WüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „ Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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K“^ r-.^;-^T11TOLr«»WCT«a--..r--,~g- ^»—_ . —— - - - ■.-i»ir»tn-| , » 1 —— ;—|—- - - - v - - -^- Semstait, den 29. April 1899.
K-st§lll1MaKN " '^ 616 .Schlüchterner Zeitung" merbcu nod) fortwährend von ollen . .. . . —- Pvstnnstalten und Landbrie trägem
sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. April. Der Kaiser hörte im badischen Jagdschlösse Kaltenbronn am Mittwoch den Bortrag des Vertreters des Auswärtigen Amts Grawn Wolff-Met- ternich. — Der Monarch erlegte einige Auerhähne. — Kaiserin Friedrich wild am stRoutag aus dem Süden auf Schloß Friedrichshof eintreffen. Am 20. Mai reist sie nach England zur Theilnahme an der Feier des 80. Geburtstages ihrer Mutter.
— Ein neuer deutsch amerikanischer Zwischenfall hat erfreulicherweise noch im Entstehen seine befriedigende Beilegung gefunden. Der mit dem amerikanischen Kreuzer „Raleigh" von den Philippinen nach New Iork zurückgekehrte Kommandant desselben, Kapitän Coghlan hatte bei einem ihm zu Ehren in New Aork veranstal- teten Bankett eine überaus taktlose politische Rede gehalten, wonach der amerikanische Admiral vor Manila, Dewey, eine sehr feindselige und herausfordernde Haltung anläßlich der Blockade Manilas gegen den deutschen Admiral Dieterichs angenommen und geäußert haben sollte, die deutschen Kriegsschiffe hätten aus Verlangen des amerikanischen Geschwaderkommandanten sowrt still zu stehen und würde das geringste Zuwiderhandeln gegen diesen Befehl Krieg bedeuten. An amtlicher Stelle Washingtons hat man den genannten Marines fizier wegen dieser unglaublichen Kundgebung indes sogleich tüchtig vorgenommen und ihn umgehend an Bord seines Schiffes mit dem Befehl, dasselbe einstweilen nicht zu verlassen, zurückgeschickt; außerdem sprach Staatssekretär Hay dem deutschen Botschafter von Holleben seine lebhafte Mißbilligung des Benehmens des Kapitäns Coghlan aus. Die deutsche Regierung wird infolgedessen die Sache nicht weiter verfolgen, wie schon aus folgender Auslassung der offiziösen „Nordd. Allg. Ztg." zum „Fall Coghlan" hervorgeht: „Die politische Tragweite derartiger Taktlosigkeiten eines einzelnen sremdländischcn Offiziers wollen wir schon deßhalb nicht überschätzen, weil sie, wie es scheint, im angeheiterten Zunonde begangen wurden. Wir nehmen Akt davon, daß die Vorgesetzte Behörde sofort Korrektur eintreten ließ "
Charlottenburg. Die Wanderlust der Dienstmädchen wird zahlenmäßig im letzten Heft der Charlottenburger Statistik nachgewiesen. Nicht weniger als 14,147 Dienstmädchen zogen im Jahre 1898 von auswärts nach Charlottenburg, aber nur 1525 'blieben dort, 12,622 aber zogen wieder weg. Charlottenburg hat etwa 150,000 Einwohner, und ist nach Frank urt am Main diejenige deutsche Stadt, in welcher es verhältnißmäßig am meisten Dienstmädchen giebt.
Aus Königsberg i P., 24. April, wird gemeldet: Am Freitag wurden auf der Feldmark von St. Lorenz (in der Nähe der Badeorte Rauschen und Neukuhren) zwei steckbrieflich verfolgte, vielfach vorbestrafte Einbrecher, Namens Moonts und Steinke, von dem in Rauschen stationierten Gensdarm aus Nothwehr erschossen. Die beiden Einbrecher waren 1896 aus dem damaligen Gefängnisse am Pregel, dem sogenannten blauen Thurm, entflohen.
Halle, 24. April. Die Strafkammer veru: theilte ein I5jührigcs Mädchen, welches dem ihm zum Aust warten übergebenen Kinde Gift euigcgebcii hatte, zu drei Jahren Gefängniß.
Gotha, 23. April. Sowohl unser Fabrikeninspector als auch der des Herzogthums Mintngen klagen in ihren neuesten Jahresberichten über das unbotmäßige Verhalten der jüngeren Arbeiter. Der erste schreibt: Eine für die Jungarbeiter nicht günstig sprechende Erscheinung ist das nicht seltene Klagen der Arbeitgeber über das Verhalten der Jungarbeiter; die Aeußerung: mit meinen ältern Arbeitern stehe ich in sehr gutem Verhältniß, sie sind tüchtig, fleißig, haben Interesse am Gcfchä t und bilden einen bewährten Stamm, aber um so schlimmer steht es mit den Jungarbeitern", habe ich öfters zu hören bekommen. Ein Fabrikbesitzer beklagte diesen Zustand um so mehr, weil er keine Möglichkeit einsah, aus dem Nachwuchs seinen altbewährten, aber nach und nach schwächer werdenden Arbeiterstamm zu ergänzen; die durch Alter und Tod verursachten Lücken sind kaum auszu füllen mit gleichwerihigen Arbeitern." Der Fabriken-
50. Jahrgang.
inspector für das Herzogthum Meiningen schreibt in seinem Bericht: „In den industiiereichcren Bezirken ist wiederholt von den Fabrikleitern Klage über die zunehmende Unbotmäßigkeit der jüngeren Arbeiter geführt worden, die in einem Fall bis zur Verhöhnung des Arbeitgebers in der Oeffentlichkeit ausgeartct ist. Das ehedem patriarchalische Verhältniß des Arbeitgebers zu den jüngeren Arbeitern schwinde mehr und mehr. Die jungen Leute seien ungehorsam, aufsässig und verließen häufig die Falnik, ohne die 14teigige Kündigungsfrist einzuhalten Der hieraus für den Betrieb erwachsende Schaden sei nicht gering, man dulde denselben jedoch, um nicht weiteren Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu sein."
Dortmund, 25. April. Vor der hiesigen Strafkammer wurde am Samstag gegen den 23jährigen Lehrer Johann Henkel aus Rhynern verhandelt, welcher der unerlaubten Züchtigung von Schülern angeklagt war. Es wurde festgestellt, daß er einem Mädchen, das schlecht gerechnet hatte, ein Ohr blutig gerissen, ein anderes w auf den Mund geschlagen hat, daß das Blut hervorguoll und ein Zahn gelöst wurde. In die Hände hatte das Kind derart starke Hiebe erhal cn, daß deren Spuren noch drei Wochen hindurch zu sehen waren. Einen sechsjährigen Knaben züchtigte er derart, daß die blntnntcr- laufenen Striemen bis zu den Kniekehlen hinab gingen. Der Knabe L. S. sollte Hiebe auf das Gesäß erhalten, die Hände mußte er hierbei an die Knie halten; weil er eine Hand nach hinten legte, besam er auf diese euren Hieb, daß er vierzehn Tage lang die Schule meiden mußte. Die Hand ichwoll an, der Arzt befürchtete eine Schncncntzündung oder gar ein Steifwerden der Hand. Nicht zur Anklage gestellt, sondern nur zur Charatteri- sirnng der Thätigkeit des Angeklagten ist herangezogen, daß Henkel den Kindern wicdciholt Jnckpnlver in den Nacken gestreut hat. Ein Kind wischte sich solches in die Augen, die arg anschwollen. Dem Knaben Hegemann steckte Henkel einen ungelösten Schweineschwanz in den Mund. Dies will der Angeklagte aus „Scherz" gethan haben. Der Staatsanwalt beantragte gegen Henkel sechs Monate Gefängniß. Das Gericht ei kannte auf zwei Monate Gefängniß^__
Ausland.
Brüssel, 24. April. Die Streiklage hat sich erheblich verschlimmert; die Zahl der Streikenden stieg auf 70,000. Die amtlichen Berichte stellen eine große Erregung unter den Arbcitcrmassen fest, weshalb die Regierung Abends alle Garnisonen im Hennegau und in Lüttich konsignirte.
Pest, 26 April In der Ortschaft Guta im Komorner Comitat sind bei heftigem Sturm 1284 Gebäude niedergebrannt. Die Ortschaft brennt noch. 3 Frauen, 7 Kinder und 1 Mann fanden den Flammentod und mehrere Personen wurden irrsinnig. 2000 Stück verbranntes Vieh liegen in den Straßen. Der Brandgeruch vi auf 40 Kilometer bemerkbar. 2000 Personen sind obdachlos D.r Schaden wiib auf über 1'/- Millionen Gulden geschützt.
Odessa. Eine aus 14 Personen bestehende Räuberbande übet fiel bei Kischinen einen Edelhof, drang in die Wohnung des reichen Gutsbesitzers ein und ermordeten ihn, seine Frau, vier Kinder und zwei Diener. Ein heft ger Kampf entspann sich sodann zwi chen den Räubern und den herbeigeeilten Bauern. Sechs Bauern wurden von den Räubern erschossen, worauf dieselben mit ihrer Beute, angeblich 200 000 Rubel entkamen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 29. April.
Dem sparenden Publikum zur Nachricht, daß die hiesige Kreisspar und Leihkasse (— ähnlich wie die hiesige Stadtsparkasse —) alle Einlagen, welche in den ersten drei Wei klagen des Monats gemacht werden, vom ersten des betreffenden Monats ab verzinst; ferner ist die Kasse angewiesen, die vom 4. bis zum 16. ringe- legten Beträge, sofern sie Verwendung dafür hat halbmonatlich, also vom 16. des Einlagemonats ab zu verzinsen.
*— Aus Anlaß der in diesem Jahre fiattfinbenben militärischen Uebungen sei darauf au merksam gemacht, daß den Familien der einberufenen Reservisten und Wehrleute auf Antrag. Unterstützungen in Gemäßheit des Gesetzes vom 10. Mai 1892 g währt werden. Die An- träge° sind bis spätestens 4 Wochen nach beendeter Uebung, unter Vorlage des Militätpasses, bei der Ortsbehörde anzumelden. Bei freiwilligen Uebungen werden Unter
st ütznngen nicht gezahlt. Die Unterstützungen betragen: a) für die Ehefrau des Einberufenen 30 pCt., b) für jede sonst unterstützungsbercchtigte Person (rechtmäßige Kinder unter 15 Jahren und die vom Einberufenen zu unterhaltenden Eltern und Geschwister) 10 pCt., jedoch im Gesammtbetrage nicht mehr als 60 pCt. des ortsüblichen Tagelohnes für erwach ene männliche Arbeiter am Aufenthaltsort d.s Einberufenen (Amtsblatt 1892, S. 214.) Auf Beamte, welchen während ihrer Einbe- riruug das persönliche Dicnueinkommcn gewahrt bleibt, findet das Gesetz vom 10. Mai 1892 keine Anwendung.
*— (Aus der Sitzung berStra fammeroom 24. April.) Wegen Beleidigung des Amtsgerichts in Schlüchtern und Sachbeschädigung stand gegen den Krämer und Fabrikarbeiter Joh. M. aus Wallroth am 13. Oktober 1898 vor hiesigem Landgericht Termin an; die Verhandlung mußte jedoch auf den 31. Oktober 1898 vertagt werden. M. wird nun beschuldigt, gleich nach dem ersten Termin bezw. kurz vor Beginn des zweiten Termins dem als Zeugen geladenen Landwinh Sch. aus Schlüchtern gegenüber sich der Verleitung zum Meineid schuldig gemacht zu haben. Die Beweisaufnahme ergab allerdings, daß der Angeklagte am 31. Oktober v. Jö. den Sch. durch die Bemerkung: „Du sagst, ich sei betrunken gewesen, da ist der Mensch „phantasicerisch"; das hilft mir," zu bestimmen versucht hatte, zu seinen Gunsten auS- sprechen; andererseits zog das Gericht jedoch in Erwägung, daß M. an fraglichem Tage so betrunken war, daß bte Verhandlung abgebrochen und der Beklagte wegen Ungebühr in eine sofort zu vollstreckende Hastnrafe von 24 Stunden genommen werden mußte, demnach also nicht ausgeschlossen in, daß M. sich der Tragweite seiner Handlungsweise nicht voll bewußt war. Es erging demgemäß freisprechendes Erkenntniß.
Soden Gestern Abend 11 Uhr ertönte das uns fast unbekannte Brandsignal. Es bräunte die zur Prinz- schen Dampfmolkerei gehörende Scheuer vollständig nieder. Die Entstehungsursache des Feuers ist bis jetzt unbekannt.
Hanam 24. April. In der hiesigen Maingegend sind an öffentlichen und privaten Kassen wiederholt falsche Zwei-Markstücke angehalten worden, namentlich auch in Offenbach.
Bockenheim, 24. April. Bei der Entleerung einer Dunggnibe sind hier zwei Arbeiter verunglückt. Der eine, Namens Aulbach, 19 Jahre alt, wurde als Leiche aus der Grube hervorgeholt. Der andere war ebenfalls dem Tode nahe, als er von Mitgliedern des Turnvereins „Vorwärts an's Tageslicht gebracht wurde; derselbe ist im Krankenhause gestorben.
Unterrieden, 22 April Ein gewiß seltener Vorfall ereignete sich hier vor einigen Tagen. Der kleine Hund des hiesigen CigarrenmeisterS Fahrenbach war mit in die Nähe der Bahnstrecke Eichenverg gegangen und hatte sich auf einer senkrechten Wand circa loO Mieter hoch, verstiegen, sodaß er weder vor- noch rückwärts konnte. Das unglückliche Thier stand dort 2 volle Tage und 2 Nächte, ohne daß ihm Hülfe gewährt werden konnte, zwei Tage darauf endlich unternahmen es einige beherzte Telegraphenarbeiter, den Hund zu retten. Einer derselben ließ sich an einem Tau an der Felswand herunter und es gelang ihm, das Hündchen aus seiner verzweifelten Lage herunter zu holen. Diese tapfere That i|t werth, daß man dem Manne die uoufte Anerkennung dafür zollt.
Melsunge», 20. April. Wie schon früher mitgetheilt, war der Bürgermeister a. D. Lotz von hier vom hiesigen Amtsgericht als Oberaussichtsbeamter für in erster Linie entschädignngspflichtig für die durch ^den Kassirer der Melsunger Sparkasse verübten Unterschlagungen erklärt und sein Vermögen mit Beschlag belegt worden. Seine hingegen durch Herrn Rechtsanwalt Martin I. eingelegte Beru'ung wurde vorgestern kostenfällig verworfen.
Trcysa, 23. April. Die hiesige Jdioten-Anstalt zählt bereits 94 Zöglinge. Da dieselbe höchstens über 100 Plätze ve fügt, kann nur noch wenigen Kindern Aufnahme gewährt werden. Ein abermaliger Erweiterungsbau ist unausbleiblich.
Lid-lis. '
Erzählung von Gustav Hocker. (ed-tu^.)
„Dort wußte man nicht einmal von meiner Erblindung," sprach Reinhold weiter, „Du bist gar nicht hingekommen. Du hast mich belogen. Alex Du gingst