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SchlüchternerMmg

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.

Samstag, bett 29. Januar 1898.

49. Jahrgang.

Rl»stl>11l»11^11 °uf bic »Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen -------------------~ Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Die preußische Regierung beabsichtigt, wie die Chemiker-Zeitung" mittheilt, über die Einrichtung, den Betrieb und die Beaufsichtignng der thierärztlichen Haus­apotheken Vorschriften zu erlassen, um das bisher völlig unbeaufsichtigte Dispensirrecht der Thierärzte anderweitig zu regeln. Die Regierungspräsidenten find aufgefordert worden, darüber geeignete Vorschläge zu machen. Dabei soll auch die Ertheilung der Genehmigung solcher Einricht­ungen und die Handhabung der Aufsicht sowie die Frage erörtert werden, welche Arzneimittel in einer thierärzt­lichen Hausapotheke für zulässig zu erachten sind.

Dortmund. Nach einem Vertrage des Eisenbahndirektors Benkenberg wird in derDortmund. Ztg." darauf hinge- wiesen, daß diePolengefahr im rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk" immer drohender werde. Die Zahl der Polen hat erst seit den siebziger Jahren im Industrie- bezirke in ungeahnter Weise zugenommen; früher sind die Polen nur einzeln gekommen, jetzt siedelten sie mit Kind und Kegel über. Nach amtlichen Feststellungen, die bis zum Dezember 1897 reichen, befanden sich im Kreise Gelsenkirchen 30,000 Polen, also 20 Prozent der Bevölkerung, im Kreise Recklinghausen 28,000, eben­falls 20 Prozent der Bevölkerung, in Bochum Land 16,776, 10,4 Prozent, in Bochum Stadt 2690, in Dortmund Stadt 8507 Polen, 6,8 Prozent der Bevölker­ung, in Dortmund Land 4790 Polen. Insgesammt im niederrheinisch-westfälischen Jndustriebezirke bei 975,000 Seelen 97,000 Polen, also 10 Prozent der Bevölkerung. Nehme man an, daß zum Winter etwa 3000 in die Heimath zurückgereist seien, so sind bei normalen Zeiten die 100,000 voll. Die Polen nahmen nun Theil an allen Wohlfahrtseinrichtungen, welche diese Leute in ihrer Heimath nicht mal dem Namen nach kennen. Dabei sind sie nicht etwa zufrieden, sondern stellten sich dem Deutschthum als das in sich geschlossene deutsch-feind­liche Polenthum gegenüber. In Bochum erscheinen schon vier polnische Zeituugen. Die Polen denken schon daran, eigene Kandidaten für den Reichstag aufzustellen. Hier handelt es sich darum, einer Polonisirung rein deutscher Bezirke vorzubeugen. Gegen die Verwendung von Polen als Arbeiter werde gewiß Niemand etwas einzu- wenden haben, aber wenn sie sich nicht mit den Deutschen als gute Deutsche fühlen wollen, dann werde man es den Arbeitgebern nicht verdenken können, wenn diese dazu übergingcn, Arbeiter aus anderen Gegenden herbei- zuführen. Sache der Regierung ist es, diese Polen- heerde sorgsam zu überwachen und allem, was auf groß­polnische Propaganda deutet energisch entgegenzutreten. Wenn die Kinder der Leute unsere deutschen Schulen besuchen und mit den anderen Kindern auswachsen, dann ist wohl zu hoffen, daß die Nachkömmlinge der Polen gute Deutsche werden.

Mainz, 24. Jan. In dem benachbarten Kirschgarten machte dieser Tage ein Ehepaar den Feuerwehrball mit, und ließ die beiden Kinder im Alter von 4 und 6 Jahren schwer krank zu Hause unter der Obhut der alten Großmutter. Während Vater und Mutter sich auf dem Balle amüsirteu, kehrte der Tovesengel in die Wohnung ein und holte beioe Kinder. Jetzt ist der Jammer der Eltern groß, aber es ist zu spät!

Speyer a. NH., 25. Jan. Seinen eigenen Bruder tödtlich verletzt hat heute Nacht der Baumeister Graf j. Seine beiden Brüder, von denen der eine Bankbeamter, der andere auch Baumeister ist, wollten ihm einen Schabernack spielen, begaben sich zu diesem Zwecke vor dessen Haus und martirten Alles so, als ob sie ein- brechen wollten. Ueber den Lärm erwachten die Haus­bewohner, und Baumeister Graf gab kurz entflossen zum Fenster hinaus einen Schreckschuß aus einem scharf­geladenen Revolver ab. Mit einem lauten Aufschrei stürzte der eine Bruder, in den Kopf getroffen, zusammen. Der muthwillige Streich kostete dem jungen hoffnungs­vollen Mann das Leben.

In Lengefeld bei Kösen starb am Montag Abend der letzte noch lebende Schüler Jahn's, der in Turner­kreisen weithin bekannte Dampfztegeleibesitzer Eduard Arnold, im Alter von 83 Jahren; noch bis in die neueste Zeit nahm der rüstige Alte an den turnerischen Bestrebungen regen Antheil und erschien auf jedem deutschen Turnerfest.

Deutsches Reich

Berlin. Zum Geburtstag des Kaisers waren in Berlin eingetroffen: Das sächsische Königspaar mit seinem Neffen, dem Prinzen Friedrich August, König Wilhelm von Württemberg mit seiner einzigen Tochter, Prinzeß Pauline, der Schwager und die Schwester des Kaisers, Erbprinz und Erbprinzessin von Meiningen, der Fürst von Hohenzollern, sowie verschiedene andere Fürstlichkeiten. In der Frühe fand großes Wecken statt, zu derselben Zeit blies das Trompeterkorps des Garde-Kürassierregiments von der Kuppel der Schloß­kapelle. Während der Gratulationscour im Weißen Saale wurden im Lustgarten 101 Salutschüsse abge­feuert. Mittags gab der Kaiser im Lichthofe des Zeug­hauses die Parole aus, während am Abend Prunktafel im Schlosse und hierauf Galaoper stattfand.

Eine Reihe bemerkenswerther Erklärungen sind von dem Staatssekretär des Auswärtigen von Bülow in der Montagssitzung der Budgetkommission des Reichs­tages bei der Berathung des Etats des Auswärtigen Amtes abgegeben worden. Ihnen sind folgende Haupt­punkte zu entnehmen: die Forderungen der deutschen Staatsgläubiger Griechenlands werden, wenn auch nicht vollständige, so doch wenigstens annähernde Befriedigung finden. In der Kretafrage besitzt Deutschland keinerlei direkte wirthschaftliche oder politische Interessen, doch muß bis auf weiteres der deutsche PanzerOldenburg" noch in den kretischen Wässern verbleiben. Die Wahr­ung der Ansprüche der deutschen Staatsgläubiger Portu­gals wird sich das Auswärtige Amt nach Möglichkeit angelegen sein laffen. Die Dreyfuß-Affäre in Frankreich geht Deutschland nichts weiter an, es haben niemals auch nur die geringsten Beziehungen deutscherseits zu dem jetzigen Ex-Kapitän Dreyfuß bestanden; die normalen amtlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frank­reich find von dem Dreyfußlärm ganz unberührt geblie­ben. Die Verhandlungen der deutschen Regierung mit der chinesischen Regierung über die Genugthuung für die an den deutschen Missionaren in der Provinz Süd- Shantung verübten Unthaten sind zum Abschluß gelangt und haben die Annahme aller deutscherseits erhobenen Genugthuungsforderungen zur Folge gehabt. Die festeste Bürgschaft gegen eine Wiederholung derartiger Aus­schreitungen bildet aber die vertragsmäßig gesicherte dauernde Anwesenheit der deutschen Kriegsschiffe und der deutschen Besatzung in Kiaotschau. Ueber die sämmt­lichen Verhältnisse im Kiaotschau-Schutzgebiet wird den Reichstagsabgeordneten eine Denkschrift zugehen.

DerVorwärts" will von einer Seite, die es wiffen kann, erfahren haben, daß die Wählerlisten für die Reichstagswahl bis Ende Mai zur Auslegung bereit gestellt sein sollen, so daß die Wahlen im Juli statt- finden könnten. Die preußischen Landtagswahlen dürften nach der gleichen Quelle im Oktober stattfinden.

Laut telegraphischer Meldung an das Oberkom­mando der Marine ist der DampferDarmstadt" mit dem Auslandsbataillon der Marineinfanterie an Bord, Transportführer Korvettenkapitän mit Oberstlieutenants­rang Truppel, heute in Kiaotschau eingetroffen.

Nach telegraphischer Meldung des Vizeadmiral Diederichs vom 25. Januar dieses Jahres aus Kiaot­schau ist der Matrose Schulze von S. M. S.Kaiser" in Tsimo als Posten in der Nacht vom 24. zum 25. Januar ermordet worden. Entsprechende Maßnahmen zur Ermittelung der Thäter sind eingeleitet.

In der chinesischen Frage macht sich neuer­dings ein sehr rücksichtsloses Vorgehen Rußlands gegen England bemerkbar. Nicht nur daß Rußland durch seine einschüchternde Sprache in Peking die Be­mühungen Englands um die Ausgabe der chinesischen Anleihe vereitelte, hat man von Petersburg aus auch durchgesetzt, daß die in Port Arthur befindlichen englischen Schiffe Ordre erhielten, diesen fasert zu verlassen. In London sieht man demgemäß die Lage für sehr ernst an, meint aber, eine Kriegsgefahr werde erst dann ein­treten, wenn nach dem endgültigen Scheitern des englischen Anleihevorschlages China mit Rußland ein Uebereinkommen treffe, das dem britischen Handel die Thore schließt.

Ausland.

Im Königreich Italien gährt es in Allen Ecken und Ende», infolge der durch hohe Schutzzölle uud

Mißernte hervorgerufene Brotvertheuerung. In Sicu- liana werde das Mathhaus gestürmt, in Canieattini, Realmonte und Monte Seaglioso wendete sich die Ent­rüstung der kleinen Leute gegen dieSignori" und die von den Gemeindedespoten ausgeschriebenen neuen Steuern; und fast gleichzeitig versetzt die Frage der Brodvertheuerung die Gegend von Ancona bis Florenz hinauf in wilde Gährung. In Ancona und Senigallia äußerte sich die Volkswuth sogar in wahrhaft revouluti« onären Szenen. Dort wurde die Villa eines Kornwuche- rcrs angezündet, hier sämmtliche Getreidespeicher der gleichzeitig Kornwucher treibende» .Signori mit Aexten erbrochen, und alle Vorräthe wurden weggenommen . .. Ja, die von anarchistischer Seite mit Erfolg bearbeitete darbende Masse,der neue arme Konrad , schickt sich zu allgemeiner Plünderung an und empfängt Polizei und Militär mit dichtem Steinhagel. Was ist nun die eigentliche, direkte Ursache der Rebellion in der Mark von Ancona" ? Es ist die sich über ganz Italien er- streckende Brodvertheuerung, an der nicht sowohl die hohen Getreidezölle (7 P Francs pro Centner) und die kommunale Verzehrsteuer (3 Francs) als die Manöver der Kornspekulanten schuldig sind, welch letzteres, in diesem Falle sind es italienische Edelleute wie Fürst Ruspoli und Kompagnie) bei der allgemeinen Nothlage immer höhere Preise zu erzielen hoffen und deshalb ihr Korn wohlverwahrt im Speicher zurückhalten, mag das arme Volk draußen sich vor Hunger winden und krümmen. Uedrigens hätte selbst die Vertheuerung des Brodes kaum eine revolutionäre Bewegung veranlaßt, hätten nicht die Ueberschwemmungen des letzten Jahres, die Miß­ernten, der strenge Winter sowie die Unthätigkeit der Regierung, die den ruinirten Leuten in keiner Weise zu Höffe kam, gehörig vorgearbeitet. Rechnet man zu allem noch den übrigens fast allgemeinen Mangel an Arbeit und die selbst für südliche Bedürfnisse vielfach ungenüg­ende Bezahlung der beschäftigten Arbeiter, das Stocken des Handels, die geringe Rentablität des Ackerbaues und man hat das Terrain, auf dem sich unter dem Einfluß revolutionärer Propaganda Volksbewegungen der geschilderten Art entwickeln.

Nizza. Die in den letzten Tagen stattgehabte Gene­ralversammlung der Aktionäre der Gesellschaft zum Betrieb der Spielbank in Monaco hat beschlossen, die Spielbank auf weitere zehn Jahre zu pachten, und bezahlt hierfür dem Fürsten von Monaco, der zuerst Skrupel zeigte, zehn Millionen Francs. Der Fürst hat die Gesellschaft verpflichtet, ferner fünf Millionen Francs für den Hafen von Monaco und zwei Millionen Francs für ein neues Theater auszusetzen. Der Fürst ist außerdem mit fünf Procent an den Einnahmen der Spielhölle betheiligt, sobald dieselben fünfundzwanzig Millionen Francs über­steigen.

Lokales und Provinzielles. * Schlüchtern, 28. Jan.

* Der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers wurde in der herkömmlichen Weise im Seminar nnd in den hiesigen Schulen gefeiert. Um 9 Uhr versammelten sich die Schüler des Progymnasiums und der Stadt­schulen in ihren Lehrztmmern. Die Feier wurde mit Gesang eröffnet, dann folgte eine Ansprache des betr. Lehrers und hierauf wechselten Vorträge mit patriotischen Gesängen ab. Im Seminar fand die .Feier um 10 Uhr statt. Eröffnet wurde dieselbe mit Gesang und Schrift- Verlesung Die Festrede hielt der Direktor über die ElnhettSldee in der deutschen Geschichte. Darauf wurden verschiedene Chöre von den Seminaristen vorgetragen, beendet wurde die Feier mit Gebet und Choralgesang. Um 1 Uhr vereinigte die Lehrer des Semmar», der Stadtichule und die Zöglinge des Seminars ein festliche» Mahl. Abends fanden in der prächtig dekorirten Turn­halle musikalische Vorträge und stiert Aufführungen von Seiten der Seminaristen statt, welche den Zuhörern einen genußreichen Abend boten und allseitigen Beifall fanden. Auch im Gasthausezum Stern" fand ein Festessen statt, an dem sich Beamte und Bürger der Stadt betheiligten.

* Der Verkehr auf der hiesigen Eisenbahnstation gestaltete sich tm Betriebsjahre 1896|97 wie folgt (zum Vergleich sind die entsprechenden Zahlen deS Vorjahres in Klammern beigefügt): Auf Fahrkarten und Fahr- scheine wurden abgefertigt 27 299 (27 058) Personen; an Stückgut, einschließlich Eil- und Expreßgut kamen