SchlWemerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
JVi 2. Samstag, den 7. Januar 1899. 50. Jahrgang.
i^fi^Htt Fm^ nuf dw .Schlüchterner Zeitung" yrilCUUiiytll werden noch fortwährend von allen >i'*.ii!i =-...... Postanstalten und Landbriefträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berli«. Die Uebersi edelung des kaiserlichen Hof- lager- von Potsdam nach Berlin, welche am 17. Januar zur Investitur des Schwarzen Adlerordens erfolgen sollte, findet einer Bestimmung gemäß endgilt'g bereits am Freitag, den 13. d. Mts. statt.
— Der Ober-Hofmeister der Kaiserin, Freiherr von Mirbach, erzählte in einem Vertrage über die Polästina-Reisc: Kurz vor Beginn der Reise traf eine große Fülle von anonymen anarchistischen Briefen und Kundgebungen am Kaiserhofe ein. Man stellte fest, daß gefährliche Anarchisten nach dem Orient abgereist seien. Während der Seefahrt empfing der Kaiser die ersten Depeschen von der Festnahme einer Anarchistenbande in Port Said, die sich nach Palästina hatte cinschiffen wollen. Die Nachricht machte tiefen Eindruck. Es wurde wenig darüber gesprochen. Bei der Einfahrt in Konstantinopel erfuhr man, daß seit Wochen die ganze Stadt durchsucht worden und Jeder, der sich nicht ausweisen konnte, in das Innere Kleinasiens geschickt worden war. Auch wurden Hunderte von Menschen während unserer Anwesenheit in den Stuben der Gefängnisse gut verpflegt. Der Kaiserliche Zug bestand aus 230 Zelten, 100 Wagen, 12 großen Gepäckwagen, aus 1300 Wagen- und Reitpferden und Mauleseln, 100 Kutschern und 600 Treibern. Es waren ferner erforderlich 6 Hauptköche, 6 Nebenköche, 60 Kellner. Zehn Herren hatten die Oberleitung. Außerdem hatte der Sultan noch 30 Wagen und 85 Pferde gestellt. Mit dem türkischen Gefolge nahm der Zug den Raum einer preußischen mobilen Division ein. Wie Herr von Mirbach mittheilte, trugen ernste telegraphische Nachrichten über politische Verhältnisse zur Abkürzung der Reise bei.
* — Militäranwärte, welche bei der Reichspost- und Telegraphenverwaltung als Telegraphenanwärter eintreten, wurden bisher auch im Postdienst ausgebildet. Nach einer vom Staatssekretär v. Podbielski erlassenen Verfügung sollen diese Anwärter nur noch im Telegraphen- dienst ausgebildet werden, wenn sie zur Beschä'tigung bei einem selbstständigen Telegraphenamt oder einem größeren Postamt mit besonderer Telegraphenstelle bestimmt finb.
Kiel. Wie unverfroren die dänisch-gesinnten Nord- schleswiger auftreten und wie nöthig es war, einmal mit Energie dazwischenzufahren, beweist folgender von der „Tägl. Rundschau" mitgetheilter Vorfall. In dem Bureau eines Katasterbeamten erscheint ein junger Bauer, der nach erledigter dreijähriger Dienstzeit soeben von einem Husaren-Regiment zur Reserve entlassen worden ist und der noch das Beinkleid des Truppentheils trägt In dänischer Sprache fordert er den Beamten auf, ihm die Katasterkarten vorzulegen, in die er einen Einblick gewinnen möchte, weil er den Besitz seines Vaters an- zutreten habe. Natürlich wurde dem preußischen Vater landSvertheidiger bedeutet, daß er seine Wünsche in deutscher Sprache vorzutragen habe, was er indes nicht zu wollen schien, da er sich »»verrichteter Sache entfernte. Nach einer halben Stunde erschien er aufs neue, um nochmals in der fremden Sprache sein Verlangen kund zu geben. Jetzt wurde ihm in etwas kräftigerer Weise klar gemacht, daß er sich in einem deutschen Amtsbureau der deutschen Sprache zu bedienen habe, und wieder verließ er, ohne der Aufforderung nachzukommen, das Haus. Da, nach Verlauf einiger Stunden, öffnet sich wiederum die Thür und der Mann von vorhin tritt ein — bittet in gewähltem Hochdeutsch, ihm gütigst einen Einblick in die betreffenden Katasterblätter gestatten zu wollen. Nun wurde seiner Bitte entsprochen.
Mainz, 2. Januar. Die hiesige Stadtverordneten- versammluNg hat eine gute That vollbracht. Der in dem großen Gaswerk-Prozesse zu mehrjähriger Gefäng «ißstrafe verurtheilte Kassenbote Reimann hatte seiner Braut, einem Dienstmädchen, über 2000 Mark ab geschwindelt, um damit die unterschlagenen städtischen Gelder decken zu können. Das Geld, welches das Vermögen des Mädchen- bildete, schien für die Hintergangene, da ihr kein rechtlicher Anspruch zur Seite Hand, verloren, aber die Stadtverordneten beschlossen dre
Zurückerstattung der erwähnten Summe an das Mädchen. — Beim Ausbaggern im Rhein fand ein Kasteller Sandfärchcr am Sonnabend 44 Goldstücke aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts. Der Mann lieferte seinen Fund auf dem hiesigen Museum ab und erhielt dort vorläufig den Goldwerth mit 12 Mark für das Stück ausbezahlt. Die Münzen sind die gleichen, wie sie vor einigen Jahren in der Bretzenheimer Gemarkung gebunden wurden. — 3. Jan. In dem rheinhessischen Orte G. hat dieser Tage der Ortsdiener folgende klassische Verordnung der staunenden Bevölkerung kundgegeben: „Es wird hiermit bekannt gemacht, daß die Blutlaus auf den Bäumen gereinigt werden muß!"
Radebeul (Sachsen), 2. Jan. Gestern, am Neu- ahrstage, Abends gegen ’/alO Uhr fand im benachbarten Orte Cossebaude die Exlosion einer Acetylengasanlage tatt. Der Besitzer des Gasthofes in Cossebaude, Herr Wustlich, hat vor nicht langer Zeit die Anlage in einem Häuschen neben dem Restaurationsgebäude unter Erdhöhe anbringen lassen. Bei irgendwie eintretenden Störungen meldet sich am Büffet ein Läuteapparat. was in diesem Falle eingetreten war und dem Wirth Veranlassung gab, mit seinem Knechte Untersuchungen vorzunehmen. So weit bis jetzt fcstgestellt werden konnte, erfolgte noch ehe die Beiden den Raum betreten hatten, eine furchtbare Explosion des Kessels, schreckliche Verwüstungen anrichtend. Sämmtliche Fensterscheiben des Gasthofes und der umliegenden Gebäude wurden zertrümmert und weit fortgeschleudert, der Kalk von den Wänden gerissen, Thürklinken verborgen und ein Theil des Daches vom Gasthofe abgerissen und auf das gegenüber befindliche Haus Kinderheim geschleudert, hier einen Schornstein niederreißend und das Dach durch- chlagcnd. Herr Wustlich erhielt schwere Verletzungen, während der 16jährige Knecht Starke, ältester Sohn einer Wittwe mit sieben Kindern aus Kaitz, dem „Rad. Wochbl " zufolge, derartig verletzt wurde, daß sein Ableben eben Augenblick zu erwarten ist. Da im Saale Tanzvergnügen abgehalten wurde, waren die sämmtlichen Räume fast überjüllt, und kann man sich die Aufregung anm vorstellen, welche hier infolge der Explosion entstanden war. Alles drängte den Ausgängen zu, und 'onntc man sehr viele Gäste blutend die Räume verlassen chen. Da sich die durch Glassplitter Verletzten sofort nach Hause begaben, konnte bis heute Vormittag die Hahl der Verletzten noch nicht festgestellt werden. Die Lände des Kesselhäuschens waren vom Erdboden verschwunden und die Steine weit fortgeschleudert.
Wcrnshausen, 3. Jan. Der „Dorfz." wird von hier geschrieben: Einen billigen Kauf glaubte ein hiesiger Einwohner zu machen, als ihm Herr Kaspar Jung sein im verflossenen Sommer erbautes Restaurant zum Kauf anbot. Der Kau preis war folgender: Das erste Fenster kostet 1 Pfg, jedes folgende immer das Doppelte des vorhergehenden. Ohne langes Besinnen ging der Kauflustige in den Vorschlag ein — durch einen kräftigen Handschlag war das Geschäft perfekt, die anwesenden Gäste wurden sofort als Zeugen vermerkt. Nun kommt die Berechnung. Da das Anwesen gegen 40 Fenster zählt, so beträgt der Erlös für das Haus die Kleinigkeit von 5000 Millionen Mark. Der Kauf soll bereits rückgängig gemacht sein. (Wer Zeit und Lust dazu hat, möge diese Rechnung prüfen).
Ausland.
Holland. Von befugter Seite wird gemeldet, daß alle in englischen und deutschen Blättern aufgetauchten Berichte über die bevorstehende Verlobung der Königin aus der Luft gegriffen sind. In der Presse circulieren Berichte über den ungünstigen Gesundheitszustand der Königin-Mutter. Demnach würde die Königin-Mutter in Begleitung der Königin im Frühjahr eine Reise nach Bonn unternehmen, um sich einer schwierigen Operation zu unterziehen.
Amerika. Sechs weitere Regimenter nach den Ppilippinen sendet Amerika mit größtmöglicher Beschleunigung; eines davon schwimmt schon auf dem stillen Ozean. Die Nachrichten von den Eilanden der Tagalen lauten immer besorgnißeregender Ein amerikanischer Aviso traf in Manila ein und brächte die Nachricht, daß die Lage in Jlo-Jlo äußerst kritisch sei,
New-Nork, 17, Dez. Mit der Ernennung des
Generalmajors Brooke zum Militär-Gouverneur in Cuba hat der Präsident einen glücklichen Griff gethan, da Herr Brooke schon in Portorico großes Verwaltungstalent an den Tag gelegt hat. Es werden ihm 45 Regimenter Infanterie, 5 Regimenter Kavallerie und 6 Batterien Artillerie, insgesammt 50,000 Mann zur Verfügung gestellt. Der Präsident hofft, daß mit diesem starken Au'gebot von Militär bald wieder geordnete Zustände auf der Insel hergestellt werden können.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 6. Jan.
* — Versetzt wurde Lehrer Soll von Sarrod nach Kohl Haus bei Fulda, Lehrer Schöppner von Kerbers- dorf nach Sicher bei Gelnhausen, Lehrerin Gnau von Somborn nach Ulmbach, Lehrerin Göb von Ulmbach nach Magdlos bciFlieden, LehrerRichardt von Oberkalbach nach Gichenbach, Kr. Gersfeld, Lehrer Haus von Eckardroth nach Büchenberg, Kr. Fulda. — Einstweilig angestellt wurde Lehrergehilfe Kirst von Heubach au die Schule zu Oberkalbach, Lehrergehilfe Rührig aus Treffurtan die Schule zu Sarrod, Lehrergchilfe Pyroth aus Fritzlar an die Schule zu Kerbersdorf — Entlassen wurde der Lehrer Pfaff zu Jossa, Kr. Schlüchtern.
* — Der Kriegerverein Schlüchtern wird den diesjährigen Kaisersgeburtstag ganz besonders festlich begehen. An diesem Tage (27. d. M.) und zwar Nachmittags wird nämlich auch die Nagclung des von Seiner Majestät dem Kaiser dem Verein verliehenen Fahnenschmucks feierlichst vollzogen. Daran schließt sich des Nachmittags Konzert an und des Abends Theateraufführung und Tanz. Ausführliches Programm wird demnächst in der Schlüchterner Zeitung bekannt gegeben werde
* — Handelskammer zu Hanau. Sitzung des Ver- kehrs-Ausschusses am 14. Dez. 1898. 2, Verlegung der Frankfurt-Bebraer Bahn. Die Stellungnahme der Handelskammer zr diesem Projekte, dessen Ausführung ' von Firmenkreisen in Schlüchtern wiederum befürwort« ist, ist von dem Verkehrs-Ausschuffc der Kammer am 26. November 1897, von dem Plenum am 1. Dezember 1897 näher präzisirt worden. In dem Jahresberichte 1 für 1898 werden ausführlichere Erörterungen über die Angelegenheit gebracht werden. Beschluß: Die wiederholte Anregung ist ebenfalls in dem demnächst erscheinenden Jahresberichte zu erwähnen. (Diese „Erwähnung" I besteht im Abdruck der s. Zeit von hier aus an den I Minister gemachten Eingabe betr. die Verlegung der Bahn. I Im Uebrigen wünscht die Kammer eine noch mehr inS ] Specielle gehende Darlegung und verschanzt sich hinter I den entstehenden Kosten. Wenn die Handelskammer I nur in kleinen Dingen sich erwärmt für uns, in großen I Dingen aber sich drum herum drückt und Ausreden 1 braucht, so ist sie überflüssig.) 1
* — Für Militärpflichtige. Nach § 10 des Reichs- I gesetzes vom 6. Mai 1880 werden alle im Jahre 1879 I geborenen deutschen jungen Männer am 1. Januar 1899 militärpflichtig und haben sich deshalb in der vorge- schriebenen Frist — 15. Januar bis 1. Februar 1899 ■ — zur Stammrolle anzumelden, sofern sie nicht auf ■ Grund des Berechtigungsscheines zum einjährigen V Militärdienste bis dahin um Zurückstellung nachsuchen. I
* — Heizt nicht mit Tannenbäumen! Zur jetzigen Zeit ist es angebracht, davor zu warnen, Tannenbäume in Oefen oder Kochheerden zu verbrennen. Bekanntlich I sind Nadelbäume sehr harzhaltig. Dieses Harz enthält W Kohlenwasserstoff, der in Verbindung mit der heißen I Luft starke Gase entwickelt. Durch diese Gase kann I unter Umständen leicht der Ofen oder die Maschine ge- I sprengt werden. Man kann sich von der Kraft dieser I Gase selbst leicht überzeugen, wenn man einen Tannen- zweig über ein brennendes Licht hält. Das Licht wird I unter dem Drucke der Ausströmung erlöschen. Man ■ soll also stets nur kleinere Theile des Baumes aus ein- ■ mal verbrennen, nicht größere Stücke. ■
* — Der Kegeljunge spielt leider vielfach im Wirths« ■ Haus eine nur zu ungern vermißte Rolle. Wie viele I Kegelgesellschaften haben wohl je daran gedacht, den W höchst beachtenswerthen Interessen des leiblichen u. geistigen Wohles ihrer kleinen Bedienung Rechnung zu tragen, sie ■ nicht zu überanstrengen, durch kräftigere Aushülfein späteren W Stunden zu ersetzen. In Chemnitz ist neuerdings von I zuständiger Seite der dankenswerthe Beschluß gefaßt I worden, daß Knahen zum Kegelaufsetzen nur an zwei I
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