SchlüchternerMtung
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Mittwoch, den 23. März 1898
49. Jahrgang
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Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Deutsches Reich
Berlin. Die Nachricht, daß der Kaiser im laufenden Jahre eine Seereise nach Schottland unternehmen werde, ist der N. A. Z. zufolge unbegründet.
— Ein unbemannter Ballon der Luftschifferabtheilung riß sich neulich bei Versuchen los und flog in östlicher Richtung davon. Mittheilungen über den Verbleib des Ballons werden telegrophisch an die Luftschifferabtheilung Berlin erbeten.
— Der Kapitän unseres Schulschiffes „Stein", das z. Z. vor Antwerpen liegt und dem zu Ehren verschiedene Festlichkeiten veranstaltet wurden, Herr Oel- richs, ist plötzlich irrsinnig geworden.
— Ueber die Ermordung des Matrosen Schulze vom Kriegsschiffe „Kaiser" durch einen Chinesen theilt der „Ostafiat. Lloyd" jetzt Näheres mit: Die Stadt Tsimo ist schon seit Anfang Januar durch ein Detache-
ment des Geschwaders besetzt. Zu diesem gehörte auch der Matrose Schulze vom „Kaiser." Er stand in der Nacht vom 23. zum 24. Januar Posten am westlichen Stadtthor; ein zweiter Posten war daneben auf den Wall ausgestellt. Kurz vor 2 Uhr Nachts wurden der Posten auf dem Wall und die Wache durch-«neu Schuß alarmirt; sie fanden Schulz am Boden liegend vor. Er verstarb, ohne eine Aussage über den Angriff, dem er erlegen ist, gemacht zu haben; das abgefeuerte Gewehr lag neben ihm; von dem Mörder war keine Spur zu sehen. Die Leiche zeigte zwei tiefe, klaffende Hiebwunden an der linken Seite von Kopf und Hals, die nach ihrer Art nur von hinten beigebracht sein können. Selbst die Schlagader des Halses war durchgeschnilten, so daß der Tod sehr rasch durch Verbluten eingetreten ist. Man machte den Distrikls-Vorstcher von Tsimo für die Verhaftung und Veruriheilung des Mörders verantwortlich, und seinen Bemühungen gelang es, denselben nach zwei Tagen zu ergreifen. Es war ein Mann, der in der Nähe des Thores einen Laden besaß, in dem er aus Kuhhorn gefertigte Gegenstände verlauste. Vor dem chinesischen Gericht gestand er das Verbrechen und wiederholte in Gegenwart deutscher Offizier, das Geständniß. Das Messer, mit dem er den Mord begangen hat, wurde bei ihm gefunden, es war noch mit Blut bedeckt, welches als Menschenblut erkannt ist. Als Motiv gab er seinen Aerger an darüber, daß sein Laden in jener Nacht erbrochen und beraubt sei, was er bemerkt habe, als er ihn Nachts rcvidirte. Er wohnte bei seinem Vater in einerVorstadtvonTsimo. Das chinesische Gericht verurtheilte sofort den Mörder zum Tode, doch war der Distrikts- Vorsteher nicht befugt, das Urtheil zu bestätigen. Der Gouverneur der Provinz in Tfinanfu, an den telegraphirt wurde, gab die Sache nach Peking weiter und dort verweigerte die Regierung die Bestätigung. Darauf be- rief der deutsche Admiral ein Kriegsgericht, um dem Mörder nach den deutschen Gesetzen den Prozeß machen zu lassen, wie dies seiner Zeit in der Proklamation bei der Besetzung des Gebiets um die Kiaotschau-Bucht der Bevölkerung für solche Fälle bekannt gegeben wurde. Der Spruch des Kriegsgerichts lautete einstimmig auf Todesstrafe und der Mörder sollte am nächsten Tage durch Erschießen hingerichtet werden, als der Distrikts- Vorsteher kam und darum bat, ihm den Verbrecher zur j Exekution zu übergeben, damit er ihn nach chinesischer • Sitte enthaupten lassen könne. Dies ist am 2. Februar i Morgens in Tsimo öffentlich geschehen; den Kopf des i Verbrechers hat der Distrikts-Vorsteher am Stadtthore i
aufhängen lassen.
— Ein neuer Ueberfall auf deutsche Soldaten in Kiaotschau. Aus Tsintaufort wird dem „B.-L.-A. gemeldet : Der Unteroffizier Lehmann hatte mit zwei Sersoldaten den Abbruch der von den Besatzungsmannschaften bald nach ihrer Landung erbauten Telephonlinie zu besorgen. Als er nun in dem Dorfe Konschuntino
den bei den Abbruchsarbeiten beschäftigt gewesenen Kulis ihren Lohn auszahlen wollte, mußte er zu diesem Zweck acht Dollarstücke in kleineres Geld umwechseln lassen. Hierbei bemerkten der Wechseler und die ihn umringenden Chinesen, daß Lehmann noch eine größere Summe in seinem Besitz hatte. Dies erregte ihre Begehrlichkeit. Sie folgten den Soldaten, als diese einer anderen Arbeiterkolonne nachmarschirten. Plötzlich stürzten sie sich gleichzeitig von hinten auf die Soldaten, ergriffen ihre Gewehre und versuchten, die Uebersallenen niederzu- wersen, in der Absicht, sie ihrer Baarschaft zu berauben. Zum Glück gelang es Lehmann, sein Seitengewehr zu ziehen. Er versetzte damit einem Angreifer einen Hub über den Kopf, gleichzeitig feuerte der Seesoldat Schilling, der zur Erde geworfen war und sein Gewehr mit aller Gewalt vertheidigte, im heftigsten Ringen und ohne an- zuschlagen, einen Schuß ab, durch den ein Chinese lödt- lich verwundet wurde. Die Uebrigen flohen nun und entkamen. Unsere Soldaten sind völlig unverletzt. Gouverneur Truppel leitete sofort eine Untersuchung ein.
— Eine sensationelle Diebstahls- und Betrugsaffäre, die in ihren Konsequenzen noch der weiteren Aufklärung bedarf, ist durch die Auffindung von 44 000 Mark -rn
Banknoten auf einem Berliner Friedhof in Fluß ge- kommen. ES war der Polizeibehörde kein Diebstahls fall bekannt, aus welchem die unzweifelhaft echten Bank noten hätten herrühren können, und man untersuchte daher alle anderen Möglichkeiten der Provenienz des Geldes. Die Untersuchungen haben nun dazu geführt, festzustellen, daß die aus dem Kirchhof gefundenen Bank- noten aus dem Besitz eines inzwischen pensionirten Faktors der Reichdruckerei herrühren, der sich dieselben widerrechilich und auf bisher unerklärliche Weise in der Reichsdruckerei ungeeignet haben muß. Der ungetreue Beamte ist verhallet worden. Man hat auf demselben Friedhof noch eine Reihe ähnlicher Funde gemacht, die sich ebenfalls aus Tausendmarkscheinen zusammensetzten. Zu dem räthselhaflen Funde auf dem Fnedhofe ist jetzl sestgestellt, daß Mk. 120 000 entdeckt wurden. Auch die Herkunft der Scheine ist aufgeklärt. Bon den Staals- Ichulöscheinen werden je zwei Exemplare hergestellt, wovon die Prüfungs-Commission eins behält, während das andere vernichtet wird. Die Vernichtung gehört zu den Obliegenheiten des Oberfaktors, der seine Pflicht verletzte und sich an den zur Vernichtung bestimmten Scheinen bereicherte. Der verhaftete Oberfaktor sitzt in Moabil im UntersuchungSgefängniß. Wie es heißt, ist gestern auch ein Angestellter der zur Reichsdruckerei gehörigen Kupferdruckerei verhaftet worden. Ferner wird behauptet, auch mit Post-Werthzeichen, die ebenfalls in der Reichsdruckerei hergestellt werden, seien Unredlichkeiten betrieben worden. Wie der Mann trotz der peinlichen Ueberwachung den Diebstahl hat ausführen können, ist noch nicht aufgeklärt. — Ein neuerer Bericht meldet, es sollen noch eine ganze Anzahl von Verhaftungen, man spricht von 11, vorgenommen sein.
— Ueber eine beklagenswerthe Schießaffaire wird aus Düffeldorf berichtet: Gestern Nachmittag hat der Gensdarm Otto im Vorort Rath einen verheiratheten
Maurer, Vater von 5 Kindern, erschossen. Die unglückliche Affaire hat sich in folgender Weise zugetragen. Vierzehn an einem Neubau beschäftigte Maurer waren in Streit gerathen; Gensdarm Otto wollte Ruhe stiften, wurde aber dabei von den Maurern angegriffen. Der Beamte zog, als er sich so bedrängt sah, seinen Revolver
und drohte zu schießen, wenn man nicht von ihm lasse. Schließlich gab er einen Schreckschuß ab, als auch das nicht half, richtete er die Waffe auf vordersten seiner gefährlichen Angreifer, der, von
ob» und den der
Kugel in's Herz getroffen, sofort todt niedersank.
Aachen, 17. März. Im hiesigen Landesverraths- prozeß verurtheilte heute das Kriegsgericht den Bezirks-
fcldwebel Hanenbruch zu zwei Jahren zehn Monaten Zuchthaus und Ausstoßung aus dem Heere, den Be- zirksfeldwebel Kirchner aus Montjoie zu einem Jahr zehn Monaten Gefängniß und Degradation.
Mainz, 16. März. Seit dem 1. März find in
unserer Stadt zwei Mädchen spurlos verschwunden; trotz
von 9 und 13 Jahren aller Bemühungen der den Schleier von dem
Polizei will es nicht gelingen, geheimnißvollen Vorkommmß zu lüften. — Auf dem
untergegangenen amerikanischen Kriegsschiffe „Maine" hat sich auch ein Mainzer, Weigelt, befunden. In einem Briefe schildert er seine Rettung. Er wurde tm Augenblick der Katastrophe hoch in die Lust geschleudert und fiel dann ins Wasser, aus dem er von den zur Rettung herbeieilenden Spaniern herausgesischt wurde.
Kaiserslautern, 18. März. Ein Vergiftungsvorfall, dem ein blühendes Menschenleben zum Opfer fiel, hält heule die ganze Stadt in Aufregung. Der in der Fröbelstroße wohnhafte, in zweiter Ehe lebende Maurer Ludwig Schwarzebach hat drei Söhne aus erster Ehe im Alter von 16, 14 und 12 Jahren, welche gestern Abend nach dem Nachtessen allem zu Hause blieben, während die Eltern gemeinschaftlich mit der Hauswirthin ausgingen und bis gegen 1 Uhr in der Wirthschaft blieben. Bei ihrer Rückkehr vernahmen sie an der unverschlossenen Thür ein lautes Röcheln und fanden beim Betreten der Wohnung die drei Kinder in einem schrecklichen Zustande, dicken Schaum vor dem Munde und den 14 Jahre alten Sohn Hermann schon todt vor. Der sofort herbeigerufene Arzt Dr. Wertheimer constatirte Phosphorvergiftung, und es gelang ihm durch Auspumpen des Magens, die beiden anderen Söhne wieder zum Leben zurückzurusen. Doch besteht für den Jüngsten noch große Gefahr. Das Ehepaar wurde sofort in Haft genommen.
— Im städtischen Schlachthof in Gera find nach Anzeige des Schlachthofdirektors im Monat Februar 14 Mal Trichinen in amerikanischen Fleischwaaren gefunden worden und zwar 7 Mal in Schinken, 3 Mal in Speck, 3 Mal in Pökelfleisch.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 22. März.
* — Sonntag, den 27. d. M., Nachmittags 4 Uhr, findet in der Aula des Seminars ein Concert statt. Auf die Vortragsordnung, welche im Jnseraten- theil enthalten ist, wird hiermit hingewiesen. Vortrags- Ordnungen sowie Eintrittskarten (ä 75 Pfg.) find am Eingang zur Seminar-Aula zu haben.
* — Der Minister für Landwirthschaft rc. hat an- geordnet, daß künftig bei den Verkäufen von Holz im Wege des schriftlichen Preisangebotes die Namen und Gebote sämmtlicher Bieter den im Termine zur Eröffnung der Gebote Anwesenden auch da bekannt gegeben werden
sollen, wo dies bisher nicht üblich gewesen ist.
* — Die Hessen-Nassauische Versicherungsanstalt hat zur Förderung gemeinnütziger Zwecke durch die Jnvalitäts- und Altersversicherung eine Reihe von Geldern, die vorwiegend der Klasse der Versicherten zu Gute kommen, zur Verfügung gestellt. Es sind dies im Ganzen 2 523 700 Mk., davon 1444 700 Mk. für >en Bau von Arbeiterwohnungen und 434 000 Mk zur Befriedigung des landwirthschaftlichen KreditbedürfnisseS (Hupotheken, Kleinbahnen und Viehzucht.)
* — Aus der Sitzung der Hanauer Strafkammer vom 17. März. Berufungssache des 25jährigen Metzgermeisters Fritz W. aus Elchen, durch schössen- erichlliches Urtheil zu Windecken vom 13. Januar cr. wegen Betrugs zu 5 Tagen Gefängniß verurtherlt. Der Beschuldigte kaufte am 27. Sept. v. I. von dem Fuhrmann D. zu Höchst a. M. ein Schwein zum Preise von 34 Pfg. pro Pfund Lebengewicht. Zur Feststellung des Letzteren wurde das Thier nach der öffentlichen Waage in Eichen transportirl und begleitete Frau D. in Verhinderung ihres Mannes den Käufer nach dort. W. band das Schwein an einem Hinterfuß an und wird nunmehr beschuldigt, in dem Augenblicke da der Wiege- Meister die Waage in Thätigkeit setzte, den Fuß des Thieres mittelst des Strickes gewaltsam in die Höhe gezogen und dadurch das effectioe Gewicht verringert zu haben. Auf den Gedanken, daß eine derartige Manipulation vorgenommen sei, kam der Verkäufer, als er das GewichtSergebniß von 348 Pfund mit seiner sich auf