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MüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 19

Samstag, den 6. März 1897.

48. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser hielt in Kiel an die Rekruten eine Ansprache, in welcher er auf den Untergang des Iltis" zu sprechen kam. Die Nachricht von dem heldenmülhigen Verhalten der Besatzung habe seinem Herzen wohl gethan. Er erachte diese That gleichwerthig mit einer siegreichen Schlacht, sie habe die Bewunderung aller Welt hervorgerufen und gereiche der ganzen Marine zur hervorragenden Ehre. Er ermähne die Rekruten zur Nacheiferung in und außer dem Dienst. Nach Be­endigung der Vereidigung fuhr der Kaiser mit dem Prinzen Heinrich zur Werft und besichtigte den Panzer Ersatz Friedrich der Große", dann begab er sich in das Kasino.

Der Besuch des Kaisers auf der Wartburg zu den Auerhahnjagden wird in diesem Frühjahr gegen Ende April erwartet.

Der Kaiser hat auf Vorschlag des Herrenmeisters des Johanniterordens, durch das Ordenskapitel zu Ehrenrittern des Johanniterordens ernannt aus dem Regierungsbezirk Cassel: den Landrath Freiherr v. Dal- wigk zu Lichtenfels zu Hünfeld und den Regierungs Assessor v. Eschwege zu Cassel.

Für Zuschauerplätze zur Enthüllungsseier des Nationaldenkmals werden Preise gezahlt, wie man sie in Berlin bisher noch nicht kannte. Ein Unternehmer zahlt, Berliner Blättern zufolge, für eine halbe Etage im Rothen Schloß, die er für den 22. März gemiethet hat, 8000 Mk.; für die Hälfte der dritten Etage sind 3500 Mk. bewilligt worden. Einzelne Fenster im Rothen Schloß sind für 800 Mk. bereits vermiethet worden. Für einzelne Plätze an den Fenstern werden 100 Mk. geboten, jedoch 200 Mk. verlangt. Da die Lage des Denkmalsplatzes nur Plätze für verhältnismäßig wenige Zuschauer bietet, so dürften wahrscheinlich diese Preise sich noch erheblich steigern. Es sind namentlich Auswärtige, die diese Plätze begehren und die oben erwähnten Preise zahlen.

Vor einiger Zeit wurde dem Augenarzt Dr. Buchholtz in Siegen ein 13jähriger Knabe zugeführt, welcher blind geboren war, bei dem aber doch die Hoffnung nach Lage des Falles begründet war, durch eine Operation das Sehvermögen zu wecken. Nach sorgfältiger Beobachtung des Knaben entschloß sich genannter Arzt zu einem operativen Eingriff, welcher überraschend gut gelang, dem Kinde plötzlich das Sehvermögen gab und chm eine ganz neue Welt, die es bisher nur in der Vorstellung kannte, vor die Seele stellte. Tiefrührend soll nach derSieg. Ztg." der Augenblick gewesen sein, als der Knabe seine Eltern, die er bisher nur an der Sprache erkannte, nun auch von Angesicht sehen konnte und ihnen voll Freude an die Brust sank. Die Heilung des operierten Auges nimmt einen guten Verlauf sobald dieselbe vollendet ist, soll die Operation des andern Auges vorgenommen werden.

In Gera gab es kürzlich, wie derVogtl. Anz." erzählt, einen gefährlichen Auflauf. Ein Fuhrmann hatte einen Italiener mit Leierkasten in einem Waschhause des Gasthauses eingestellt. Dieser etwas verlumpt aussehendeItaliener ", der sich verdächtig in seine Ecke drückte, wurde von der Jugend entdeckt; bald sammelte sich eine johlende, höhnende und endlich Steine werfende Schar halbwüchsiger Bengels um den scheuen Briganten. Eine Frau kommt, wagt natürlich das Waschhaus nicht zu betreten; der Straßen-Arbeiter B. wird herbeigerufen, der vorsichtig an der Thüre Halt machend, gedeckt von GeraS streitbarer Jugen, dem Fremden eine entrüstete Rede hält. Endlich, da sich der Eindringling durchaus nicht rührt, läuft alles auf die Polizei, die dann auch herbeieilt, das Waschhaus umstellt und einen Automaten gefangen nimmt.

Meißen. Die Stadt Meißen wird gegenwärtig von einer großen Rattenplage Heimgesucht. Die Ratten unterwühlen den Fußboden und nagen sogar Löcher durch Ziegel- und Sandsteine. In vielen Häusern wagen sich die Frauen aus Furcht vor den Ratten kaum noch in den Keller, vielfach haben aber die Thiere ihr Quatier auch in den Stockwerken und auf den Böden aufgeschlagen und verursachen überall großen Schaden.

Elze, 17. Februar. Das in der Nähe von Elzc (Hannover) gelegene Dorf Nordstemmen hat elektrische Beleuchtung erhalten. Die Anlage dient am Tage, pir dieElektrot. Zeilschr." mittheilt, zum Betriebe

von Mühlen, Dreschmaschinen und dergleichen, Abends zur Lichterzeugung. Diese doppelte Ausnutzung ge­stattet eine so billige Lichterzeugung, daß fast sämmtliche Grundbesitzer in ihren Wohn- und Wirthschaftsräumen, ja selbst in Scheunen und Ställen elektrisches Licht ein­richten ließen. Auch die Straßen werden durch elek­trische Bogenlampen erleuchtet.

Ausland.

Athen, 2. März. Die Befehle der Admirale an den griechischen Commodore Reinec lauten: Die Admirale der vereinigten Großmächte erlauben nicht, daß die griechische Flotte die occupirten Festungen und Städte bombardirt, sie verbieten jeden Angriff griechischer Truppen gegen die genannten Festungen, erlauben nicht die Aus­schiffung von Waffen und Munition, verbieten jeden Angriff der Flotte auf türkische Schiffe und erlauben nicht das Vordringen der Truppen in das Innere der Insel. Jeder Schritt seitens der Griechen zur Ueber- tretung dieser Befehle würde durch die vereinigten Flotten zurückgewiesen werden.

Athen, 2. März. Die Vertreter der Großmächte haben heute Nachmittag die identische Note übergeben, welche einesthcils die Erklärung enthält, daß die Insel Kreta zu einem vollständig autonomen Staatswesen unter der Souveränität des Sultans konstituirt werden soll, andererseits die Forderung, daß die griechischen Schiffe und Truppen binnen 6 Tagen das Gebiet bezw. die territorialen Gewässer von Kreta zu räumen haben.

Alle aus Athen kommenden Meldungen deuten darauf hin, daß die griechische Regierung nicht gesonnen ist, der Aufforderung der Mächte nachzukommen. Die Note der Mächte hat hier keinerlei Entmuthiguug erzeugt. Alle Welt hat die Meinung, das beste Mittel, die Frage zu lösen, werde die Eröffnung der Feindseligkeiten gegen die Türkei sein. Man hofft, daß die Mächte dann nicht die griechische Flotte neutralisiren werden, welche die Hauptangriffswaffe gegen die Türkei sei. Bei den Komitees schreiben sich zahlreiche Freiwillige aus allen griechisch-türkischen Provinzen ein.

Kanea, 2. März. Heute Nachmittag revoltierten die türkischen Gendarmen, denen die Löhnung nicht gezahlt war, in der Kaserne, die in der Nähe des Konak liegt; europäische Seemannschaften gaben Feuer; schließ­lich hissten die Gendarmen die weiße Flagge und ergaben sich; auch die Gendarmen, welche im Palais auf Posten waren, meuterten und schössen auf die Offiziere, welche den Palais verlassen wollten. Der Oberst der Gen­darmerie Suleimann wurde getötet. Die Gendarmen verbarrikadierten sich. Italienische, englische und öster­reichische Osfiziere verhandelten mit ihnen, um ihre Entwaffnung zu erlangen.

Lokales «ud Provinzielles.

Rückers, 2. März. Wegen eines erneuten Aus­bruchs der Diphteriris unter den Kindern des hiesigen Ortes wurde gestern die hiesige Schule bis auf Weiteres wieder geschlossen.

Wächtersbach, 2. März. Von dem Herrn Regierungs­präsidenten ist die Abhaltung eines Viehmarktes für den 9. ds. Mts. in Wächtersbach genehmigt worden.

r. Hanau. (Schwurgerichs-Sitzung vom 2. März.) Auf der Anklagebank erscheint der aus Untersuchungshaft vorgeführte Tagelöhner Gustav Neidhard von Flieden, geb. am 23. Juli 1843, verheirathet, katholisch, bereits vorbestraft. Die Anklage lautet auf Körperverletzung mit lödtlichem Ausgang, begangen am Abend des 11. August v. Js. an seinem Schwager Bonif. Müller. Der Sachverhalt ist folgender: Neidhard war mit seinem Sohne Leopold und seinem Schwager Müller nach Kilian- städten zum Dreschen ausgezogen und zwar waren sie jür Montag, den 12. August, nachdem sie vorher in verschiedenen Gehöften ihrem Berufe obgelegen bei den Bauern Sch. daselbst zur Arbeit bestellt. Den vorher­gehenden Sonntag brachten sie zum großen Theil in der Wirthschaft von Z. zu. Nach dem Nachtessen, das sie bei ihrem Arbeitgeber einnahmen, begaben sich Neid­hard und sein Sohn zur Ruhe in einen Stall, wo ihnen als Lagerstätte Stroh, sowie Säcke und Decken zum Einwickeln zurechtgelegt waren. Müller aber ging nochmals in die Wirthschaft und kam gegen 11 Uhr Abends stark angetrunken, schimpfend und fluchend eben­falls in den Stall, um sein Lager aufzusuchen. Hier machte er nun dem alten Neidhard Vorwürfe, er habe

das Vermögen seiner Frau (des Müllers Schwester) durchgebracht u. s. w. Auf die Entgegnung des Neid* hard, daß er doch noch schlechter sei, da er sein ganzes Bauergut vertrunken habe, wurde Müller schließlich handgemein und schlug auf Neidhard ein, der sich jedoch nicht recht wehren konnte, da er seine Beine gegen Schutz vor Kälte in einen Sack gesteckt halte. Sein Sohn kam ihm jedoch zu Hilfe, so daß sie den Menschen von sich halten konnten. Müller erhielt natürlich eben­falls einige Faustschläge, verhielt sich aber darauf eine Zeit lang ruhig, um bald darauf nochmals gegen seinen Schwager, dem Angeklagten Neidhard, vorzugehen mit den Worten:Verrecken muß Du doch!" Neidhard stieß ihn von sich und nun wurde alles still. Als Morgens gegen 5 Uhr die beiden Neidhards sich von ihrem Lager erhoben, um ihr Tagewerk zu beginnen, fanden sie ihren Schlafgenossen mit verzerrtem Gesicht, an dem Kopfe mit verschiedenen Schrammen und blauen Flecken todt daliegend vor. Anfangs bcstritten die beiden Neidhards, irgend welche Ursache oder Ver­anlassung des plötzlichen Todes zu kennen, gaben aber schließlich bei der Confrontation mit der Leiche die in der Nacht stattgehabten Streitigkeiten zu. Gegen Vater und Sohn wurde darauf wegen gefährlicher Körper- veiletzung mit tödlichem Erfolg Anklage erhoben, jedoch gegen den Sohn bald wieder aufgehoben, da die Vor­untersuchung keine Beweismomente der Mitthäterschaft, sich an den verhängnißvollen Stoß betheiligt zu haben, ergab. Nach den Zeugenaussagen war Müller ein dem Trunke, namentlich dem Schnapse, ergebener Mensch und in betrunkenem Zustande streitsüchtig. Auch wurde aktenmäßig festgestelll, daß M. wegen Trunksucht ent­mündigt worden. Nach den Sachverständigen Herrn Kreisphysikus Dr. Sunkel und Kreiswundarzt Dr. Selig« mann von Hanau ist der Tod des Müller durch Gehirn­schlag, das durch Zusammenwirkung mit innerer Abnor­mität in Folge des vielen Alkoholgenusses herbeigeführt worden, eingetreten. Bei der Obduktion der Leiche wurde ein großer blaurother Fleck an der linken Schläfe entdeckt, welcher durch einen Stoß mit einem harten Gegenstand oder durch Aufschlagen des Kopfes an dieser Stelle hervorgerufen sein könne. Eine große Menge Blut sei aus den zerrissenen Blutgefäßen in das Gehirn eingedrungen und habe die erwähnte Todesart herbei- beigeführt. Der Herr Staatsanwalt führte aus, daß zwar erwiesen, daß der Tod des Müller in Folge des Stoßes und der dadurch entstandenen Verletzungen an der Schläfe entstanden, aber dennoch sei die Annahme nicht von der Hand zu weisen, daß Neidhard in Noth­wehr gehandelt habe; er beantragt deshalb Freisprechung. Die Geschworenen verneinten ebenfalls die Schuldsrage und wurde Neidhard kostenlos freigesprochen. In nicht öffentlicher Sitzung wurde am 3. März gegen den 26jährigen, arbeitsscheuen, wegen Bettelns und Land­streichens vorbestraften Arbeiter Müller von Ostingers- leben verhandelt. Der Angeklagte hatte im Dezember v. Js. im Walde bei Aura ein ihm begegnendes Mädchen vergewaltigt, nachdem er es mit Todtschlagcn bedroht und ihm die Baarschaft, sowie zwei Aepfel geraubt hatte. Der Spruch der Geschworenen lautete auf Schuldig, und wurde er darauf, da er bereits in seinem 17. Jahre wegen eines gleichen Dilekts mit 2 Jahren Gefängniß bestraft, zu 7 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehr­verlust verurtheilt.

Frankfurt. Schwindelhafte Versicherungsinstitute. Anläßlich der polizeilichen Aufhebung der Versicherungs­gesellschaftGermania" wird mitgetheilt, daß hier noch mehrere derartigeInstitute" zweifelhafter Güte be­stehen, auf welche die Polizei fortgesetzt ein scharfes Auge hat. Derartige Versicherungsgesellschaften beschäftigen sich zumeist mit Krankenversicherung und holen sich ihre Opfer zumeist aus den Arbeiterkreisen. Nunmehr hat die Polizei einem weiteren dieser famosen Schwindler­geschäfte, das zuletzt den NamenMerkur" führte und früher aberHansa" hieß, das Handwerk gelegt und die Bücher beschlagnahmt.

Marburg, 1. März. Wie dieOberhessische Ztg.« meldet, ist der am 18. Februar in Straßburg aufge­stiegene Rcgistrir-BallonStraßburg" am Sonnabend im Walde an der Straße Rosenthal-Frankenberg auf­gefunden worden. Die Apparate konstatiren eine Höhe Don 14000 Metern und eine Temperatur von minus 60 Grad. Gestern Nachmittag schwammen zwei englische Studenten durch die hochgehende Lahn. Einer