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SchWernerMmg

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

M 97.

Samstag, den 4. Dezember 1897.

48. Jihrgank.

Hoch erscheinen; man darf aber nicht vergessen, daß in den letzten Jahren der Ausbau unserer Wehrkraft zur See erheblich zurückgeblieben ist, und es gilt daher, Versäumtes nachzuholen.

Im Verhältniß zu der Zunahme unserer See- Interessen ist die Zunahme der Aufwendungen für die Flotte noch gering zu nennen. An sich betrachtet ist sie immerhin bedeutend; dies kommt hauptsächlich daher, daß die Schiffe theurer geworden sind. Wenn jemand, wie dies thatsächlich geschehen ist, behauptet, von den theueren Schiffen wären weniger erforderlich, so wird man diese Behauptung am besten dadurch widerlegen, daß man auf die Verhältnisse des Heeres hinweist. Wenn wir ein kostspieliges Geschütz einführen, wird sicherlich niemand behaupten, nun könne man die Zahl der Batterien vermindern. Genau so ist es mit der Flotte.

Vor gut einem Menschenalter wurde unter dem damaligen Könige von Preußen das Rüstzeug geschmiedet, i mit welchem Preußen für sich und für Deutschland den ihm gebührenden Platz in Europa errang. Jetzt hat Deutschland auf friedlichem Wege seine Interessen über die ganze Erde ausgedehnt, und es gilt nun, auf fester Grundlage ein Rüstzeug zu schaffen, welches die deutschen Interessen in Kriegs- und Friedenszeiten und wo eS auch immer sei, zu schützen im Stande ist.

Deutsches Reich

Berlin. Der Kaiser ist von der Jagd bei Barby wieder im Neuen Palais bei Potsdam eingetroffen. Prinz Heinrich von Preußen ist ebenfalls in Berlin angekommen, um vor seiner Abfahrt nach China seine Jnstructionen von Sr. Maj. dem Kaiser in Empfang zu nehmen.

Berlin, 30. Nov. Die Thronrede zur Eröffnung des Reichstages. Die Thronrede weist hin auf die Nothwendigkeit einer Verstärkung der heimischen Schlacht­flotte und Vermehrung der für den AuSlandsdienst im Frieden bestimmten Schiffe. Die Regierungen erachten es für geboten, die Marine und den Zeitraum, worin diese Stärke erreicht werden soll, durch eine Vorlage festzulegen. Der Entwurf einer Reform des militärischen Strafprozesses wird unter möglichster Anlehnung an den bürgerlichen Strafprozeß den für Erhaltung der Manneszucht unbedingt nothwendigen Forderungen Genüge leisten. Die Thronrede kündigt weiter an: Gesetze in Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit, der Civil- prozeßordnnng, des Konkursverfahrens, der Entschädigung unschuldig Berurtheilter. Die Finanzlage ist befriedigend. Die Thronrede schließt: Die Ermordung deutscher Missionare und die Angriffe auf die unter meinem Schutze stehenden mir am Herzen liegenden Missionsan­stalten in China nöthigten das ostasiatische Geschwader in Kiantschu Truppen landen zu lassen, um volle Sühne und Sicherheit gegen die Wiederkehr solcher beklagens- werthen Ereignisse zu erlangen. Die politischen Be­ziehungen zum Auslande sind durchaus erfreulich. Der glänzende und herzliche Empfang in Peterhof und Buda­pest lieferten hierfür aufs Neue werthvolle Bürgschaften. Alle Anzeichen berechtigen zu der Aussicht auf die fernere friedliche Entwickelung Europas und deS deutschen Vaterlandes.

Zur Besetzung der Kiantschaubucht meldet eine Depesche desBür. Dalziel" aus Schanghai: Infolge der Besetzung der Kiantschaubucht durch die Deutschen erhielt der neuernannte chinesische Gesandte am Berliner Hofe Lu-Hai-Huan die Weisung, nicht abzureisen. Die Vizekönige der Seeprovinzen erhielten Weisungen, die Besatzungen der KüstensortS zu verstärken, weil die Pekinger Regierung fürchte, andere Mächte könnten ver­sucht werden, Deutschlands Beispiel zu folgen. Es verlautet, daß, nachdem die Deutschen gelandet waren und die FortS und die Bucht besetzt hatten, der Tsuug- liyamen den General Lin-Kuang Tsai anwieS, sie mit 8000 Mann zu vertreiben. Alle verfügbaren Kriegs­schiffe und Torpedoboote deS Südgeschwaders wurden nach Norden beordert. Die südlichen Bizekönige erhoben jedoch dagegen Einspruch. Der Tsungliyamen nahm diesen Befehl zurück, als er erfuhr, daß Deutschlands Vorgehen wahrscheinlich von Rußland und Frankreich unterstützt werden würde. China hat die deutschen Forderungen wegen der Ermordung der Missionare ab gelehnt. Der deutsche Gesandte Baron Hcyking präsentirte in Peking die Forderungen der deutschen Regierung. Dieselben schließen ein die Entdeckung und

RoHollltNNOH "^ dieSchlüchterner Zeitung» JpviUUUIIJIvU werden noch fortwährend von allen -- -...............- Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Die Marine-Vorlage.

Die See - Interessen des dentschen Reiches sind im letzten Jahrzehnt erheblich gewachsen, der überseeische Handel und die Schifffahrt haben wesentlich zugenommen. Im großen Umfange sind deutsche Kapitalien im Aus- lande angelegt; durch die Zunahme der Bevölkerung, welche zu ihrer Ernährung des Erwerbes bedarf, ist Deutschland auf einen starken Import von Rohmaterial und Export der aus diesem Verarbeiteten Gegenständen angewiesen. Nicht nur die Industrie, sondern auch die Landwirthschaft hat ein großes Interesse am Seehandel. Etwa 15 Prozent unserer Ausfuhr, die über See geht, sind landwirthschaftlicher Herkunft. Für unsere Land-! wirthschaft werden außerdem eine Reihe wichtiger Gegen­stände wie Chilisalpeter, Leinsaat, Mais und dergleichen über See eingeführt. Die in der Landwirthschaft thätige Bevölkerung braucht ferner auch eine Anzahl wichtiger Gegenstände, die über See ins Land kommen, wie Baumwolle, Kaffee, Thee, Gewürze und dergleichen. Die Landwirthschaft hat daher ebenfalls ein großes Interesse an einer starken Flotte. Die Einfuhr von Weizen, Roggen, Gerste und Hafer kommt dagegen zum größten Theil aus Ländern, die auch zu Lande erreicht werden können.

Aus der erheblichen Zunahme der See-Interessen folgt ohne Weiteres die Möglichkeit ernster Konflikte und damit die Nothwendigkeit einer Verstärkung der deutschen Flotte, damit sie dem Schutze dieser Interessen gewachst« bleibt. Diese Nothwendigkeit ergiebt sich um so mehr, als andere Seemächte ihre Flotten inzwischen verstärkt haben; auch Länder in Asien und Amerika, welche bis dahin zu den eigentlichen Seemächten nicht gezählt wurden, fangen energisch an moderne Flotten zu bauen.

Der von den verbündeten Regierungen beabsichtigte Ausbau unserer Flotte verlangt vor allem eine sichere Grundlage. Es muß feststchen, welche Stärke die deutsche Flotte haben und in welcher Zeit diese Stärke erreicht werden soll. Dies ist die Hauptsache bei der Marine- Vorlage. Mit einer Denkschrift, welche der Reichstag lediglich zur Kenntniß nimmt, bleibt alles unsicher. Bei einer solchen wird in jedem Jahre über die Daseinsbe­rechtigung, den Zweck und den Umfang der Marine ge­stritten, es wird viel Geld ausgegeben und nie etwas Ordentliches erreicht. Jetzt soll der deutsche Reichstag, als einer der gesetzgebenden Faktoren des Reiches, durch die Vorlage der Regierungen veranlaßt werden, einen bestimmten Beschluß zu fassen; um einen solchen herbct- zuführen, war es nothwendig, die Form eines Gesetzent­wurfes zu wählen.

Die verbündeten Regierungen halten eine verwen- dungSbereite Flotte von 17 Linienschiffen, 8 Küsten- panzcrschiffcn, 9 großen und 26 kleinen Kreuzern für unerläßlich geboten, zu welchen Schiffen noch eine Material-Reserve von 2 Linienschiffen, 3 großen und 4 kleinen Kreuzern hinzutreten soll. Um das vorhandene Material im Kriegsfalle auch verwenden zu können, ist es nothwendig, daß das Personal im Frieden dauernd in Uebung gehalten wird. Geschieht dies nicht, kommt daS Personal vielmehr erst bei Ausbruch des Krieges auf die Schiffe, so werden schwere Unglücksfälle mit Sicherheit eintreten. Eine Vermehrung der Jndienst- Haltungen und demgemäß des Personals ist daher unerläßlich.

Aus der Vorlage ergiebt sich eine Steigerung der fortlaufenden Ausgaben von jährlich etwa 4 Millionen; dieselbe ist im Vergleiche zu den Vorjahren gering, da sie während dieser Zeit durchschnittlich etwa 3 Millionen betragen hat. Im Ganzen sind für Schiffsbauten 410 Millionen erforderlich, von denselben find aber nur 162,2 Millionen für Neubauten bestimmt. Der Rest ist für Ersätzbauten erforderlich, welche sowieso gebaut werden müssen, wenn unsere Flotte nicht noch mehr in ihrer Leistungsfähigkeit zurückgehen soll. Die ganze Summe von 410 Millionen »ertheilt sich auf die sieben Rechnungsjahre 18981904, sodaß durchschittlich in jedem Jahr 58'/» Millionen für Schiffsbauten ausge­geben werden sollen. Die jährliche Summe mag im Vergleich mit denen früherer Jahre verhältnißmäßig

Hinrichtung der Mörder der deutschen Missionare, Be­strafung aller daran betheiligten Beamten, Wiederaufbau der zerstörten Misstonsgebäude und Entschädigung von 600,000 Taels an die Verwandten der Ermordeten. Außerdem verlangt die deutsche Regierung eine erhebliche Entschädigungssumme für die Flottenexpedition und Er­haltung der in Kiautschau gelandeten Besatzung. Die chinesische Regierung erwiederte, Kiautschau müsse ge­räumt werden, ehe sie über die deutschen Forderungen diskutiren könne. Baron Heyking lehnte diese Beding­ung ab. Infolgedessen ist eine Stockung der Verhand­lungen eingetreten. Tschankaujan, der kommandtrende chinesische General von Kiautschau, welcher sich unter den Schutz des deutschen Befehlshabers gestellt hat, soll von dem chinesischen KriegSministerium zum Tode ver- urtheilt sein. In Deutschland hat man auf eine schnelle Erledigung des Konflikts mit China auch gar nicht ge­rechnet. Im Besitz der Kiantschaubucht als Pfand können wir ja auch die weitere Entwickelung der Dinge in Gemüthsruhe abwarten.

Auf den Postkonferenzen war von Vertretern der Landwirthschaft der Wunsch geäußert worden, es möge der Bezug von VersicherungSmarken für die Bewohner deS platten Landes dadurch erleichtert werden, daß den Landbriefträgern, die bisher nur eine einzige Sorte von VersicherungSmarken zum Verkauf bei sich führten, alle Markensorten oder wenigstens zwei Sorten von VersicherungSmarken mitgegeben würden. Diesem Wunsche soll stattgegeben werden. Die Land- briefträger erhalten noch eine zweite Sorte von Marken, deren Wahl im Einvernehmen mit der zuständigen Ber- stcherungSanstalt erfolgt.

Kobnrg, 30. Nov. DaSKob. Tageblatt" be­richtet: In dem friedlichen und frommen Dörfchen W. unternahm ein Ortseingesessener mit feiner Frau um die mitternächtige Stunde eine merkwürdie Spazierfahrt. Die Frau krankte seit langem an der Gicht, und die» Leiden wollten die frommen Leuteverfahren". Darum nahm der Mann eine Schiebkarre, setzte seine Frau darauf und nun ging die Fahrt los nach dem Friedhofr des nahe gelegenen Dorfes E. Dabei durfte keine» von beiden ein Wort sprechen. Auf dem Friedhofr au- gekommen, machte der Mann mit seinem sonderbaren Fuhrwerk dreimal die Runde um verschiedene Gräber. Dann gings wieder heimwärts. Unterwegs mußte die Frau an einem Kreuzweg stillschweigend von der Karre fallen und sich dann wieder aufsetzen. Erst nachdem diese letzte Formalität erfüllt war, ging die Fahrt vollends nach Hause. So geschehen an der Wende deS 19. Jahr­hunderts im gesegneten Thüringen.

Ausland.

Prag, 1. Dezember. Gestern fanden hier arge Ausschreitungen statt. Ihren Ausgang nahmen sie von der Demonstration czechischen Studentenschaft, die vor dem Rathhause dem Bürgermeister eine große Ovation bereitete. Die Polizeidirektion hatte auf Ersuchen des Bürgermeisters die Wache eingezogen und so zog die Menge (etwa 12 000) unbehindert durch die Straßen und verübte daS Zerstörungswerk an deutschen Gebäuden, so daß Militärmacht aufgeboten werden mußte. In­fanterie und Kavallerie säuberte die Straßen, wo bereits große Verwüstungen im neuen deutschen Theater, im deutschen Theater, im deutschen Kasino und anderen deutschen Lokalen statlfanden. Massenhaft wurden Fenster zertrümmert. Alle Läden in den Straßen, wo die Massen sich bewegten, wurden rasch geschloffen. Zwei Bataillone Jäger schützten daS Theater. Eine Militärabtheilung zog ab, um den Weinberger Tempel zu schützen.

Türkei. Ernste Nachrichten kommen auS Albanien. Vier Dörfer haben bereits zu den Waffen gegriffen, und man befürchtet, daß in den nächsten Tagen etwa 250 000 Mann unter Waffen stehen werden.

London, 29. November. Vom Personal des nun­mehr cingetroffeneli Postdampfers von Ostende werden die Berichte von einem heftigen Orkan im Kanal be. stätigt. Auf den gewaltigen Siurm, welcher in der vergangenen Nacht in ganz England wüthete, folgte heute früh die höchste Fluch, die in den letzten 30 Jahren vorgekommen ist. Es wurde ein furchtbarer Schaden, besonders an der Ostküste und an den Mündungen der Themse und der Madway an gerietet. Man befürchtet, das der Deich in Oueen-Corough schon