KchlüchternerMung
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M 20. Mittwoch, den 10. März 1897. 48. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Unser Kaiser traf am Freitag Abend im besten Wohlsein aus Wilhlmshafen in Berlin wieder ein. — Der dritte Sohn des Kaiserpaares, Prinz Adalbert, wird im nächsten Jahre auf dem Kadettenschulschiffe „Charlotte" eingeschifft werden.
— Auf Einladung des Kaisers wird der Kronprinz von Schweden den Festlichkeiten anläßlich der Jahrhundertfeier des Geburtstages des Kaisers Wilhelm I. beiwohnen und am 18. dss. Mts. von Stockholm nach Berlin abreisen.
— Das Befinden des Fürsten Bismarck läßt in neuerer Zeit wieder manches zu wünsche» übrig, namentlich wird der ehemalige Kanzler häufiger und andauernder als sonst von seinen Gesichtsschmerzen heimgesucht, die ihm das Sprechen erschweren und Schlaflosigkeit zur Folge haben. Der Fürst sieht deshalb, wie die „Hamb. Nachrichten" schreiben, nicht ohne Besorgniß der diesmaligen Feier seines Geburtstages entgegen, der stets viel Aufregungen und Anstrengungen für ihn im Gefolge hat.
— Den Morgenblättern zufolge giebt die Marine- denkschrift zunächst einen historischen Ueberblick, bespricht das Verhältniß der deutschen zu den übrigen Marinen und führt dann aus: Die mittlere Höhe der jährlich aufzuwendenden Bausumme müsse bei einem gleichmäßigen Fortschreiten der Arbeiten gleich der Summe der Baukosten der durchschnittlich jährlich in Bau zu nehmenden Schiffe sein, was nach den Anschlägen des letzten Etats 45 531333 Mark ergebe. Der Etat für 1896/97 werfe für Schiffsbauten und Armirungen noch 26 418 000 Mark weniger als der vorhergehende Etat auf. Dieses Mißverhältniß erklärt die Lücken in den Schiffsbeständen der Flotte. Um die Lücken auszufüllen müsse die normale Höhe der jährlich aufzuwendenden Bausumme von 45 ^ Mill. Mk. für eine Reihe von Jahren überschritten werden, womit im vorliegenden Etat der Anfang gemacht sei. Selbst wenn nur die Ersatzbauten oder durch frühere Denkschriften geforderte Bauten in Frage kommen, werden die Forderungen der nächsten Jahre nicht wesentlich hinter den diesjährigen zurückbleiben dürfen. Durch dieses Vorgehen werde ferner die gleichmäßige Entwickelung der Schiffstypen begünstigt und vermieden, daß künftig in einem Jahre für ein größere Anzahl Schiffe gleichzeitig Ersatz zu fordern sei. Das weitere Hinausschieben des Vorgehens zur Ausfüllung des Schiffsbestandes müsse, abgesehen von einer bedrohlichen Schwächung der maritimen Wehrkraft, in späterer Zeit zu einem unverhältnißmäßig höheren Aufwand für den Schiffsbau führen.
— Die verstärkte Budgetkommission des Reichstages hat am Donnerstag, nachdem der Finanzminister Miguel dringend ersucht hatte, wenn nicht die ganze Vorlage scheitern solle, es bei allen übrigen Positionen bei den Borschlägen der Regierung bewenden zu lassen, nach einer sehr langen Debatte die Anträge auf Erhöhung für die Bauinspektoren, Oberförster, Oberlehrer uud Staatsarchivare abgclehnt, und zwar für die Oberlehrer mit 13 gegen 14 Stimmen, für Die übrigen Kategorien mit 1 und 2 Stimmen mehr. Die Regierungsvorlage wird genehmigt. Es erhalten also die Bauinspektoren 3800—5700 Mk, die Oberförster 2700- -5700 Mk., die Oberlehrer 2700-5100 Mk. Gehalt. Bei den Oberlehrern und Staatsarchivaren wird für die Hälfte der Beamten eine feste pensionsfähige Zulage von je 900 Mk. gewährt.
— Die Radfahrer innnerhalb der preußischen Monarchie sollen anscheinend einer einheitlichen Verordnung unterstellt werden, wie aus folgendem, aus Koblenz datirtem Bericht ersichtlich ist: „Dem hiesigen Ober- Präsidium ist der Entwurf einer einheitlichen Verordnung für Radfahrer in Preußen zur gutachtlichen Aeußerung zugegangen. Er beruht im Wesentlichen auf den Borschlägen, die vom Sportausschüsse des Deutschen Radfahrerbundes gemacht wurden. Es wird vorgeschlagen, von einer Nummerirung der Räder, Provinzweise getrennt, abzusehen, weil das praktisch undurchführbar sei. Dagegen wird empfohlen, jedem Fahrer eine Fahrkarte etwa in Form und Gestalt wie die Mitgliedskarte des Deutschen Radfahrerbundes, auszustellen. Für Ausländer soll als Ausweis die Klub- oder Verbandskarte genügen. Als wesentlich neuer Vorschlag wird angeführt, die Straßen und Wege, die für Radfahrer verboten find, als solche deutlich zu bezeichnen."
Dresden. Die berühmte 200jährige Kamelie im Schloßgarten zu Pillnitz bei Dresden zeigt auch in diesem Jahre außerordentlich viele Knospen, so daß man im bevorstehenden Frühjahr auf Tausende von Blumen rechnen kann. Dieser Kamelienbaum ist der größte in ganz Europa und steht in der freien Erde, wo er treiflich gedeiht. Es ist 7—8 Meter hoch und hat einen Umfang von etwa 25 bis 30 Meter. Im Winter wird er regelmäßig mit einem umfangreichen Holzgebäude überbaut, in dem mehrere Familien bequem Platz finden könnten. Eine besondere Heizanlage sorgt dafür, daß es dem frischgrünen Baum nicht zu kalt wird.
München. Durch gefälschte telegraphische Postanweisungen wurde die Münchener Post um 1200 Mark betrogen. Der Thäter hat einen transportablen Apparat mit der Telegraphenleitung in Verbindung gebracht und so die telegraphische Uebermittclung der Anweisungen unter genauer Einhaltung der dienstlichen Formalitäten bewerkstelligt.
Würzburg, 3. März. Die seit 1883 bestehende hiesige Schlosserinnung hat ihre Auflösung beschlossen. Die Mitgliederzahl ist auf 11 Mann zusammengeschmolzen und auch diese wenigen wollen nicht zusammenhalten.
Apolda, 5. März. Die Unruhen auf Kreta und das Vorgehen Deutschlands in der kretensischen Frage fängt nunmehr auch an, die Thüringer Industrie Geld zu kosten. So haben griechische Firmen aus Erbitterung gegen die Deutschen dieser Tage größere Bestellungeu an Apoldaer Firmen rückgängig gemacht.
— Dementirt wird die Nachricht, der in Düngen verstorbene Besitzer Schareina habe vor seinem Tode dem Geistlichen gebeichtet, er habe den vor 20 Jahren an einem Mädchen einen Lustmord ausgeführt und nicht der wegen dieser That verurtheilte Lehrer.
— Die Hebamme Schmidt aus Lehe wurde in Berden wegen Mordes und Mordsversuchs an ihren drei Ehemännern zum Tode und 12 Jahren Zuchthaus und dauerndem Ehrverlust verurtheilt. Sie hatte bei Beginn der Verhandlung die ihr zur Last gelegten beiden Mordthaten eingestanden.
— Aus Sangerhausen schreibt man unter der Spitzmarke „Import": Die diesjährige Tabaksernte hiesiger Gegend, im Ganzen 96 Ctr. edelsten Krautes, geht von hier nach Hamburg und von dort---„mir sagt ein leises Ahnen, daß ich dich wiederseh' . . ." Der Preis pro Centner schwankt zwischen 11 und 18 Mark.
Ausland.
Athen, 8. März. Die griechische Regierung beantwortet die Note der Mächte dahin, daß Griechenland die Zurückziehung der Truppen von Kreta ablehnt, da hierdurch auf Kreta völlige Anarchie entstehen würde. — Oberst Vassos erhielt in seinem Lager Platania Weisungen vom König Georg, sich zum äußersten Widerstand bereit zu halten.
Kreta, 5. März. Der „Standard" meldet aus Konstantinopel 10000 dort ansässige Griechen beabsichtigen nach polizeilichen Angaben Unruhen anzustisten. Es seien Befehle ertheilt, außergewöhnliche Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. — Nach einer Meldung desselben Blattes aus Kanea von vorgestern ist ein russisches Kriegsschiff, welches eine Fahrt um die Insel herum unternommen hatte, dorthin zurückgekehrt. Dasselbe berichtet, daß die Kämpfe in der Nachbarschaft aller Küstenstädte andauern. Die Aufständischen machten in der Nacht zum 3. d. M. den Versuch, die Telegraphendrähte zu durchschneiden. Die Schiffe der Großmächte gebrauchten die Scheinwerfer und die Admirale ermächtigten die türkischen Forts, Feuer zu geben. Die Ausständigen zogen sich hierauf zurück. — Auf ausdrückliche Anordnung des Zaren ist dem Sultan seitens des russischen Botschafters in Konstantinopel zu verstehen gegeben, daß bei den ersten Anzeichen von Ruhestörungen, sei es von türkischen oder von armenischen Truppen, Rußland sofort zur Okkupation Armeniens schreiten würde — 72000 Mann türkischer Truppen sind bereits mobilisiert oder an die Grenze befördert worden, ihre Zahl soll auf 120000 erhöht werden, da die Pforte sich nicht nur gegen einen Angriff Griechenlands, sondern auch gegen einen solchen Serbiens, Bulgariens und Montenegros rüsten zu müssen glaubt.
Belgrad. In Allserbien kamen in den letzten Tagen in mehreren Orten blutige Exzesse gegen die
christliche Bevölkerung vor. Auf der Straße in der Nähe von Prilcp ermordeten Türken einen Geistlichen und zwei Bauern. Bei Tetomo überfielen bewaffnete Anmuten einen serbischen Hochzeitszug, tödteten sieben Personen und verwundeten einundzwanzig schwer.
Lokales »«d Provinzielles.
* Schlüchter», 9. März.
* — Am Sonntag d. 7. März fand in Fulda im Saale der „Harmonie" der Turntag des Obersulda-GaueS statt. Anträge zur Abhaltung des GauturnfesteS wurden von den Vertretern der Turnvereine Schlächtern und Rotenburg a. F. gestellt. Es wurde Schlüchtern als Feststadt gewählt, und wird das Fest im Monat Juni hier stattsinden.
* — In diesem Jahre haben sich zum ersten Male sämmtliche militärpflichtigen Seminaristen der Königl. preußischen Schullehrer-Seminarien zur Musterung zu stellen. Diese Anordnung soll deshalb getroffen worden sein, um die etwa untauglischen Militärpflichtigen gleich bei der ersten Stellung auszuscheiden, um sie, wie bisher üblich, nicht jahrelang in den Listen der Stammrolle weiterzuführen.
* — Eisenbahnliches. Es wird mitgetheilt, daß nunmehr auf der Strecke Berlin-Frankfurt-Basel und zurück ein durchgehender V-Zugverkehr eingerichtet wird. Die Frankfurter Eisenbahndtrektion schreibt dazu: „Die V-Züge 2 und 1, die zur Zeit zwischen Berlin und Frankfurt verkehren, werden vom 1. März d. I. ab über Heidelberg nach Basel, wie nachstehend näher angegeben, durchgeführt werden: Zug 2, Abfahrt von Berlin (Anhalter-Bahnhof) Nachmittags 8,32, trifft am nächsten Tage (Vormittags 7,10 in Frankfurt), Nachmittags J.54 in Bassel (Badischer Bahnhof) ein. Zug 1, Abführtwon Basel (Badischer Bahnhof) Nachmittags 2,35, trifft am nächsten Tage Vormittags 6,59 in Berlin (Anhalter Bahnhof) ein. Zu diesen Zügen findet Wirthschaftsbetrieb statt. Der Schlafwagen läuft nur zwischen Berlin und Frankfurt a. M.
* — Durch Erlaß des Herrn Staatssekretärs deS Reichspostamtes ist bestimmt worden, daß bei sämmtlichen Postanstalten der Postschalterdienst, sowie der Orts- und Landbestelloienst am 22. März, dem Tage der Feier des hundertjährigen Geburtstages Sr. Majestät des hochseligen Kaisers Wilhelm I. wie an Sonntagen stattzufinden hat.
* — Der neue Lenz wird, wenn unsere Damenwelt nicht protestiert, auch etwas bringen, was auf daS Prädikat reizend gerade keinen Anspruch machen kann. Es sind Damenhüte in Aussicht, die geradezu zum Fortlaufen aussehen, besonders wenn sie in überladener Weise aufgeputzt sind. In großstädtischen Geschäften befinden sich aber solche Ungetüme bereits im Schaufenster. Man denke sich also einen breiten hohen Herren-Cylinderhut halb durchschnitten, so daß er immer noch eine für eine Dame sehr stattliche Höhe behält, und dies plumpe Ding ist dann mit Blumen, Federn und glänzendem Putz behängen, soviel nur hinaufgeht. Es macht sich in der That grimmig, und die Damen werden gewiß sofort erkennen, daß sie mit dem Dinge auf dem Kopse aussehen, wie sie nicht ausschen möchten. Die aller- neueste Frühjahrs-Hutmode für Damen leistet überhaupt an bunter Ausstaffierung uud glänzendem, blitzendem, blinkendem Ausputz ganz Rechtschaffenes, an Stelle des Zarten und Duftigen tritt die Menge. Die Pariser Fabrikanten sind augenscheinlich des geringeren Verdienstes satt, es soll nun gehörig flutschen.
* — Jnvoeavit heißt der erste Sonntag der Fastenzeit, Er hat seinen Namen nach dem Inhalte von Vers 15. des 91, Psalms erhalten: „Er rufet mich an, so will ich ihn hören; ich bin bei ihm in der Noth, ich will ihn herausreißen und zu Ehren machen!" Der Volksmund nennt ihn in vielen Gegenden der deutschen Alpen und unserer Mittelgebirge den Funkensonntag (in der Fuldaer Gegend „Hutzelsonntag"), und mancherlei Gebräuche, in denen das Feuer eine Hauptrolle spielt, zeichnen ihn aus. An ihm wirkt, nach dem Aberglauben, das Licht besonders zauberkräftig und segenbringend. Baumstümpfe, Räder und Holzscheiben werden angezündet, und die Fluren, die im rothen Flammenscheine widerstrahlen, lassen dann die junge Saat in den kommenden Wochen fröhlich aufsprießen und liefern später eine reiche Ernte.
* — Schwurgericht. Taglöhner Johannes Müller von Orb ist angeklagt wegen schwerer Körperverletzung