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WchtemerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

32 70. Samstag, den 2. September 1899.

50. Jahrgang.

N-ftpillliraOH " ^ bie .Schlüchterner Zeitung" ^UlvUUiiyt II werden noch fortwährend von allen ~ Postanstalten und Landbriesträgern

sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich

Berlin, 30. August. Der Kaiser pirschte am Diens­tag bei Zehdenik in der Mark. Seit der Kronraths- sitzung, die am Mittwoch voriger Woche stattfand, hat der Kaiser keinen Bortrag eines preußischen Ministers mehr entgegengenommen. Er hörte nur den Staats secretär v. Bülow, die Chefs der Geheimcabinets sowie Armee- und Marineoffiziere.

Die Kaiserin wird sich mehrere Monate hindurch eine sorgfältige Schonung ihres kranken Fußes wegen auferlegen müssen, der in der letzten Zeit überanstrengt worden zn sein scheint, so daß sich nachtheilige Folgen bemerkbar machen.

Der Reichskanzler schloß heute die Session des preußischen Landtages und sprach die Erklärung aus, daß der Kaiser das Scheitern der Kanalvorlage bedauere, er hoffe die Zustimmung des Landtags bei der nächsten Session zu erhalten.

Nach derMünchener Allgemeinen Zeitung" ist es die Absicht des Herrn v. Miguel, sich möglichst bald in den Ruhestand zurückzuziehen.

Eine Ministerialverfügung warnt die Beamten vor folgenden Vereinen: Verband der Militär- Kriegs­und Friedens-Jnvaliden, Veteranen und Militäranwärter Deutschlands, Verband der Kanzleibeamten der Monarchie, Verband der Grenz- und Steueraufseher des Königreiches Preußen mit dem Verbandsorgan .Reveille", Verband deutscher Militäranwärter und Invaliden mit einem besonderen Verbandsorgan, und Verband deutscher tech­nischer Zoll« und Steuerbeamten mit dem Verbandsorgan Die Umschau auf dem Gebiete des Zoll- und Steuer­wesens".

Dienststempel 00. Das preußische Ministerium hat nunmehr endgültig entschieden, daß in den verstell­baren Dienstsiempeln (beim Fahrkarten-Verkauf, bei der Güterannahme u. s. w.) das Jahr 1900 abgekürzt mit 00 zu bezeichnen ist. Die folgenden Jahre tragen dann die Bezeichnung 01, 02 u. s. w.

Spandau. Das Hunderttaufenddollar-Vermächtniß, welches der Stadt Spandau von einem Deutschamerikaner, einem geborenen Spandauer Namens Charles Wagner, in Aussicht gestellt worden war, ist in nichts zerronnen. Bekanntlich erhielt der Magistrat von Spandau vor etwa 4 Monaten ein Schreiben aus Santa Cruz in Kalifornien, worin ein vor 40 Jahren aus Spandau ausgewandertes Mitglied einer alten Spandauer Familie der Stadt einen Theil seines Vermögens als Erbe ver sprach, damit das schlechte Spandauer Straßenpflasier verbessert werden könnte. An den vermeintlichen Wohl thüter, der sich Charles Wagner nannte, und dessen nähere Angaben über seine Herkunft auch mit den That­sachen übereinftimmten, schrieb der Magistrat darauf zurück, es wäre besser, wenn das Geld schon bei Leb­zeiten des Erblassers nach Spandau geschickt würde, weil bei der Erbschaftsregulirung später vicll icht Schwie­rigkeiten entstehen könnten. Dieses Schreiben des Ma­gistrats ist jetzt als unbestellbar wieder nach Spandau zurückgekommen. Es muß sich also tm fernen Ameiika irgend ein Unberufener, der allerdings mit den Span­dauer Verhältnissen wohl vertraut ist, einen schlechten Scherz erlaubt haben, als er der Stadt 100 000 Doll. versprach.

Der letzte noch lebende Freiheitskämpfer ist Rentier August Schmidt in Wolgast (Pommern), geboren am 11. Februar 1795. Er ist also gegenwärtig 104 Jahre alt, und wenn er, was bei seiner körperlichen Frische recht wohl erwartet werden darf, noch im nächsten Jahre am Leben ist, kann er sich rühmen, in drei Jahrhunderten gelebt zu haben.

Gelegentlich der Einziehung der silbernen 20^Pfennigstücke ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß seitens der Kassen Stücke, welche mit geringen Be­schädigungen behaftet waren oder Einbiegungen zeigten, nach Zerschneiden dem Einzahler zurückgegeben oder überhaupt zurückgewiesen wurden. Um die Einziehung wirksamer zu gestalten, sowie um Härten und berechtigte Beschwerden zu vermeiden hat nun das Reichsschatzamt die unterstellten Kassen mit entsprechender Weisung ver- then, Die silbernen Zwanzigpsennigstücke unterliegen

einer raschen Abnutzung und sind bei der Dünne der Münzplättchen in erhöhtem Maße der Ge'ahr ausgesetzt bei dem Umlauf von Hand zu Hand beschädigt, insbe­sondere verbogen zu werden. Beschädigungen sind daher nicht ohne Weiteres als gewaltsame anzusehen, sondern werden häufig unter den Begriff der Abnutzung fallen. Eine gewaltsame Beschädigung wird nur dann anzu- nehmen sein, wenn sie als solche aus ihrer Beschaffenheit auf zweifelsfreie Weise erkennbar ist, z. B. wenn die Münze durchlöchert ist oder wenn erhebliche Münztheile fehlen.

Ausland.

Rußland steht am Beginn der Einführung der größten Reform, die seit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 unternommen worden ist, der Einführung des Schulzwangs. Der erste Versuch soll in der Stadt und im Gouvernement Petersburg gemacht werden. In Kargajcns (Westrußland) wurde auf dem Grund­stück der Brüder Krechalew, die der Sekte derBjegle- zew" (b. i. die Fliehenden) angehören, von der Polizei ein Massengrab entdeckt, das die Leichen von 20 Seklirern. meist jungen Mädchen, enthielt. Wie sich herausstellte, waren die Brüder Krechalew, von denen der eine 70, der andere 67 Jahre alt ist, die Führer der Sekte und handelt es sich, wie sie nach derBresl. Ztg." selbst eingestanden haben sollen, um Ritualmorde.

China. Der lange erwartete Conflict zwischen russi­schen und britischen Interessen in Hankau ist jetzt zum Ausbruch gekommen. Eine englische Firma hegte auf Weisung des britischen Consuls ihr Vesitzthum innerhalb der russischen Niederlassung ein. Britische Consularkon- stabler beschützten die Arbeiter, aber ein Dutzend Kosaken, die das russische Consulat entsandte, vertrieben die Ar­beiter gewaltsam. Darauf landete ein englisches Kriegs­schiff 15 Blaujacken und näherte sich, bis seine Kanonen das russische Konsulat beherschten. Der Kampf schien bevorstehend, wurde aber abgewendet. Die Blaujacken bewachen jetzt das englische Besitzthum.

Kapstadt. Die südafrikanische Lage nimmt ein zunehmend drohendes Aussehen an. Die britische Regierung will die neuen Vorschläge der Buren Republik nicht annehmen, die Regierung von Transvaal aber hat dem britischen Vertreter in ihrem Lande angezeigt, daß sie sich an ihr letztes Anerbieten halte und keine weiteren Zuge­ständnisse machen wolle.

Lokales und Provinzielles.

s* Schlüchteru, 1. Sept.

* Der Förster Löffert zu Sieberz wurde vom 1. Oktober cr. ab nach Häuserdick bei Salmünster ver­setzt.

* Unsere hiesigen Leser machen wir darauf auf­merksam, daß wegen der bis jetzt fällig gewesenen und noch nicht bezahlten Kreissteuern in den nächsten Tagen zwangsweise Beitreibung zu erwarten ist. Weiter muß die Einzahlung des noch rückständigen Staalsloosholz- geldes wegen der rechtzeitigen Abführung an die Königl. Forstkasse alsbald erfolgen.

* Jnvalibitäts- und Altersversicherung. Während der Zeit vom l. Januar 1891 bis Ende Juni 1899 sind von versicherten Personen des Kreises Schlüchtern durch Vermittlung des Königlichen Landrathamtes in Schlüchtern im Ganzen 179 Anträge auf Bewilligung von Alters­renten gestellt worden. Davon kamen bis Ende Juni 1899 zur Erledigung: 109 durch Festsetzung des Renten- anspruchs, 68 durch Ablehnung, 1 durch den während des Verfahrens eingetretenen Tod der Antragsteller rc. Die bewilligten Altersrenten betrugen: für 81 männliche und 28 weibliche Personen zusammen jährlich 13179 Mk. Von den 109 Rentenempfängern sind bezw waren be­schäftigt: 64 in der Land- und Forstwirthschaft, 9 in der Industrie, 14 durch Lohnarbeit wechselnder Art, 14 im Staats- rc. Dienste, 8 im Gesindedienste. Ende Juni 1899 blieben, nach Abgang durch Tod rc, noch 62 Altersrenten mit zusammen 7 669,20 Mk. zu zahlen. Die Zahl der in der Zeit vom 23. Novomber 1*91, von welchem Tage ab gesetzlich zuerst Anspruch aus Invaliden­rente erhoben werden konnte, bis Ende Juni 1899 durch Vermittelung des Königlichen Landrathsamtes in Schlüch« lern gestellten Anträge auf Bewilligung von Invaliden­renten beträgt 191. Davon kamen bis Ende Juni 1899 zur Erledigung: 115 durch Festsetzung des Rentenanspruchs, 48 durch Ablehnung, auf sonstige Weise. Die festgesetzten

Invalidenrenten betrugen für 88 männliche und 27 weib­liche Personen im Ganzen jährlich 14398,80 Mk. Von diesen Personen waren beschäftigt: 54 in der Land- und Forstwirthschaft, 26 in der Industrie, 3 im Handel und Verkehr, 10 durch Lohnarbeit wechselnder Art, 6 im Staats- rc. Dienste, 16 im Gesindedienste. Nachdem 40 Invalidenrenten durch Tod der Emfänger und 2 durch Wiedergewinnung der Erwerbssähigkeit der Empfänger rc. in Abzug gekommen waren, blieben Ende Juni 1899 noch 73 Invalidenrenten im Gesammtbetrage von jährlich 9158,40 Mk. zu zahlen.

Bei dem jetzt schon wieder früher eintretenden Beginn der Dunkelheit seien die Hausfrauen und vor Allem die Hausbesitzer iu ihrem eigenen Interesse an die Beleuchtung der Treppen und Flure erinnert. Für jedes aus dem Fehlen der Beleuchtung entstehendes Unglück ist der Hauseigenthümer haftbar.

Bad Soden b. Salmünster. Den Schlußstein zu den Wohlfahrtseinrichtungen, die im Laufe der letzten Jahrzehnte zur Verbesserung der Lage der minder gut situierten Volksschichten hier geschaffen wurden, bilden die Veranstaltungen für die Jugend : Kindergärten, Ferien- Asyle, Kinderheilanstalten. Nachdem Nauheim durch die Gunst einer edlen Dame in den Besitz einer solchen Heilanstalt gelangt ist, bemüht sich auch das kleine Soden-Salmünster, mit bescheidenen Mitteln eine gleiche Einrichtung zu schaffen. Ein von den Kurgästen Künstlerinnen und Dilettanten veranstaltetes Concert lieferte einen ansehnlichen Reinertrag, welcher der Bau- kommission überwiesen wurde. Mit Concerten allein ist es nicht gethan, es sind deshalb dem Unternehmen, daS für tränte Kinder aller Konfessionen bienen soll, recht thatkräftige Freunde zu wünschen, damit der Plan recht bald verwirklicht werden kann.

Vom obere« Bogelsberg. Nachdem die Winterfrucht fast alle eingeerntet, auch ziemlich gut ausgefallen ist, geht auch allmählich die Ernte der Sommerfrucht in dieser Woche zur Neige. Gerste- und Haserernte muß ebenfalls als gut bezeichnet werden. Nur der Lager­frucht fehlt es verhältnißmäßig an Körnern. Auch die Erbsen stehen ausgezeichnet. An Kartoffeln und Dick- wurz scheint ebenfalls kein Mangel zu sein, da jetzt der langersehnte Regen eingetroffen ist. Wir haben also keine Veranlassung, sich dieses Jahr über die Ernte zu beklagen. Die sieben mageren Jahre scheinen seit einigen Jahren vorbei zu sein, und die sieben fetten scheinen nunmehr ihren Anfang genommen zu haben.

Aus der Rhön, 26. August. Die Bezirksdirektion in Dermbach erachtet die Versicherung des Einzelnen gegen Hagelschlag nicht für hinreichend und empfiehlt diese Versicherung gemeindeweise abzuschließen. Ebenso giebt die Behörde Anregung zur Bildung einer Sachver­ständigenkommission in den Gemeinden zur Ertheilung von Rathschlägen über die richtige Anwendung künstlichen Düngers.

Gersfeld, 26. Aug. Ein Kindsmord wird der ledigen Tochter einer Wittwe zu Poppenhausen zur Last gelegt. Dieselbe wurde in einer Entbindungsanstalt zu Marburg von einem Kind männlichen Geschlechts entbunden. Auf der Heimreise hat sie vermuthlich das Kind erdrosselt, die Leiche in eine Reisetasche verborgen gehalten und in Poppenhausen in den Schulabort geworfen. Die Leiche wurde daselbst von Schulkindern entdeckt. Das Mädchen wurde verhaftet und soll die That bereits eingestanden haben.

Hersfeld, 28.. August. Bei der anhaltenden Dürre hats in dem.hoch am Stoppelsberg gelegenen Oberstoppel solchen Wassermangel gegeben, daß nichts weiter übrig blieb, als das Wasser in Fässern bei dem im Thale liegenden, s/4 Stunde entfernten Rhina zu holen. Auch Wchpershain hat zur heißen Sommerszeit Wassermangel zu leiden.

Schmalkalde«, 28. August. Der Korbmacher Jakob Werner aus Kleinschmalkalden hatte die Kaisereiche des Ortes abgeschält und 120 junge Ebereschen, Linden-, Ahorn,- und Birkenbäumchen an den Straßen nach Friedrichsroda und Ebersbach abgebrochen. Für diesen Frevel erhielt Wagner, der nicht weniger als 34 Vor­strafen zu verzeichnen hat, zwei Jahre Gefängniß, außer­dem wurden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre abgesprochen.

Kassel, 30. Aug. Der nach Veruntreuungen von Kundendepols ins Ausland geflüchtete Bankier Kersten ist festgenommen worden.