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M 74.

Mittwoch, den 14. September 1898.

49. Jahrgang.

Nt»Kl>11nN^ri "Us bic .Schlüchlerner Zeitung» S/VJlXuUHvjtU werben tiod) fortwährend von allen --.....-.-'- < *~-^ - . Postanstalten und Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.

Die Kaiserin von Oesterreich ermordet.

Eine That, schier unbegreiflich in ihrer wüsten Roh- Heit, unverständlich in ihren Beweggründen, ist am letzten Samstag in Genf verübt worden: der italienische Arbeiter Luigini Luccheni hat dort die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich durch einen Stoß mit einem dreikantigen Stilett ermordet.

Ein Augenzeuge, der Kaufmann Teissct, berichtet über das Attentat auf die Kaiserin Elisabeth Folgendes: Die Kaiserin begleiteten einige Bekannte nach dem 1 Uhr 40 Minuten nach Lausanne abgehenden Dampfer Genöve" am QuaiMontblanc". Die Kaiserin war incognito am Freitag in Genf im HotelBeaurivage" eingetroffen und wollte um 1 Uhr 4U Min. wieder nach Montreux fahren. Der Landungssteg ist vom Hotel etwa 300 Schritt entfernt. Die Kaiserin legte den Weg zu Fuß zurück, mit einer Hofdame und einem Diener als Begleitung. Als sie am Monument des Herzogs Karl von Braunschweig vorüberging, stürzte sich ein junger Mann, etwa 25 Jahre alt, auf die Kaiserin und versetzte ihr einen Schlag auf die linke Brust. Die Kaiserin sank, wie man aunahm, vor Schreck zusammen, erholte sich aber rasch und konnte den Weg bis zum Schiff allein zurücklegen. Da bei den, Attentäter keine Waffe bemerkt wurde, ahnte Niemand die Größe des Unglücks. Als die Kaiserin beim Schiff angekommen war, ergriff Tcisset, ohne zu wissen, wer die Dame sei, ihren Arm und führte sie zu einer Bank auf Deck. Sie öffnete die Augen und blickte ihren Helfer lange an. Tcisset verließ das Schiff im Glauben, daß es sich um einen Ohnmachtsanfall handele. Das Schiff ftchr ab, kehrte aber nach zehn Minuten wieder zum Landungs­platz zurück. Man vermuthete ein Unglück; Teissct ging deshalb mit Doktor Golah hin. Kapitän Ronx erzählte, daß man der Kaiserin zur Erleichterung die Kleider öffnete und dabei auf der linken Brust eine ganz kleine Wunde und auf derselben zwei oder drei Tropfen Blut entdeckt habe. Man suchte die Kaiserin zum Bewußtsein zu bringen, aber zunächst ohne Erfolg. Erst nach einiger Zeit kehrte die Besinnung auf einen Moment zurück. Die Kammerfrau fragte: Haben Sie Schmerzen?» Die Kaiserin sagte:Nein!" Da an Bord kein Arzt anwesend war, kehrte das Schiff zurück. Mau impro- visirte eine Tragbahre und brächte die Kaiserin in das HotelBeaurivage" zurück. In der Nähe des Hotels ergriff Teisset die Kaiserin am Arm und führte sie zum ersten Stock, wo sie sich einige Minuten ganz wohl fühlte. Man brächte sie zu Bett und entkleidete sie, wobei sie wieder die Besinnung verlor. Dr. Golah unternahm alle Versuche mit Eau de Cologne, Essig und Bürstenabreibungen vergebens. Der Doktor ließ noch einen zweiten Arzt holen. Auf den Wunsch der Hofdame wurde am rechten Handgelenk ein Einschnitt gemacht. Kein Tropfen Blut erschien. Der Tod war bereits cingctrctcn. Die Aerzte hatten alles au'gcwendet, um das fliehende Leben zu erhalten. Alle Anwesenden knieten zum Gebet nieder.

Inzwischen hatten einige Arbeiter den Attentäter nach kurzer Flucht erwischt und der Polizei übergeben. Er heißt Luigini Luccheni und ist geboren am 23. April 1873 zu Paris, aber italienischer Unterthan. Er hat seinen Militärdienst in Parma gethan und ist, von Paris kommend, am Montag in Lausanne eingetroffen mit der Absicht, den Herzog von Orleans zu tödten. Als Luccheni dessen Abreise erfuhr, reiste er nach Gutan in Savoyen, um ihn dort zu treffen, wieder ohne Erfolg. Er reifte dann mißmuthig nach Gent. Hier traf er unmittelbar darauf die Kaiserin Elisabeth, die er vor 4 Jahren in Budapest gesehen hatte und auch erkannte.

Luccheni hat im Verhöre, daß er vor dem Polizei« kommissar Aubert hatte, gesagt, er habe seit Mai in Lausanna als Maurer beim Postgebäude gearbeitet. Die Nachricht, daß er direkt von Paris gekommen sei, wäre demnach also falsch. Am Montag vernahm er burd) eine Zeitung, der Herzog von Orleans fei in Genf und komme nach Lausanne; er glaubte die Ge- legenheit zu einem Attentat auf günstige Wei'e zu finden. Zu seinem Leidwesen fand er den Herzog nicht und er­fuhr, derselbe sei nach Walliö abgcrcisi, käme aber auf

Ausland.

Konstantinopel, 9. Sept. Nach einer heute hier eingetroffcuen Meldung aus Kreta sind die Mohamedaner im Besitz von Candia. Edhem Pascha, der Commandant von Candia habe die Autorität über die Mohamedaner verloren. Die Verluste und Op'cr der Civil-Bevölkerung sind noch nicht bekannt, aber jedenfalls sehr groß, ins­besondere auf Seiten der Christen, welche, sich gruppen­weise vertheidigend, sich bei Candia an Bord der Kriegs­schiffe geflüchtet haben. Die Situation ist sehr ernst, da man befürchtet, daß die Unruhen sich auch auf Rcthhmo und andere Hafenstädte ausdehnen könnten. Der russische Admiral Skoydow soll Truppenverstärkuugen und Kriegsschiffe dringend verlangt haben. Das Executiv-Comits richtete an die Admirale das Ersuchen, die Christen bewaffnen zu dürfen, da es sonst für die Folgen nicht einsteheu könnte.

Kreta. Ein Ende der in Kandia verübten Metzeleien, Straßenkämpfe und Plünderungen ist trotz des Ein­greifens der Geschwader der vier Großmächte, die noch durch eine Macht auf der Insel vertreten sind, nicht herbeizuführen gewesen. Weitere Häuserviertel wurden in Brand gesteckt, so das bald stimmliche Cchristenhäuser in Flammen airgegangen sein werden. Die Zahl der getödteten Christen wird auf 800 geschätzt. Die Stadt ist durch Baschibozuks und die türkischen Truppen ge« plündert worden. Etwa 600 Mann internationaler Truppen befinden sich jetzt in den britischen Stellungen auf den Festungswerken. Alle Berichte stimmen darüber übereilt, daß das Verhalten der türkischen Truppen ein schimpfliches gewesen ist. Man hat sogar gesehen, daß sie auf Oberst Neid geschossen hätten. Die Christen behaupten mit Bestimmtheit, das Gemetzel sei zunächst das Werk der türkischen Soldaten gewesen, welche ihre Opfer sogar beraubt hatten.

der Savoyer Seite nach Genf zurück. Luccheni, der das Opfer nicht so schnell fahren lassen wollte, reifte nach Guten und hoffte den Herzog dort zu treffen, aber es war nochmals vergebens. Er wollte ihm nun nach Genf vorausgehen und vernahm dort zufällig, die Kai­serin Elisabeth sei hier. Er kannte sie von Budapest her und beschloß, sie zum Opstr zu wählen. Er sah sie bereits am Freitag Nachmittag, konnte aber eine passende Gelegenheit zum Attentat nicht finden. Er ließ sie ins HotelBeaurivage" eintreten, zufrieden ihren Wohnort zu kennen. Am Sonnabend in aller Frühe hielt er sich in der Nähe auf und beobachtete den Aus­gang scharf. Kurz vor halb zwei Uhr Mittags sah er, wie der Kammerdiener der Kaiserin das Hotel verließ und sich nach dem Landungsplätze am QuaiMontblanc" begab. Daraus schloß Luccheni, die Kaiserin wolle mit dem Schiffe Genf verlassen. Er stellte sich beim Denkmal d^s Herzogs von Braunschweig auf die Lauer, in der rechten Hand die Feile im Aermel bergend. Nach kurzer Zeit erschien die Kaiserin mit der Hofdame Gräfin Sidarsay. Als die Damen auf dem gegenüberliegenden Trottoir bis zu ihm gekommen waren, ging er rasch über die Straße, verstellte ihnen den Weg und versetzte der Kaiserin auf die linke Brust einen heftigen Schlag mit der spitzen Feile, die er in Lausanne gekauft hatte. Die Kaiserin wurde blaß und stürzte zusammen, erhob sich aber bald wieder und glaubte selbst, nur einen Faust­schlag erhalten zu haben. Sie wollte den Weg zum Schiff noch allein zurücklegen.

Es wurde bei der Leichenschau konstatirt, daß der Tod durch eine kleine dreieckige Wunde, die eine innere Verblutung verursachte, eingetreten ist. Das Herz ist im Blut sozusagen ertrunken. Die Annahme, daß der Tod vor Schreck infolge plötzlicher Herzlähmung eilige» treten sei, ist unrichtig, ebenso daß das langjährige Herz­leiden der Kaiserin unmittelbar den Tod beschleunigt hab-, i Herz und Lunge waren durchbohrt, die Wunde war acht­einhalb Gentimeter tief. Unbegreiflich erscheint, daß bei dieser Verletzung der Tod nicht sofort eingetreten ist.

Belgrad, 9. Sept. Die Folgen des neuen Preß- gesetzes machen sich schon bemerkbar. Serbien hat jetzt noch drei Zeitungen, denOdjck", dieMale novine" und dasMaly-Journal". Der Mangel wird reichlich durch Pamphlete ersetzt. Eine ganze Reihe ist schon erschienen und,erscheint noch, natürlich mit antidynastischen Tendenzen. Es heißt darin:Wer hat Serbien in Schulden gestürzt? Der König ist krank. Zwei Fremdlinge" (Milan und Alexander) und so weiter. Trotz der offiziellen Dementis macht sich im Lande eine große Unzufriedenheit bemerkbar. Die Regierung hat strenge Maßregeln getroffen, um die Agitation zu ver­hindern. Ein besonderer Paß ist nöthig, um im Lande zu reifen, aus einer Stadt in die andere zu gelangen. Die Briefe werden regelmäßig geöffnet.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. September. Der Kaiser, welcher nach beendetem Manöver am Sonnabend Abend nach Potsdam zurückgekehrt ist und vorläufig im Marmorpalais Wohnung zu nehmen gedenkt, hatte die Absicht, demnächst mit der Kaiserin auf 810 Tage nach Hubertus stock sich zu begeben und später von dort nach Jagdschloß Nominten zu reisen, um daselbst der Hirschpürsche obzuliegen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchteru, 13. Sept.

* Die Wahlen zu den Steucrauschüssen zur Feststellung der Gewerbesteuer in den Klassen 3 und 4 finden am 20. September er. statt.

* Das am Sonntag den 11. b. M. von der Horaser Musikkapelle unter der Leitung des Herrn Dirigenten Herrn P. Bioncck-Fnlda in der Gastwirth- schast zum Felsenkeller verunstaltete Gartenconcert hatte sich eines sehr zahlreichen Besuches zu erfreuen. Das gut ausgewählten Programm wurde vom Publikum mit großem Beifall ausgenommen. Die Solovorträge der Herrn Bioneck und Gottbehüth-Fulda wurden meister- hast zu Gehör gebracht. Das bei der letzten Concert- Picc abgebrannte Brillant-Feuerwerk gestaltete sich groß­artig.

* Beim Ernten des Obstes, das nun bald be­ginnt, werden öfters die Bäume mit einer Unachtsam­keit behandelt, daß man sich wundern muß, daß solche Bäume im nächsten Jahre wieder Früchte tragen. Ge­wöhnlich geht infolge schlechter Behandlung auch der Ertrag zurück. Wir möchten deshalb schon jetzt auf einiges Hinweisen. Die Fehler, die beim Ernten gemacht werden, bestehen darin, daß das Obst unreif vom Baume geschüttelt oder die zu voll hängenden Bäume zu rauh behandelt werden. Wird das Obst in unreifem Zustande vom Baume geschüttelt, so haftet ber Stiel noch zu fest. Ein Theil des Zweiges mit den Tragknospen fürs folgende Jahr fällt mit dem Obst herab. Wenn ein solcher Baum mit unreifem Obst geschüttelt wird, so sieht es aus, wie nach einem verheerenden Hagelwetter. Blätter, Knospen und Zivciglein liegen auf dem Boden. Dem Baume werden ferner durch schonungsloses Schütteln. Klop'cn, Reißen und Schlagen eine Menge Wunden an den Siesten beigebracht, eine Anzahl schwächere Aestc abgeknickt, geschlitzt oder schwer verletzt. Häufig werden mehr Fruchtknospen fürs nächste Jahr vom Baume gerissen, als er Obst hat. Wie kann man im künftigen Jahre eine reiche Obsternte erwarten, wenn man die Knospen und das Fruchtholz größtentheils zerstört! Wie häufig wird wegen ein paar letzter Aepfel oder Birnen mit großer Ausdauer und Anstrengung auf einen Baum hinciiigcpcitscht, als ob es sich nicht um ein paar Stücken Obst, sondern um das Herunterklopfen von einigen Hundert Tragknospen handele. Darum ihr Baumbesitzer, wollt ihr auch im künftigen Jahre eine gute Obsternte haben, so schonet eure Bäume bei der diesjährigen.

SalMünster, 11. Beim Ausgraben zur Anlegung der Wasserleitung fand man in der Kirchengasse und Älostcrhof mehrere Todtengerippe, deren Schädel mit einem Hohlziegel bedeckt war. Nach alter Ueberlieferung soll früher der Friedhof neben der Kirche gewesen sein. Soden, 9. Sept. Nächsten Donnerstag den 15. d. Mts. wird hier unter dem Vorsitz des Herrn Kreis- schulinspcktors Bottermann von Fulda im Saale des Kurhauses die diesjährige amtliche Konferenz für die katholischen Lehrer und Lehrerinnen der Kreise Hanau, Gelnhausen und Schlächtern stattfinden. Auf der Tages­ordnung stehen folgende Vorträge:Schule und Haus in ihrer Wechselwirkung bei der Erziehung", Referent Herr Lehrer Dickert-Salmünster, Korreferent Herr Lehrer Fickert-Großauheim, sowieDie Freiübungen und Turn- spiele und ihr uutcrrid)tlid)er Betrieb", Referent Herr Lehrer Schneider - Somborn, Korreferent Herr Lehrer Huhu-Mcrucs. Die Konferenz wird um/»1L Uhr ihren Anfang nehmen.

Gclnhause«, 11. Sept. Das hiesige Landrathsamt