SchlüchternerZeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
41. Samstag, den 21. Mai 1898. 49. Jahrgang
%tfti>lllttini>t1 auf die „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen -..........—~ ■ ' Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Mai. Aus Straßburg wird berichtet: Der Kaiser begab sich heute Vormittag 10 Uhr in Begleitung des Fürsten zu Hohenlohe nach dem Paradefelde und nahm die Parade über die Siraßburger Garnison ab. Auch die Kaiserin war mit der Fürstin zu Hohenlohe erschienen. Bei dem Pionierbataillon Nr. 19 ließ der Kaiser die Offiziere und Mannschaften vortreten, die bei einem hier kürzlich vorgekommenen Unfall beim Brückenschlägen, wo eine Anzahl Mannschaften ins Wasser gestürzt war, sich bei der Rettung ausgezeichnet hatten. Er reichte einem jeden von ihnen die Hand uud übergab ihnen eigenhändig die Rettungsmedaille. Um 12 Uhr begab sich der Kaiser in daS Generalkommando, wo beim kommandierenden General v. Falken- stem das Frühstück eingenommen wurde. Um 5 Uhr erfolgte die Abreise des Kaiserpaares nach Berlin.
— Prinz Heinrich stattete in Peking im Sommer- palaste dem Kaiser und der Kaiserin-Mutter von China Besuche ab. Letztere, welche durchaus unbefangen erschien, richtete zahlreiche Fragen an den Prinzen Heinrich. Danach empfing der Kaiser den Prinzen Heinrich und das gesammte Gefolge in der großen Audienzhalle. Der Kaiser schüttelte dem Prinzen die Hände; letzterer übergab sodann herrliche Basen aus der königlichen Porzellan- Manufaktur in Berlin als Geschenke des deutschen Kaisers. Nach kurzem Austausch verbtndlicher Reden begab sich der Kaiser nach dem Eingänge der Halle, wo die Abtheilung Marinesoldaten ausgestellt war. Der Trommelwirbel derselben rief beim Karfer leichtes Erstaunen hervor. Hierauf verließen Prinz Heinrich und sein Gefolge den Kaiser, befuhren auf Dampfbooten und elektrischen Booten den See beim Sommerpalaste und besichtigten die Sehenswürdigkeiten, wobei Prinz Tsching als Führer diente und auf die herrlichen Kunstwerke und prächtigen Bronzen aufmerksam machte. Der Kaiser erwiderte den Besuch des Prinzen und übergab ihm überaus schöne Geschenke, u. a. zwei von der Kaiserin-Wittwe selbst gemalte Fächer. Prinz Heinrich geleitete alsdann, nur von dem Dolmetscher Freiherr« v. d. Goltz begleitet, den Kaiser in das anstoßende Gemach und brächte hier geraume Zeit im Gespräch mit ihm zu. Nach diesem Besuche kehrten Prinz Heinrich und Gefolge zu Pferde nach Peking zurück.
— Für die Infanterie- und Sanitätsoffiziere werden jetzt blaue Waffenröcke von bedeutend hellerem Farben- ton, als bisher, eingeführt. Die Proben sind bereits vom preußischen Kriegsmimsterium ausgegeben worden. Obgleich das Aufträgen der alten Waffenröcke noch bis 1. April 1899 gestattet ist, werden die Uniformen in der neuen Tuchfarbe doch schon vielfach getragen.
— Die „GebirgSmarine" in Kiautschau beschreibt E. von Hesse-Wartcgg in einem Briefe in der „Nat.- Ztg.": Es gewährt schon einen seltsamen Anblick, eine deutsche Feldbatterie mit kleinen chinesischen Maulthieren bespannt zu sehen; aber geradezu drollig ist es, daß auf diesen Maulthieren Matrosen retten, mit Sporen an den Stiefeln! Allerdings ist zu berücksichtigen, daß die vermeintlichen Matrosen größtentheils Feldartilleristen in Matrosen-Uniform sind, dafür mußten aber die Maulthiere von den Chinesen gekauft werden, die sie bisher als Lastthiere verwendet hatten, und von denen die letzten erst vor einigen Tagen in den Dienst gestellt wurden.
— Eine Aenderung in der Höhe der Gewinne ist nach dem jetzt veröffentlichten Plan der 199. preußischen Klassenlotterie insofern vorgenommen, als die Gewinne von 1500 Mark auf 1000 Mark herabgesetzt und die niedrigsten Gewinne der vierten Classe, welche bisher 210 Mark betrugen, auf 220 Mk. erhöht worden sind.
In Chemnitz wollen die — Jmpfgegner einen besonderen Kandidaten aufstellen! Weiler kann man die Kirchturmpolitik wohl nicht treiben! Es müßte denn sein, daß auch die Gegner der Hundesperre, die Vege- tariner, die Kegelklubs und Gesangvereine besondere Kandidaten zur Wahrung ihrer Interessen aufstellen I Man darf sich heutzutage über nichts mehr wundern.
Ausland.
Rom, 17. Mai. Der „Tribuna" zufolge schlugen
sich 150 Bauern aus Genzano in der Provinz Rom, die an der Revolte betheiligt waren, in die Büsche und machen die Wälder um Belletri unsicher. Polizei und Militär machen auf sie Jagd.
Madrid, 17. Mai. Der Kriegsminister Correa sagt: Es seien Meldungen eingetroffen, die zu der Meinung berechtigten, daß ein Theil des spanischen Geschwaders gegenwärtig Boston und Portland bedrohen.
Newyork. Die Weizenpreise sind in den jüngsten Tagen in Amerika von neuem gestiegen. Der Grund wird in einem neuen Eingreifen Leiters gefunden. So meldet eine Hamburger Firma: „Mr. Leiter, welcher vor einiger Zeit erklärte, daß er nunmehr genug Nutzen aus seiner Weizenspekulation gezogen habe und sich von diesem Artikel zurückziehen wolle, scheint die Sache wieder anders überlegt zu haben, da er wieder im Markte erschien und die Preise in die Höhe trieb." Man will sogar wissen, daß der Chicagoer Getreidespckulant Armour, früher der Gegner Leiters, sich jetzt mit Leiter verbunden habe. „Beide edlen Menschenfreunde wollen nunmehr einen Weizencorner gründen, dergleichen die Welt noch nicht sich träumen lassen. Leiter und Armour sollen 15 Millionen Bushel Weizen zusammen besitzen oder vielmehr kontrolliren. Das bildet einen großen Theil des Weizenkonsums." Es wird hierbei indes zu berücksichtigen sein, daß die Mythenbildung in dieser Angelegenheit eine große Rolle spielt, und daß Spekulanten, die ein Interesse daran haben, die Preise steigen oder fallen zn sehen, sich lebhaft an der Bildung und Verbreitung von allerhand Mythen betheiligen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 20. Mai.
* — Das ungewöhnlich lang anhaltende Regenwetter, das, wie in anderen Gegenden unserer heimathlichen Provinz auch in unserem Kreise Ueberschwemmungen in bisher noch nicht erreichtem Maße zur Folge gehabt und dadurch unseren Landwirthen stellenweise großen Schaden gebracht, ist auch auf unseren heimischen Obstbau nach Ansicht der Gärtner und Obstzüchter von sehr schlechtem Einfluß gewesen. Denn während die Obstbäume aller Art, besonders unsere Aepselbäume in einem Maße blühten, wie es seit Jahren nicht vorgekommen ist, ließ der fortwährend vom Himmel niederströmende Regen eine Befruchtung der Blüthen nicht zu, so daß für dieses Jahr trotz der sehr reichen Blüthe eine gute Obsternte leider nicht zu erwarten ist. Nur für die späteren Obstsorten, deren Blüthen sich vorher nicht entfaltet haben, ist, falls bald beständig warmes und trockenes Wetter eintritt, noch Aussicht auf eine gute Ernte vorhanden.
*— Die Maikäfer-Gefahr, die in den Anfangstagen des Wonnemonats wegen des massenhaften Auftretens dieses Insekts an verschiedenen Orten recht bedenklich erschien, scheint Dank der letzten kalten Nächte nicht so groß zu werden, wie ursprünglich befürchtet wurde. Die feuchtkalte Witterung hat massenhaft unter den Käfern aufgeräumt.
* — Ueber die Ausrottung des Waldmeisters wird jetzt von Pflanzenfreunden, Förstern und anderen Be- theiltgten lebhafte Klage geführt. Da die Sammler des aromatischen Krautes sich nicht nur mit dem Pflücken der Blätter begnügen, sondern fast immer auch die Wurzeln mit ausreißen, sind an vielen Stellen die Waldmeisterbestände, die mit großer Sorgfalt gepflegt wurden, fast gänzlich verschwunden.
* — Wir werden vom Herrn Bürgermeister Zeller in Jossa ersucht, den Bericht über die Verhandlung der Strafkammer vom 12. Mai gegen den Landwirth B. zu Jossa dahin richtig zu stellen, daß der darin erwähnte „Bürgermeister" mit ihm (Zeller) nicht identisch ist. Der Berichterstatter nannte keinen Namen.
* — (Aus der Strafkammersitzung vom 16. Mai.) Wegen Verleitung zum Meineid hatte sich der 25jährige Schneider Leo I. von Uerzell zu verantworten: giebst drei anderen Genossen war I. am 10. Dezember v. I. von dem Schöffengerichte zu Salmünster wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung zu einer längeren Freiheitsstrafe verurtheilt worden. Es wird ihm nun zur Last gelegt, vor der in dieser Strafsache stattgefundenen Hauptverhandlung den Bauernsohn Sch. von Uerzell zur Abgabe einer falschen, den Attentäter günstigen Aussage zu verleiten. Obgleich festgestellt ist, daß Sch. zuerst unrichtige Angaben vorbrachte
und später revocirte, konnte das Gericht zu einer vollen Ueberzeugung der Schuld des Beklagten, der immerhin schwer verdächtig ist, nicht kommen und spricht ihn deshalb frei.
Steinau. In der am 16. d. M stattgehabten Ersatz- bezw.Ergänzungswahlen der Stadtverordneten wurden gewählt in die 1. Classe: Fritz Rüffer, Nicolaus Hildenbrand; 2. Classe: Postverwalter Schick; 3. Classe: Nicolaus Hellwig.
Ulmbach, 17. Mai. Bei dem Gewitter, welches am Sonntag Nachmittag zwischen 6 und 7 Uhr über unsere Gegend zog, schlug der Blitz in Radmühl in ein Haus und tödtete den Landwirth Löffler und 3 Kühe, und lähmte die Frau.
Wiesbaden, 17. Mai. Das Gewitter mit gewaltigen Regengüssen und heftigem Hagelschlag, welches am Sonntag Nachmittag die Umgegend von Wiesbaden heimsuchte, hat in den Dörfern Ueberschwemmungen verursacht. In Dotzheim ist ein Knabe ertrunken, der von den Fluthen weggeschwemmt wurde. In Eltwille, Walluf, Schierstein, Biebrich und Mosbach fielen Kiesel in der Größe von Taubeneiern und zwar in solcher Masse, daß sie stellenweise einen halben Fuß hoch lagen. Neben den Blüthen der Bäume hat der Hagel in Blumen- und Feldanlagen, sowie in Weinbergsgeländen an den Reben starke Verwüstungen angerichtet. Die während des Gewitters den Rheingau passirenden Züge mußten theilweise halten bleiben; die Bahn zwischen Eltville und Schlangenbad stellte zeitweise ihren Verkehr ein. Der Hagel fiel dort in solchen Massen, daß Vögel in der Luft erschlagen wurden. In Sonneberg waren die Gärten und Häuser überfluthet. Auf dem „Hofgut" mußte das Vieh aus den überschwemmten Ställen gerettet und eine größere Oeffnung in die Mauer der Scheuer geschlagen werden, um den Wassermassen einen Abzug zu schaffen.
Fritzlar, 17. Mai. Herr Gastwirth Jakob dahier hat heute für dieses Jahr den ersten Bienenschwarm bekommen. — Ein Schwärm im Mai ist werth ein Fuder Heu!
Die Erbin von Wallersbrnnn. Originalroma« von Marie Roman?.
(Fortsetzung.)
„Ich sollte meinen, daß die Gnädige si ch der Monti' kaum erinnert," fuhr der Bauer sie mit spöttelndem Grinsen an. „Zehn Jahre sind's, und vielleicht darüber daß der Pietro die ganze Wirthschaft nahm."
„Wirthschaft?" wiederholte Alice wie fragend.
„Nun ja, Wirthschaft," betonte der Mann. „Schweizer Kaffeehaus, wie es in der Gegend genannt wird. Dort drüben auf dem Berge liegt es; wenn die Gnädige will, führt der Weg sie in einer halben Stunde dahin."
Unschlüssig stand Alice still. Sie erinnerte sich wohl jetzt erst, daß zwanzig Jahre seit der Abfassung der Briefe dahingeflossen waren. Zu was mochte der Besuch der Villa ihr nützlich sein, wenn diese in den Händen eines andern Besitzers war? Und dennoch blieb ihr keine Wahl. Sie war fremd in Crovigno und bis zum nächsten Zuge, der nach Rom zurückführte, hatte sie vier Stunden. Sie trat daher den Weg zur Villa Barlero an.
Es dauerte auch nicht lange, so war sie da. Eine Magd, die just über den Hofraum schritt, beauftragte sie, ihr eine Tasse frischen Kaffee zu servieren, und nahm dann Platz auf einer Bank, die ihr freie Aussicht über die Landschaft gewährte. Sie fühlte eine Unbe- Haglichkeit, die sich wie ein Druck auf ihr Inneres legte; es war das Bewnßtsein, ihre erste Bemühung auf Erfolglosigkeit stoßen zu sehen. Zum Glück jedoch ließ ihr die Dienstfertigkeit der Wirthschaft nicht viel zu Zeit zu eitler Träumerei. Crovigno, wie schon erwähnt, ist nur ein winziges Städtchen und so war man erstaunt gewesen, eine junge Dame, die fremd am Orte war, allein erscheinen zu sehen. Frau Barlero trug daher mit eigener Hand den Kaffee auf.
„Wünscht die Gnädige in der Stadt Besuche zu machen?" fragte sie freundlich, während sie das Kaffeetuch ausbreitete.
Alice erröthete in Verlegenheit.
„Ich hatte die Villa Monti besuchn: wollen", äußerte ie glattweg; ich wußte nicht, daß die Villa in andere Mde gekommen war."
„Die Villa Monti?! Ach, du mein Gott!" sagte