SchlüchternerMtun
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Mittwoch, den 29. Juni 1898
49. Jahrgang.
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Die Expedition der „Schlüchterner Zeitung."
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Juni. Die Kaiserreise nach Palästina. Mit großer Energie tritt die ..Post" den namentlich in französischen Zeitungen verbreiteten Nachrichten entgegen, als habe die bevorstehende Reise des deutschen Kaisers nach Jerusalem noch besondere politische Zwecke, absonderlich den, die Schutzherrschaft über alle Konfessionen in Palästina zu erlangen, weshalb schon mit den Vertretern der katholischen Brüderschaften und Anstalten Verhandlungen angeknüpft seien. Davon sei gar keine Rede, es würden also Katholiken und Protestanten mit gleicher Freude deu Monarchen begrüßen. Sollte der Kaiser wirklich einzelnen Brüderschaften und Wohlthätigkeitsanstalten seine Aufmerksamkeit zuwenden, so würde das nur rein menschlichem Wohlwollen entspringen. Seit den Kreuzzügen der römisch deutschen Kaiser ist es das erste Mal, daß das Oberhaupt der deutschen Nation das heilige Land betritt. Und gewiß, wenn die Mauern Jerusalem's vor seinem Auge auftauchen, wird er dankbar der Gnade Gottes gedenken, die der in langen Jahrhunderten politisch zerrissenen deutschen Nation wieder einen würdigen Platz unter den Völkern verliehen hat.
,— Ueber die Heimkehr des Prinzen Heinrich aus Ostasien sind bisher keine Bestimmungen getroffen.
Regenfälle und niedrige Temperaturen Schaden auge- richtet und in Oesterreich-Ungarn erneute Niederschläge Befürchtungen erweckt. Aus den Balkanstaaten liegen ziemlich befriedigende Berichte vor und auch aus Rußland treffen zufriedenstellende Nachrichten ein. In Deutschland klagt man über mangelhaften Körneransatz des Roggens.
Erfurt. 23. Juni. Vor einigen Tagen zog sich hier ein 18jähriges Mädchen, welches in Begleitung eines Lehrers spazieren gegangen war, am Fuße eine geringfügige Verletzung zu. Infolge von Blutvergiftung, welche durch deu farbigen Strumpf entstanden sein mag, schwoll der Fuß stark an. Vorgestern starb die Kleine unter gräßlichen Schmerzen im Krankenhause.
Elberfeld, 21. Juni. Ein Opfer arger Rechtsmißgriffe ist der Fabrikarbeiter Albert Schulz in Essen a. d. Ruhr, der auf den Kruppschen Werken arbeitet, geworden. Die Staatsanwaltschaft in Elberfeld gab der Polizeibehörde in Mühlheim a. d. Ruhr den Auftrag, zu einer Strafkammerverhandlung den zu einem früheren Termin nicht erschienenen Mechaniker Albert Schulz aus Hennersdorf, welcher sich in Mühlheim aufhalten sollte, polizc.lich vorzuführen. Der hiermit beauftragte Polizeibeamte stellte am Morgen vorher fest, daß ein Albert
^i.wi.v.. 11iiv v<yVn .um wiuuiiuHiiyMi ^..»„^. Schulz von da nach Essen verzogen sei. Er fuhr nach Ursprünglich war das Anslandskommanbo auf ein Jahr j Essen, holte den Mann trotz seines Widerspruches aus Krupps Werken von der Arbeit weg und führte ihn zur
festgesetzt. Es wurde deshalb erwartet, daß der Prinz im Herbst mit dem heimkehrenden Flaggschiff der ersten Division, dem Panzerkreuzer „Kaiser", die Rückfahrt nach Deutschland antreten werde. Dem gegenüber wird gemeldet, daß zwar der „Kaiser" aus dem Gechwader- verbande ausscheiden wird, Prinz Heinrich tritt indeß erst später mit einem anderen Kreuzer die Heimreise an und wird auf dieser Fahrt den Großen und den Atlantischen Ozean durchqueren.
— Prinz Heinrich von Preußen sollte sich in einem Schreiben an den Kaiser dahin geäußert haben, daß Kiautschon durchaus werthlos für Deutschland sei. Jetzt wird diese schon an sich wenig glaubwürdige Nachricht Von der „Nordd. Allg. Ztg." als eine freie Erfindung bezeichnet, die aus englischer Quelle stamme. — Da die Besatzung von Kiautschou in ihrer gegenwärtigen Stärke erhalten werden soll, stellt sich die Nothwendigkeit der Ablösung des ältesten Jahrganges des 3. Seebatail- lons heraus. Hierzu ist der Uebertritt von 40 Unteroffizieren und 270 Mann aus der Armee beantragt worden. Zur Zeit finden Umfragen nach sich freiwillig Meldenden bei sämmtlichen Armeekorps statt. Das Eintreffen der Unteroffiziere in Wilhelmshaven ist für den 1. Juli, das der Mannschaften für den 5. Juli, die Abreise nach Kiautschou für den 14. Juli in Aussicht genommen.
— Nach den jetzt vorliegenden Ergebnissen der Stichwahlen werden im neuen Reichstag die einzelnen Parteien in folgender Stärke vertreten sein. Freisinnige Volkspartei jetzt 30. (im vorigen Reichstag 24) Freisinnige Bereinigung jetzt 14 (14). Nationalliberale jetzi 48 (49). Reichspartei jetzt 22 (28). Konservative jetzt 62 (60). Centrum jetzt 103 (98). Sozialdemokraten jetzt 57 (48). Süddeutsche Volkspartei jetzt 8 (12), Polen jetzt 14 (19). Elsässer jetzt 8 (6). Antisemiten jetzt 12 (16), Welsen jetzt 9 (7). Bund der Landwirthe jetzt 3 (0). Wilde jetzt 2.
— Die Getreidepreise stehen jetzt unter dem Einfluß der Ernte Aussichten in allen Gegenden der Windrose. Die Vereinigten Staaten Nordamerikas melden übereinstimmend glänzende Aussichten für Weizen, die nicht nur einen Preisdruck ausübten, sondern wahrscheinlich auch
den äußeren Anstoß zum Zusammenbruch des Groß- spekulanten Leiter und einiger seiner Genossen in Chicago gaben. Was die europäischen Ernte-Aussichten betrifft, so mehren sich in Frankreich die Klagen über Rostnusatz, — in England wirkt vielfach regnerische und kühle Wit-
Eisenbahn, obwohl ihm Schulz erklärte, er könne ihm zu Hause durch seinen Taufschein sofort beweisen, daß er nicht der Gesuchte sei, auch sei er niemals Mechaniker gewesen. Der Beamte ließ sich aber darauf nicht ein, sondern brächte Schulz nach Elberfeld. Da die Strafkammersitzung erst am anderen Tage stattfand, lieferte er sein Opfer hier im königlichen Arresthause ab und fuhr heim. Beinahe 18 Stunden währte die Haft, dann wurde Schulz aus seiner Zelle der Strafkammer vor- geführt, und hier klärte sich der böse Irrthum sofort auf, weil die Zeugen diesen Mann als den unrichtigen Schulz bezeichneten. Der Vorsitzende des Gerichts verfügte nun zwar, daß dem Manne die Mittel zur Heimreise aus der Gerichtskasse gezahlt würden, denn Albert Schulz war ja ohne einen Pfennig in der Tasche und in Arbeitskleidern aus seiner Wcrkstelle hergeschleppt worden. Aber der Kassenbeamte konnte dieser Verfügung nicht stattgeben, da die Gebührenordnung solche Fälle nicht vorgesehen hat. Schulz saß also mittellos auf der Straße. Bis um 4 Uhr am Nachmittage hatte er noch nichts genossen, und wie sollte er vollends nach Essen zurückkommen? Schließlich erbarmten sich Beamte des Landgerichts seiner und setzten es durch, daß ihm die Armenverwaltung der Stadt Elberfeld ein Darlehen gab, das zur Heimreise und zu ein paar Mahlzeiten ausreichte. Wer hat nun aber dem Manne die Unkosten, die Arbeitsversäumniß u. s. w. zu vergüten ? Vorläufig hat er den Antrag beim Elberfelder Landgericht gestellt', und die Mühlheimer Polizeibehörde wird schließlich für den Schaden aus ihrem Mißgriffe aufzukommen haben.
Auf Zeche „Zollverein" zu Katernberg bei Essen a. d. Ruhr wurden zwei Kassenschränke erbrochen und Über 25 000 M. in Gold entwendet.
Bayreuth, 24. Juni. Das bereits gemeldete furchtbare Hagelwetter hat eine bei Weitem größere Ausdehnung angenommen und einen weitaus größeren Schaden angcrichtet, als die ersten Nachrichten erkennen ließen. Die ganze obere Maingegend, beginnend oberhalb Staffelstein und über Kulmbach noch hinausreichend, wurde von dem verheerenden Unwetter getroffen. Kaum hatte der Hagel nachgelassen, der zum Glück nur einige Minuten dauerte, so folgte ein wolkenbruchartiger Regen. Es fielen im Anfang Hagelkörner in der Größe von Taubeneiern, die mit furchtbarer Vchemeuz niedcrpras
beschädigten. In Kulmbach sollen Tausende von Fensterscheiben durchschlagen worden sein; das Zuchthaus Plaste n- burg (oberhalb Kulmbach) soll daran mit über 1000 Scheiben partizipiren. Gräßlich sind die Obst-, Gemüse- und Ziergärten zugerichtet; von den Obstbäumen wurde das Obst abgerissen, Aeste und Zweige abgeschlagen, das Gemüse, die Blumen und Ziergewächse sind wie zerfetzt. Aber den Hauptschaden haben die Getreidefelder erlitten, die einen geradezu jämmerlichen Anblick bieten. Fast die ganze Getreideernte, auf die Heuer so große Hoffnungen gesetzt wurde, ist vernichtet, besonders in den Fluren von Neuendorf, Küsten, Lichtenfels, Wellenstadt, Strößcndorf, Burgkundstadt, Mainroth, Kulmbach, Stadt- und Uuterftemad; u. s. w. Um das Unglück voll zu machen, sind sehr viele der vom Hagelwetter Betroffenen gar nicht versichert.
Aus dem Elsaß Viel Humor zeigt der Schuhmacher Ricffel in Markirch, _ her sich selbst als Reichstagskandidat aufgellellt ixib 78 Stimmen erhalten hatte. Er veröffentlicht jetzt im „Elsässer" folgende französisch abgefaßte Danksagung: „Geehrte Wähler! Pech ist Pech. Trotzdem danke ich aufrichtig denjenigen meiner Mitbürger, die mich mit ihrer Stimmabgabe beehren wollten, und bitte sie, mir ihr Vertrauen zu bewahren, so wert es die Schuhmacherei betrifft. Ich empfehle mich ihnen mehr als je, und meiner gesummten Kundschaft im Allgemeinen, zur Anfertegung guten Schuhwcrks, besonders des neuen Schuhs „Der Abgeordnete', dessen erstes Modell in nächster Zeit aus meiner Werkstatt hervorgehen wird. Jacques Rieffel."
Gieße». 24. Juni. Für die am 16. und 17. Juli hier in Gießen stattfindende Verbands-Ausstellung von Vogelsberger Rindvieh sind über 300 Ausstellungsthiere, worunter 80 Bullen, angemeldet, während bei der land- wirthschastkichen Ausstellung im-Jahre 1895 nur etwas über 100 Thiere dieser Rindviehräste hier vertreten waren. Der Vergleich der Zuchtleistungen in den verschiedenen Bezirken des Verbandsgebietes wird sich bei einer so großen Zahl von Ausstellungsthieren zu einem sehr interessanten gestalten.
Ausland.
Rußland. Ein Attentat auf das Zarcnpaar? Einer brieflichen Petersburger Meldung der „Gazetadel Popolo" in Turin zufolge sollen Graf Iwanow, der Kämmerer des Zaren, dessen Frau, ein Oberst Schischkin, sowie mehrere in der Hofküche angestellte Bedienstete wegen des Versuchs, den Zaren zu vergiften, verhaftet worden sein. Der Leibarzt des Zaren habe Gift in den Frühstücksthee entdeckt. Die Zarin, welche von dem Thee genossen
hatte, leide seitdem Offiziell wird diese zwar dementirt, das dennoch wahr ist.
In Siebenbürgen eine ganze Ortschaft
an schrecklichen Magenkrämpfen. Nachricht von Petersburg aus schließt aber nicht aus, daß sie
ist durch einen entsetzlichen Orkan förmlich vom Boden weggefegt
selten und im Berlanfe einiger Minuten zahllose Fenster-
terung wenig günstig — in Norditalien haben starke scheiden und Dächer zertrümmerten, beziehungsweise stark
worden. Es ist Detrehem im Tortos-Aranyoscr Komitat, wo der Sturm, durch einen Dolkenbruch unterstützt, nicht nur sämmtliche Bauernhäuser, sondern auch das uralte festungsartige Schloß in eine Ruine verwandelte. Nur ein oder zwei Gebäude des Dorfes, welche sich in einer geschützten Lage befanden, blieben aufrecht, die anderen sind wie vom Erdboden verschwunden.
Türkei. Zu den Albanesenunruhen an der türkisch- montenegrinischen Grenze schreibt man der „Franks. Ztg." Folgendes: Der Arnaut huldigt dem Sultan und zieht weder dessen religiöse noch weltliche Herrschaft in Zweifel. Er zahlt zwar dem türkischen Staate keinen Para Steuern, lehnt" auch die Einführung des Tabakmonopols und ähnlicher Institutionen ab, ist aber stets bereit, als Soldat dem Sultan tapfer und treu bcizu- stehen. Die Regimenter, denen z. B. der engere Be- wachungsdienst von Dildiz-Kiosk obliegt, rekrutiren sich ausschließlich aus Libanesen. Sie sind die Leibgarde des Sultans, auf die er sich unbedingt verlassen kann, so lange er nicht an der traditionellen Stellung der Albanesen in der Heimath rüttelt. Hierzu gehört, daß sie von Zeit zu Zeit straflos eine Razzia aus die christlichen Volksstämme verunstalten dürfen. So war es wieder vorige Woche, als der albanesische Volkostamm der Rojaitzi gegen den christlich-montenegrinischen Volksstamm der Pantovic zu Felde zog. Die Christen zogen den Kürzeren, weil das aktive Militär unter dem Borwand, die Albanesen zu beruhigen, mit dem