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^ 97. Samstag, den 3. December 1898. 49. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Am Donnerstag Mittag fand vor dem Kaiser auf der Mittelpromenade Unter den Linden vom f Pariser Platz bis zum Lustgarten eine Parade des Garde- K korps statt. Der Kaiser ritt Nachmittags 1 Uhr vom ' i Schlosse Bellevue nach dem königlichen Schlosse. Die f Truppen der Garnisonen Berlin, Charlottenburg, Span- dau und Großlichterfelde bildeten hierbei Unter den | Linden Spalier. Am Schlosse fand ein Vorbeimarsch K der Fahnenkompagnie, der Standarteneskadron und den in dieser Richtung nach ihren Kasernen abmarschirenden W Truppen statt.
'k, — Herr von Lucanus, der Chef des Civilkabinetts zu (unseres Kaisers, von dem die geschiedenen Minister des >d 4legten Jahrzehnts alle zu erzählen wissen, wird angeb- M lich demnächst selber aus dem Amte scheiden. Man be- hauptet dem „Hannov. Cour." zufolge, er sei für den
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Wortlaut des kaiserlichen Telegramms an den Graf- Regenten von Lippe mit der Schlußwendung: „dem Regenten, was dem Regenten gebührt, sonst weiter nichts", verantwortlich zu machen und könne dieses nun, nachdem die Dinge eine andere Wendung genommen, nicht mehr vertreten. Die „Kreuz.-Ztg." bestätigt die Nachricht, daß Herr v. Lucanus seinen Dienst verlassen werde, giebt aber über die Gründe des Rücktritts keine Auskunft, sondern bemerkt nur, Herr v Lucanus sei für ein seit längerer Zeit erledigtes hohes Staatsamt in Aussicht genommen.
— In der deutschen Marine ist eine neue Chargen- bezeichnung eingeführt worden. An Stelle der vor mehreren Jahren geschaffenen Bezeichnung „Korvettenkapitän mit Oberstlieutenantsrang" tritt jetzt die von „Fregattenkapitän". Wir haben also nun in der deutschen Marine folgende Chargen: Unterlieutenant zur See (Sekondelieutenant), Lieutenant zur See (PremierliWte- nant), Kapitänlieutenant (Hauptmann), Korvettenkapitän (Major), Fregattenkapitän (Oberstlieutenant) und Kapitän zur See (Oberst), Kontreadmiral (Generalmajor), Vize- admiral (Generallieutenant) und konunandirender Admiral.
— Das Stöckersche „Volk' soll sicherem Vernehmen der „Frkf. Ztg." nach vom 1. Januar ab sein Erscheinen in Berlin einstellen.
— Um die Vollendung der zum guten Theil bereits fertig gestellten elektrischen Hochbahn in Berlin tobt zwischen der Stadtverwaltung und der Bürgerscha't der gedämmten westlichen Stadtbezirke eine erbitterte Schlacht. Die Bürgerscha t, die eine Entwerthung von Wohnungen und Grundstücken in diesen vornehmen Vierteln durch die Hochbahn befürchtet, verlangt die Umwandlung der letzteren in eine unterirdische Bahn. Da das 14 Mill. extra kosten würde, will die Stadt nichts davon wissen, während die Hausbesitzer prozessieren wollen, und endlich die Ballgesellschaft auf ihrer Konzession besteht. Das ist so ähnlich, wie beim Rathhausbau in Schilda, wo man die Fenster vergessen hatte. Nachdem die Bahn konzessioniert ist, kommt man hinter die schweren Nachtheile !
In Pr. Stargard ereignete sich vor Kurzem eine I Acetylengas-Explosion in der Beleuchtungsanlage der Gutte'schen Schuhfabrik. Die Explosion vernichtete den ganzen Bau, in dem die Anlage untergebracht war. ; Das Dach, die Thüren und die Steine des Gebäudes I . wurden viele Meter weit fortgeschleudert. Die Apparate I wurden erheblich beschädigt. Die Anlage war seit zwei Monaten im Betrieb und gegen Explosionsgefahr ver- K sichert. Ueber die Entstehungsursache ist noch nichts | Bestimmtes bekannt, wahrscheinlich durch Rückschlag von K Flammen.
®er Norddeutsche Lloyd ver- ^d und dem Direktor abspielte, wollen wir verschweigen. ^ Schnelldampfer „Werra und „Fulda w ^ls aber unterdessen der Bube mit dem Strick anlangte,
| wie den Postdampfer „Habsburg" an Spanien zum Rücktransport der spanischen Truppen von Kuba.
I . Düsseldorf. Ein neuer „Volksbeglücker." Mit einer | . seltsamen Kurmethode ist in Repelen (Rheinland) ein Pastor Namens Felke aufgetaucht. Um Kranke gesund zu machen, läßt er sie im — Lehm herumwälzen und " dann nackt spazieren gehen. Wie die Rh.-Westf. Ztg. mittheilt, hat die „Kurmethode" bereits viele Anhänger gefunden. Ein Herr Müller hat sogar schon ein Buch über „Pastor Felke und seine Heilmethode" herausge- gebem Danach sind die Krankheiten die Folgen der % "^unde", und da derMensch nach der Bibel aus Erde I ist, muß er auch mit Erde behandelt werden. I' verwendet Lehmumschläge bei Verletzungen der
Haut, Anschwellungen, Verrenkungen, Knochenbrüchen, Blutvergiftungen und allen innern Krankheiten. Noch verschrobener ist es, daß er bei offenen Wunden den Lehmbrei fingerdick auf die bloße Wunde unb in die Wunde hineinstreicht. Nachts sollen die Kranken auf dem Erdboden schlafen, da dann der „Erdmagnetismus dem Körper Stoffe entzieht und ihm andere dafür ab* giebt," Morgens muß dann in einem Erdloch ein Schmutzbad genommen werden, nach welchem ein viertelstündiger Spaziergang in nacktem Zustande empfohlen wird. Auch dem Professor Schenk hat Felke, der es übrigens allem Anscheine nach ernst meint und durchaus nicht als Schwindler betrachtet sein will, bereits Konkurrenz gemacht. Durch geeignete Diät weiß er unfehlbar Knaben oder Mädchen hervorzuzaubern. Zu einer naturgemäßen Lebensweise gehört u. a. nach ihm das Essen von unreifem Obst, aber auch mit den Fleisch- essern will er es nicht ganz verderben, denn „das Geschäft der Metzger ist durch Gottes Wort geheiligt." Es würde zu weit führen, wenn wir alle Unsinnigkciten der neuen Heilmethode aufzählen wollten. Das tollste an der Sache ist jedenfalls, daß Pastor Felke einen Zulauf von Kranken hat, der von Woche zu Woche größer wird. Er trägt sich daher mit dem Gedanken, schon ' für die nächste Zeit einen Assistenzarzt zu engagieren, der die zahlreichen Kranken, die aus Rheinland, Westfalen und Holland zu ihm pilgern, nach seinen Angaben behandelt.
Karlsruhe, 28. Nov. Eine empfindliche, aber wohlverdiente Strafe sprach die Freiburger Strafkammer gegen den Metzger Niegger von Löffingen aus, den sie wegen Vergehen wider das Nahrungsmittelgesetz zu 5 Monaten Gefängniß verurtheilte. Der Angeklagte hatte wiederholt übelriechende Fleischwaaren verkauft oder es wenigstens versucht und auch cynisch zugestanden: „Wenn's Fleisch stinkend wird, verwurst' ich's!"
Gießen, 28. Nov. Das hiesige Schwurgericht hat den Bergmann Best aus Waldgirmes zu 3 Jahren Zuchthaus verurtheilt, weil er einen Elsenbahnzng in Gefahr gebracht hat dadurch, daß er schwere Steine und eiserne Schwellen auf das Geleise gelegt hat.
Aus Mundenheim bei Ludwigshafen wird vom 22. Nov. berichtet: Ein lustiges Stücklein trug sich hier zu: Eine Münchener Theaterschmiere, die sich eine Zeü lang hier ausgefallen, gab dieser Tage ihre Abschiedsvorstellung. In den Anzeigen stand zu lesen:„Am Schluß der Vorstellung wird ein lebendens Schwein verloost; jeder Besucher erhält ein Freiloos." Daraufhin strömte denn das kunstsinnige Publikum in Hellen Schaarett in den Musentempel, die Vorstellung verlief ohne Zwischen- fall und Jeder war gespannt darauf, wer das Borstenvieh gewinnen würde. Nach der Größe des hölzernen Verschlages, der sich neben dem Souffleurkasten befand und ohne Zweifel das Glücksobjekt beherbergte, mußte es ein ansehnliches Exemplar sein und einen saftigen Braten abgeben. Endlich wird die Gewinnnnmmer aus- gerufen. Aus der Kehle eines behäbigen Landmanns ertönt ein kräftiges „Hurrahk"; er also war's, der das Schweinglück hatte! „Flink, Franz'l, zur Mutta niroer un den lange Strick g'holt, wu fintier de Speichertrepp hängt; do dran werd se angebunne!' Mit diesen Worten schiebt der glückliche Gewinner seinen Buben dem Ausgang zu und fliegt mehr, als er geht, nach dem Holzkasten, den der Herr Direktor jetzt öffnet. — Aber, was ist denn das? Der Herr Direktor entnimmt dem „Stalle" eine Cigarrenkiste und darin sitzt, ohne ein einziges Mal zu grunzen, ein — allerdings lebendes — Meerschwein
chen. Den Dialog, der sich nun zwischen dem Glücks-
den er vor Freude in der Luft schwenkte, da verstand
der Direktor diese Gcberde falsch und ergriff die Flucht.
Ausland.
Newyork, 29. Nov. Der Dampfer „Portland" ist bei North Truro im Staat Massachusets in unmittelbarer Nähe der Küste untergegangen. Alle an Bord befindlichen Personen, nämlich 65 Passagiere und die Besatzung von 49 Mann sind ertrunken. — In der Nähe von Philadelphia lief ein Schnellzug mit der Geschwindigkeit von 110 Kilometer in der Stunde über eine Stelle, an der Arbeiter beschäftigt waren, die Linie auszubessern. Diese konnten wegen des dichten Nebels nicht rechtzeitig das Herannahen des Zuges wahrnehmen
und sprangen auf das andere Geleise, auf dem aber gleichzeitig ein anderer Schnellzug heransauste. Es entstand ein schreckliches Gemetzel. Die Lokomotiven liefen tu die Station von Jersey City ein, buchstäblich überdeckt mit Blut und menschlichen Gliedern. Dreizehn Arbeiter wurden vollständig in Stücke zerrissen; andere sind schwer verwundet.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 2. Dez.
* — Ernannt wurde der außerordentliche Pfarrer Ehringhaus zum Gehülfen des Superintendenten Heck zu Schlüchtern.
* — Schulamtskandidat Lndwig Schwank aus Kassel ist vom 1. Dezember ab mit der Verwaltung der Schulstelle zu Eckardroth, Kreis Schlüchtern, betraut worden.
* — Im Kriegerverein Schlüchtern herrscht große Freude und Begeisterung über eine ihm zu Theil gewordene Allerhöchste Auszeichnung. Von Seiner Majestät dem Kaiser ist dem Verein anläßlich seines 25jährigen Bestehens ein Fahnenschmuck (Fahnenband . mit Fahnennagel) Allergnädigst verliehen worden. Bezüglich der feierlichen Uebcrrcicfimg wird eine auf Sonntag, den 4. dss. Mts. anberaumte Generalversammlung ' (siehe Juseratentheil) Beschluß fassen.
* — Auf die Bekanntmachung des landwirthschaftl. Kreisvereins im heutigen „Kreisblatt", betr. Feldversuche mit besserem Saatgetreide und künstlichem Dünger auf ' Kosten der Landwirthschasiskammer zu Cassel, machen wir die Landwirthe besonders aufmerksam.
* — Das Höchstgehalt der preußischen Förster soll dem Vernehmen nach für den nächstjährigen Etat auf 1800 Mark festgesetzt werden.
* - - Thierschntz. Die Vogelfütterung sei bei be« ginnend. Wintcrzeit allen Thierfreunden ans Herz gelegt! Man vergesse aber auch nicht die Mahnungen des verdienstvollen deutschen Thierschutzvereins zu beherzigen: Regelmäßiges Eindecken der Pferde und Zughunde nach dem Gebrauch, Beiseitigmig des Zuges und dickere Streu in den Ställm und ebenso in den Hundehütten, rechtzeitige Beschaffung des Wiuterbeschlages, geringere Belastung der Wagen bei Schneefall, Weichhalten der Geschirre und vor Allem Erwärmen der Gebisse vor dem Aufzäumen. Es ist eine ganz kleine Mühe, die Gebisse zu reiben, die sich dadurch reichlich belohnt macht, daß Verletzungen an Zunge und Zähnen, die durch die eiskalten Gebisse veranlaßt werden, vermieden werden.
* — Nach § 104 des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes verlieren dieQuittungskarten ihre Giltig- keit, wenn sie nicht bis zum Schlüsse des dritten Jahres, welches dem am Kopfe der Karten verzeichneten Jahre folgt, zum Umtausche eingereicht werden. Die im Jahre 1895 ausgestellten oder von einem Tage des Jahres 1895 ab giltigen Quittungskarten müssen also bis zum 31. Dezember zum Umtausch eingereicht werden, wenn sie nicht ungiltig werden sollen.
* - Zu dem Kapitel „Kauft am Orte" bringt eine sächsische Provinzzeitung folgendes Kuriosum: „Es ist uns jüngst passirt, daß wir mehrere Einkäufe am Orte machten und nachdem wir uns überall Rechnung und Quittung schreiben ließen, hinterher die Entdeckung machen mußten, daß sämmtliche Rechnungen in verschiedenen Städten gedruckt waren, aber keine am Orte. Man könnte" daher zur Beherzigung auch den Verkäufern zuruen: „Was Du nicht willst, das man Deiner Brauche thu', das füg' auch keiner andern zu!" Fulda, 29. Nov. Die Haltestelle Marbach zwischen den Stationen Fulda undHün.eld der Bahnstrecke Fulda- Bebra wird nicht am 1. Dezember, wie es geheißen hat, sondern erst am 15. Dezember d. J. für den Personen- rub Gepäckverkehr eröffnet werden.
Kirchhain, 30. Nov. Der am gestrigen Tage basier tattgesundene Rindvieh- und Schweinemarkt war der letzte in diesem Jahre. Drei Jahre sind es her, daß diese Märkte eingeführt wurden, und man kann wohl von ihnen behaupten, daßsie die bedeutendsten in unserm Regierungsbezirk sind. Jährlich wurden fünfzehn Märkte abgehalten und fast alle erfreuten sich einer starken Frequenz. Den hiesigen Einwohnern bringen die hier stattfindenden Märkte manch materiellen Nutzen. Die manchmal 150—200 und zuweilen auch mehr den Markt besuchenden Juden können in den wenigen hiesigen Gast- Häusern selbstverständlich nicht alle Unterkommen finde»