SchWemerMtum
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt- vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
M 71.
Samstag, den 3. September 1898.
49. Jahrgang.
^fti>nitnAOtl auf ^e „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen ........... "■■ . ' Postanstalten und Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Sedan.
Wenn das deutsche Volk in diesem Jahr seinen Er- innernngstag des glorreichen Sieges von ^eban begeht,^ so mischt sich in die freudige Stimmung der Gemüther ein Gefühl aufrichtiger, tiefer Trauer. Denn der zweite September steht noch unter dem Schatten des Heimganges des Fürsten Bismarck, dieses Mitkämpfers von 1870/71, dieses Mitbegründers des geeinten deutschen Reichs. Welche bedeutsame Rolle der verewigte Held und Staatsmann gerade am Tage von Sedan gespielt hat, ist jedem bekannt und unvergeßlich — und wo auch immer das Gedächtnis kriegerischer Großthaten. heut erneuert wird zur Lehre für die Nachgebornen, da wird man sagen von dem gewaltigen Mann, von dem das Wort Ariosts gilt: „Die Natur bildete ihn und brach dann die Form entzwei. Sie wird nicht mehr gegossen, diese Gestalt, außer in Statuen!" —
Aber es ist heilige Pflicht, über den Denkmälern von Stein und Erz, welche weithin in deutschen Landen den großen Persönlichkeiten der Wilhelminischen Epoche errichtet sind und noch errichtet werden, nicht das andere Denkzeichen zu vergessen, das wichtiger und werthvoller ist als alle Standbilder und Erinnerungszeichen: das Festhalten am Geist der Väter und der Begründer der Einheit und Herrlichkeit Deutschlands. Gottesfurcht, unwandelbare Treue und selbstlose Hingabe an das au- stammende Herrscherhaus und für des Vaterlandes Wohl: das waren die leuchtenden Tugenden eines Roon, Moltke und Bismarck, das waren die heiligen. Wächte, durch welche sie befähigt wurden, ein Kleinod'"zu erringen, ein Erbe zu hinterlassen, denen ihr Geist das Gepräge verliehen hatte.
Nun ists an den Kindern und Enkeln, zu bewahren die große Hinterlassenschaft, sich werth zu zeigen solcher Ahnen. Am Tage von Sedan, an der Bahre des großen Kanzlers, allein gelassen mit großen Aufgaben, entgegengehend ungewisser Zukunft, soll unser deutsches Volk sich einen, stärken, weihen durch das Gelübde: Mit Gott für König und Vaterland! Mit Gott für Kaiser und Reich! —
Der Zar als Schirmherr des Weltfriedens.
Eine seltsame Wundcrmär, vielleicht ein neues Evangelium, eilt vom Strande der Newa durch die erstaunt aufhorchende Welt. Der mächtige Herrscher des weiten Russenreiches ergreift in einem Augenblicke, wo eine erhebliche Zahl neuer russischer Kriegsschiffe in Angriff genommen wird und wo an den Grenzen seines Landes eine gewaltige Menge Zündstoff angehäuft ist, der nur darauf zu warten scheint, daß die Engländer ihn mit frevelnder Hand entzünden, das Wort, um den Völkern der Erde die friedvolle Mahnung: „Die Waffen nieder!" zuzurufen. Der Herrscher des größten und mächtigsten Reiches der Erde beklagt in einer Kundgebung mit tief zu Herzen gehenden Worten die immer bedrohlicher werdenden Kriegsrüstungen, die schwer auf den Kulturvölkern lasten und schlägt den Zusammentritt einer Konferenz vor, um diesen Rüstungen ein Ziel zu setzen durch Verkündigung eines allgemeinen Weltfriedens.
Gewiß ein erhabener Gedanke, dessen Ausführung seinem kaiserlichen Urheber einen Ehrenplatz unter den Wohlthätern des Menschengeschlechts sichern würde. Auch in Deutschland wird dieser Appell an die Menschlichkeit einem freudigen Wiederhall begegnen. Denn wo es sich um die Bewährung ehrlicher Friedensliebe handelt, stehen der Kaiser, die Bundesfürsten und das deutsche Volk hinter keiner fremden Regierung und keiner andern Nation zurück. Dafür sind ein beredetes Zeugniß die siebenundzwanzig Friedensjahre, die mit dem Eintritt deS neuen deutschen Reiches in die europäische Geschichte begannen und die nur durch maßvolle Selbstbescheidung des Germanenthums nach beispiellosen Siegen möglich waren. —
Die Frage, ob zwischen allen Großmächten für eine dauernde Abrüstung die Wege so gut geebnet sind, mag in den ersten Tagen nach der hochherzigen Kundgebung deS Monarchen, nicht gleich aufgeworftn werden. Für heute sei nur das eine wiederholt: Wenn der edle junge Zar den Anbruch eines ewigen Völkerfriedens wünscht, — Deutschland, wie es aus der großen Heldenzeit von
Deutsches Reich.
Berlin. Es verlautet, daß der Kaiser von Stettin aus mit dem Panzerschiff „Baden" eine Fahrt nach Stockholm im September unternehmen werde. Da die „Baden" Flaggschiff des Chefs der zweiten Division des ersten Panzergeschwaders, des Kontreadmirals Bendemann, ist, und die Division selbst nur drei Panzer zählt, dürfte die Reise erst nach Beendigung der Herbstmanöver stattfinden.
— Die für den Aufenthalt des Kaiserpaares in Jerusalem gefertigten Baracken sind nunmehr von der damit beauftragten Firma Christoph & Unmark in Niesky bei Görlitz fertiggestellt und werden demnächst an zuständiger Stelle zur Ablieferung kommen. Behufs Aufstellung der Kaiserbaracken wird sich der Zimmermann Pech aus Celbra nach Jerusalem begeben. Nach Beendigung der Kaiserreise wird die eine der Baracken, wie mitgetheilt wird, auf der Insel Helgoland aufgestellt, während die andere im kaiserlichen Jagdschloß Rominten ihren Platz erhalten soll.
— Militärisches. Der Kriegsminister v. Goßler bringt erneut zur allgemeinen Kenntniß, daß den Unteroffizieren und Mannschaften dienstlich verboten ist: 1. jede Betheiligung an Vereinigungen, Ver'ammlungen, Festlichkeiten, Geldsammlungen, zu der nicht vorher besondere dienstliche Erlaubniß ertheilt ist; 2. jede Dritten erkennbar gemachte Bethätigung revolutionärer oder socialdemokratischer Gesinnung, insbesondere durch entsprechende Ausrufe, Gesänge oder ähnliche Kundgebungen; 3. das Halten und die Verbreitung revolutionärer oder social- j demokratischer Schriften, sowie jede Einführung solcher Schriften in Casernen oder sonstige Dienstlokale. Ferner'
1870/71 kraftvoll erstanden ist, wir es seit mehr als zehn Jahren von Kaiser Wilhelm dem Zweiten auf, friedlichen Bahnen vorwärts geführt wird, steht nicht im Wege.--
Im übrigem ist die Tragweite dieser Kundgebung des Zaren, des Beherrschers des absolutistisch regierten Militärstaates Rußland, gar nicht abzusehen. Daß sie den edelsten Beweggründen, die das Thun und Lassen eines Fürsten leiten, entsprungen ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die Kundgebung ist eine That, so menschlich schön, daß man darob bangt, ob der hochherzige Plan des jugendlichen Zaren überhaupt zu verwirklichen ist. —
Eine Abrüstung ist so lange undenkbar, als nicht alle Staaten genau dieselben Interessen haben und dadurch vor der Möglichkeit bewahrt sind, ihre abweichenden vitalen Interessen nöthigenfalls mit dem Schwerte in der Hand zu vertheidigen. Die Ansicht, daß eine Zeit ohne Krieg anbrechen könne, hat die Erfahrung der gesammten jahrtausendjährigen Geschichte gegen sich. So lange es Menschen und Staaten gibt, so lange wird der Kampf nicht aufhören; das ist auch nicht einmal wünschenswerth, denn der Kampf ist ein Naturgesetz, das in der ganzen Schöpfung giltig ist und ohne welches Stagnation eintritt. Auch bedenke man nur einmal das Eine: Kommt der Abrüstungsgedanke zur Geltung, wohin mit Denen, die den bunten Rock tragen? Es wird vielleicht von Interesse sein, zu erfahren, wie hoch die Friedenspräsenzstürke der hauptsächlich in Betracht kommenden Staaten ist. In runden Ziffern beträgt die Friedenspräsenzstärke in Deutschland 530,000 Mann, Oesterreich 330,000, Italien 220,000, Frankreich 540,000 Rußland 860,000, England 220,000, Belgien 45,000, Schweden 40,000, Türkei 250,000, Spanien 100,00'? Der Umsturz in sozial-politischer Beziehung wird ein ungeheurer sein! Wenn nun von diesen 530,000 Mann nur in Deutschland 500,000 in den Zivilstand zurückkehren, so wird der Arbeitsmarkt im Handumdrehen einfach überfluthet sein! Ueberproduktion auf allen Gebieten ist heute schon das chronische Leiden unserer Zeit Die jetzt vorhandenen Arbeitslosen werden ein lächerlis winziger Bruchtheil sein, im Vergleich zu der Zahl, di dann zu erwarten steht. Die Militärwerkstätten und Militärlieferanten müssen die Tausende, denen sie jetzt Brod geben, entlassen; sie sind aber nur ein neues Plus für die nach Arbeit Lechzenden, die eben die Waffen abgeliefert. Wohin mit der ersten halben Million Brot- suchender, wohin mit Denen, die noch dazu kommen? Wohin mit den Offizieren, die Jahrzehnte das Porteepee getragen? Nun hilft der Staat, sagt man. Aber „Wie!", das ist die Frage.
ist sämmtlichen Angehörigen des activen Heeres dienstlich befohlen, von jedem zu ihrer Kenntniß gelangenden Vorhandensein revolutionärer oder socialdemokratischer Schriften in Casernen oder anderen Dienstlokalen sofort dienstliche Anzeige zu erstatten. Diese Verbote und Befehle gelten auch für die zu Uebungen eingezogenen und für die zu Controlversammlungen einberufenen Personen des Beurlaubtenstandes, die gemäß § 6 des Militär-Straf-Gesetzbuches und § 38b, 1 des Reichs- Militär-Gesetzes bis zum Ablauf des Tages der Wiederentlassung bezw. der Controlversammlung den Vorschriften des Militär-Straf-Gesetzbuches unterstehen.
Darmstadt, 24. August. Auf der Bahnstrecke Darm- stadt-Eberbach ist eine empörende Thierquälerei von Viehhändlern verübt worden. Dieselben hatten in Darmstadt 9 Stück Großvieh, die vom Viehmarkte aus in den Odenwald gebracht werden sollten, bei größter Hitze verladen und den vollgepropften Wagen gegen die Vorschrift dicht verschlossen. Letzeres geschah schon aus dem Grunde, um der Bahnbehörde zu verheimlichen, daß ein Thier mehr verladen wurde, als auf dem Frachtschein angegeben war und im Wagen hätte Platz finden dürfen. Als der Wagen am Abend in Höchst einlief, hatten sämmtliche Thiere infolge Mangel an Wasser und Luft den Erstickungstod gefunden. Die zuujTode gemarterten Thiere boten einen grauenhaften Anblick. Da sofort bei Gericht Anzeige erfolgte, werden die Viehhändler, abgesehen von dem erlittenen Verlust, der Strafe nicht entgehen.
Dortmund. Gestern wurde ein Kassenbote von zwei großen Hofhunden angefallen und in der entsetzlichsten Weise zerfleischt. Noch ehe die wüthenden Thiere von ihrem Opfer entfernt werden konnten, hatten dieselben dem unglücklichen Manne ganze Stücke Fleisch aus den Armen und Beinen gerissen. Der, Aermste ist unter furchtbaren Schmerzen im Krankenhause gestorben.
Ausland.
Paris. 30. August. Eine Note der „Agence Havas« besagt: „Im Kabinett des Kriegsministers wurde heute Oberstlieutenant Henry verhört und bekannte sich selbst als Urheber des Briefes vom Oktober 1896, in welchem Dreyfus genannt wird. Der Kriegsminister befahl die sofortige Verhaftung Henrys, der in die Festung Mont Valerien gebracht wurde." — Der Zusammenhang des Geständnisses des Oberstlieutenants Henry ist folgender: „In seiner Erwiderung auf die Interpellation Castelin in der Deputirtenkammer am 7. Juli d. I. hatte Kriegsminister Cavaignac von drei Schriftstücken, als den am meisten beleidigenden gesprochen und gesagt: „Thatsächlich ist in dem dritten Schriftstück Dreyfus mit vollem Namen genannt; in demselben heißt es: „Ich werde aussagen, daß ich niemals Beziehungen zu Dreyfus gehabt habe. Sagen Sie ebenso aus, wie ich. Man darf niemals erfahren, was mit ihm vorgegangen ist." Als Urheber dieses Briefes hat sich der verhaftete Oberstlieutenant Henry bekannt. — 400 Soldaten vom 75. französischen Linienregimente sind auf dem Marsche in der MittagS- Hitze liegen geblieben. Zwei Stunden lang soll der Oberst hinter dem Regiment geritten haben, jeden Zurück- bleibenden mit den schwersten Strafen bedrohend. Vergebens suchte der einzige Arzt für das ganze Regiment eine Dienste den in den Straßengräben und nächstge- egenen Häusern zerstreuten Kranken zu widmen. Zwei- mal verließen sogar den Arzt die Kräfte und er wurde ohnmächtig. Er mußte nach und nach 40 Wagen herbei- chasfen, um Hunderte von Kranken auf ihnen zu sammeln. Der Kommandeur des Regiments ist verhaftet.
Paris, 31. August. Oberst Henry beging Selbstmord, indem er sich mit einem Rasiemesser den Hals abschnitt.
Türkei. Ueber die bereits kurz gemeldeten, angeb- ichen neuen Armeniermassakres wird der „F. Z." aus Konstantinopel gemeldet: Ueber die Metzeleien bei Musch in Armenien sind weitere verläßliche Berichte eingetroffen. Zwei bei Musch gelegene Ortschaften, von denen die eine 136, die andere 150 Häuser hatte, sind fast ganz vernichtet und gegen 300 Personen, darunter sehr viele Frauen, sind durch kurdische Horden in gräßlicher Weise verstümmelt und getödtct worden. Als Ursache der Metzeleien wird der Umstand angegeben, daß der Polizeichef einer der erwähnten Ortschaften von Mohamedanern in einem verrufenen Hause todt aufgefunden war, was die Kurden sofort als Anlaß zu neuen Blutthaten an den Armeniern benutzten.