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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pf.
^N 44. Mittwoch, den 1. Juni 1898. 49. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
Berlin. Aus Wilhelmshöhe wird bestätigt, daß die Ankunft des Kaiserpaares und der kaiserlichen Kinder daselbst schon in der ersten Juniwoche — voraussichtlich am 6. Juni — erfolgen dürfte. — Der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich werden noch einige Zeit bei ihren Kaiserlichen Eltern verweilen und dann wieder nach Plön in Holstein zurückkehren, wohin ihnen im Oktober auch Prinz Adalbert folgen wird. In Plön werden die Prinzen noch etwa 2 Jahre, bis zu ihrer Großjährigkeit und bis zum Eintritt des Prinzen Adalbert in die Marine, bleiben.
— Zum Empfang des Prinzen Heinrich beim Kaiser von China wird dem „L.-A." noch aus Peking gemeldet: Als Prinz Heinrich mit seinem Gefolge den Thronsaal betrat, saß der Kaiser von China in einem dunkelblauen, mit Drachen gestickten Gewände auf einem erhöhten, thronartigen, gelben Sessel. Er erwiderte aufstehend die Verbeugung des Prinzen und reichte ihm die Hand. Der Kaiser ist von jugendlichem Aussehen und blasser Gesichtsfarbe. Er lächelte freundlich und seine Finger waren fortwährend in Bewegung. Nachdem der Prinz die Grüße Kaiser Wilhelms ausgerichtet und die Geschenke übermittelt hatte, dankte der Kaiser von China und fragte nach dem Befinden des Kaisers Wilhelm. Darauf bot er dem Prinzen den rechts stehenden rothen Seffel an. Prinz Heinrich stellte den deutschen Gesandten Baron von Heyking als eine besondere Vertrauensperson des Kaisers Wilhelm vor. Es folgte dann eine Menge konventioneller Fragen. Erst hatte der Kaiser von China seine Fragen leise an den Prinzen Tsching gerichtet, später sprach er direkt zu dem deutschen Dolmetscher Freiherr v. d. Goltz. Die Audienz währte eine halbe Stunde. Nach ihrer Beendigung kehrte Prinz Heinrich nach dem Pavillon zurück, wo ein chinesisches Frühstück eingenommen wurde. Hier erschien dann der Kaiser von China, gefolgt von einer Unzahl von Mandarinen. Prinz Heinrich empfing ihn und geleitete ihn nach einem kleinen offenen Nebenraum, wo er auf einem rothen Sessel Platz nahm. Nachdem der Kaiser dem Prinzen persönlich den rothen Drachenorden überrreicht hatte, verweilte er noch zehn Minuten, worauf er sich verabschiedete.
— Die Stiftung eines Ordens für „königstreue" Arbeiter scheint in Preußen geplant zu sein. In Sachsen ist schon eine solche Medaille am grünen Bande vorhanden, die als Belohnung für „königstreue" Gesinnung Arbeitern nach 30jähriger Dienstzeit verliehen wird. Der „Deutsche Papierindustrieverein" hat nun in seiner letzten Generalversammlung in Berlin eine solche staatliche Auszeichnung auch für Preußen vorgeschlagen und den Vorstand beauftragt, sich über derartige Einrichtungen in anderen Staaten zu informiren, um dann an die Regierung darauf bezügliche Eingaben zu richten.
— Nach Kiautschau. Zwei Handwerksmeistern aus Zabrze in Oberschlesien, die sich s. Z. an das Auswärtige Amt gewandt hatten, um sich in dem neuerworbenen Reichsgebiet Kiautschau niederlassen zu können, sind dieser Tage dahin beschieden worden, sich behufs Vorstellung in der Kolonialabtheilung des Auswärtigen Amts in Berlin einfinden zu wollen. Desgleichen sind von der Kgl. Berginspektion und der Kgl. Zentralver- waltung in Zabrze seitens der Staatsregierung je ein Beamter für den Reichsdienst in Kiautschau engagiert worden.
— In der „Deutschen landwirthschaftlichen Presse" ist nunmehr die angekündigte Auskunft des Instituts für Pflanzenphysiologie und Pflanzenschutz an der königlichen landwirthschaftlichen Hochschnle in Berlin über eine deutsche San Josö-Schildlaus erschienen, die bisher im Elsaß, in Rheinhessen, im Rheingau, in Hannover, in Berliner Gärten und in Ostpreußen in Obstkulturen gefunden ist. Dagegen wird konstatirt, daß die echte San Jose-Schildlaus bis heute in Deutschland nicht gefunden worden ist. Der Aufsatz enthält aber keinerlei Auskunft darüber, ob die deutsche San Jose-Schildlaus für Obstkulturen unschädlich oder ebenso schädlich ist wie die amerikanische.
— Mit Bezug auf den spanisch-amerikanischen Krieg ist in der letzten Zeit von einzelnen Blättern die Befürchtung ausgesprochen worden, daß eine Störung des Verkehrs zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten unvermeidlich sei. Wir können demgegenüber konstatiren, daß von irgend welcher Einschränkung des Verkehrs keine Rede ist. Sowohl der Passagier- wie der Frachtverkehr von Deutschland und von den Vereinigten Staaten wickelt sich ohne jede Störung und insbesondere ohne jede Belästigung der Passagiere ab. Der Einfluß auf den Passagierverkehr ist bisher nur insofern zu konstatiren, als die in Europa lebenden Amerikaner größtentheils die Rückreise in die Heimath aus naheliegenden Gründen angetreten haben. Von einer Durchsuchung deutscher Schiffe oder gar von einer Kontrolle der Passagiere ist absolut keine Rede.
Leipzig, 25. Mai. Der Kassenbote des Bankgeschäfts Ertel, Freiburg u. Co. wurde heute Nachmittag 4*/2 Uhr auf der Treppe des Geschäftshauses von einem Unbekannten überfallen und ihm eine Mappe geraubt, in welcher sich 2000 Mk. in Banknoten befanden. Der Räuber ergriff die Flucht und konnte bisher nicht ermittelt werden. Die Polizei hat eine Belohnung von 200 Mk. auf die Ergreifung des Thäters ausgesetzt.
Ein Pöbeltumult führte am Donnerstag in Erfurt zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, die mit Steinen beworfen wurde, blank zog und 50 Personen verletzte. Die Zahl der Demonstranten, unter denen viele Zuhälter und Rowdies sich befanden, betrug an 2000. Militär war requirirt.
Von einer sträflichen Leichtfertigkeit wird aus Stendal berichtet: Als der Milchkutscher des Rittergutes Jarchau von dem Hausknecht eines Restaurants einen Schnaps verlangte, gab ihm dieser absichtlich Karbol, mit dem Bemerken, er wolle doch einmal sehen, was der für ein Gesicht machen werde. Trotz sofortiger ärztlicher Hilfe verstarb der Milchkutscher nach kurzer Zeit. Der schuldige Hausknecht wurde verhaftet.
Gleiwitz, 28. Mai. Im hiesigen Kreise sind sieben Ortschaften so schwer verhagelt, daß der Landrath Schröder von der Militärbehörde Hilfsmannschaften erbeten hat zur schleunigen Abräumung der total verwüsteten Felder und zur Unterstützung bei anderweitiger Bestellung der Accker. Das Unglück ist sehr groß, da die allermeisten Besitzer unversichert sind.
Schwetz. Die „Sachsengängerei" hat in diesem Jahr wieder einen ganz gewaltigen Umfang angenommen. Aus dem Kreis Schwetz, wo in früheren Jahren höchstens 400 bis 600 Männer auswanderten, sind in diesem Jahre 1390 Männer nach dem Westen ausgewandert. Von diesen 1390 Männern sind nahezu 1000 verheirathet. Die meisten dieser Verheiratheten haben Frau und Kinder mitgenommen, sodaß etwa allein aus dem Kreis Schwetz 7—8000 Personen nach dem Westen gezogen sind.
Aus der Pfalz, 26. Mai. Während zu Anfang der Woche die Umgegend von Neustadt a. d. H. von einem schweren Unwetter, verbunden mit Blitz und Hagelschlag, heimgesucht und namentlich den Weinbergen von Maikammer, Alsterweiler u. A. m. unberechenbarer Schaden zugefügt wurde, ging heute Nacht über die Westpfalz wiederholt ein mit starkem Hagelschlag verknüpftes Unwetter nieder. Geradezu fürchterlich hauste es in der Zweibrücker Gegend, wo die Ernte in mehreren Orten gänzlich vernichtet wurde. Auch mehrere Anwesen entzündete der Blitzstrahl, der in Huffler einen Ackersmann und in Buprich zwei Pferde auf dem Felde erschlug.
Ausland.
England. Augenblicklich liegt die ernste Gefahr eines Bruches zwischen Transvaal und England vor, deren Folgen ganz unabsehbar sind. Das Sprachrohr ChamberlainS, der „Daily Teleg." legt dar, daß die Erklärung des Präsidenten Krüger, England besitze keinerlei Souveränitätsrechte über die südafrikanische Republik, völlig haltlos sei, und daß England dem Präsidenten niemals gestatten werde, diese Worte in Thaten zu übersetzen. Daß man in Pretoria sonderlich beunruhigt ob dieser herausfordernden Sprache des englischen Colonialministers ist, glauben wir nicht; die Boeren haben den Briten gelegtlich des Jameson'schen Einfalls doch deutlich gezeigt, was sie können, und sie werden sich auch künftig nicht unterdrücken lassen.
Kalkutta, 26. Mai. Der auf der Reise nach Rangoon befindliche, der British Jndia Steam Navigation Company" gehörige Dampfer „Lindula" wurde wegen des Bruchs einer Welle von dem Dampfer „Mecca" der gleichen Gesellschaft am Montag inS Schlepptau genommen. Vorgestern riß das Tau; bei den Versuchen, die Verbindung wieder herzustellen, fuhr die „Mecca" gegen die Backen der „Lindula"; der Zusammenstoß hatte zur Folge, daß die „Mecca sank. Der Kapitän, zwei Maschinisten und etwa 50 andere Personen ertranken.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchter«, 1. Juni.
*— Die Arbeitsnachweise für Reservisten, wie sie im vergangenen Jahre in Verbindung mit den Bezirkskommandos eingerichtet wurden, haben sich bisher gut be- währt. Daher ist die Militärverwaltung bemüht, diese Einrichtung noch erheblich zu erweitern und für den Bereich der Korpsbezirke umfassend und einheitlich zu gestalten. Zu dem Zwecke werden die angemeldeten Stellen von der Centralstelle zusammengestellt und diese Nachweisungen den einzelnen Truppenkommandos mit- getheilt werden. — Von vielen Bezirks-Commandos werden gegenwärtig diejenigen Unteroffiziere und Mannschaften der Landwehr I. Aufgebots, welche Radfahrer sind und im Falle einer Mobilmachung als Radfahrer Verwendung finden wollen, aufgefordert, sich unverzüglich zu melden.
*— Gegen die amerikanische Konkurrenz. Der preußische Handelsminister hat an den Zentralvorstand des deutschen Schuhmacher-Jnnungsverbandes eine Aufforderung gerichtet, welche sich auf die Bekämpfung der amerikanischen Konkurrenz in Schuhwaaren bezieht. Es ist bekannt und wird auch vom Minister betont, daß neuerdings amerikanische Schuhwaaren, sogenannte Schleudersorten, die soliden deutschen Schuhwaaren bedeutend nachstehen, sich aber durch Eleganz auszeichnen, mit wachsendem Erfolge in Deutschland eingeführt werden. Um der Einfuhr entgegenwirken zu können, empfiehlt der Minister den Jnnungsverbänden, Fabrikanten ^und Geschäftsinhabern, sich Proben von solchem Schuhwerk kommen zu lassen, seine Beschaffenheit durch Zerlegung, Trennung des Leders vom Papier und der mit Bindfaden und mit langen Stichen aufgenähten Sohlen vom Oberleder festzustellen und das Ergebniß in der Presse zu verwerthen und der Kundschaft vor Augen zu führen. Der Minister stellt schließlich dem Centralvorstand des deutschen Schuhmacher-Jnnungsverbandes anheim, Schritte nach dieser Richtung hin bei den betheiligten Kreisen anzuregen.
* — Daß die Vorderseite einer Postkarte keine andere Aufschrift außer der Adresse des Empfängers enthalten darf, widrigenfalls Letzterer unliebsame Kosten hat, lehrt folgender Fall. Von der Postagentur Heiligen- Wald wurde kürzlich eine Postkarte welche auf der äußeren Seite außer der Adresse noch einige zum Text gehörige Wörter enthielt, von der Bcfördernng zurückgewiesen. Der Absender, ein Redener Grubenbeamter, wandte sich nun unter Beifügung der betreffenden Karte um Auskunft an die kaiserliche Oberpostdirektion in Trier. Der dieser Tage erfolgte Bescheid genannter Behörde besagt, daß die erste Seite einer Postkarte ausschließlich für die Adresse bestimmt sei; andererseits dürfte aber eine Postkarte, welche auf der Außenseite noch andere Bemerkungen enthalte, nicht von der Beförderung ausgeschlossen werden, sondern sei wie ein unfrankierter Brief mit dem entsprechenden Strafporto zu belasten.
Caffel, 24. Mai. Einen Akt außerordentlicher Roh« heit ließ sich dieser Tage ein Einwohner des Dorfes Holzhausen im Kreise Fritzlar zu Schulden kommen. Der hiesige Radfahrerverein „Hohenzollern" hatte ein Rennen mit dem Endziele Fritzlar veranstaltet. Als die Startenden, acht an der Zahl, das Dorf Holzhausen in schnellster Gangart passierten, gerieth eine, einem dortigen Einwohner gehörende Ente unter eines der Räder. Die Radier fuhren weiter ohne anzuhalten und erreichten endlich das gesteckte Ziel. Der Eigenthümer der überfahrenen Ente aber brütete Rache. Wissend, daß die Radfahrer den nämlichen Weg zurück- nehmen würden, spannte er ein Seil quer über die Straße und als dann die acht Radfahrer die Straße herangesaust kamen, prallten sie, da die Dämmerung bereits eingebrochen war, gegen das straff gespannte