Kaisers war von einem Vereine zu Liegnitz ein Commers veranstaltet worden, bei welchem schließlich, wenn auch nur in. der Gaststube, getanzt wurde. Da es sich nicht um ein ausgesprochenes Tanzvergnügen handelte, bezahlte man auch keine Tanzsteuer. Doch hinterher wurde dem Gastwirth eröffnet, daß er 10 Mark Lustbarkeitssteuer zu bezahlen habe, weil bei dem Commers getanzt worden sei und davon ja auch in den Zeitungen gestanden habe. Der Vorsitzende hatte nämlich in seinem Festberichte den Tanz erwähnt. Wohl oder übel mußte die Steuer bezahlt werden.
* — Von besonderem Interesse für Militärs und Radfahrer dürfte die zum ersten Mal erfolgende Bildung eines Pionier-Radfahrer-Detachements sein. In der Ordre de Bataille für die im Herbst beim 11. Armee« korps aufzustellende Kavallerie-Division, welche sowohl besondere Kavallericübungen unternimmt, als auch zur Theilnahme an den Kaisermanövern des 8. und 11. Armeekorps gegen das bayerische Heer bestimmt ist, hat man auch ein Detachement des hessischen P.onier-
Bataillons Nr. 11 vorgesehen, welches aus einem Offizier und 60 Mann auf Fahrrädern bestehen wird.
— r Salmünster. — Am vergangenen Sonntag hielt der patriotischen Männer-Verein zu Salmünster in den geschmackvoll decorirten Räumen des Gasthofs „Zum Engel" seinen alljährlichen Ball ab. Zur Einleitung konzertirte die Kurkapelle aus Orb, welche durch ihre vorzügliche Leistung alle Anwesenden sehr befriedigte. Nachdem Herr Forstaufschcr Bergmann im Namen des Vereins die erschienenen Gäste begrüßt hatte, hielt Herr Amtsrichter Rohde eine Ansprache, in welcher er daS Gelingen des Festes, sowie die hierbei herrschende gemüthliche Stimmung besonders hervor hob. Zur Verschönerung des Abends wurden einige sehr schöne Gedichte von Herrn Bauer-Soden in vorzüglicher Weise vorgetragen. — Erst am andern Morgen ging man mit den Bewußtsein nach Hause, wieder um einen vergnügten Abend reicher zu sein.
Ulmbach, 16. Fcbr. $ier hatte sich vor zwei Jahren der praktische Arzt Dr. Klein niedergelassen. Anfangs dieses Jahres hatte er seinen Wohnsitz nach Soden-Stolzenberg verlegt. Da gleichzeitig dortselbst sich auch Herr Dr. Salditt niedergelassen hatte, so hat Herr Dr. Klein eine Stelle in Bonn a. Rhein angenommen, welche er dieser Tage antritt.
Rückers bei Flieden, 17. Febr. Mit Beginn deS Frühlings erhält unser neuerbautes herrliches Gotteshaus, welches im Jahre 1893 durch den verstorbenen Herrn Bischof Dr. Joseph Weyland von Fulda feierlichst die kirchliche Weihe erhielt, die nothwendige innere Ausstattung, wie Altäre, Orgel und Kanzel. Die betreffenden Aufträge sind bereits tüchtigen Meistern übergeben.
Fnlda, 16. Februar. Vom Abg. Herrn Dasbach geht der Fuld. Ztg. folgende Mittheilung zu: „Soeben erfahre ich, daß eine Milderung in den Maßregeln, welche zur Abwehr der Maul- und Klauenseuche getroffen sind, eingetreten ist. Es wird in Zukunft nicht mehr wie bisher in Folge eines Ausbruches der Seuche ein ganzer Kreis gesperrt werden, sondern nur ein kleineres Gebiet. Ferner soll zur Ausstellung der Zeugnisse, daß die Thiere frei von Seuche sind, nicht blos der Krcisthierarzt. sondern auch jeder andere Thierarzt befugt sein. Endlich wird angeordnet, daß die Kreisthierärzte öfters im Monat Rundreisen durch den Kreis machen und die Orte, nach denen sie reisen, bekannt gemacht werden sollen; jeder Kreiseingesessene hat das Recht, ihnen auf diesen Reisen seine Thiere zur Untersuchung vorzuführen, und diese Untersuchung geschieht unentgeltlich."
Bebra, 17. Febr. Gestern Morgen verunglückte zwischen Hier und Hönebach der Heizer Fischer, (als selbiger den nach Gerstungen fahrenden Verbandszug mit fuhr. Unterwegs bemerkte Fischer, daß etwas nicht in Ordnung sei, bückte sich hinaus, als eine leer ihrem Zuge entgegenfahrende Maschine vorbeikam, und ihm eine erhebliche Verletzung am Kopfe beibrachte. Schwer verletzt und besinnungslos wurde er mit nach Gerstungen genommen, woselbst er, als man ihn mit dem Personen- zug um */ü7 Uhr nach Bebra zurückbringen wollte, bereits seinen Verletzungen erlegen war.
Eschwege. In Uebereinstimmung mit dem Zentral« Vorstand und dem Kommando der freiwilligen Turner- Feuerwehr Eschwege ist, wie die „Cass. A. Ztg." schreibt, der XL Feuerwehrtag des Verbandes für den Regierungsbezirk Cassel auf den 10.—12. Juli in Eschwege festgesetzt worden. Mit dem Feuerwehrtage soll, wie früher eine Ausstellung von Feuerlösch- und Rettungsgeräth- schaffen verbunden werden.
Witzenhausen, 16. Februar- Ein sehr bedauerliches Mißgeschick passirte dem hiesigen Bierverleger L. Als derselbe am Freitag mit einem Schlitten im kleinen Trab durch die Entengasse fuhr, flogen plötzlich eine Anzahl Gänse vor und neben dem Schlitten auf, wovon eine sich sogar auf dem Rücken des Pferdes niederließ und furchtbar zu flattern anfing. Hierdurch wurde das Pferd scheu und ging durch. Unglücklicherweise rissen dem Geschirrlenker auch noch die Zügel, so daß er die Gewalt über das Pferd verlor, das nun den Schlitten umwarf, wobei Herr L. gegen die Rathhausmauer flog und sich mehrfache Verletzungen zuzog.
Kassel, 16. Februar. Von der Glücksgöttin sind zwei hiesige, in geringen Verhältnissen lebende Hand« werker reich bedacht worden. Dieselben gewannen nämlich 45000 Mk. in der preußischen Lotterie. — Ein Ein-