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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
Mittwoch, den 1. September. 1897.
48. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Kaiser Wilhelm nahm am 28. d. auf dem Tempelhofer Felde bei Berlin die Herbstparade über das Gardekorps ab. Der König von Siam wohnte der Parade gleichfalls bei.
— Durch kaiserliche Bestimmung werden alle Veteranen der Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 die Hundertjahrdenkmünze erhalten.
— Die polizeiliche Ueberwachung der Lehrer-Vereine soll, wie der „Preuß. Lehrerztg." aus angeblich sicherer Quelle berichtet wird, im Regierungsbezirk Danzig allgemein durchgeführt werden, denn die Regierung rechne die Lehrervereine zu den Vereinen, die sich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen.
— Im Reichs-Postamt ist man, wie die „Post" vernimmt, zur Zeit damit beschäftigt, Erhebungen über die Einführung.sog. Kartenbriefe anzustellen.
Köln. Großen Kupferdrahtdiebstählen in einer großen Fabrik zu Köln-Nippes ist man auf die Spur gekommen. Die Bilanz der Fabrik ergab seit mehreren Jahren ein bedeutendes Manko im Lagerbestande des Kupferdrahtes, ohne daß man eine Erklärung dafür gefunden hatte. Vor einigen Tagen meldeten zwei Arbeiter auf dem Bureau, daß zwei ihrer Mitarbeiter je einen Ring Kupfer- draht unter den Kleidern auf dem Leibe trugen in der Absicht, denselben während der Mittagszeit aus der Fabrik zu schaffen. Ein sofort herbeigeholter Kriminalbeamter untersuchte die beiden Beschuldigten auf dem Bureau. Der eine trug 38 Kgr., der andere 32 Kgr. Kupferdraht, um den Leib gewickelt, bei sich. Es erfolgte ihre sofortige Verhaftung. Die Nachforschungen nach dem Verbleib des Drahtes ergaben, daß seit 1894 bei einem Althändler allein 215 Centner Kupferdraht im Werthe von 12,000 Mark von den Dieben untergebracht worden waren.
Elberfeld, 30. August. Amtlich wird bekannt gemacht: „Am 30. August gegen 12 Uhr 15 Minuten Nachts stieß auf Station Vohwinkel der von Steele kommende Personenzug Nr. 819 auf den in derselben Richtung ausfahrenden Personenzug Nr. 822. Die Schuld an dem Unfall ist noch nicht festgestellt. 2 Reisende sind todt, 12 schwer, 2 leicht verletzt. Namen Stand und Wohnort der Verunglückten hat noch nicht mit Sicherheit festgestellt werden können. 3 Lokomotiven, 1 Packwagen und 5 Personenwagen sind erheblich beschädigt.
Jserlohn, 23. August. Ein Säbelducll hätte im benachbarten W. dieser Tage beinahe stattgefunden. Der Bäckermeister G. ist Schützenoffizier, und der Schütze W. hatte gelegentlich des letzten Schützenfestes an seines Vorgesetzten Schneidigkeit zu zweifeln gewagt. Das forderte natürlich Blut, wie denn auch der Ehrenrath dekretirte, und so sollte denn in einsamer Waldlichtung das Säbelduell vor sich gehen. Herr W., die Sekundanten, Chirurg mit Pflasterkasten sind zur Stelle; man wartet und wartet, aber der Bäcker erscheint nicht. Schließlich entsendet man einen Boten, der den Bäcker nicht zu sehen bekommt, wohl aber dessen resolute Frau, die in die denkwürdigen Worte ausbricht: „Gustav kämet nit, diän Hä'ck im Keller tauschluaten!"
Zwei mittelalterliche Goldbroschen wurden in Mainz auf einem Gelände des Domes bei Gelegenheit von Bauarbeiten gefunden. Sie sind nicht nur dem inneren Gehalt nach von ungewöhnlichem Werth, sondern auch Erzeugnisse hochentwickelter Kunst und verknüpfen mit ihrer Erscheinung und ihrem Fundort eine Reihe der merkwürdigsten kulturgeschichtlichen Beziehungen. ^ Die Fundverhältnisse lassen annehmen, daß die beiden Stücke aus einem Dicbstahl herrühren, dessen Opfer ein Bewohner, Gast oder Insasse des erzbischöflichen Palastes gewesen, und daß Furcht vor Entdeckung die diebische Hand bestimmt haben mag, das unrechte Gut in der Grube verschwinden zu lassen. Nachdem blos eine Spülung mit Wasser vorgenommen war, leuchteten Gold und Steine in einem Glänze, daß man nicht die Spur der Jahrhunderte wahrnimmt.
Gießen, 26. August. Der Specereihändler Noll hierselbst erschlug in der vergangenen Nacht zwei seiner Kinder mit der Axt. Seine Ehefrau ünd ein drittes Kind sind ebenfalls schwer verletzt. Nach vollbrachter That machte Noll seinem Leben durch Erhängen ein Ende. Der Thäter soll geistig unzurechnungsfähig ge- Nefen sein.
Pirmasens, 26. August. Vor der Stadt auf der Landauerchaussee wurden vorgestern Nachmittag zwei Radfahrerinnen von rohen Burschen in gröblicher Weise beleidigt und insultirt. Eine der Damen verstand aber keinen Spaß und bearbeitete mit der Luftpumpe so ur= germanisch derb den Schädel eines lümmelhaften Bengels, daß dieser im Eiltempo ausriß. Der andere machte sich ebenfalls eiligst aus dem Staube, als einige Radler herankamen. Der Bengel trappte durch die Felder, wurde aber von einem flinken Stahlroßmann eingeholt und weidlich verhauen. Die Burschen werden durch diese radikale Nemesis hoffentlich für später bekehrt sein.
Speicr, 21. August. Einige Blätter meldeten, daß ein hiesiger Pionier am Typhus erkrankt und im Militär- lazareth der tückischen Krankheit erlegen ist. Wie der „Pf. Post" mitgetheilt wird, verhalte sich die Sache etwas anders und erheische dringend Aufklärung. Der Soldat meldete sich vorige Woche zum Arzt mit der Erklärung, daß er krank sei. Der Assistenzarzt wies ihn aber ab mit der Bemerkung, er sei nicht krank. Der Soldat meldete sich hierauf drei Tage hintereinander zum Arzt, ohne daß seiner Bitte nach einer gründlichen Untersuchung Gehör geschenkt wurde, ja es soll ihm mit Einsperren gedroht worden sein, wenn er die Meldung nicht unterlasse. Man schenkte seinen Angaben so wenig Glauben, daß er in seinem Krankheitszustand noch Nachtdienst verrichten mußte. Ein mitleidiger Kamerad, der Lazarethgehilfe ist, erkannte jedoch, daß er krank sei, und rieth ihm, sich ins Revier zu melden. Dort stellte sich heraus, daß der Soldat 39,5 Grad Fieber hatte. Trotzdem wurde er noch nicht in ärztliche Behandlung genommen. Erst als sich am anderen Tage das Fieber auf 40 Grad gesteigert hatte, kam er ins Spital, wo man bald — aber leider zu spät — erkannte, daß man es mit einem Typhuskranken zu thun habe. Die ihm nun zu Theil gewordene ärztliche Hilfe kam zu spät. Wir würden, schreibt die „Franks. Ztg ", diese Mittheilung für absolut unglaublich halten, wenn sie nicht schon seit mehreren Tagen durch die Presse ginge, ohne daß ein Dementi erfolgt. Wir können nur wünschen, daß die Militärverwaltung in der Lage ist, alsbald die Unbegründetheit dieser Darstellung nachzuweisen.
Fürth i. O., 25. August. Ein wahres Blutbad verursacht gestern, wie die „N. Hess. Volksbl." berichten, eine Anzahl in einem Steinbruche in Zotzerbach beschäftigte italienische Arbeiter auf der Kirchweihe in Scharbach. Ohne Ursache warfen die Unholde einige gefüllte Flaschen Wein über einen Tisch, an dem lauter achtbare ältere Leute saßen. Als man sie zur Ruhe verwies geberdeten sich die Unmenschen wie rasend. Der gleichfalls anwesende Bürgermeister Falter wollte Frieden stiften, erhielt aber leider sofort vier Dolchstiche, wovon einer sehr bedenklich sein soll. Von den zu Hilfe gekommenen Bürgern und jungen Leuten erhielt ein junger Mann Namens Schock einen Stich in die Lunge, der dem Unglücklichen den Tod verursachen wird. Zwei weitere Leute erhielten gleichfalls Dolchstiche.
Betzdorf (Rheinpreußen). Der hiesige Gesangverein „Germania" beging das Fest seiner Fahnenweihe in der üblichen Weise. Auch zwölf Ehrenjungfrauen wirkten hierbei mit und zur Erinnerung an den denkwürdigen Tag wollten sich die reichgeschmückten Schönen photo- graphiren lassen. Auf einem hohen Podium nehmen sie Platz, der Photograph arrangirt die Gruppe wirkungsvoll. Noch einen letzten prüfenden Blick, dann ruft er bedeutungsvoll: „Recht freundlich, meine Damen, jetzt geht's los!" Sein Kopf verschwand unter dem Tuche des Apparates. Und es ging los. Mit fürchterlichem Krachen brachen die Bretter des Podiums durch, und Beine, Arme, Köpfe, weiße Kleider und bunte Unterröcke bildeten ein wüstes Chaos. Zum Glück sind nur verschiedene Schrammen und Beulen den Betheiligten als Erinnerung an die verkrachte Aufnahme geblieben.
Strasburg i. Westpr., 18, August. Ein sehr naives Ansinnen stellte dieser Tage eine Frau an den hiesigen Standesbeamten, indem sie anfragte, ob das Standesamt nicht einen Mann für sie habe, da ihr Ehegatte sie schon nach kurzer Zeit wieder verlassen habe. Nachdem ihr bedeutet war, daß ein Vorrath von Männern vorn Standesamt nicht gehalten wird, entfernte sich die Frau recht traurig.
Aus Chemnitz wird gemeldet: Am Dienstag Nachmittag 4 Uhr wurde im Restaurant zum Ast an dem
Geldbriefträger Siebert ein Raubmordversuch verübt. Von einem angeblich aus Langensalza stammenden Menschen war der Briefträger durch eine fingirte Sendung in ein Zimmer gelockt worden. Daselbst erhielt, wie die „L. N. N." mittheilen, der Unglückliche mit einem großem Messer einen Stich in den Rücken, doch gelang es ihm, zu entfliehen. Im Hausflur brach er zusammen. Der Mörder ergriff die Flucht, wurde aber durch Radfahrer eingeholt und nach kurzem Kampfe überwältigt. Der Verletzte, dem das Messer noch im Rücken steckte, wurde alsbald verbunden und nach dem Krankenhause gebracht. Er dürfte kaum mit dem Leben davonkommen. — Nach einer weiteren Meldung ist der Ueberfallene im Krankenhaus gestorben.
Sonderburg, 25. August. Der angebliche Spion, der, wie seinerzeit mitgctheilt, einem Unteroffizier des Füsilierregiments „Königin" in Sonderburg 100,000 Mark für die Beschaffung des neuen Gewehrmodells bot, aber nur über 7 Pfennige verfügte, ist kein französischer Offizier, sondern ein deutscher Handwerlbursche, ein Schriftsetzer Sydow aus Schlesien. Der „Spion" hat früher in Kreuzburg eine Buchdruckerei besessen, ist aber wegen Urkundenfälschung zu einer langen Gefängnißstrafe verurtheilt worden. Er entwich aus der Strafanstalt und trieb sich Jahre lang im In- und Auslande umher, bis er in Sonderburg wegen Verdachts der Spionage durch eine Militärpatrouille verhaftet wurde. Der Mann hat im Scherze 100,000 Mark für das Betreten der Kaserne, deren Mannschaften mit dem neuen Gewehr ausgerüstet sind, geboten. Die Behauptung des Verhafteten, er heiße Schulz und sei aus Kappeln, erwies sich als unwahr. Darauf verweigerte er jegliche Auskunft über seine Personalien, offenbar um nicht der Strafanstalt, aus welcher er entwichen war, wieder zugeführt zu werden. So hat er dann zwei volle Monate in Untersuchungshaft gesessen.
Gifhorn. Die neuen Goldfelder Alaskas dürften ihre Anziehungskraft für die Bewohner der Gifhorner Gegend bald verlieren, denn auch dort scheint jetzt ein Goldlager gefunden zu sein. Der Kaufmann und Post- agent Bolle in Hillerse bei Gifhorn fand in einem Graben eine gelbliche Sandschicht auf Thon gelagert, die eine Anzahl gelbglänzender Blättchen enthält. Die chemische Abtheilung des Krupp'schen GrusonwerkeS Buckau-Magdeburg hat eine Probe analytisch untersucht und darin einen Goldgehalt von 2 Gramm auf 1000 Kilogramm gefunden. Da ein Sand von ’/a Gramm Goldgehalt schon als abbauwürdig gilt, in den sibirischen Goldfeldern meist nur ein Sand von 1 Gramm Goldgehalt gefunden und verwaschen wird, so ist die bei Gifhorn gefundene Ader als besonders goldhaltig zu bezeichnen und eine Abbauanlage in Erwägung zu ziehen. Um zu ermitteln, ob wirklich ein Lager vorhanden und wie groß dasselbe ist, ob es die ursprüngliche Lagcrstelle ist oder nur Ablagerungen enthält, dürften wohl erst Untersuchungen und Bohrungen zweckmäßig erscheinen.
A«s!and.
Paris. Zur franco-russischen Allianz. Der Allianz- vertrag wurde am Mittwoch den 25, August vom Zaren und Präsidenten Faure sowie den beiderseitigen Ministern des Auswärtigen unterzeichnet; am 1. September gedenkt Faure dem Ministerrathe in Paris den Inhalt des Vertrages mitzutheilen. In Frankreich herrscht über die offizielle Verkündigung der Allianz unbändige Freude. Einige Blätter verlangen jedoch die unverzügliche Veröffentlichung; das französische Volk sei souverän und habe also das Recht, den Vertrag zu ratifiziren. Andere erklären, daß nun die verlorenen Provinzen wieder befreit werden würden, während wieder andere enttäuscht erklären: Wir träumten von einer Allianz der Revanche, jetzt haben wir die Allianz für den Frieden.
Chicago. Großes Aufsehen erregen die Verhandlungen gegen den in Chicago ansässig gewesenen Wurstfabrikamen Adolf Luetgert, der des Mordes seiner Gattin angeklagt ist. Die Anklage stellt die Theorie auf, daß Luetgert seine Gattin, die eines Tages spurlos verschwand, ermordet und ihren Leichnam in einem mit Kalilauge gefüllten Wurstkessel aufgelöst habe, da man in einem solchen die Ueberreste der Fingerknochen einer menschlichen Hand entdeckte. Um die Möglichkeit dieser Theorie darzuthun und die Anklage zu unterstützen, wurde im Beisein mehrerer Sachverständigen am 7, August ein in