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SchlWernerMtung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 40~ Mittvoch, des 19. Mai 1897. 48. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin. Das Kaiserpaar ist, nach einem kurzen Besuche beim Fürsten und der Fürstin zu Hohenlohe- Langenburg in Straßburg, am Sonnabend Nachmittag 4 Uhr von Schloß Urville in Wiesbaden eingetroffen. Um 7 Uhr begab sich der Kaiser nach dem Theater, um der Generalprobe zumBurggraf" beizuwohnen, womit bekanntlich die Reihe der diesjährigen Festspiele eröffnet wird.

Ueber den kaiserlichen Besitz in Lothringen theilt dieStraßb. Post" mit: Die Besitzungen bestehen aus dem Schloß Urville nebst Pavillon, einem Treibhaus, einer Orangerie und ferner aus einer Gärtner- und Pförtnerwohnung, mit Einschluß des Gartens, des Parkes und eines Waldkomplexes ein Areal von 55,9259 ha umfassend. Gleichzeitig mit dem Schloß u. s. w. wurden zwei Pachthöfe in der Nähe angekauft, die Pachtgüter Les Mönils und Pont-L-Chaussy. Ferner wurde zur Abrundung des ganzen Besitzes ein kleines Landhaus (CHLlet) mit Umgebung und mehrere Acker- und Wiesengrundstücke erworben; dazu kommt noch eine zwischen zwei Armen der Nied gelegene Insel und einige Aecker und Wiesen nebst einem kleinen Gärtchen, sodaß der Flächeninhalt aller kaiserlichen Besitzungen, die nun wiederum, wie auch im Mittclalter ein Ganzes bilden, 242,3393 ha umfaßt. 1896/97er Gesammt- strecke des königlichen Hofjagdamtes. Nach einer Zu­sammenstellung des königlichen preußischen Hofjagdamtes wurden in der Jagdsaison 1896/97 insgesammt erlegt: 96 Hirsche, 317 Rothwild-Spießer und -Wild, 419 Schaufler, 1339 Damwildspicßer und -Wild, 523 grobe Sauen, 163 geringe Sauen, 217 Rehe, 689 Fasanen, 3106 Hasen, 3066 Rebhühner, 147 Reiher und Kor­morane, 393 Gänse, Enten, Schnepfen :c., 218 Füchse, 63 Marder, 135 Iltisse, 154 Wiesel, 666 Raubvögel und 1537 Stück Verschiedenes, mithin im Ganzen 13,248 Stück.

Das neue Geschütz der Feldartillerie hat, wie dasVolk" hört, der Kaiser sich am vorletzten Montag von einer reitenden Batterie des 2. Garde-Feldartillerie- Regiments vorexeciren lassen und seiner hohen Be­friedigung über die jetzt ermöglichte Schnelligkeit der Bedienung Ausdruck gegeben. Im Schnellfeuer gibt eine Batterie jetzt 60 Schuß in der Minute ab. Dabei werden die neue Shrapnels mit Aufschlagzünder bis auf 8000 Meter, also auf eine Entfernung von mehr als einer deutschen Meile, verschossen; der Brennzünder ist bis auf 5000 Meter stellbar. Die neue Hemmsporn- Vorrichtung ein sehr breiter, starker Spaten am Lafettenschwanz, der sich beim ersten Schuß festgräbt und den Rücklauf völlig aushebt trägt auch wesentlich zur Beschleunigung der Bedienung bet, da die Mann­schaft jetzt ruhig am Geschütz stehen bleiben und der Mann Nr. 2 sofort nach dem Schuß wieder richten kann, und zwar allein, ohne Hilfe des anderen Richt­kanoniers, da jetzt auch die seitliche Verschiebung des Rohres durch eine Kurbel leicht vor sich geht. Durch das neue Geschütz ist endlich das schon längst dringende Bedürfniß, den Vorsprung der französischen Waffe ein- zuholen bezw. zu überholen erfüllt. In einer Beziehung sind wir schon weiter. Die Franzosen sind bei ihrem Schnellladegeschütz (System Canet) noch vielfach im Stadium des Probirens, währen unser Geschütz bereits in eingehenden Schießversuchen erprobt ist und, sobald im Plenum des Reichstages der Credit bewilligt wird, sofort zur Ausgabe an sämmtliche Regimenter gelangen kann.

Der am 31. d. M. zu seiner ersten Sitzung zusammentretende neu errichtete Apothekerrath wird sich mit mehreren für den Apolhekerstand besonders wichtigen Fragen zu beschäftigen haben, u. a. auch mit der Zu­lassung der Frauen zum Apothekerberuf, welcher der Kultusminister Dr. Bosse wohlwollend gegenübersteht. Die über die Angelegenheit vorzunehmenden Prüfungen werden sich auf eine Anzahl spezialistischer Fragen ausdehnen und sehr eingehende sein. Sollte den Frauen in Preußen der Apothekerberuf erschlossen werden, so wäre es natürlich eine Maßnahme von der allergrößten Bedeutung.

Lübeck, 14. Mai. Mehr denn 1000 Mark an Kosten hat ein Prozeß verursacht, der schon seit dem Jahre 1893 geführt worden ist und jetztglücklich" zu Ende kam. Das Streitobjekt ist ein Kirschbaum, der vielleicht einen Werth von 50 Pfennig repräsentirt. Der I

Hergang ist kurz folgender: Zwischen zwei Büdnern im benachbarten Mannhagen entstand dadurch ein Streit, daß der eine Interessent einen wenig brauchbaren Kirsch- baum ausrodete, der seiner Meinung nach auf der Scheide stand. Der zweite Büdner wollte sich dies nicht gefallen lassen. Er betrachtete den Baum als sein Eigenthum und wurde klagbar. Das Gericht hat sich mit der Sache beschäftigt, und es wurden Termine über Termine abgehalten. Sachverständige wurden nach Mannhagen entsandt, und sogar das Gericht mußte sich an Ort und Stelle begeben. Das alles geschah nur um eines gering- werthigen Kirschbaumes halber. Der Kläger mußte mit seiner Klage abgewiesen werden, da er nicht nachzuweisen vermochte, daß der in Frage kommende Kirschbaum wirklich auf seinem Grund und Boden gestanden hatte. Die Kosten, die entstanden sind, sollen sich auf weit über 1000 Mark belaufen, gewiß doch einfetter" Prozeß.

Jena, 9. Mai. Bekanntlich haben nach dem Vor­gehen der Heidelberger Korps sowohl das KorpsHasso- Borussia" in Freiburg i. B. als zwei Göttinger Korps den nachahmenswertheil und zeitgemäßen Beschluß ge­faßt, den Kollegienbesuch obligatorisch zu machen. Wie wir nun erfahren, beabsichtigt im Hinblick darauf auch der hiesige D. C. (d. h. die hier bestehenden drei Burschenschaften) in Verbindung mit dem Heidelberger D. C. auf dem zu Pfingsten d. I. in Eisenach tagenden Allgemeinen deutschen Burschenschafter-Convent" die Frage anzuregen, ob es nicht angebracht sei, daß auch die deutschen Burschenschaften ihre Mitglieder in irgend einer Weise zum regelmäßigen Kollegienbesuch anhielten. Derselbe werde in der Folgezeit namentlich für die Juristen wegen der durch das neue bürgerliche Gesetz­buch bedingten Umgestaltung des Rechtsstudiums nölhig werden, da dann das letztere eine unbedingte Ausnutzung der ersten Semester beanspruche. Wie man übrigens hört, ist die ganze Angelegenheit von der hiesigen BurschenschaftTeutonia" ausgegangen.

Schwelm, 12. Mai. Eine Räubergeschichte, wie sie in unserer Gegend für unmöglich gehalten werden sollte, entrollten die Untersuchungen über 10 verhaftete Burschen, welche eine Räuberbande bildeten. Diese Verhafteten im Alter von 1620 Jahren haben ihre Bande ganz nach dem Muster vonSchinderhannes", welches Buch auch als Grundlage und Anleitung diente, organisirt. Der dem Hauptmann auf Messer und Revolver zu leistende Eid verpflichtete zu Raub, Diebstahl und Mord. Nur reiche Leute durften bestohlen werden. Verrath oder Ungehorsam sollte mit dem Tode bestraft werden; die Kumpane betrachteten sich als Brüder; gerechte Theilung der Beute, für Betrug schwere Strafe. Jedes Bandenmitglied hatte einen Räubernamen; eine am Holt- hauser Hammer gelegene, wohl eingerichtete Höhle diente, lautTremonia", als Zufluchtsort. Vier vorgefundene Revolver und 70 Nachschlüssel beweisen, daß es sich um mehr als einen Jugendstreich handelt, wie denn auch die zahlreichen Einbrüche von der Thätigkeit der Bande zeugen. Das Aussehen der Burschen war zigeunerhaft.

Jserlohn, 16. Mai. Bezüglich Unvorsichtigkeiten der Radfahrer erläßt die hiesige Polizeiverwaltung eine Be­kanntmachung, in der es u. A. heißt:Das Publikum wird gebeten, sich die bekannten Rücksichtslosigkeiten in keiner Weise gefallen lassen, sondern selber für Aufrecht­erhaltung der Ordnung zu sorgen."

Mainz, 13. Mai. Wie man von wohlunter­richteter Seite mittheilt, ist die eben im Gange befindliche Eingemeindung von Kastel zu Mainz nur der Anfang von weitgehenden Projekten und Plänen zur Vergrößer­ung von Mainz. Dieselben laufen nach der uns ge­wordenen Mittheilung dahin, außer Kastei und Amöne- burg noch die beiden rechtsrheinischen Orte Kostheim und Gustavsburg, sowie das auf der linken Rheinseite ge­legene Dorf Mombach in den Bereich von Mainz zu ziehen. Bezüglich Kostheim und der Gustavsburg stehen dem Projekte keine fortifikatorischen Hindernisse im Wege, anders sind die Verhältnisse in Mombach, welches im ersten Festungsrayon liegt. Von militärischer Seite sollen indeß auch schon hier Concessionen in Aussicht gestellt worden sein. Der Umstand, daß die Gustavs­burg zu der Provinz Starkenburg gehört und in Folge dessen der Gerichtsbarkeit von Darmstadt unterliegt, wird um deswillen als keine Schwierigkeit angesehen, weil die StaatSregierung in Darmstadt den Mainzer Eingemeindungsprojekten sehr sympathisch gegenübersteht

und sich daher leicht eine Abänderung der provinziellen Zugehörigkeit der Gustavsburg vornehmen läßt.

Ausland.

London, 11. Mai. In einem Meeting in Lymington verlas der konservative Abgeordnete Scott Montagu einen ihm von Sir James Siveright, dem Arbeits- minister der Kapkolonie, zugegangenen Brief, in welchem erst mit dem Eindruck, welchen die Flottendemonstraton in der Delagoabay gemacht hat, renommirt, dann aber der Plan enthüllt wird, von welchem bisher nur ge- rüchtweise die Rede war. Der Schluß des Briefes lautet nämlich wörtlich:Wenn die Jnyackmsel uns erst auf Grund der kommerziellen Abmachung, über welche wir zu viel gesprochen und geschrieben haben, ge­sichert ist, dann ist das Haupttagewerk der letzten fünfzig Jahre für Südafrika, und ich möchte weiter gehen und sagen für das Reich, gethan." (Die Insel Jnyack liegt am Eingang in die Delagoabay und beherrscht dieselbe völlig. Ist England im Besitz jener Insel, so kann es jederzeit die Delagoabay maritim sperren.)

Paris, 15. Mai. Die Morgenblätter melden: Die Frage bezüglich der an der Brandkatastrophe Schuld tragenden ist endgültig aufgeklärt. Der Bedienstete Bellastc gestand dem Untersuchungsrichter, daß die Lampe des Apparates nicht genügend brannte. Er habe daher eine Flasche mit Aether genommen, um sie in den Be­hälter einzufüllen. Er habe den Gehilfen Bacarschoff gebeten, ihm zu leuchten. Letzterer zündete ein Streich­holz an. Die Aetherlampe sing sofort Feuer, sodaß die Aetherflasche sich sofort entzündete. Die Flammen er­griffen augenblicklich die Draperien. Bellanc und Bacarschoff wurden vorläufig in Freiheit gelassen. Die Erhebungen des Untersuchungsrichters Bertulais haben erMen, daß bei den mannigfachen Thüren und Fenstern letztere nur 50 Ctm. über dem Boden das Un­glück sich nur durch die fürchterliche Panik erklären läßt, welche einerseits zum Gedränge führte, anderseits zu vollständiger Lähmung aller Thatkraft. Die Kammer­frau der Madame de Reile kam um, obgleich sie einem solchen Fenster gegenüber saß, das zudem noch mehrere Male am Tage offen gestanden hatte. Noch unerklär­licher bleibt der Tod der Herzogin von Alentzon; ihrem Ladentische gegenüber befanden sich nicht weniger als zwei Thüren. Auch imMatiu" bestätigt ein Augen- zeuge, daß viele Damen sich hätten retten können, wenn sie mehr Geistesgegenwart besessen und nicht auf Hülfe von außen gewartet hätten.Sie sind verbrannt wie die Schafe in einer Hürde", erzählt der Gewährsmann, dicht aneinander gedrängt in der Nähe der geöffneten Thüren und Fenster. Man möchte glauben, die Mehr­heit der Unglücklichen habe den Tod gesucht. Wenn einige Damen durch ihren Diener gerettet worden sind, o geschah es wider ihren Willen; denn sie klammerten ich wie Ertrinkende an die Gegenstände, die sie erfaßt hatten, und die Diener mußten sie mit Gewalt losreißen. Bon den anwesenden Männern möchte ich lieber gar nicht reden, so schlecht haben sie sich benommen. Das st um so mehr zu bedauern, als zwanzig besonnene, altblütige Männer das Unglück hätten hemmen können. Die meisten sind ausgerissen, und wer weiß, ob nicht gerade sie die Frauen mit Füßen getreten haben, die man an den Ausgängen zerquetscht fand. Einige Priester waren im Bazar anwesend. Keiner von ihnen befindet sich unter den Opfern, während' die meisten barmherzigen Schwestern verbrannt sind. Niemand hat die Hüte der geistlichen Herren abgeholt, die auf der Unglücksstätte aufgelesen wurden. Kurzum, die Männer haben die Frauen ganz abscheulich im Stiche gelassen. Muth und Hingebung wurden nur von Vorübergehenden oder von Dienstboten an den Tag gelegt, von denen einige, namentlich der Kammerdiener Diligent (der die siebzigjährige Gräfin de Gruffulhe aus den Flammen Hinaustrug), sich heldenmüthig benommen haben. Einer amtlicheu Statistik zufolge sind bei dem großen Brande im Wohlthätigkeitsbazar 111 Personen um« gekommen, und nach der Feuersbrunst infolge der er« littenen Brandwunden 10 Personen gestorben. Von den 121 Opfern wohnten 110 in Paris, 11 in der Provinz, 6 sind männlichen, 112 weiblichen Geschlechts, 3 blieben unerkannt.

Vom Kriegsschauplatz. So kriegerisch die Hellenen noch vor wenigen Wochen waren, so sehr sehnen sie sich jetzt nach Frieden. Es sind nicht blos die Niederlagen