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M 46. Mittwoch, den 9. Juni 1897. 48. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat beschlossen, die Landesver- theidigungs-Kommission aufzuheben und behält sich vor, zur Berathung einzelner die Landesvertheidigung betreffenden Fragen jeweilig besondere Kommissionen zu berufen.
— Es besteht nach Meldungen, die von verschiedenen Seiten kommen, kein Zweifel mehr darüber, daß dem Reichstag im Herbst ein Gesetzentwurf betreffend, die Prüfungspflicht für das Baugewerbe und solcher Gewerbe, deren Ausübung mit erheblichen Gefahren für Leben und Gesundheit verbunden ist, seitens des Bundesraths vorgelegt werden wird.
— Die Boss. Ztg. hält den Rücktritt des Freiherr» v. Marschall für sicher. Sie führt aus: „In demselben Augenblick, wo der neue Leiter des Reichs- marineamls in Berlin anlangte, packte der Staatssekretär des Auswärtigen Amts Freiherr D. Marschall seine Koffer und trat einen längeren Urlaub an, von dem er voraussichtlich nur nach der Reichshauptstadt zu- rückkehren wird, um seine Abschiedsbesuche zu machen. Der Freiherr von Marschall ist, wie jetzt bekannt wird, vorerst auf drei Monate von der Führung der Geschäfte des Auswärtigen Amts entbunden worden. Dr>i Monate pflegt ein leitender Staatsmann nicht der Ruhe, wenn er nicht die ernste Befürchtung hegt, daß er überhaupt nicht mehr im Stande sei, seine Stellung ersprießlich auszufüllen Ein längerer Urlaub gilt erfahrungsgemäß als die Einleitung zur Entlassung. Im vorigen Jahr hat man einen ähnlichen Vorgang erlebt. Der Kriegsminister Bronsart von Schellendorf hatte keine Spur von Kränklichkeit verrathen, als er noch während der Session des Reichstags einen Urlaub antrat. Als er nach Berlin zurückkam hatte er allen früheren Ableug- nungen zum Trotz seinen Abschied in der Tasche.
— Prozeß Tausch. Die Geschworenen verneinten beide auf den Angeklagten v. Tausch bezüglichen Schuld- fragen und bejahten die beiden gegen den Angeklagten v. Lützow gerichteten Schuldfragen. Der Staatsanwalt beantragte darauf für den Angeklagten v. Tausch die Freisprechung, gegen den Angeklagten v. Lützow sechs Monate Gefängniß und zwei Jahre Ehrverlust.
— Das „Komitee zur Einführung der Erzeugnisse aus deutschen Kolonien" veröffentlicht ein „Deutsches Kolonial-Adreßbuch" das u. A. auch eine Zusammenstellung der in unseren Kolonien bis jetzt angelegten Pflanzungen enthält. Danach bestehen in Deutsch Ostafrika bereits 27, in Kamerun 10, in Togo 11 und in Neu-Guinea 5 Pflanzungen, in unseren tropischen Schutzgebieten zusammen also 53. Das Hauptprodukt dieser Pflanzungen ist Kaffee, in zweiter Linie werden Tabak, Kakao (vor Allem in Kamerun), Kokosnüsse, Vanille und Kautschuk gebaut. Mit der Plantagenwirthschaft ist in unseren Schutzgebieten also immerhin schon ein ganz achtbarer Anfang gemacht.
— Die diesjährigen Kaisermanöver werden von ganz besonderem Interesse für Militärs sich gestalten und zwar wegen der aufgebotenen Truppenmassen (vier Armeekorps und 2 Kavalleriedivisionen, im Ganzen etwa 140—150000 Mann) besonders aber auch wegen der den Manöver zu Grunde gelegten Idee, die, wie verlautet, Seiner Majestät dem Kaiser selbst entstammen soll. Die vier verschiedenen Korps werden auf vier verschiedenen Straßen einen gemeinsamen Zielpunkt sich nähern, ohne inzwischen die geringste Fühlung untereinander zu besitzen. Erst in der Nähe des gemeinsamen Zielpunktes werden sich in den letzten Tagen vor dem 10. September die letzten entscheidenden Kämpfe abspielen. Wo das Gelände dieser Kämpfe aber liegt, ob in den Ebenen der Wetterau, an den Ufern des Mains oder am südlichen Abhänge des Bogelsgebirges das wird allem Anscheine nach von der Geschwindigkeit der vorrückenden Armeekorps abhängen.
Breslau. In dem Prozeß des Magistrats zu Brcslau gegen den Reichspostfiskus hat die Berufsinstanz die Entscheidung getroffen, daß der Neichspostfiskus nicht berechtigt sei, ohne Zustimmung der Stadtgemeinde Breslau Drähte der Telegraphen- oder Telephonleitungen über städtische Straßen zu ziehen. Die gegen dieses Erkenntniß beim Reichsgericht eingelegte Revision wird vorläufig nicht zu einer endgiltigen Entscheidung der für alle Gemeinden so wichtigen Frage führen, da die zuständigen preußischen Minister den Kompetenzkonflikt erhoben haben. Infolge dessen werden, wie verlautet, in
dm noch schwebenden streitigen Fällen, wenn trrtzdem aus den betheiligten Kreisen die Herstellung neuer Telegraphen- rc. Leitungen beantragt wird, solche Anträge vorläufig nicht berücksichtigt werden. Wahrscheinlich werden auch die die Benutzungsrechte der Telegraphenverwaltung an den Straßen und öffentlichen Wegen betreffenden Bestimmungen abgeändert werden.
Weimar. Im Großherzogthum Weimar wird in den nächsten Jahren, dem „Leipz. Tageblatt" zufolge, ein bedenklicher Lehrermangel sich geltend machen. Der Besuch der beiden Landes-Seminare läßt zu wünschen übrig, so daß der Bedarf an Lehrern wohl nicht gedeckt werden kann. Die Sache wird mit dem Jahre 1900, wenn die Bestimmung der einjährigen Dienstzeit in Kraft tritt, noch bedenklicher. Um diese Aussicht günstiger zu gestalten, ist einer Anzahl der Ortsschulaufseher des Landes die behördliche Aufforderung zugegangen des Sinnes, in der Bevölkerung dahin zu wirken, daß mehr junge Leute sich dem Lehrerberufe widmen möchten. Jedem der letzteren ist im Bedürfnißfalle eine jährliche Unterstützung von 150 Mark in Aussicht gestellt.
Weimar, 2. Juni. Ein kleiner Schildbürgerstreich wird aus Süßenborn gemeldet. An einem der letzten Sonntage feierte der dortige Krieger- und Militärverein das Fest der Fahnenweihe, zu dessen Theilnahme nur durch Erlegung eines Eintrittsgeldes von 30 Pfg. die Berechtigung erworben wurde. Hiergegen ist natürlich nichts einzuwenden. Aber man ging einen mehr als gewagten Schritt weiter, sperrte das ganze Dorf mit seinen Verkehrswegen völlig ab und ließ keinen Menschen in das Weichbild des Ortes, der nicht diese Abgabe entrichtete, ohne Rücksicht darauf, ob die Ankommenden sich überhaupt an der Feier betheiligen wollten oder nicht.
Trier. Seit dem Gerolsteiner Eisenbahnunglück werden noch immer einige Reservisten vermißt. Die Vermuthung liegt nahe, daß diese Vermißten bei der Dunkelheit in der Verwirrung und dem Dränge, möglichst schnell von der Unglücks- und Jammerstälte zu entfliehen, in dem nahen Kyllflusse ihren Tod gefunden haben. Die Möglichkeit, daß auch in den nahegelegenen beiden Weihern mit ziemlich beträchtlicher Tiefe und starkem Grundschlamme der Tod einige Opfer forderte, ist ebenfalls nicht ausgeschlossen. Man ist bemüht, die Gewässer mittels einer Maschine zu entleeren, um so genaue Gewißheit zu erlangen. Thatsächlich sind der „Trier. Landeszeitung" zufolge in der Schreckensnacht ein Offizier und einige Reservisten aus Unkenntniß in diese stehenden Teiche gesprungen und haben sich nur durch angestrengtes Schwimmen gerettet.
Ausland.
Aus Konstantinopel wird über die Erfolge des Mausergewehrs in der Schlacht bei Domokos Folgendes mitgetheilt: Bei Domokos standen acht Bataillone, die vom 2. Armeekorps Adrianopel abgezweigt wurden und armirt waren; von diesen acht Bataillonen kamen vier ins Treffen, und Edhem Pascha meldete darüber, daß diese vier Bataillone sofort den Platz der ihnen gegen« überstehenden zwölf griechischen Bataillone säuberten, als sie ihr Feuer begannen. Edhem Pascha drückte sich eigentlich drastischer aus; in wörtlicher Uebersetzung sagte er, daß die zwölf griechischen Batallone weggefegt wurden. Letzterer ist von dem Gewehr ganz enthusiasmirt.
Griechenland. Das Werk der Friedensvermittelung liegt nach einer Aeußerung des österreichischen Ministers des Auswärtigen Grafen Goluchowski z. Z. ausschließlich in den Händen der Botschafter. Die strategische Grenzregulirung bilde keine Schwierigkeit mehr, um so größere dagegen die Regelung der Kriegsentschädigung; England will z. B. nur 3 Millionen Pfund zugestehen. Anstatt des Geldes wird vielleicht die griechische Flotte angeboten werden. An den Zaren hat der König von Griechenland ein Schreiben gerichtet, in dem er seinen Dank für die Intervention des Kaisers zur Herbeiführung der Waffenruhe ausdrückt und die Bitte um Erwirkung eines Friedens ausspricht, der Griechenland keine seine Kräfte übersteigenden Opfer auferlegt. Durch das Schreiben sind, wie die „Polt. Correspondenz" aus Athen schreibt, die unterbrochenen Beziehungen zwischen den Höfen Athen und Petersburg wieder ausgenommen worden.
Kreta. Die Dinge haben sich in den letzten Wochen sehr zum Bösen gewendet. Nachdem die türkischen Baschihozuks sich Ausschreitungen haben zu Schulden
kommen lassen, rcagiren jetzt auch die Insurgenten sehr nachdrücklich darauf, und die Katzbalgerei ist auf der Insel wieder tm vollsten Gange. Bei Herakleion wurde ein christliches Dorf von einer bewaffneten Schaar Muselmanen aus der Stadt überfallen und dreizehn Menschen, darunter drei alte Frauen und ein Säugling niedergemetzelt. Die Köpfe der Getödteten wurden abgehauen und im Triumphe nach der Stadt gebracht. Die bewegliche Habe wurde eine Beute der Mordgesellen. In Folge dieser und ähnlicker Vorkommnisse hat sich der christlichen Bevölkerung eine unbeschreibliche Wuth bemächtigt; die Aufständischen unternahmen einen förmlichen Sturm auf die Stadt Hierapetra, in welcher sich eine sehr große Anzahl von Muselmanen befindet. An der Eroberung und Zerstörung der Stadt wurden die rache- durstigen Insurgenten durch das thatkräftige Einschreiten der italienischen und französischen Kriegsschiffe gehindert. Sie gaben darauf ihr Vorhaben auf und traten den Rückzug an.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 8. Juni.
* — Die Herrn Landwirthe werden es gewiß nicht mit besonderer Freude begrüßt haben, daß die land- wirthschaftlichen Umlagebeiträge, die ihnen jetzt angefordert worden sind, sich wiederum erheblich gesteigert haben. Die vom Kreise Schlüchtern aufzubringenden Beiträge stellen sich insgesammt auf 17452,86 Mark, gegen 15023,55 Mark im Vorjahr; also ein Mehr von 2429,30 Mark.
* — Im Interesse des reisenden Publikums weist die Eisenbahnverwaltung darauf hin, daß der mit der beginnenden Reisezeit verbundene Andrang zu den Eisenbahnschaltern seitens der abfertigenden Beamten die genaue Beachtung der §§ 13 bezw. 32 der Verkehrs- ordnung für die Eisenbahnen Deutschlands zur Folge "chaben muß. Hiernach erlischt der Anspruch auf Ver- ! abfolgung einer Fahrkarte fünf Minuten vor Abgang jeden Zuges. Ebenso kann die Abfertigung von Gepäck, welches nicht spätestens fünfzehn Minuten vor Abgang des Zuges bei der Gcpäck-Abfcrtigungsstclle aufgeliefert ist, nicht beansprucht werden. Die Beachtung dieser Vorschrift ist geboten, damit die Abfertigung der Züge pünktlich erfolgt und die Betriebssicherheit nicht leidet.
* — Altes Obstbaumholz verwerthet man viel ge- winnbringendcr, wenn man, statt es zu verbrennen, dasselbe als Nutzholz verkauft. Das Holz des Apfelbaumes eignet sich sehr gut zu feineren Drechlerarbeiten, wie Trinkgefäßen, Cigarrenspitzen, Aschenbecher rc., wie solche bekanntlich in den Holzschnitzereien fabricirt und verkauft werden. Auch findet es vielfache Verwendung zu Kämmen für Maschinen- und Mühlenräder, sowie, gleich dem Holze des Pflaumenbaumes, zu Brod- und Küchenmesserheften in Solingen und anderen Orten mit Stahlwaaren-Fabriken. Das Holz des Birnbaumes läßt sich durch Beizen vorzüglich zur Imitation von Ebenholz verwenden. Zwetschenbaumholz dient bekanntlich zu Faßhähnen, und altes Kirschbaumholz ist ein sehr werthvolles, hochgeschätztes Material zur Verfertigung von Möbeln, von Fournieren und Mahagoni-Nachahmungen, wie dasselbe auch zu allerlei Baugeräthen mit bestem Erfolge bearbeitet wird. Aus jungen Kirsch- bäumen werden die bekannten Pfeifenrohre hergestellt, besonders aus den schwächeren Stämmen, da diese sich leicht biegen, spalten, abrunden und poliren lassen.
* — Eine neue Spirituslampe ohne Glühstrumpf. Im „Club der Landwirthe" zu Berlin wurde dieser Tage eine besonders construirte neue Spirituslampe vorgeführt, in der ohne die Hülfe eines Glühstrumpses der Spiritus in Leuchtgas umgewandelt wird. Das Geheimniß, wie diese Umwandlung vor sich geht, besteht außer der besonderen Construction der Lampe in einem chemischen Präparat, von den Erfindern Dr. Herzfelo und Beer „Lucin" genannt, durch dessen Zusatz der Spiritus in dieser Lampe ein mildes, fast weißes „Spiritusgaslicht" erzeugt. Die Construktion uns die Behandlung der Lampe ist sehr einfach, sie leuchtet sogleich nach dem Anstecken, ohne daß es nothwendig ist, Cylinder und Glocke abzuheben, und erlischt eben so leicht wieder, wenn der dazu angebrachte Metallnng über die Gasausströmung geschoben wird. Dabei ist einer Ex- ilosiong-fahr in umsichtiger Weise vorgebeugt. Die Lichtstärke ist die einer Petroleumlampe von 15 bis 16 Linien. Das Licht ist ziemlich weiß und ruhig, nur die